Kate­go­rien

No way: Was tun, wenn der Markt für Jobs dicht ist?

Published On: 30. November 2012Cate­go­ries: Führung

Stefan Raab hat vor seiner ersten Polit-Talk-Sendung im Inter­view gesagt, ein „zuer“ Markt – in  dem Fall der der Talk­shows – würde ihn erst recht reizen. Diesen Gedanken dürften die meisten FTD-Redak­­teure, die Jour­na­listen der Frank­furter Rund­schau, der dapd, Berliner Zeitung, von Brigitte und alle, die derzeit entlassen werden und von Entlas­sungen bedroht sind, wohl für verrückt halten.

„Zue“ Märkte sollen heute mein Thema sein.  Die gibt es nicht nur im Jour­na­lismus, doch hier sind sie gerade offen­sicht­lich. Bewer­bungen auf die wenigen Stellen sind fast aussichtslos, auf glei­chem inhalt­liche Niveau unter­zu­kommen, gilt als fast unmög­lich, Tarif­ge­hälter für die meisten völlig undenkbar. Wer über­haupt noch offene Stellen hat, bietet oft ein Umfeld, das Schleu­der­sitze anein­an­der­reiht.

Die besten 5% Top-Leute, die es überall gibt, werden zwar schnell weg sein. Doch die große Masse stürzt in ein immer dichter werdendes Haifisch­be­cken. Die „Klima­be­richte“ aus Medi­en­un­ter­nehmen, die derzeit zu mir dringen, hören sich nach Klima­ka­ta­strophe an. Perso­nelle Konkur­renz dieser Art führt zu einer schlimmen Verro­hung der Sitten. Ich bin offen gesagt froh, mir dieses Haifisch­be­cken nur von außen betrachten zu müssen.

Aber wenn Sie einer der Fische sind — was tun? Hier die Stra­te­gien — mit Zirka-Zeit­an­­gaben für die Dauer der Um- oder Neuori­en­tie­rung:

Nahe­lie­gend: Frei arbeiten

Weitere freie Jour­na­listen verträgt der Markt nicht – es läuft auf Verdrän­gung hinaus. Wer bessere Kontakte hat, ist im Vorteil. Die Themen, für die immer noch Schreiber gesucht werden, liegen so gut wie ausschließ­lich im Corpo­rate Publi­shing. Und dort auch eher im tech­ni­schen Bereich, SAP, Busi­ness Prozesse etc.). Den Ort, an dem es noch Jobs gibt, kann man so defi­nieren: Dort finden sich keine Hobby­schreiber mehr, weil das für diese nicht mehr inter­es­sant genug ist. Es ist also eher ein IT-Bera­­tungs­­un­­ter­­nehmen als die c´t oder das Pfer­de­ma­gazin und die “Land­lust”.

Norma­ler­weise werden an diesem Ort keine Leiden­schaften entfacht. Der noch verfüg­bare Markt ist also ein unin­ter­es­santer Markt für die meisten, denn Jour­na­lismus ist nun mal ein Leiden­schafts­beruf anders als Verwal­tungs­wis­sen­schaften. Wenige werden ihren Kopf gefor­dert sehen, wenn sie über SAP schreiben. Aber einige viel­leicht doch. Denen würde ich empfehlen, mal hierhin zu schauen.

Je nach Hinter­grund finden sich noch andere sinn­volle Kombi­na­tionen. Im Pfle­ge­be­reich exis­tiert zum Beispiel ein erhöhter Schrei­ber­be­darf. Auch Perso­nal­themen warten, der Bildungs­be­reich expan­diert, auch wenn er nicht gut bezahlt. Aber gut ist auch relativ zu den Möglich­keiten.

Ich höre das Gähnen.…

Weiter­ge­hend: Sich unter­neh­me­risch betä­tigen

Wenn das nicht passt, ist es viel­leicht eine „rich­tige“ Selbst­stän­dig­keit. Ich bin fest davon über­zeugt, dass man im Internet als Selbst­pro­du­zent ohne Verlag erfolg­reich sein  kann. Schauen Sie sich zum Beispiel so jemand wie Leander Wattig an. Er ist kein Jour­na­list, aber aus der Verlags­branche und auch auf einem „zuen“ Markt schlau genug gewesen, sein Ding zu machen.

Man muss den Mut haben, Dinge anders zu machen und nicht auf Leute zu hören, die einem sagen „das kann doch nicht funk­tio­nieren“. Das heißt nicht, bera­tungs­re­sis­tent zu sein. Es heißt, nachdem alles durch­dacht und andere Perspek­tiven einge­holt sind, sich inner­lich abgrenzen zu können. Den perfekten Begriff dazu habe ich diese Woche in einem Inter­view mit dem Hirn­for­scher Ernst Pöppel gelesen: „Ich-Stärke“. Die braucht man.

