Kate­go­rien

Die Menta­li­täts­muster der Top-Manager: Work-Life-Balance- und Frau­en­feind­lich!

Published On: 12. Februar 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

© tournee — Fotolia.com

„Ein archai­scher, männer­bün­di­scher Treue- und Pflicht­ethos herrscht in den  Führungs­etagen der Unter­nehmen vor“, spricht der Mann, der vorne steht und zitiert wie später noch öfter eine Studie. Dieser Satz hier muss aus dem Hause des Herrn Prof. Wipper­mann kommen, Ex-Tren­d­­büro.

Der Mann vorne heißt Thomas Sattel­berger, war bis 2012 Perso­nal­vor­stand der Telekom AG, und hat keine Angst vor großen Thesen. Ich befinde mich im Haus der Wirt­schaft zum Worklife-Kongress der KWB. Auch Männer sollen davon mehr bekommen, werden sie heute doch viel­fach noch als Arbeits­ma­schinen ausge­beutet (das sind jetzt meine Worte). Apropos Taylo­rismus, weg damit.

Sattel­berger redet in einem thema­ti­schen Rund­um­schlag studi­en­zi­tie­rend über Work-Life-Balance, Diver­sity, Führung und auch Perso­nal­po­litik — vor einem ganz und gar nicht diversen Publikum. Im Saal sitzen vor allem Frauen, zu 80 Prozent, mehrere hundert müssen es sein. Die anwe­senden Damen arbeiten fast alle in KMU, wie die dem Programm beilie­gende Liste offen­bart; eine Teil­neh­merin aus einem größeren Hamburger Unter­nehmen  sichte ich dort, neben mir die enga­gierte Perso­nal­lerin von Unique­di­gital, die ich schon von den Digital Media Woman kenne.  Nichts gegen den Herrn Sattel­berger, der redne­risch durchaus sattel­fest ist. Aber gibt es denn nicht eine Frau, die etwas zu sagen hätte? Offenbar nicht, auch das Rahmen­pro­gramm ist männ­lich domi­niert, z.B. mit einem  über­flüs­sigen Gruß­wort.

Dann aber wird es span­nend — es geht zwar um Work-Life-Balance, aber Sattel­berger setzt sie in Zusam­men­hang mit Menta­li­täts­mus­tern in den oberen Etagen. Einige Beispiele:

… die konser­va­tive Exklu­sion

In einem länd­li­chen Maschi­nen­bau­un­ter­nehmen erwartet man — zurecht oder nicht — konser­va­tive Struk­turen, die Frauen Jahre aus der Arbeit halten und in schlecht­be­zahlte Teil­zeit verdammen. In der Statdt findet man sie auch; offenbar gibt es die sogar bei der Telekom oder Conti­nental; Herr Sattel­berger jeden­falls kennt sie. Ich auch. Er nennt das, was die Herr­schaften betreiben, konser­va­tive Exklu­sion.

Manchmal kann man sie sich nutzbar machen. So empfehle ich bisweilen erfah­re­neren Herren, ihre Kinder und die Frau in den CV zu schreiben, während ich Frauen eher rate alle private Zeichen raus­zu­lö­schen. Ja, man denkt immer noch, ein Fami­li­en­vater sei weniger wechsel- und im Sinne des sich Krumm-Machens-für-die-Firma stärker Karriereorientiert.Schaut man in die oberen Etagen von Unter­nehmen sieht man über­wie­gend Haus­frau­en­ehen. Mit dem Blick auf die eigene Frau wird von dort auch Karrie­re­för­de­rung betrieben, da kann man noch so viel Perso­nal­kon­zepte und Studien gelesen haben.

Gott­sei­dank wird die Sache an der Stelle für Unter­nehmen unbe­re­chenbar. Wir beob­achten eine karrie­re­tech­ni­sche Femi­ni­sie­rung des (jungen) Mannes, die einen weiteren Artikel wert sein dürfte…

…das Schmidt- und Schmid­t­chen-Phänomen

„Im Zweifel nehme ich den Schmidt, weil der mir ähnlich ist.“ Gern gebe ich Klienten den Tipp, sich vor Vorstel­lungs­ge­sprä­chen die Vita ihrer Gesprächs­partner anzu­sehen. Denn jemand mit Procter & Gamble-Karriere wird den Prak­tiker mit FH-Studium und erst recht den Abbre­cher betrachten wie einen glit­schigen Frosch. Die Neigung, sich und den eigenen Lebens- und Berufsweg für das Maß zu halten, ist verbreitet.  Ich erin­nere mich an Vorstel­lungs­ge­spräche mit einem CIO, von dem mir mehrere Kunden berich­teten: Er suchte sein Schmidt­chen immer nach dem glei­chen Muster – promo­viert, leis­tungs­ori­en­tiert, kurz­stu­diert, auslands­er­fahren. Alle anderen wurden zerrupft wie Hühn­chen von Wiesenhof. Gespräche mit solchen Ungrad­li­nigen schienen nur als Konzes­sion an die Perso­nal­ab­tei­lung geführt zu werden.

