Kate­go­rien

Gefühle vermarkten: Von den “Bösen” lernen

Published On: 4. September 2012Cate­go­ries: Karriere

© Serhiy Kobyakov — Fotolia.com

Neulich war ich  bei einem LesMills-Kurs, BODYPUMP und oh yeah, da muss ich jetzt gleich ein ™ dran machen, sonst killen die mich. LesMills™, so unsym­pa­thisch es mir ist, verkör­pert für mich doch die Hohe­kunst des effi­zi­enten Diens­t­­leis­­tungs- und mehr noch Gefühls­mar­ke­tings. Vermarktet wird nichts Fass­bares, sondern Emotion, genau­ge­nommen Grup­pen­ge­fühl.

Das hat keine Ecken und Kanten, es ist nicht indi­vi­dua­lis­tisch. Wer das Nicht-Perfekte mag, wie ich, jemand für den Club­ur­laub die Hölle wäre, ist davon so abge­stoßen wie von einem Besuch des Cirque de Soleils, der etwas mehr ist als Nichts, zum Gefühl gesellt sich eine stan­dar­di­sierte Kunst. Das “Böse” weiß, welche Arenen im Gehirn es anspricht, wie es sich gibt, wie es sich kleidet und wie es redet. Und über­lässt dabei nichts dem Zufall.

Kann man davon lernen? Von den Bösen? Von der Vermark­tung von Emotionen. Ich taste mich ran.

Bei LesMills ist alles gebrandet: Die mega-extro­­ver­­­tierten Instruk­toren machen keinen grenz­wer­tigen Witze wie mein Yoga­trainer, denn sie sind nichts Eigenes, sondern Teil des Ganzen. Sie tragen LesMills-Shirts über ihren runden Pobäck­chen (vermut­lich mit 10%-Instruktoren-Rabatt). Nichts eigenes erlauben, Uni-Form verlangen auch die Kurse, die alle drei Monate wech­seln und getimt sind bis auf die Minute. Die Musik, die sich der Instructor nicht wie einst liebe­voll selbst zusam­men­stellt. In meinem Club sind rund 30% aller Kurse Les-Mills-Kurse. Keine Ahnung, was die Schu­lungen kosten, die die Instruk­toren  durch­laufen, um ihr Zerti­fikat zu erhalten. Die Ausbil­dungen zahlen die Clubs, ein schlauer Einfall, denn bei den Hono­raren für Personal Trainer dürften die dazu kaum in der Lage sein. Ich habe  mal über­schlagen, wie viel Geld diese inves­ti­ti­ons­arme Unter­neh­mens­idee, diese Maschi­nerie rund um ein uniformes Grup­pen­ge­fühl, einbringen könnte:

  • 90.000 Instruk­toren welt­weit. Wenn diese z.B. einmal im Jahr einen Kurs für 1000 EUR belegen, sind das 90.000.000 Euronen. Kommen noch die ganzen Merchan­­di­­sing-Sachen und Klamotten hinzu und am Ende viel­leicht viel mehr Kurse als ich hier ange­nommen habe.

LesMills fällt mir seit drei, vier Jahren auf, doch es gibt es schon ewig. Es war mal Slow-Grow, als der Sohn eines neusee­län­di­schen Olym­pio­niken, LesMills mit Nach­namen, die Idee hatte, Grup­pen­fee­ling als solches zu vermarkten. Er begann das Grup­pen­ge­fühl zu kulti­vieren und alle Prozesse, die Group Emotions im Span­nungs­feld von Bewe­gung und Musik initi­ieren, zu stan­dar­di­sieren; im Sport ist das also auch nicht anders als in der IT.

Die Stan­dar­di­sie­rung betrifft auch die Persön­lich­keit der Trainer, deren Moti­va­ti­ons­sprüche „und jetzt das Bein hoch, Du willst doch nicht das die eine Pohälfte häss­lich bleibt“ für verknif­fene Gesichts­züge bei Teil­neh­mern sorgen. Ich erin­nere mich an ein Fitness­studio in der Klein­stadt, in der der Kurs­leiter für Aerobic immer die glei­chen Udo-Jürgens-Hits spielte, nach immer der glei­chen Choreo­grafie. Die Mädels schrien vor Begeis­te­rung, und ich dachte mir nach zwei Sams­tagen „au weia“. Fröh­liche Begeis­te­rung ist also auch nicht die Lösung. Ich erfand einen Umzug, um aus dem Vertrag zu kommen.

Nun habe ich mit LesMills unge­fähr dasselbe, nur gucken die Leute ernster: Zum Abschied wird „time to say goodbye“ gespielt, wie auf Kreuz­fahrt­schiffen, wenn sie ablegen. Immer das gleiche, always the same. Aber es ist wie SAP für den Körper, man wird es nicht mehr los, anders als den Udo-Jürgens-Trainer-Hüpfer.