Wer diesen Mut und die notwen­dige Ich-Stärke hat, kann auch ein anderes Startup gründen, jenseits seiner Branche. Aber bitte nicht den Fehler machen, mit Geld zu knau­sern. Etwa 10.000 EUR in eine Idee zu stecken, macht selbst nach meinem Slow-Grow-Prinzip Sinn.

Beim Finden der passenden Idee könnte man sich an Stefan Raab orien­tieren und sich fragen, „was ist das größte Problem dieses „zuen“ Marktes? Ich halte das für einen klugen Ansatz. Dann folgt die expe­ri­men­telle Slow­Grow-Prinzip®-Vorgehensweise: Erst ein Test­markt, nicht direkt alles auf eine Karte setzen.

Anbauen: Weiter­bilden

Nun ist nicht jeder ein Unter­neh­mertyp. Wie wäre es dann Weiter­bil­dung? Ich finde es schade, dass die FTD-Mitar­­beiter nur Geld für ein Outpla­ce­ment bekommen. Ich weiß nicht, wie hoch das Budget ist, aber für eine gute und gründ­liche Profil­be­ra­tung als Outpla­ce­ment wären 3.000–5.000 EUR ausrei­chend, wenn man nicht die teuren Büro­räume einer Bera­tungs­firma in der Innen­stadt mitfi­nan­zieren will. Der Vermitt­lungs­teil, der in manchem Outpla­ce­ment­ver­ständnis enthalten ist, erüb­rigt sich hier. Es wird nicht um Vermitt­lung gehen. Weitere 5.000 Euro wären besser in einem Weiter­bil­dungs­budget aufge­hoben, etwa um alle Bewerber in Social Media auf den aktu­ellen Stand zu bringen.

Je moderner jemand ausge­bildet ist, desto weniger Probleme hat er/sie. Viele Jahre habe ich Semi­nare an der Burda Jour­na­lis­ten­schule gegeben. Die daraus entstan­denen Selbst­stän­dig­keiten haben sich meist stabiler entwi­ckelt als etwa Exis­tenzen, die aus dem Tages­zei­tungs­markt entstanden sind. Das liegt meiner Meinung nach an der Art der Ausbil­dung: Corpo­rate Publi­shing stand immer auf dem Plan, Online und Social Media sowieso.

Was einige immer noch immer nicht verstanden haben: Solche Medi­en­kom­pe­tenz ist kein Add-On mehr, sie ist Grund­lage, ein Basic.

Notlö­sung: In die PR abwan­dern

Die PR galt Jahre­lang als blühendes Feld, auf das man zur Not abwan­dern konnte. Mit der Folge, dass es derzeit wohl so viele Jour­na­listen wie PR-Leute gibt, und da viele beides machen, das alles ohnehin kaum noch zu trennen ist.

Ich sehe den Markt hier kippen und sich auch in Rich­tung „zu“ entwi­ckeln. Immer mehr PRler berichten mir von Problemen. Texte unter­zu­bringen sei so schwer wie nie. Das ist logisch, denn es besteht natur­gemäß eine Abhän­gig­keit der PR vom Jour­na­lismus. Wenn das eine krankt, zieht es das andere mit. PR als Notnagel halte ich für schwierig. Zumal die Agen­tur­aus­bil­dung immer besser geworden ist – dort lernen die Mitar­beiter eben auch Social Media. Außerdem denken sie in Stra­te­gien. Das haben Jour­na­listen nicht gelernt.

Immer noch aufnah­me­fähig ist Social Media. Jedoch gibt es hier inzwi­schen genü­gend Experten, die in ihrer Entwick­lung den Neulingen Jahre voraus sind. Es kann vor allem eine Kombi­na­ti­ons­stra­tegie Sinn machen. Beispiel: Jemand war in seinem früheren Leben Kran­ken­pfleger, hat dann studiert, ein Volon­ta­riat gemacht, bildet sich nun in stra­te­gi­scher PR und Social Media weiter und geht damit in den Gesund­heits­be­reich.

Dieses Beispiel ist spezi­fisch für das bereits hier beschrie­bene Zukunfts­kar­rie­re­mo­dell „Meister in Serie“. Es zeigt auch: Die Zeit der Gene­ra­listen ist vorbei.

Alles neu: Ganz was anderes machen

Ich habe in meiner Bera­tung einige Jour­na­listen erlebt, die ganz umge­sat­telt haben. Im extremsten Fall auf Infor­matik, öfter auf Lehramt.  Ich finde, dies ist eine gute Idee, wenn man auf Magister/Lehramt studiert hat und wirk­lich gern mit jungen Menschen arbeitet. Jobs mit Menschen fordern Erfah­rung und persön­liche Reife. Die kann jemand mit 25 nicht in dieser Form mitbringen. Ein junger Mensch bringt in die Arbeit mit anderen Menschen im besten Fall Fürsorge und persön­liche Wärme ein. Das ist etwas anderes, genauso nötig, aber eben anders.

