Kate­go­rien

Die Zukunft der Arbeit: Mega­trends und demo­gra­fi­scher Wandel

Published On: 25. März 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Die Bosch-Stif­­tung veröf­fen­ti­chte in diesen Tagen die Studie „Die Zukunft der Arbeit. Auf dem Weg ins Jahr 2030“ zur Zukunft der Arbeits­welt. In dem Doku­ment geht es darum, wie vor dem Hinter­grund der gesell­schaft­li­chen Mega-Trends mit den Folgen des demo­gra­fi­schen Wandels umge­gangen werden soll. Fakt ist: Die Zahl der Menschen im Kern­er­werbs­alter von 20 bis 65 sinkt bis 2030 um 12%.

Wie können die Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­teme stabil gehalten werden? Und das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt? Mit diesen Fragen beschäf­tigt sich die Studie – und gibt eine diskus­si­ons­wür­dige Antwort. Unterm Strich lautet die Botschaft, dass bis 2030 die Folgen des demo­gra­fi­schen Wandels kompen­siert werden könnten – wobei der größte Hebel eine Erhö­hung der Arbeits­zeit sei. Vor allem der Teil­zeit sollten Arbeit­geber, so die Empfeh­lung, an den Kragen. Das habe größere Effekte als beispiels­wei­sedas Berufs­ein­tritts­alter zu senken.

Rein rech­ne­risch mag die Empfeh­lung richtig sein. Aber lässt sich eigent­lich be-rechnen, was auf uns zukommt? Hat eine solche Glei­chung nicht viel zu viele Unbe­kannte?

Wenn man sich nur die Mega­trends anschaut, ergeben sich für mich auch bezogen auf den demo­gra­fi­schen Wandel und die vorge­schla­genen Maßnahmen viele Unbe­kannte:

1. Die Globa­li­sie­rung verstreut arbeits­tei­lige Tätig­keiten über die ganze Welt.  Das Rad lässt sich nicht mehr zurück­drehen. Aber: Wird das stei­gende Bewusst­sein für Umwelt und gesell­schaft­liche Verant­wor­tung, nicht nur in Europa, diese Form der Arbeits­tei­lung — Textil­pro­duk­tion in Bangla­desch, Färben in Osteu­ropa, Etikett Annähen in Deutsch­land (made in Germany) — eigent­lich dauer­haft zulassen? Werden wir uns damit abfinden, weitehin  Fleisch zu essen, das längere Stre­cken hinter sich hat als wir im Urlaub?

2. Tech­no­logie durch­dringt alle wirt­schaft­li­chen Prozesse, beschleu­nigt und verein­facht sie. Es bleiben vor allem Jobs für Hoch­qua­li­fi­zierte. Vergessen wird dabei oft, dass hohe Quali­fi­ka­tion otmit der Notwen­dig­keit einher­geht,  siehe 1., orts­un­ge­bunden zu sein. Gleich­zeitig sind heutige Part­ner­schaften eher als früher Part­ner­schaften auf Augen­höhe. Frau folgt nicht Mann und auch Mann zieht für einen Job nicht mehr dauer­haft um die Welt; ich sehe das bereits jetzt: Nach einer Zeit hoch­qua­li­fi­zierter Beschäf­ti­gung steigt der Wunsch danach, über­schau­ba­rere, regional veran­kerte Tätig­keiten auszu­üben. Teils streben diese Menschen in frei­be­ruf­liche Tätig­keiten, auf jeden Fall suchen sie Flexi­bi­lität und Work-Life-Balance. Findet man also über­haupt genug Menschen, die bereit sind, quer­weltein zu arbeiten?

