Kate­go­rien

“Perso­naler sollen im Netz ruhig sehen, wie ich wirk­lich bin!” Sicher?

Published On: 19. Juli 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Man findet Sie beim Pilger­wan­dern via Insta­gram? Mit Hut und Hund bei Face­book? Unter der Dusche twit­ternd? Alle Welt rät von dieser Offen­heit ab. Erlauben können sich Hinter-die-Kulissen-Blicke nur Stars à la Justin Bieber und Demi Moore, so der allge­meine Tonus.

Ich lese mich heute mit einer Aussage zitiert bei RTL (muss alt sein), die etwa so lautet: „Sagen Sie nichts im Social Web, was Sie nicht überall öffent­lich kundtun würden.“ Bin ich zu konser­vativ? Heute kam erst­mals ein ganz anderes State­ment. Nicht so vorsichtig, teilt uns Thomas Bergen, Mitgründer von Getabs­tract über den Harvard Busi­ness Manager Blog mit. Er sagt, hier frei zusam­men­ge­fasst: Ist doch toll, wenn ich als Chef im Internet Persön­li­ches von meinen Bewer­bern und künf­tigen Mitar­bei­tern erfahre!

Ich denke still und schreibe auch: Im Grunde hat er recht. Fände ich auch gut, dann fischt man nicht so im Trüben.

Aber… ich weiß wie oft ich mich selbst habe vom schönen Schein irre­führen lassen. Deshalb nur im Grunde, denn es gibt zwei entschei­dende Wenn und Abers, die Perso­naler und Entscheider bedenken sollten, die im Internet Hinter­grund­che­cking betreiben.

1.   Dass, was man findet, muss nicht wahr sein.

Ich habe neulich auf die „Shampoo“-Seite geklickt, weil ich jemanden etwas zeigen wollte. Nun bin ich Fan. Aber nicht in echt. Ich habe das Zeugs noch nie gekauft und finde die Marke auch unsym­pa­thisch.

Ich klicke manchmal zufällig, manchmal zufällig NICHT und dann wieder stra­te­gisch (was auch nichts über mich sagt). Dass ich bei Face­book nicht verrate, ob ich in einer Bezie­hung lebe, heißt z.B. nicht, dass ich keine habe. Nicht zu vergessen: Es gibt auch immer mehr Fakes, immer mehr Leute, die bewusst ein zweites Ich aufbauen. Um sich zu schützen. Oder um Dinge zu machen, die sonst nicht gingen.

Liebe Perso­naler und Inhaber: Alles im Internet kann irre­führen. Nichts ist, wie es scheint.

2.   Dass, was man findet, kann falsch inter­pre­tiert werden.

Herr Bergen sagt, er würde vom Bonsai­züchten auf den Charakter schließen. Ich bn nicht sicher, dass das Züchten von Bonsais mit dem Merkmal Gewis­sen­haf­tig­keit im Big5 oder woan­ders korre­liert. Und wenn…? Es gäbe Ausnahmen. Bei dem zitierten  Porsche­lea­sing sehe ich es ähnlich (Bergen würde keinem eine Buch­hal­ter­stelle geben, der einen Porsche geleast hat). Ich sage: Es könnte eine Person geben, die das gut trennen kann — nicht unbe­dingt sind private Merk­male auf den beruf­li­chen Kontext über­tragbar. Und über­haupt: Entspricht JEDER Buch­halter dem Klischee des spar­samen, peni­blen Opel­fah­rers?

Ich finde Inter­pre­ta­tionen von Inter­net­ak­ti­vi­täten ebenso heikel, wie von Frei­zeit­ak­ti­vi­täten im Lebens­lauf auf den Menschen zu schließen. Nur weil jemand segelt, muss er nicht team­fähig sein. Und nur weil jemand Mara­thon läuft, ist er nicht notwen­di­ger­weise der totale Leis­tungs­träger.

Man muss also weiterhin Inter­net­ak­tive auf die Gefahren hinweisen – aber umso mehr die Perso­nal­ver­ant­wort­li­chen und Firmen­chefs! Bonsais = gewis­sen­haft. Das ist System-1-Denken.

Aber raus kommen wir nicht. Schub­la­den­denken und Fehl­ein­schät­zungen können auch die aufge­klär­testen Leute nicht vermeiden, was den Erfolg der anonymen Bewer­bung erklärt.  Kein Perso­naler denkt von sich, er denke in Schub­laden. Er tut es trotzdem, siehe Kahne­mann.

Ergo bleibe ich bei meinem Rat: Passt auf, was ihr im Internet sagt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. […] Absol­venta Blog: Arbeiten im Ausland: USA Karriere Bibel: Der Kollegen-Check – Wie viel Nähe im Büro ist gerade richtig? Svenja Hofert: Perso­naler sollen im Netz ruhig sehen, wie ich wirk­lich bin! Sicher? […]

  2. Gilbert 21. Juli 2012 at 12:02 — Reply

    Auf einer gesel­l­­schaf­t­­lich-tech­­ni­­schen Ebene ändert sich unser Privacy-Verständnis im Moment ohnehin. Firmen wie Face­book und Google haben ein großes Inter­esse daran, dass alle social media posting unter Klar­namen geschieht. Deswegen lassen sich deren Vertreter auch gerne zu State­ments hinreißen wie “If you have some­thing that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place” (Eric Schmidt 2009, damals Googles CEO). Das ist ziem­lich philo­so­phisch und heißt am Ende: Werde so ein guter Mensch, dass du alles über dich selbst öffent­lich preis­geben kannst, ohne Angst haben zu müssen, dein nächster Arbeit­geber (oder das FBI/der Verfas­sungs­schutz) könnte daran Anstoß nehmen. Was dieser Ansatz vernach­läs­sigt, ist die große Gefahr, dass sich niemand mehr trauen würde, auszu­bre­chen, neues zu wagen, Despoten zu bekämpfen etc. Außerdem sollen in meiner Welt Teen­ager auch mal alko­ho­li­sche Abstürze haben dürfen, ohne hinterher keinen Prak­­ti­­kums- oder Ausbil­dungs­platz mehr zu bekommen.

    Ich mache ganz bewusst keine Back­ground Checks von Bewer­bern. Ist auch lang­weilig und kostet zu viel Zeit.

    Ich würde Ihnen hier also etwas wider­spre­chen, Frau Hofert: “Sagt, was ihr sagen wollt, postet die pein­lichsten oder kontro­ver­sesten Sachen, aber macht es anony­mi­siert, sodass euer Klar­name damit nicht in Verbin­dung gebracht wird.”

  3. Svenja Hofert 21. Juli 2012 at 12:43 — Reply

    Och, finde das kein Wider­spruch. Es ist ja auch eine Frage der Entwick­lung von Menschen. Mit 18 denke ich noch nicht an all das, was passieren könnte und ich halte nicht für möglich, dass ich irgend­wann mal ganz anders denke. Viel­leicht mache ich meine Sauf­abende aus Über­zeu­gung und poste die dann auch. 10 Jahre später sehe eich das anders und die Sachen sind immer noch drin. Deshalb würde ich meinem Sohn abraten, das ganze Zeugs online zu stellen, was privat ist. Könnte schwer werden…

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