Aus meiner Sicht ist ein älterer Lehrer deshalb, persön­liche Reife voraus­ge­setzt, ein besserer Lehrer  — erst recht, wenn er Erfah­rungen außer­halb des geschlos­senen Schul­be­triebs gewonnen hat. Und Sport, Musik, Latein sind Fächer, die je nach Bundes­land immer noch Mangel leiden, die Natur­wis­sen­schaften außer Biologie sowieso.

Auch ein älterer Thera­peut, Coach, Berater, Erzieher ist für die Menschen, mit denen er/sie zu tun hat, viel­fach hilf­rei­cher. In diese Rich­tung würde ich Betrof­fenen empfehlen zu denken, wenn Sie Ende 40 oder älter sind. Wo sind Jobs, die vor allem mensch­liche Reife fordern? Dort werden Sie fündig werden, nicht da, wo andere Ihnen sowieso schon Jahre voraus sind. Eine so starke Umori­en­tie­rung kann dauern, manchmal Jahre. Es ist viel­leicht eine Durst­strecke und Weiter­bil­dung nötig. Der Gewinn ist aber groß. Vor allem für jemand, der im Haifisch­be­cken unter dem Mangel an Mensch­lich­keit gelitten hat.

Ganz was anderes kann auch ein “low” Job sein, von denen es heute nicht mehr viel gibt. Hinzu kommt, dass sich Arbeit­geber vor Über­qua­li­fi­zierten fürchten. So richtig leicht findet man nur was in Berei­chen, in denen man einfach vorbei­geht und sich nicht mit einem CV bewirbt. Lachen Sie nicht, aber es gibt hoch­qu­al­fi­zierte Aussteiger, die durchaus ein gewisses Glück im Blumen­laden oder im Hotel auf Rügen gefunden haben.

Heute erschien bei Spiegel Online meine Kolumne über Netz­werken, die eine gute Ergänzug ist. Denn das klas­si­sche Bewerben ist in einem zuen Markt meist sowieso vergeb­lich.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

5 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 2. Dezember 2012 at 17:55 — Reply

    Zue Märkte erfor­dern “anne Schippe”, wie man im Ruhr­ge­biet sagen würde. Meine Alltag zeigt, das viele Bewerber froh sind, wenn sie erfahren, dass Jobwechsel oder Jobsuche in einem “zuen” Markt wirk­lich Arbeit ist. Das gibt nämlich auch der Jobsuche einen Sinn.

    Und anders als beim Produ­zieren von bisweilen wert­losen Bewer­bungen, kann dann — bei aller Unsi­cher­heit — die Jobsuche sogar ein wenig Spaß machen.
    Insbe­son­dere, wenn ich mir die Frage erlaube, wie der nächste Job nun wirk­lich aussehen soll.

    Und dafür gibt Dein Artikel gute Rich­tungs­weiser. Die obige Grafik würde ich gerne “kura­tieren”. Die ist so klasse, dass ich sie an meine Bera­tungs­wand pinnen werde!
    LG
    Lars

  2. Josef 3. Dezember 2012 at 12:18 — Reply

    Hallo,

    das hört sich sicher­lich nicht gut an. Alles nicht mehr so einfach. Wer nicht krativ ist und nach neuen Möglich­keiten sucht, hat ein großes Problem.

    freund­liche Grüße
    Josef

  3. Daniel Walzer 5. Dezember 2012 at 22:30 — Reply

    Ich sehe das Problem nicht nur in den “zuen Märkten” sondern in allen Märkten. Jeder begibt sich in eine Abhän­gig­keit, der Unter­nehmer in die seiner Kunden, der Ange­stellte in die seines Arbeit­ge­bers.
    Leider ist die Abhän­gig­keit des Mitar­bei­ters oft größer als die des Arbeit­ge­bers. Deshalb ist es meiner Ansicht nach zu spät erst nach einer anderen Lösung zu schauen, wenn es brennt .
    Viel­mehr ist es die Aufgabe/Verantwortung jedes Einzelnen, sich konti­nu­ier­lich weiter zu entwi­ckeln und nach Möglich­keiten um zu sehen. Im Ideal­fall sollte sich der einzelne Mitar­beiter so weiter quali­fi­zieren dass, das Unter­nehmen, aufgrund des Know-Hows von ihm Abhängig ist.

  4. […] rein­kriegt, denn auch da ist der Markt schon fast zu, schreibt die Karriere-Expertin Svenja Hofert in ihrem Blog. Vor einigen Tagen fragte Jan Söfjer – ausge­bildet an der Zeiten­­spiegel-Repor­­ta­­ge­­schule, mit […]

  5. […] Bewer­bungen auf die wenigen Stellen sind fast aussichtslos, auf glei­chem inhalt­liche Niveau unter­zu­kommen, gilt als fast unmög­lich, Tarif­ge­hälter für die meisten völlig undenkbar. Wer über­haupt noch offene Stellen hat, bietet oft ein Umfeld, das Schleu­der­sitze anein­an­der­reiht. (
Karrie­re­blog Svenja Hofert) […]

Leave A Comment