Kate­go­rien

Von unge­sunden Studi­en­cock­tails und anderen Bachelor-Sünden

Published On: 22. August 2012Cate­go­ries: Führung

Die „Kultur­raum­stu­dien“ der Univer­sität Passau, inzwi­schen zum dritten Mal anders benannt, sind mir immer wieder begegnet und leider trotz des Eigen­lobs der Uni und begeis­terter Studie­render in den Lebens­läufen nicht beson­ders positiv aufge­fallen.

Es war in den meisten Fällen schwer, diesen Studi­en­gang den Arbeit­ge­bern zu vermit­teln. Er ist nämlich wie viele der neuen Bachelor-Mixe: Nichts Halbes und nichts Ganzes. Arbeit­geber verstehen nicht, was man da lernt. Die Bezeich­nungen verwirren. Kultur: Welche denn? Und die Ziel­gruppe, die immer gern für solche Studi­en­gänge ange­geben wird, schrumpft  und wird zuneh­mend zur Digi­tal­wirt­schaft: die Verlage. Bleiben die Stif­tungen, deren perso­nelle Situa­tion auch nicht allzu rosig aussieht.

Nicht oder nur bedingt für den Arbeits­markt brauch­bare Studi­en­gänge sind ein Problem der Bologna-Reform, das besser im Fokus stünde als das derzei­tige, völlig über­flüs­sige Gerede über nicht erreichte Ziele bei den Auslands­se­mes­tern. Diese sind am Ende Ziele von theo­re­tisch arbei­tenden Bildungs­experten, die die Praxis nur aus der Ferne kennen. Wirk­lich rele­vant ist etwas anderes.

Bachelor muss Funda­ment sein und nicht Haus­dach

Jeder Prak­tiker, den ich bisher gespro­chen habe, sagt: Immer neue und immer spezi­el­lere Studi­en­gänge im Bachelor zu schaffen, das ist doch verrückt! Ein Bachelor sollte eine Basis legen, auf der später mit Spezia­li­sie­rung aufge­baut werden kann. Das ist sein Sinn, nur dann schöpft der modu­lare Aufbau die Vorteile aus, die er wirk­lich bringen könnte!

Statt­dessen sehe ich mitt­ler­weile Fächer, die nicht nur zwei Studi­en­gänge kombi­nieren, was noch halb­wegs nach­voll­ziehbar und zum Beispiel bei Germa­nistik und Wirt­schafts­wis­sen­schaften sogar richtig sinn­voll wäre, sondern drei und sogar vier! Jeder didak­tisch erfah­rene Mensch schlägt beim Gedanken die Hände über den Kopf zusammen: Man lernt doch erst das Allge­meine und dann das Spezi­elle – und nicht umge­kehrt. Warum der Mix immer viel­fäl­tiger wird? Die bunten Studi­en­cock­tails sind Ergebnis unfle­xi­bler Univer­si­täten mit profes­so­ralen Pfründen, die einfach verschie­dene Kurse neu zusam­men­stellen und der Zusam­men­stel­lung einen neuen Namen geben.

20 Gewürze für 80 Gerichte

Seit Tagen geis­tert sie wieder durch die Medien — die Debatte, man möge doch die Studi­en­re­form rück­gängig machen und das neue System der Leis­tungs­punkte wieder abschaffen. Kritik äußern längst nicht mehr nur Bologna-Kritiker, sondern auch deren Befür­worter. „Es gibt viele wirk­lich nicht sinn­volle Module. Stellen Sie sich vor, Sie haben 20  Gewürze. Daraus machen Sie 80 fanta­sie­volle Gerichte – so geht das an den Unis“, sagt die Bildungs­expertin Dr. Eva Reich­mann, die in Biele­feld an der Umstel­lung auf das Bologna-System mitge­wirkt hat. Auch sie ist der Ansicht, dass ein Bachelor ein Funda­ment legen sollte – und das ist bekannt­lich breit und nicht schmal(spurig).