..Jung­­männer-Karrie­­re­­muster 

Trainee-Programm bis spätes­tens 30 und dann rauf die Leiter. Sowas gibt es immer noch. Und auch die fort­schritt­li­chen Unter­nehmen, die die drei­glied­rige Karriere einge­führt haben, sind sich offenbar nicht klar, dass diese zwar viel­schich­tiger ist, nach einigen Jahren aber oft genauso einge­fahren wird. Oft erlebe ich Kunden, die z.B. von einer Führungs- in eine Fach­lauf­bahn zurück­wollen – aber nicht können. Da müsste man nämlich wieder unten anfangen und das darf nicht mal, wer will. Auch Herr Sattel­berger sagt: In jedem Alter muss Karriere möglich sein, in jedem Alter ein Schwenk — warum sollte sich nicht auch noch jemand mit 55 für eine Mana­ger­tä­tig­keit entwi­ckeln lassen?

…radi­kale Indi­vi­dua­li­sie­rung

Copy­right: Micro­soft

Immer noch wird der Einzel­kämpfer belohnt. Aber Inno­va­tion und die Heraus­for­de­rungen einer Wissens­ge­sell­schaft sind nicht im Allein­gang zu schaffen. Niemand kann mehr allein entscheiden, zu komplex ist alles. Führung ist etwas für viele, nicht mehr für einen. Das fordert einen komplett anderen Mana­gertyp. In diesem Zusam­men­hang möchte ich hier auf das inter­es­sante Konzept der Brum­m­­k­reisel-Führung, vorge­stellt im Buch “Und mittags geh ich heim” von Detlef Lohmann hinweisen — die Führungs­kraft ist nur noch ein mode­rie­render Ansprech­partner, die Mitar­beiter entscheiden selbst. Wenn sich das durch­setzt, muss alles neu gedacht werden, Führungs­ei­gen­schaften komplett neu defi­niert.

Was Sattel­berger sagt: Führung müsse weggehen von dem hero­isch-charis­­ma­­ti­­schen Rollen­bild hin zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tierten, ja dienenden Führung. Das Ende der Narzissten und Tyrannen in den oberen Etagen? Wäre schön. Es könnte der Anfang eines ausba­lan­cierten Lebens sein.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Monika Kraus-Wild­egger 12. Februar 2013 at 12:02 — Reply

    Hallo Frau Hofert, ich habe auch Herrn Sattel­ber­gers Worten lauschen dürfen. Da haben uns irgendwie verpasst. Tolle Zusam­men­fas­sung. Was ich noch gerne ergänzen möchte, Herr Sattel­berger sagte, er sieht wenig Hoff­nung, dass in Unter­nehmen die neue Arbeits­welt Einzug hält, solange es bei Pilot­pro­jekten bleibt aus denen keine flächen­de­ckende Umset­zung erfolgt. Das lässt den Schluß zu, dass substan­zi­elle Verän­de­rungen bei Groß­un­ter­nehmen, für die Herr Sattel­berger sich einsetzt, wie er mir im Gespräch anver­traute, nicht zu erwarten sind.
    Das stimmt doch sehr nach­denk­lich!

    • Svenja Hofert 12. Februar 2013 at 12:32 — Reply

      Hallo Frau Kraus-Wild­egger, habe Sie mal zwischen­durch vorbei­rau­schen sehen, Sie mich aber nicht 😉 Das stimmt in der Tat nach­denk­lich, wundert mich aber nicht, ein Kreuz­fahrt­schiff ist alt schwerer umzu­lenken als ein Motor­boot. Setzen wir also auf die kleinen und mitt­leren Unter­nehmen, die mehr bewegen könnenn und dadurch auch eine Chance haben, inter­es­sante Bewerber zu bekommen. LG SH

  2. Dr. Andreas Zeuch 13. Februar 2013 at 14:33 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    schöne Analyse! Es ist ja immer wieder erstaun­lich, dass bei solchen Veran­stal­tungen größ­ten­teils Männer auftreten, obwohl es genü­gend Frauen gäbe, die mindes­tens dieselbe Qualität bieten könnten plus die immer noch unter­re­prä­sen­tierte weib­liche Seite.

    Außerdem kann ich aus eigener Erfah­rung berichten: Es ist — positiv formu­liert — reich­lich heraus­for­dernd und span­nend, wenn Mann und Frau ein 100% gleich­be­rech­tigtes Leben führen wollen, und zwar nicht nur im Beruf, sondern auch mit den gemein­samen Kindern. Das kann nur gelingen, wenn wir alle unsere eigene Arbeit a) selbst gestalten und dann b) selbst steuern können. Wenn wir diese Arbeit dann noch als sinn­voll erleben, sinn­haft ankop­peln, dann sind wir soweit, dass wir nicht mehr über Work-Life-Balance reden müssen. Wir leben und genießen sie dann einfach.

    Herz­lich
    Andreas Zeuch

    • Svenja Hofert 13. Februar 2013 at 14:48 — Reply

      Hallo Herr Zeuch, danke für Ihren Kommentar. 100% gleich­be­rech­tigt — zur glei­chen Zeit — ist eine echte Heraus­for­de­rung. Und ja, das geht nur durch eine Eman­zi­pa­tion des Mannes. Wenn der anfängt mehr zu wollen, Traum­kar­riere, Selbst­ver­wirk­li­chung, Balance etc, ist das Problem bald gelöst. LG Svenja Hofert

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