Kate­go­rien

Online-Coaching: Wenn nur der Text spricht

Published On: 24. April 2013Cate­go­ries: Führung

Vor einiger Zeit schrieb ich hier über Coaching per Skype oder auch per Mail. Ich war nicht sicher, ob ein Coaching auf diesem Wege wirk­lich effi­zient sein kann. Die Diplom-Psycho­login Brigitte Koch hat mich in einem persön­li­chen Gespräch davon über­zeugt, dass es Formen des Online-Coachings gibt, die der persön­li­chen Begeg­nung mindes­tens gleich­wertig sind. Koch bietet einen eigenen virtu­ellen Austausch­raum im Internet.

Manche können sich das gar nicht vorstellen, aber es ist wirk­lich so: Ich maile nicht gern, gebe ungern schrift­liche Antworten auf Inter­views (lieber münd­lich!) und schicke nur zwei, drei SMS im Jahr. Deshalb klingt Online-Coaching für mich zunächst befremd­lich.

Koch: Für mich ist Online-Coaching auch viel mehr als Mailen. Es geht um einen schrift­li­chen Dialog in einem geschlos­senen und gesi­cherten Raum im Internet. Diese Form der compu­ter­ver­mit­telten Kommu­ni­ka­tion macht es Menschen oft leichter sich zu öffnen als in einem Vis-à-Vis-Gespräch.

Gibt es nicht Grenzen? Sie sehen ja nicht, was mit dem Klienten passiert…

Koch: Das Schreiben hat sogar einen deut­li­chen Vorteil: Sie denken mehr darüber nach, was Sie formu­lieren. Der Coachee klärt so beim Schreiben schon manche Frage, sortiert und merkt schneller, was eigent­lich das Wesent­liche ist. Ich kann das Geschrie­bene in mir wirken lassen und habe Zeit, mir eine Antwort zu über­legen. So ergibt sich oft ein sehr dichter, tief­grün­diger Prozess. Inter­ven­tionen sind genauso möglich wie im Zwie­ge­spräch, nur können sie über­legter sein.

Wer kommt zu Ihnen?

Koch: Die meisten meiner Kundinnen und Kunden suchen eine Möglich­keit mit räum­li­cher und zeit­li­cher Unab­hän­gig­keit. Sie leben im Ausland oder auf dem Lande und sind beruf­lich und privat zeit­lich einge­spannt. Für sie ist das eine ideale Form. Für mich ist es ideal, weil ich die Lang­sam­keit der Coachings­pro­zesse schätze.

Und die Themen?

Koch: Sind so viel­fältig wie wahr­schein­lich bei den meisten Coachs. Es geht um Entschei­dungen, die ersten 100 Tage im Job, Führungs­fragen, Verän­de­rungen oder eine Prozess­be­glei­tung. Teils ist der Leidens­druck sehr hoch, weshalb die Kundinnen und Kunden es schätzen, dass sie bei mir nicht mehrere Wochen warten müssen, bis ich eine Lücke im Kalender habe.  Der Anfrage folgt meist binnen zwei Tagen die Einla­dung in den virtu­ellen Raum.

Online gibt es nur das Wort, keine Mimik, keine Gesten. Wenn jemand zum Heulen ist, sehen Sie das nicht. Birgt das nicht die Gefahr von Miss­ver­ständ­nissen?

Koch: Viel­leicht haben Sie ja auch schon mal ein Buch gelesen, bei dem Sie geweint oder gelacht haben? Ein Text kann also ganz viel Gefühl ausdrü­cken. Sich zu sehen schützt leider auch nicht vor Miss­ver­ständ­nissen. Aber bei Online-Kommu­­ni­­ka­­tion hilft eine beson­dere Lese- und Schreib­kom­pe­tenz der Coach.

Da haben Sie sicher recht.… Ich stelle mir aber vor, dass das Schreiben im Prozess, wie der schrift­liche Dialog an sich, eher gebil­dete Personen anspricht.

Koch: Es stimmt schon, dass meist Höher­qua­li­fi­zierte zu mir kommen. Aber das ist wohl mehr dem Coaching geschuldet als der Form. Im psycho­so­zialen Bereich gibt es Online-Bera­­tung auch für Kinder, Jugend­liche und alle Probleme des Lebens. Sich schrift­lich mitteilen zu wollen hat nach meiner Erfah­rung nicht mit viel Bildung zu tun. Schreiben tut einfach der Seele gut.

Wie gehen Sie mit den Texten Ihrer Klienten um?