Sinn­freie Studi­en­gänge

Reich­mann bringt es auf den Punkt: „In einem Land, in dem von krea­tiven Hoch­schulen viele sinn­freie Studi­en­gänge entwi­ckelt werden, die keinerlei Anschluss für den Arbeits­markt bieten (was dann in Hoch­schul­deutsch heißt “Dieser Studi­en­gang quali­fi­ziert für ein breites Spek­trum”) gibt es andere Probleme, als ein ETCS*-System das wenig auslands­kom­pa­tibel ist.“

Eltern und junge Menschen, die sich beruf­lich orien­tieren, stehen vor der schweren Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Studi­en­gänge, die angeb­lich für ein breites Spek­trum quali­fi­zieren, gibt es zuhauf – und noch mehr Absol­venten, die erst mit dem Abschluss in der Tasche merken, dass dieser nichts wert ist.

Für Sie sind diese Tipps:

  • Erst Grund­lagen lernen, dann speziell werden. Alle stark spezia­li­sierten Bache­lor­pro­gramme, z.B. Archäo­logie und Kultur­ge­schichte Nord­ost­afrikas anstatt Archäo­logie oder berufs­ori­en­tierte Lingu­istik im inter­kul­tu­rellen Kontext taugen am Arbeits­markt nichts bis wenig. Besten­falls kommen sie wie “Pack­a­ging Tech­no­logy” einer Hand­voll Arbeit­geber entgegen, die das Bachelor-Wissen 3–5 Jahre nutzen. Sie legen aber keine solide Basis für später.
  • Zu große Breite meiden: Es gibt Ein- und Zwei­fach­ba­chelor – soweit so gut. Aber wenn sich im Bachelor ein Studi­en­gang inhalt­lich aus Versatz­stü­cken von drei oder noch mehr Fächern zusam­men­setzt: Finger weg. Diese Basis ist so breit, dass sie zerfließt wie eine Suppe.
  • Namen sind Schall und Rauch: Schauen Sie sich die Inhalte an. Was wird gelehrt?
  • Fragen Sie vor dem Einschreiben ehema­lige Studenten nach ihren Erfah­rungen!
  • Vorsicht vor allen Studi­en­gängen, die umbe­nannt wurden. Das hat immer seinen Grund, z.B. in mangelnder Akzep­tanz.
  • Akkre­di­tie­rungen sind schön und gut, aber sagen über den Erfolg eines Studi­en­gangs am Arbeits­markt nichts aus.
  • Neue Studi­en­gänge grund­sätz­lich kritisch betrachten. Denn: Sie haben sich noch nicht bewährt. Über­legen Sie sich gut, ob Sie Versuchs­ka­nin­chen sein möchten.
  • Unbe­dingt auf Kombi­nier­bar­keit der Studi­en­gänge achten. Wenn sich der EINE Bachelor nur mit dem EINEN Master verein­baren lässt, ist er eine schlechte Wahl.
  • Ziele klären: Wenn Sie später z.B. in einem Museum arbeiten möchten, müssen Sie promo­vieren. Das heißt auch: Master muss sein – und dafür braucht man entspre­chende Noten. Gut, das vorher zu wissen.

Lesen Sie Montag mehr über das Thema Bologna in einem Inter­view mit der Karrie­re­ex­pertin Eva Reich­mann.



* ECTS = Euro­pean Credit Transfer and Accu­mu­la­tion System, also das System für Leis­tungs­punkte.


 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Nicole 23. August 2012 at 13:46 — Reply

    Dem kann ich so nicht zustimmen.
    1. Ich kenne einige, die Kultur­raum­stu­dien in Passau studiert haben. Ich habe sie als exterm leis­tungs­be­reit, mobil und flexibel (auch was die Einar­bei­tung in neue Themen­felder angeht) erlebt, die sich der Breite des Studi­en­gangs sehr bewusst waren und daher ziel­strebig Prak­tika absol­viert haben. Sie arbeiten jetzt bei der GIZ, dem Auswär­tigen Amt, als Länder­ex­perten für Rück­ver­sich­eurngen, als Pres­se­spre­cher, Assis­tenz der Geschäfts­lei­tung, bei diversen Auto­mo­bil­un­ter­nehmen, Siemens, Google, Touris­mus­un­ter­nehmen, Unter­neh­mens­be­ra­tungen und sogar als Vorstands­as­sis­tenz bei Allianz, etc. .
    Wenn es nun mal Menschen gibt, die sich für vieles inter­es­sieren und aus diesem Grund dieses Studium wählen, haben sie immer noch die Möglich­keit sich dann zu spezia­li­sieren.