3. Die Femi­ni­sie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung der Gesell­schaft führt letzt­end­lich auch dazu, dass exis­ten­zi­elle Grund­si­che­rung und Karriere im grad­li­nigen Sinne zuneh­mend unin­ter­es­santer werden. Spiral­dy­na­misch gedacht, läuft die Zeit orangen Erfolgs­stre­bens aus. Die „grüne Epoche“, in der Koope­ra­tion und Zuge­wandt­heit zu den Menschen im Mittel­punkt steht, hat bei Frauen und auch vielen Männern längst begonnen. Die massen­weise Orien­tie­rung in Coaching-Täti­g­keiten zeigt das. Mathe­ma­tiker werden Heil­prak­tiker und ehema­lige Versi­che­rungs­ver­treter finden einen höheren Sinn im Verkauf von Biogut. Die Arbeits­welt der Vergan­gen­heit war viel­fach darauf ausge­richtet, dass Menschen nach Aner­ken­nung in Form von Aufstieg strebten. Was wenn das nicht mehr reizt? Viele werden erkennen, dass es nicht die Lösung sein kann, Frau und Mann parallel 50-Stunden-Wochen schieben zu lassen, als Arbeits­ma­schinen der Wirt­schaft. Darauf aber fussen Annahmen, die weiterhin außer acht lassen, dass es hier nicht nur um erwünschte, sondern auch um uner­wünschte Teil­zeit­ar­beit (etwa im sozialen Sektor geht). Der Wunsch nach nicht nur quali­ta­tiver, sondern auch quan­ti­ta­tiver Zeit mit dem Kind wächst bei Mann UND Frau. Teil­zeit wird für beide eine Option und nicht etwa abge­schafft. Weiterhin setzt der Gedanke auch eine unun­ter­bro­chene Erwerbs­tä­tig­keit voraus. Ich vermute aber, dass selbst­ge­wünschte und fremd­be­stimmte Pausen mehr werden. Ergo könnte die Arbeits­zeit insge­samt auch durchaus sinken.

4. Die Skepsis gegen­über konven­tio­nellem Wachs­tums­denken wächst. Menschen akzep­tieren immer weniger, dass in ihren Unter­nehmen sinn­lose Macht­kämpfe herr­schen und verlangen mehr und mehr sinn­volle Produkte und ethi­sche Unter­neh­mens­füh­rung, bei der der Vorteil des einen NICHT wie derzeit oft der Nach­teil des anderen ist. Die Frage ist also grund­sätz­lich auch, ob sich der Wirt­schafts­be­trieb wie bekannt über­haupt erhalten lässt — oder die demo­gra­fisch Gewan­delten ganz andere Inter­essen verfolgen als noch mehr Stunden zu schuften.

5. Rohstoffe werden knapp, was sich unmit­telbar auf die indus­tri­elle Produk­tion auswirkt. Hier sind neue Konzepte gefragt, der Ener­gie­wandel  ist die staat­liche Antwort. Die perso­nale mag sein, dass Bewerber verschwen­de­ri­sche Unter­nehmen meiden und Kunden diese bestrafen. Wird man vor diesem Hinter­grund weiter um die Welt jetten?  Siehe 4. Mögli­cher­weise werden neue Gene­ra­tion der alten Wirt­schafts­welt gar nicht mehr so willig ihre Arbeits­kraft zur Verfü­gung stellen.

Zahlen mögen gut „bere­chen­bares“ Mate­rial liefern,  Prognose-Szen­a­rien können nicht alle Aspekte berück­sich­tigen, erst recht sind nicht alle mathe­ma­tisch be-rechenbar. Wie war das mit dem 11. September? Der Finanz­krise? Es kommt immer anders als man denkt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Felix Wiesner 3. April 2013 at 19:11 — Reply

    Während der MENSCH sich nach Konti­nuität und Sicher­heit sehnt, erlebt der ARBEITNEHMER zuneh­mende Verun­si­che­rung durch immer schnel­lere Verän­de­rungen und die Bedro­hung durch plötz­liche Tech­no­lo­gie­wechsel. Der MANAGER (auch Mensch und Arbeit­nehmer) weiss, dass dies nur dann keine Probleme bringt, wenn er deut­lich schneller ist als der Markt. — Also hat er eine sehr neue, schwie­rige und wich­tige Aufgabe: Er muss seinem Team diesen schellen Wandel so schmack­haft machen, dass es nicht als Bedro­hung und Problem erkennen, nicht abdrehen, ausbrennen oder abwan­dern.

    Dieser Para­dig­men­wechsel führt zum “Servant Manager” und wird mitunter auch als Kultur­wandel beschrieben. Als Aktionär gucke ich mir die Vorstände und Manager in den Konzernen an und stelle fest: So richtig verstanden haben die das aber noch nicht.

    In der Tat stellt sich die Frage: Wie kann ich die Kompe­tenz von Mana­gern für diesen Kultur­wandel erkennen, bevor ich mich für ein Millio­nen­ge­halt verpflichte? Wie müssen die Aufsicht­räte infor­miert werden, damit die die Kurve noch kriegen?

    Wie lange können sich deut­sche Unter­nehmen noch leisten, Manager ohne Persön­lich­keits­tests einzu­stellen?

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