Kate­go­rien

„Mir hat es gefallen und Ihnen doch sicher auch“

Published On: 1. Mai 2013Cate­go­ries: Karriere

„Mir hat es gefallen und Ihnen doch sicher auch. Und wenn Sie jetzt noch Fragen haben…“, schloss der Literat seine Lesung. Oh, Sugges­tiv­frage, böse Falle, dachte ich. Eine sichere Methode, das eigene Besser­werden zu verhin­dern, denn so wird er nicht heraus­finden, was opti­mierbar wäre. Und im Mittelmaß verbleiben. Da steckte er: Ganz gut, aber zum Durch­bruch wäre mehr nötig.

„Ich sehe, es hat geschmeckt,“ sagt der Restau­rant­leiter mit Blick auf unsere leeren Teller und nicht so, als wäre er ernst­haft an einer Meinung inter­es­siert. Hat es, aber dass der Koch statt selbst­ge­machter Toma­ten­kruste gekauftes Toma­ten­mark auf den Wels geschmiert hat, sollte man ihm bei einem Preis von über 20 EUR nicht durch­gehen lassen.

„Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen“, nuschelt die Hotel­an­ge­stellte mit Kopf nach unten.  Das Hotel hatte gefakte fünf Sterne, wie ich über die Dehoga raus­fand, und das Personal war an Schlaf­müt­zig­keit nicht zu über­treffen. Doch niemand wird etwas sagen, wenn er so gefragt wird. Ich auch nicht. Die kriegen ihren Senf im Internet.

Ach, wie sehr könnte einen Kritik doch weiter­bringen! Dem Lite­raten entgeht die Chance, seine vorge­le­senen Geschichten besser zu präsen­tieren. Der Koch wird weiter Toma­ten­mark auf Wels schmieren. Und die Hotel­an­ge­stellte wird sich weiter einbilden, in einem Hotel von groß­ar­tiger Service­qua­lität zu arbeiten, Dehoga hin oder her. Ich fühle mich irgendwie schuldig an dieser Stelle Entwick­lungs­bremse zu sein, aber ich bin faul. Ich mag nur kriti­sieren, wenn es Früchte tragen könnte und auf offene Ohren trifft oder einfach sein muss. Ich begebe mich nur aus der Komfort­zone, wenn die Chance besteht, dass mein Gegen­über aufnimmt, was ich sage.

Dieses Gegen­über sehe ich nicht in der Lage: Der Restau­rant­leiter, so 21 Jahre alt und nicht mit allzu viel Empa­thie gesegnet, nannte meinen Sohn, der gerade daran leidet, nicht zu den Größten zu gehören, wieder­holt „Kleiner“. Zum Abschied erzählte er, wie er letztes Wochen­ende in zwei Stunden von Rügen nach Hamburg gedüst ist, zu einer Party. Das sind 380 Kilo­meter, Sie können rechnen. Ich lächelte und zischte pseudo-aner­ken­­nend als sei das eine große Leis­tung, weil ich keine Lust hatte den Moral­apostel auszu­pa­cken, der gele­gent­lich in mir sitzt. (Der formu­lierte einen Satz über seine Mutter, die wohl ungern eines der zahl­rei­chen Stra­ßen­kreuze mit Blumen schmü­cken wollte, die einem so auf der Strecke begegnen).

Natür­lich wird er nun weiter Gästen von seinen Renn-Aben­­teuern erzählen, einige finden 200 Stun­den­ki­lo­meter viel­leicht richtig männ­lich, die meisten wohl dämlich. Er wird weiter Gästen allerlei Mist erzählen, Jugend­liche „Kleiner“ nennen und das Toma­ten­mark des Kochs auf dem Wels decken. Dabei gehörte er drin­gend in ein Benimm­trai­ning mit anschlie­ßendem Kurs in kunden­ori­en­tierter Gesprächs­füh­rung.

Diese Dinge erklären, warum wir manchmal meinen, „gut“ zu sein und es nicht sind. Wir bekommen keinen Gegen­wind, und richten es uns in unserer Selbst­ein­schät­zung gemüt­lich ein. All die „gebo­renen“ Führungs­kräfte, die gran­diosen Redner, die selbst­ver­liebten Berater…. Sie lassen sich nur allzu gern täuschen, weil wir norma­ler­weise zu faul sind, Feed­back zu geben – posi­tive Rück­mel­dungen ebenso wie nega­tive. Nur, wenn etwas sehr sehr unver­schämt ist oder sehr sehr daneben, wenn es Grenzen über­schreitet – dann sagen wir etwas. Aber in der breiten Varia­tion des Mittel­maßes ist der Wels eben doch noch okay und der Restau­rant­leiter ohnehin unbe­lehrbar.

Wie man das ändern kann? Erst mal sollte man die rich­tigen Leute auf den rich­tigen Platz setzen, den Restau­rant­leiter hätte ich irgenwo in der Disco das Mittel­de­ckes auf dem Kreuz­fahrt­schiff Aida gesehen.

Dann muss man sie entwi­ckeln. Wahr­schein­lich ist viel Trai­ning nötig – die Förde­rung des Selbst­ver­bes­se­rungs­stre­bens wichtig, die im Harrison-Paradox die weiche Gegen­seite des Selbst­be­wusst­seins ist. Ein großes Selbst­be­wusst­sein ist prima, aber es muss durch den Wunsch zur Selbst­ver­bes­se­rung ausge­gli­chen werden, sonst wird es unan­ge­nehm und pene­trant. Wer sich in diesem Paradox ausge­gli­chen verhält, der kann frucht­bare Kritik von unfrucht­barer trennen und ist auch nicht zufrieden, wenn keiner etwas sagt.

„Wir sind an Ihrer ehrli­chen Meinung inter­es­siert“, hätte die Hotel­an­ge­stellte mit Blick­on­takt sagen können. „Der Koch freut sich über Feed­back, ich gebe es gerne weiter“, der Restau­rant­leiter.

Wer ausge­wogen zwischen Selbst­be­wusst­sein und Selbst­ver­bes­se­rung handelt, weiß auch, dass ein mit gut bewer­teter Vortrag, Gäste­fra­ge­bogen oder eine andere Evalu­ie­rung keines­wegs bedeutet, dass nichts zu opti­mieren ist. Umge­kehrt muss eine Kritik nicht notwen­di­ger­weise bedeuten, alles in Frage zu stellen.

Ich gebe aller­dings zu, dass es nicht immer leicht ist, zu entscheiden, welche Anmer­kung berech­tigt ist und welche nicht. Letzte Woche bekamen wir die Rück­mel­dung eines 15jährigen zu unserem Selbst­lern­kurs Berufs­ziel. Der Schüler ist gut damit zurecht­ge­kommen, es hat ihm geholfen, aber er hatte drei Begriffe nicht verstanden, darunter das Wort Intui­tion. Ich hätte das Wort nun in einer Über­ar­bei­tung „über­setzt“, meine Mitar­bei­terin war der Meinung, es drin­zu­lassen, weil er das „wissen müsse“. Ich bleibe bei der Über­set­zung  und sei es nur ein Zusatz in Klam­mern 😉

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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