    2. Wo liegt der Unter­schied der neuen Studi­en­gänge im Vergleich zu den alten Magis­tern mit drei Fächer­kom­bi­na­tionen?

    • Svenja Hofert 23. August 2012 at 14:01 — Reply

      Es gibt beide Seiten. Und wie bei allen nicht-berufs­­­qua­­li­­fi­­zie­­renden Fächern zählt letzt­end­lich die Ziel­stre­big­keit, mit der sich die Studenten Berufs­er­fah­rung be- und verschaffen. Bei denen, die da nicht ganz so fit waren, ist ein nicht zu fassender Studi­en­gang schwierig. Wir sehen das hier schon über einen längeren Zeit­raum, das fällt auf. Es ist inso­fern ein Unter­schied zum Magister, als dieser dem Master gleich­zu­setzen ist. Und das Magister kannte auch keine Bezeich­nungen, die niemand inter­pre­tieren konnte. Germa­nistik Haupt­fach, Philos­phie und Psycho­logie Neben­fach versteht jeder.
      In der Regel wurden 2 Haupt­fä­cher oder 1 Haupt­fach und 2 Neben­fä­cher studiert. LG Svenja Hofert

  2. Jens 23. August 2012 at 15:38 — Reply

    »Masse statt Klasse« Schul­ab­gänger haben seit der Bologna–Reform eine riesige Auswahl neuer Studi­en­gänge. Es entstehen ständig neue Fächer, was es für Studi­en­an­fänger immer schwie­riger macht, den rich­tigen Studi­en­gang zu finden. Die Viel­falt ist bedrü­ckend. Viele sind mit der Masse an Möglich­keiten völlig über­for­dert.
    Durch das wilde Mixen von Studi­en­fä­chern, ohne dabei die Nach­frage des Arbeits­marktes zu berück­sich­tigen, entstehen Studi­en­gänge, die nur auf ein sehr schmales Berufs­feld vorbe­reiten. So stellt das Bologna-System nicht nur Studi­en­an­fänger vor viele Fragen, sondern auch künf­tige Arbeit­geber. Diese sind eben­falls mit diesen neuen Studi­en­fä­chern über­for­dert. Ihnen ist nicht bewusst, was sich dahinter verbirgt.
    Meiner Meinung nach sollte ein Bachelor-Studium ein Funda­ment bilden, auf das man im Master aufbauen kann. Ich sehe keine Vorteile 4 verschiede Studi­en­gänge mitein­ander zu verbinden, die einen auf dem Arbeits­markt einschränken. Wie soll man den perfekten Job finden?

  3. […] Absol­venta Blog: Firmen mit Frauen in der Geschäfts­füh­rung sind erfolg­rei­cher Svenja Hofert: Von unge­sunden Studi­en­cock­tails und anderen Bachelor-Sünden Karriere Bibel: Besser lernen – Nicht Übung macht den Meister, sondern […]

  4. Weber 14. Dezember 2013 at 14:27 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert,
    ganz offen­sicht­lich haben Sie die Ziel­set­zung der Kultur­raum­stu­dien (besser: Inter­na­tional Cultural and Busi­ness Studies) nicht so recht verstanden:

    Zunächst einmal über­sehen sie den Faktor, dass ein Groß­teil des Studiums aus Betriebs­wis­sen­schaften basiert — dementspre­chend sind die Studie­renden im Nach­hinein auch quali­fi­ziert, in den Controlling‑, Personal- und allen anderen Unter­neh­mens­be­rei­chen zu arbeiten. Dies ist auch in der Realität erkennbar — so kenne ich persön­lich zahl­reiche Absol­venten und Absol­ven­tinnen, die in solchen Abtei­lungen z.B. bei BMW, Unilever oder Audi unter­ge­kommen sind.

    Ihre Einschrän­kung auf Verlage und Stif­tungen ist inso­fern reali­täts­fern und ließe sich auch — hätten Sie denn mal einen kurzen Blick in die Info­schrift zum Studi­en­gang geworfen — schnell von der Ziel­set­zung her wider­legen. Dies­be­züg­lich ist hier eher ein Mangel an Infor­ma­tion fest­zu­stellen, der für guten Jour­na­lismus und Bera­tung nun einmal notwendig ist.