Koch: Ich lasse den Text auf mich wirken, lese auch zwischen den Zeilen und über­lege, welche Inter­ven­tion für den Prozess und die Ziel­er­rei­chung förder­lich ist. Das können Fragen sein, Bilder, meine Wahr­neh­mung,  die den anderen anregen zum Nach­denken oder eine andere Perspek­tive einzu­nehmen. Darüber denke ich manchmal lange nach, vor allem wenn ich spüre, dass mein Gegen­über sehr in seiner hinder­li­chen Sicht­weise verhaftet ist. Meine Kundinnen und Kunden erhalten aber immer eine Antwort inner­halb 48 Stunden, das kann auch durchaus nur die Infor­ma­tion sein, dass ich noch etwas Zeit brauche.

Sie arbeiten auch mit einem Test, dem CAPTain. Ich habe diesen Test vor 10 Jahren einmal gemacht und finde mich heute wenig wieder in den Ergeb­nissen.

Koch: Das ist auch normal, denn der CAPTain greift die Ist-Situa­­tion auf. Er ermit­telt, wie Sie sich heute verhalten und was Sie jetzt leisten können. Das kann sich ändern. Es geht also nicht um Eigen­schaften von Dauer, sondern um einen Ist-Zustand des mögli­chen Verhal­tens.

Wie nutzen Sie den Test?

Koch: Er ist nütz­lich für Stand­ort­be­stim­mungen bei beruf­li­chen Entschei­dungen und er ermög­licht mir, berufs­be­zo­gene Situa­tionen zu bespre­chen. Er entdeckt auch Wider­sprüche zwischen der Selbst­ein­schät­zung und dem tatsäch­li­chen Verhalten. Beispiel: Eine männ­liche Führungs­kraft erhält den Hinweis, er würde sein Team nicht einbe­ziehen, sieht sich aber selbst als kolle­gial. Nun lässt sich anhand der Ergeb­nisse besser reflek­tieren: Ist das wirk­lich so — und entscheiden, ob und was man verän­dern möchte. Als Online-Test lässt er sich sehr gut in ein Online-Coaching einbe­ziehen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Jens Jann­asch 24. April 2013 at 20:38 — Reply

    Liebe Frau Hofert

    .…und wieder ein span­nender Artikel…
    Das Thema wird immer wieder heiß disku­tiert. Ich habe zu Beginn des Jahres ein Coaching via Skype gemacht. “Geht ja gar nicht” dachte ich. Der Coachee fand es span­nend. Ich hatte während­dessen immer das Gefühl, das mir Infor­ma­tionen verloren gehen. Hat der Coachee sich jetzt bewusst weg gedreht oder war er abge­lenkt? Etc. Kurzum: nicht so mein Fall.
    Im Email­coa­ching sieht das anders aus. Ich hatte hier zwei Gehör­lose Coachees. Meine Gebär­den­sprache hört bei DGSIII auf. Deshalb haben wir uns geschrieben. Und da kann ich die Erfah­rung von Frau Koch teilen. Sie machen sich Gedanken. Der eine Coachee war Schreib­faul und hat probiert in kurzen Sätzen sein Thema zu beschreiben. Ich habe mich nur Ober­fläch­lich mit der herme­neu­ti­schen Text­in­ter­pre­ta­tion befasst. Das reicht hier jedoch manchmal aus um bestimmte Marker zu erkennen und aufzu­­­g­reifen- oder fest­zu­stellen, dass es gar keine Marker gibt.
    Ich finde dies auch ein äußerst span­nendes Feld. Obwohl ich die Face to Face Vari­ante absolut bevor­zuge.
    Liebe Grüße

  2. Natalie Schnack 24. April 2013 at 22:25 — Reply

    Hallo Svenja,

    ein span­nendes Thema. Ich habe schon Online-Coaching in Kombi­na­tion mit Telefon-Coaching mit einer Kundin durch­ge­führt. Es war ein beson­derer Fall, denn sie ist als Consul­terin einer großen Unter­neh­mens­be­ra­tung über­wie­gend im Ausland unter­wegs. Ich habe sie über ein halbes Jahr auf diesem Wege begleitet und für sie war das genau der rich­tige Weg. Ich selbst konnte mich schnell auf diese Art der Zusam­men­ar­beit einstellen und diese Form hat unserer Bezie­hung und den Ergeb­nissen keinen Abbruch getan, im Gegen­teil. Das war eine sehr span­nende Erfah­rung für mich als Coach.

    Auch habe ich selbst schon Online-Coaching in Anspruch genommen und fand es sehr gut. Aller­dings halte ich diese Art der Zusam­men­ar­beit nur bei bestimmten Arbeits­in­halten und Themen für sinn­voll.

    Telefon-Coaching und Skype-Coaching halte ich dagegen für eine tolle Alter­na­tive zum persön­li­chen Coaching und nutze diese auch, beson­ders für kurze Abstim­mungen zwischen den persön­li­chen Terminen.
    Ich finde, das Wich­tigste ist, dass das Medium sich für beide stimmig anfühlt und ist Geschmack­sache.

