Kate­go­rien

Die neue Problem-Kultur oder: Warum das Problem die Lösung ist

Published On: 4. März 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

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Probleme waren lange tabu in unserer Ergeb­nis­kultur. Es ging immer und überall um Ziele. Als Trainer  lernten und lehrten wir diese „smart“ zu dekli­nieren. Als Fach- und Führungs­kräfte hämmerte man uns ein, dass Erfolg stets an Ziel­er­rei­chung gekop­pelt ist. Wir stellten inso­fern auch nicht in Frage, wenn wir „mit Zielen“ geführt wurden, selbst außer­halb des Vertriebs. Auch Exis­tenz­gründer und Unter­nehmer kennen die Vorherr­schaft der Ziele: Mit Busi­ness Plänen waren sie seit Mitte der 1980er Jahre genö­tigt, in Umsatz- und Gewinn­zielen zu denken, jeden­falls wenn sie Kredite wollten.

Und nun? Ziele sind out. Das Problem kommt! Ich lese überall von ihm, und das freut mich sehr. Das ursprüng­liche, echte Problem, nicht etwa seine karri­ka­tur­hafte Verzer­rung, die so genannte Heraus­for­de­rung. Mit dem Problem verän­dert sich unser Denken. Vor kurzem noch war das Problem defi­niert als besser totzu­schwei­gende Vorstufe des Ziels. Jetzt darf wieder offen über Probleme geredet werden, so wie deren  intel­li­gente Lösung, vorzugs­weise in und durch Gruppen.

In der Manage­ment­li­te­ratur verflüch­tigt sich Ziel- und Effi­zi­enz­denken, Denker vwer­drängen Rampen­säue oder Rampen­säue geben sich den Anstrich des Denkers. Im weiteren Sinne wissen­schaft­li­ches und/oder inge­nieur­mä­ßiges Denken kehrt ein oder zurück, welches sich auch Rein­hard Sprenger in seinem „Radikal führen“ zu eigen macht. Nicht die Ziel­er­rei­chung ist Kern­auf­gabe der Führung, sondern die Problem­schaf­fung. Denn nur wer Probleme lösen kann (und will), koope­riert  mit anderen, nur er ist zur Zusam­men­ar­beit fähig. Inso­fern sei es die Aufgabe der Führung, Probleme zu schaffen und Zusam­men­ar­beit zwecks Problem­lö­sung zu orga­ni­sieren. Der Sinn der Arbeit entsteht durch gemein­same Problem­lö­sung. Nach Spiral Dyna­mics argu­men­tiert Sprenger ziem­lich grün.

Ich mag die Rück­be­sin­nung auf das Problem, sie ist gut für die Inno­va­tion und die Weiter­ent­wick­lung von allem.  Die Sache mit der Zusam­men­ar­beit scheint mir Herr Sprenger etwas zu idea­li­sieren. Ist es nicht überall zu beob­achten, dass krea­tive Prozesse in Einzel­leis­tung kräf­tiger entstehen? Schaue ich mir Initia­tiven spiral dyna­misch grün ausge­rich­teter Teams an, etwa zur Etablie­rung von Schul­mensen, bin ich sehr verhalten, was deren Wirk­kraft betrifft, so lange nicht diese eine Person das Team berei­chert, die mit einer beson­deren Power und stra­te­gi­schen Inno­va­ti­ons­kraft die anderen treibt.

Wirk­same (im Sinne der Problem­lö­sung) Initia­tiven brau­chen einen durchaus auch macht­ori­en­tierten Treiber, siehe auch die Schweizer Abzocke-Initia­­tive von Thomas Minder. Das war die Leis­tung eines Einzelnen, der es schaffte, andere einzu­binden. Man stelle sich vor, es hätte keine starke Kraft wie Minder gegeben. Die Sache wäre im Sand und ewigen Diskus­sionen verlaufen. Mit Kollege Thorsten Visbal habe ich vor einigen Jahren das Buch „Ich hasse Teams“ geschrieben und nein, ich glaube nicht an gleich­ma­che­ri­sche Teams – sehr wohl aber an eine Unter­schied­lich­keit berück­sich­ti­gende Koope­ra­tion und die bindende Kraft von Problemen, vorzugs­weise von solchen, deren Lösung einen Sinn machen.

Neben dem Problem hat, so meine tiefe Über­zeu­gung, auch der Idea­list eine Zukunft. Problem­ori­en­tie­rung und Idea­lismus liegen relativ nah beiein­ander. Sie sind sehr gute Verbün­dete.  Ich glaube, sie werden das Ziel besiegen.

Das Problem hat auch deshalb eine große Zukunft. „Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem wieder­haben“, hatte meine Kollegin in Post­kar­ten­form auf ihrem Schrank stehen. Toller Spruch. Weil er so gut auf den Punkt bringt,  was Menschen antreibt und, folgt man Sprenger, auch zur Zusam­men­ar­beit verbindet. Das Problem, und eben nicht seine Lösung.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Gilbert 5. März 2013 at 22:57 — Reply

    Inter­es­sante Prognose! Gefällt mir natür­lich sehr, weil das Problem immer auch bezwungen werden will. Auch die Ehrlich­keit gefällt mir daran. Aber Idea­listen… wirk­lich? Ich will meine Probleme lieber ohne Idea­listen, die schon aus Prinzip kein Problem lösen (ohne in der Lösung ein neues zu sehen). Fällt das zusammen mit der Gene­ra­tion Y? Und warum sind Prag­ma­tiker und Problem nicht mindes­tens ein ebenso schönes Paar?

    • Svenja Hofert 6. März 2013 at 9:26 — Reply

      Ich meine keinen dumpfen Idea­lismus, sondern Leute die prag­ma­tisch genug sind zu sagen: “Um diese Welt zu verbes­sern, muss ich richtig, richtig gut werden, eine Ausbil­dung in der besten Uni machen und dann werde ich ein Social Busi­ness gründen.” Wir brau­chen Welt­ver­bes­serer!
      Dieses Werte­system ist türkis in Spiral Dynamcis, es beinhaltet die prag­ma­ti­sche Sicht­weise auf vorhe­rige Levels. Man kann nur etwas errei­chen, indem man Menschen mitnimmt die ganz anders denken, siehe Minder. LG Svenja Hofert

  2. Axel Heger 3. April 2014 at 17:51 — Reply

    Solange Menschen Bedürf­nisse haben (dauert sicher­lich an), werden Probleme auftau­chen und Ziele, Wünsche von Menschen entwi­ckelt werden.
    Ohne Bedürf­nisse hätten wir keine Probleme. Und ohne Ziele fehlt es an Rich­tung, an Orien­tie­rung und der für uns Menschen wich­tigen Struktur.

    Wir sollten gene­rell mehr den Mut finden, Probleme als eine reale Bedin­gung unseres Lebens zu akzep­tieren, anstatt Problemen mit schlechten Gefühlen zu begegnen. Probleme lassen sich jedoch nicht allein durch posi­tive Gefühle lösen. Eine umsich­tige Problem­ana­lyse bringt in der Regel die Tiefe, in der neue Sicht­weisen gelingen und gute Lösungen wie von Zauber­hand auftau­chen, aber, wer macht sich schon dafür gern die Mühe.
    Axel Heger http://www.extremproblem.de

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