    Ferner warnen sie in Ihren Tipps vor mangelnder Akzep­tanz aufgrund von Namens­än­de­rungen: Zunächst kann ich keine Umbe­nen­nung des Studi­en­ganges Kultur­wirt­schaft erkennen (siehe uni-passau.de), eher ließe sich hier wohl das Problem des Über­flie­gens fest­stellen: So lesen viele Arbeit­geber statt Kultur­wirt­schaft Kultur­wiS­SEN­schaft — ein Grund, lieber die engli­sche Studi­en­gangs­be­zeich­nung zu verwenden.

    Außerdem verfolgt das Bache­lor­pro­gramm die von Ihnen gefor­derte Entwick­lung vom Allge­meinen ins Spezi­elle — anfangs werden die Grund­lagen (z.B. Allge­meine BWL, Rech­nungs­wesen, Einfüh­rung in die Kultur­wis­sen­schaft etc.) gelegt, die später mit Wahl­mo­dulen (z.B. Stra­te­gi­sches Manage­ment, Marke­ting, verschie­denste Semi­nare in den einzelnen Kultur­räumen) ergänzt werden.

    Letzten Endes gehen die Studie­renden daraus mit einem breiten wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Funda­ment, länder­spe­zi­fi­schen und inter­kul­tu­rellen Vermit­t­­lungs- und Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keiten hervor, kombi­niert mit exzel­lenten Sprach­kennt­nissen und einer sowohl mentalen als auch physi­schen Flexi­bi­lität. Was Sie hieran kriti­sieren, lässt sich schwer­lich nach­voll­ziehen.

    Aber viel­leicht ist es auch so, dass dieje­nigen, die eine Bera­tung über­haupt notwendig haben, schwerer zu vermit­teln sind — anders kann ich mir jeden­falls diese Proble­matik nicht erklären.

    In einem Punkt gebe ich Ihnen übri­gens gerne recht: Der Studi­en­gang muss vermit­telt werden — sobald aber einmal erklärt ist, welche Kompe­tenzen erworben wurden, sind die meisten Arbeit­geber (sowohl aus der persön­li­chen Erfah­rung wie auch aus der Erzäh­lung zahl­rei­cher Kommi­li­tonen und Kommi­li­to­ninnen) sehr angetan.

    Der späte Kommentar erfolgt aus einer überaus späten Verlin­kung auf einer anderen Karrie­re­seite — aber solch unge­recht­fer­tigte Behaup­tungen einfach so stehen zu lassen, behagt mir leider nicht.

    • Svenja Hofert 15. Dezember 2013 at 12:06 — Reply

      Hallo, ich glaube, Sie haben den Kern meiner Argu­men­ta­tion nicht gelesen. Es geht gar nicht um Inhalte, sondern um die Schwie­rig­keit, Menschen mit diesem Abschluss in Jobs zu bekommen, die außer­halb eines sehr spezi­ellen Segments liegen.
      Wir hatten hier im Laufe der letzten 12 Jahre mehrere Dutzende Absol­venten mit diesem Abschluss. Die meisten hatten erheb­liche Schwie­rig­keiten, und zwar deut­lich mehr Schwie­rig­keiten als z.B. mit nur “BWL” (was in den letzten Jahren nun auch kein Spazier­gang mehr ist). Die die anfangs keine hatten und z.B. nach 5,6 Jahren im Beruf eine Bera­tung bei uns aufsuchten, waren gut etablierten, wurden aber immer wieder mit Miss­trauen in Bezug auf das Studium konforn­tiert, sofern das nicht bekannt war (und das ist es selten).
      Kurzum: Meine Argu­men­ta­tion ist keine inhalt­liche, sondern eine auf Erfah­rung beru­hende. Mir ist durchaus klar, was da studiert wird und noch viel mehr, dass es eine sinn­volle Kombi­na­tion wäre und prak­tisch viel gelernt wurde… würde sie jemand verstehen. Um nichts anderes geht es: Der Abschluss wird draußen nicht verstanden, so wie viele andere auch, die inhalt­lich wirk­lich gut sind — doch was nutzt es, wenn das keiner weiß?
      Das Problem ist die Diver­si­fi­zie­rung von Fächern. Um diese zu verstehen bräuchten Perso­naler laufend Schu­lungen und müssten sich von Spezia­listen beraten lassen. Das macht keiner. LG Svenja Hofert

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