    Herz­liche Grüße
    Natalie Schnack

  3. Dennis Koch 1. Mai 2013 at 22:55 — Reply

    Hallo Natalie,
    Ich war am Anfang des Textes etwas skep­tisch bezüg­lich Online Coaching. So wie Sie es aber schil­dern scheint es doch eine gute Art des Coaching zu sein. Ich werde mich mal weiter damit beschäf­tigen und würde mich über weitere Teste zum Online Coaching freuen.

  4. Chris­toph Schlachte 10. Mai 2013 at 8:26 — Reply

    Hallo, ich kann das nur bestä­tigen. Ich habe auch gute Erfah­rungen mit dem Coaching per Email oder Telefon; aller­dings habe ich meine Klienten dann vorher im persön­li­chen Gespräch oder besser noch, in Arbeits­si­tua­tionen kennen gelernt. Geht das nicht ist der Einsatz eines Profils wie CAPtain, BIP, TOP/EOS oder ähnli­ches sicher hilf­reich für die gemein­same Hypo­the­sen­bil­dung. Für Klienten die sich per Email coachen lassen ist das sicher auch vom Zeit­faktor inter­es­sant. Dazu ist es eine beson­dere Form des sich Einlas­sens auf sich. Das “Schrei­bens” über sich und seine Themen erzeugt ja schon eine Refle­xion. Das ist ähnlich wie beim Tage­­buch-Schreiben; plus die Erwar­tungen die bewusst/unbewusst einfliessen: Was denkt der Coach von mir, wenn er es liest? Was will ich von mir sagen? Komme ich zu gut, zu sehr als Opfer, zu sehr als Macher vor? .…

    Sicher eine gute Option für manche Menschen, um sich auf diese Weise coachen zu lassen.

    Viele Grüße, Chris­toph Schlachte

  5. Danke für das Inter­view! Bish habe ich als Coach Mail, Telefon oder auch Skype als Ergän­zung zwischen zwei Terminen einge­setzt. Auf das persön­liche Coaching-Gespräch vor Ort als zentrales Element würde ich ungern verzichten. Aber manchmal lässt der Termin­plan und die räum­liche Distanz bei Klienten, die viel reisen, wenig Spiel­raum. Dann halte ich Online-Coaching für eine sinn­volle Alter­na­tive, die sicher­lich zuneh­mend akzep­tiert und nach­ge­fragt — gerade von Klienten, die sich in diesen Kommu­ni­ka­ti­ons­tools zuhause fühlen. akzep­ti­wird.

  6. […] Ich bin gespannt auf Ihre Rück­mel­dungen. Empfehlen möchte ich Ihnen außerdem das Inter­view, das Svenja Hofert auf ihrem Blog zum Thema Online-Coaching mit Brigitte Koch geführt […]

  7. Verena Schauder 21. August 2014 at 10:18 — Reply

    Vielen Dank für den tollen Artikel. Ich habe auch schon das Online-Coaching auspro­biert und finde es wirk­lich gut. Mir hat es sehr geholfen. Aber natür­lich gibt es auch andere Meinungen darüber und das ist auch gut so. Manchmal finde ich die, wie Jens Jann­asch schon gesagt hat, Face-to-Face-Vari­ante auch besser, aber so hat man wirk­lich keinen Zeit­stress und muss nicht elend­slang auf einen neuen Termin warten.

  8. Marcel 8. März 2016 at 17:29 — Reply

    Hallo Frau Hofer,

    das ist ein äußerst span­nendes Thema !
    Die Vorteile des Online Coaching für den Coach liegen auf der Hand. Er kann orts- und zeit­un­ab­hängig arbeiten.

    Aber vor allem für die Klienten bietet es zusätz­lich einige Vorteile.
    Gerade bei scham­be­setzten Themen fällt vielen Menschen der schrift­liche Austausch in Ihrer gewohnten Umge­bung deut­lich leichter, als in einem Live-Gespräch.

    Zusätz­lich spielt beim Online Coaching die Möglich­keit des direkten Feed­backs eine wesent­liche Rolle. Der Klient kann Erfah­rungen aus seinem Lebens­alltag unge­fil­tert und sofort mit seinem Coach teilen.
    So verblassen kleine oft wesent­liche Details nicht und nichts wird vergessen.

    Dem Coach gibt dieses Feed­back die Möglich­keit die nächsten gemein­samen Schritte noch besser zu planen und Fort­schritte zu evalu­ieren.
    Aus diesem Grund sehe ich Online Coaching als eine wesent­liche Ergän­zung zum Live- Coaching.

    Viele Grüße
    Marcel

  9. Jan Heller 23. Juni 2017 at 8:08 — Reply

    Ein schönes und lesens­wertes Inter­view! Ich glaube, dass es immer typen­ab­hängig ist, ob man besser die Face-to-Face-Vari­ante oder das Online-Coaching wählt. Ich kenne auch einige Menschen, die mit Online-Coaching gar nicht zurecht kommen.

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