Kate­go­rien

Work-Life-Bilanz: Kranke Karrie­risten, frus­trierte Teil­zeit­muttis und gut gelaunte Unab­hän­gige

Published On: 16. November 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

„Gibt es das wirk­lich?“ werde ich oft gefragt. Menschen, die entschieden „nein“ sagen, wenn  ein Unter­nehmen ihnen den Wunsch nach 4‑Tage-Woche nicht einräumt.  Die einfach wech­seln, wenn es ihnen nicht gefällt.

Ja, das gibt es. Genauso wie das andere: Menschen, die alles für die Karriere geben, sich gegen­seitig mit Anwe­sen­heiten über­treffen, nachts an der Theke ausharren, bis der Vorstand das letzte Bier getrunken hat —  und die Frauen mit Kindern die Karrie­re­chancen abspre­chen.

Ich sehe alle Vari­anten in unserem Büro, letz­tere Gruppe oft erst, wenn es nicht mehr geht, nach Burn­outs und anderen Kata­stro­phen. Und so wundert es mich nicht, dass die Antwort auf die Frage, warum es so viele verschie­dene Haltungen und so wider­spruchs­volle Einstel­lungen zu Leben und Arbeit gibt, so mannig­fal­tige Reali­täten, mit verschie­denen sozio­lo­gi­schen Milieus zu beant­worten ist.  Von den Sinus-Milieus war hier schon  die Rede. Diese teilen die Konsu­menten in Gruppen. Jetzt gibt es auch die Work-Life-Milieus, die sehr viel mehr Aussage treffen als etwa die Eintei­lungen der Berufs­ori­en­tie­rung nach Lutz von Rosen­stiel (der drei Orien­tie­rungen fest­stellte: frei­zeit­ori­en­tiert, alter­nativ orien­tiert und karrie­re­ori­en­tiert), die mir nicht mehr zeit­gemäß erscheint.

Denn sind es wirk­lich die “alten” Frei­zeit­ori­en­tierten in der Defi­ni­tion von Rosen­stiel, die sich in den so genannten „Verein­ba­rern“ spie­geln? Ich glaube nein. Die neuen Verein­barer sind der Schre­cken der alten Führungs­riege: jung, gut ausge­bildet, wollen sie ihr Leben nicht nur mit Arbeit verschwenden. Die Bereit­schaft, Freunde zu vernach­läs­sigen und die Gesund­heit aufs Spiel zu setzen, liegt je gerade mal bei 5%. In diesem Blog habe ich schn öfter über die Gene­ra­tion Y geschrieben, die die Denk­weise der Verein­barer prägen. 22% von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Unter den Erwerbs­tä­tigen machen die Verein­barer 30% aus, all das Ergebnis der Studie „Leben und Arbeiten in Deutsch­land“, die die FTD in Zusam­men­ar­beit mit der GFK letzte Woche vorlegte. 30% — igno­rieren fällt da schwer.

Was die Studie nicht beant­wortet: ob es sich bei diesen Verein­ba­rern über­durch­schnitt­lich oft um Beamte und Verwal­tungs­an­ge­stellte handelt; das wären die typi­schen Frei­zeit­ori­en­tierten nach Lutz von Rosen­stiel. Zu vermuten ist: nein.

Ich sehe diese Gruppe in den privat­wirt­schaft­li­chen Unter­nehmen ange­kommen – und zwar in gefragten Berufen, wo sie durchaus nicht mehr Dienst nach Vorschrift machen, sondern etwas leisten wollen – aber in 41 Stunden, so die Studie, im Durch­schnitt.  Das scheint mir ein entschei­dender Werte­wandel. Frei­zeit geht nicht einher mit einer Dauer-Hänge­­matte auch bei der Arbeit, sondern mir heraus­for­dernden Tätig­keiten UND Leben. Oder anders: Die Arbeit ist nicht mehr da, um die Frei­zeit zu ermög­li­chen; sie braucht einen eigenen Sinn.

Ich bin nach der Studie eine Unab­hän­gige (24%). Die sind opti­mis­tisch und machen sich keine Sorgen um Arbeits­platz und Einkommen.  Sie haben wie keins oder ein Kind und sind mit 51% über­durch­schnitt­lich zufrieden mit ihrem Job. Auch sind sie meist älter.