Gerade lese ich Sybille Bergs irgendwie depri­mie­renden neuen Roman „Danke für das Leben“ und sie schreibt daran dieses, unseres Jahr­zehnt wäre das Jahr­zehnt des Marke­tings. Wie sehr heutiges Marke­ting mit Stan­dar­di­sie­rung - auch von Gefühlen — zu tun hat, zeigt LesMills. Und so unsym­pa­thisch man dieses Geschäfts­mo­dell finden mag, es zeigt doch ein paar Dinge, die man sich abschauen kann:

  • Es geht um Gefühle. Man kann Geschäfts­ideen rein um ein Gefühl bauen. Je klarer das Gefühl, desto besser. Such dir ein emotio­nales Grund­thema, z.B. Grup­pen­ge­fühl durch gemen­same Bewe­gung. Baue deine Idee rund um das Grund­thema.
  • Denk nicht, es müssen schnell gehen. Die meisten später sehr erfolg­rei­chen Selbst­stän­digen und Unter­nehmen haben einen langen Anlauf genommen, slow growing. Les Mills hat 40 Jahre gebraucht — bis zum Zustand heute, also der welt­weiten Vermark­tungs­ma­schi­nerie.
  • Menschen wech­seln ungern von System 1 zu System 2. Wenn etwas ein Siegel hat oder ein TM, ist es geprüft, und geprüft gibt ein gutes Gefühl, weil es uns aus de Notwen­dig­keit, Dinge selbst zu beur­teilen, entlässt. Lass deine Marke also schützen und schreib sie GROSS.
  • Der Name macht die Marke (Les Mills ist auch ein Name). Nur wenn du keinen hast, nenne dich Wort­akrobat, Farb­ty­pen­finder oder Persön­lich­keits­bä­cker. Wenn du Müller oder Schmidt heißt, heirate, um dir einen besseren Namen zu machen.
  •  Verbes­sere dein Grund­thema konti­nu­ier­lich: durch Stan­dar­di­sie­rung der Abläufe, der Vorge­hens­weisen, der Art Dinge aufzu­be­reiten. Gib allem einen eigenen Stil,  einen wieder­erkenn­baren Pinsel­strich.
  • Prüfe alle Ausgangs­be­reiche deines Unter­neh­mens und verhin­dere Stil-Diver­­­sity. Lass deine Mitar­beiter verschmelzen mit dem, was du verkör­perst. Sie müssen das gleiche Gefühl erzeugen wie Du.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

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3 Kommen­tare

  1. Lars Lorber 4. September 2012 at 13:22 — Reply

    Sehr inter­es­sant. Beson­ders die These, das ein Gefühl vermarktet wird, lässt mich nicht mehr los. Alle großen Marken — McDo­nalds, Coca­Cola, Apple und vor allem auch die Auto­her­steller — vermartken Gefühle. Werde ich mir auch mal was über­legen.

    LesMills erin­nert mich sehr an ein ähnli­ches Phänomen: Zumba. Auch dort wird das Grup­pen­ge­fühl vermarktet, kaum etwas daran ist wirk­lich neu, aber alles ist stan­dar­di­siert und hyper-extro­­ver­­­tiert. Dazu kommt das Merchan­dise, die “Uniform”, also Klamotten mit Zumba-Logo. Die natür­lich keinerlei Vorteil zu normalen Fitness-Klamotten bieten — außer dem Grup­pen­ge­fühl durch das Logo. Durch das Grup­pen­ge­fühl wird fast schon eine Art Subkultur geschaffen, ähnlich z.B. den HipHop­pern oder Meta­lern in der Musik, die auch ihren typi­schen Klei­dungs­stil haben.

    Ein sehr ähnli­ches Beispiel für dieses Grup­pen­ge­fühl und die Stan­dar­di­sie­rung sind. z.B. die Weight­Wat­chers. Oder das Marken­image von z.B. Apple oder MINI.

  2. Svenja Hofert 5. September 2012 at 11:01 — Reply

    Ja, aber alle anderen vermarkten AUCH Gefühle, hier ist es erst das Gefühl, de facto gibt es ja kein Produkt, Situps kann man auch woan­ders machen 😉 Ich über­lege auch, aber je komplexer, desto schwie­riger… die Lösung muss einfach sein. Sagen Sie mal Bescheid, wenn Sie Ihr vermarkt­bares Gefühl gefunden haben, ich suche derweil meins… gruss, SH

  3. Bernd 5. September 2012 at 20:25 — Reply

    Bis gerade eben hatte ich noch nie von LesMills gehört — erster Peri­phe­rie­kon­takt: Ihr Blog. Erste Grenz­erfah­rung: der LesMills-Trailer auf Youtube. Nun fühle ich mich geblitz­dingst und frage mich insge­heim, ob ich mit Anfang 40 schon sowas von gestern oder glück­li­cher­weise noch nicht infi­ziert bin. Wie verzwei­felt muss man auf der Flucht vor sich selbst sein, um sich so etwas anzutun?
    Egal, die Frage war ja eine andere… Also ganz spontan fallen mir dazu diese Grup­pen­ku­sche­le­vents ein. Gibts zwar schon, ließe sich aber sicher noch umsatz­stärker vermarkten. Natür­lich müsste man alles noch ein biss­chen pimpen. Zumin­dest mit Angli­zismen und Zusatz­nutzen, die von der Gefühls­be­frie­di­gung ablenken, sonst ist es ja zu offen­sicht­lich.
    Und grund­sätz­lich sollte es wohl auf jeden Fall ein Event sein, sonst landet man ja wieder beim Produkt als ursäch­liche Leis­tung. Zählt dann z.B. eine Geisterbahn…oder eher nicht? Ich tu mich da etwas schwer mit der Abgren­zung… (beson­ders nachdem ich gerade den o.g. Trailer gesehen hab)

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