Von dieser Zufrie­den­heit der Unab­hän­gigen können die Fami­li­en­ori­en­tierten nur träumen: 40% sind unzu­frieden. Die Gruppe ist über­wie­gend katho­lisch und an Karriere gar nicht inter­es­siert. Zu 64% sind es Frauen.

Deren Männer finden sich vermut­lich in großer Zahl unter den Berufs­ori­en­tierten (61% männ­lich), mit deren Gesund­heit es nicht zum Besten steht und die auf Familie, Partner, Gesund­heit und Frei­zeit verzichten, nur weil im Job Anwe­sen­heits­pflicht zu gelten scheint.  Sie reiben sich auf und ackern für den Job. Und siehe da, in dieser Gruppe, finden sich die meisten Führungs­kräfte und auch Selbst­stän­dige. Meines Erach­tens sind die Selbst­stän­dige eines alten Typs, aber über die Art der Selbst­stän­dig­keit gibt die Studie keinen Aufschluss.

Gestern habe ich ein Inter­view mit dem neuen RWE-Chef Peter Terium im Stern gelesen.  Er sagte, Führungs­kräfte, die ihren Burnout demächst schon mit 36 Jahren statt mit 46 haben, könne man nicht mehr gebrau­chen.

Er selbst habe umge­lernt, achte jetzt auf sich und gehe jetzt immer vor 24 Uhr ins Bett. Ein Fort­schritt, der zeigt:

  • Erstens: Auch Berufs­ori­en­tierte lernen dazu.
  • Und zwei­tens: Milieus sind nicht starr – man kommt wieder raus. Oder man entwächst ihnen einfach.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Ulrike Zecher 16. November 2012 at 19:05 — Reply

    Unab­hängig, selbst­ständig, 1 Kind, gute Balance zwischen Job und freie Zeit — glück­lich

    • Svenja Hofert 17. November 2012 at 11:38 — Reply

      nicht immer, scheint aber öfter mal der Fall zu sein 😉

  2. Katha­rina Hoehen­dinger 18. November 2012 at 16:05 — Reply

    Groß­ar­tiger Artikel, vielen Dank dafür! Der Beob­ach­tung eines Werte­wan­dels kann ich voll und ganz zustimmen. Selbst knapp über dreißig, unab­hängig und mit starkem Fokus auf sinn­volle Frei­zeit­ge­stal­tung ist Karriere für mich nicht das Wich­tigste — aber Spaß machen soll der Job natür­lich trotzdem! Eine gute Stel­lung in einem inter­es­santen Unter­nehmen habe ich kürz­lich abge­sagt, weil Über­stunden und Wochen­end­ar­beit dort gang und gäbe waren. Eine ähnliche Haltung bemerke ich auch in meinem Freun­des­kreis, und ich bin wirk­lich froh darum. Zu starke Karrie­re­ori­en­tie­rung ist meiner Meinung nach nicht gesund und macht unglück­lich, das Leben ist so viel mehr als nur Arbeit!

  3. Ursula Kraemer 11. Dezember 2012 at 10:15 — Reply

    Ich sah in der Selb­stän­dig­keit die beste Möglich­keit, eine Verein­barerin zu sein. Hab mein Unter­nehmen als allein­er­zie­hende Mutter dreier halb­wüchbsiger Kinder aufge­baut. Voraus­set­zung dafür war aller­dings, dass ich meine Kunden und Klienten im regio­nalen Umfeld hatte und ich auch Halb­ta­ges­se­mi­nare durch­führen konnte. So war ich mittags zu Hause, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Weitere Voraus­set­zungen: externe Hilfen (putzen, bügeln, Frost­ge­müse) eine konse­quente Arbeits­tei­lung mit den Kindern und stark herun­ter­ge­schraubte Ansprüche in Bezug auf Haus­halts­füh­rung, Feste…
    In der ersten Zeit, das gebe ich zu, war nur wenig Zeit für Freunde und eigenen Spaß, aber je besser es lief und je älter die Kinder wurden, desto mehr davon passte wieder ins Leben. Ich bereue diesen Weg nicht. Mit einem Chef wäre das nicht gegangen.

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