Kate­go­rien

„Im Zweifel bin ich immer für Auspro­bieren“

Published On: 5. Mai 2013Cate­go­ries: Führung

Danke, lieber Gilbert Diet­rich, für die Offen­le­gung unseres Reiss Profilings vor einigen Monaten. Ein paar Dinge möchte ich aus meiner Sicht noch gern ergänzen.  Den Hokus­­pokus-Vorwurf erdulden alle beliebten Verfahren, auch DISG und MBTI. Die Qualität der Reiss-Kritiker sehe ich selbst durch deren stän­diges Spamming in meinem Blog. Entgegen meiner sonstig offenen Haltung lösche ich inzwi­schen den immer glei­chen Hinweis auf den immer glei­chen Professor und seine immer glei­chen Berichte. Wissen­schaft­lich­keit, das habe ich nun mit verschie­denen Personen disku­tiert, ist nun mal in einem gewissen Rahmen durchaus subjektiv. Und Wissen­schaftler haben Inter­essen, Eitel­keiten und Neben­ge­schäfte, aus denen kommer­zi­elle Inter­essen resul­tieren. Ich mag aggres­sives Verhalten und einsei­tige Argu­men­ta­tion nicht, egal aus welcher Ecke sie kommt.

Nun zu den Motiven: Aus der Ferne hatte ich mir Ihr Profil zusam­men­ge­dacht und mich auch über die rote Neugier gewun­dert. Da ich selbst eine gelb-grüne Neugier habe, also eine leichte Neigung zum Theo­ri­sieren, aber auch ein ganz klarer N‑Typ im MBTI bin, ist die Intui­tion anschei­nend nicht nur hier veran­kert. Bei unserem Gespräch schien mir, dass die Treiber zum Lesen und die wissen­schaft­liche Orien­tie­rung aus den roten Bezie­hungen und der nied­rigen emotio­nalen Ruhe kommen. Und wenn ich Ihren Satz lese „Im Zweifel bin ich immer für Auspro­bieren“, so spie­gelt dieser „rote Neugier“ pur: Prak­tisch, Machen, Tun!

„Es ist kaum plau­sibel, dass jemand ausge­prägte “Team­ori­en­tie­rung” hat und gleich­zeitig sehr niedrig ausge­prägte Motive “Aner­ken­nung” oder “Bezie­hungen”.

Oh, doch! Aus solchen schein­baren Wider­sprü­chen ergeben sich ja auch die ganzen Miss­ver­ständ­nisse in der Einschät­zung von Menschen. „Du bist doch!“ „Du kannst ja!“ Wenn jemand sehr kommu­ni­kativ ist, kann das zum Beispiel die grüne Aner­ken­nung sein. Bei gleich­zeitig nied­rigen Bezie­hungen und even­tuell auch roter Familie, ist aber der Wunsch nach Rückzug groß. So jemand wird als nett und freund­lich wahr­ge­nommen und mögli­cher­weise in den Vertrieb gesteckt – wo er aber andau­ernd in Kontakt­si­tua­tionen muss, die Kraft zehren.

Die Kate­gorie Extra­ver­sion kennt Reiss nicht. Menschen mit starker Team­ori­en­tie­rung sind sehr auf Austausch bedacht, es kann sehr gut sein, dass sie gleich­zeitig inner­lich sehr sicher und selbst­über­zeugt sind (Aner­ken­nung niedrig) und rote Bezie­hungen haben. Man würde es daran erkennen, dass so ein Mensch, hat er zusätz­lich eine grüne Macht, eine sehr austausch- und dialog­ori­en­tierte Führungs­kraft wäre, die gleich­zeitig Wert auf eine offene und kritik­freu­dige Kultur legt (nied­rige Aner­ken­nung). Seine Mitar­beiter würden sich viel­leicht wundern, dass so ein toller Chef keine Lust hat gemein­same Grill­abende zu gestalten und könnten irri­tiert sein über die Abgren­zung des Privaten.

Ganz wichtig ist es mir zu sagen: Jeder Mensch kann jedes Verhalten aus seinen Motiven entwi­ckeln! Ein flexi­bler Mensch kann zum Beispiel penibel ordent­lich sein – eine hohe Aner­ken­nung oder auch Macht führt ihn dazu. Auch Stärken und Fertig­keiten sieht man in den Motiven nicht. Sie erkennen nur, wo es leichter fällt, diese zu entwi­ckeln. Es ist beispiels­weise für jemanden mit roter Macht extrem anstren­gend die trei­bende (Alpha-) Rolle zu spielen, deshalb sind die meisten steu­ernden Führungs­auf­gaben anstren­gend für solche Menschen.

Hinter den sehr starken Ausprä­gungen, 2,0 in die eine oder andere Rich­tung, verste­cken sich zudem oft Lebens­themen. Ich hatte einen Fall mit einer extrem starken Ausprä­gung bei nied­riger körper­li­cher Akti­vität (2,0 rot). Die Frau hatte sonst überall gelbe Motive, war also sehr „ausge­pen­delt“ — nur das fiel auf. Im Laufe der Bera­tung kamen wir auf die dahinter liegenden Themen – und Lösungen dafür. Aus einer Arbei­ter­fa­milie stam­mend, war sie die stän­dige Bewe­gung von Haus aus gewohnt, keine Ruhe, immer nur Hektik. Ihr Bedürfnis nach körper­li­cher Ruhe war so etwas wie stiller Wider­stand. Prak­tisch inte­grierte sie es in ihr Lebens- und Berufs­kon­zept, indem sie sich mittags eine Stunde hinlegte und abends in die stille Natur begab, um sich einfach nur ruhig hinzu­setzen. Die Motive geben also auch Anhalts­punkte für Lösungen.

Diese Dinge erklären sich nicht aus den Text­bau­steinen, deshalb bekommen Klienten bei mir nicht einfach so ein Profil und dann eine Erklä­rung. Reiss ist optional in mein Bera­tungs­kon­zept inte­griert — und bestimmt es nicht. …Weil stimmt, was Sie sagen: Nur die Text­bau­steine sind zwar inter­es­sant, aber es verbirgt sich viel mehr dahinter (es gibt übri­gens auch eine deeper analysis, habe ich Sie Ihnen gegeben?). Das Zusam­men­spiel ist das wirk­lich Inter­es­sante. Es hilft bei der beruf­li­chen Orien­tie­rung, der Zusam­men­ar­beit mit anderen, aber auch beim Schaffen von „passenden“ Lebens­um­ständen. Für die Perso­nal­aus­wahl jedoch würde ich es nicht empfehlen, hier sind Tests wie der Big 5 besser.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Gilbert 7. Mai 2013 at 22:59 — Reply

    Vielen Dank für diese tollen erklä­renden Ergän­zungen! Ich muss sagen, dass mir einiges durch das komplexe Zusam­men­spiel der 16 Motive noch etwas unklar ist.

    Es macht mich auch ein biss­chen skep­tisch, dass man prak­tisch aus diesem Zusam­men­spiel heraus alles “zurecht-erklären” kann. Mit anderen Worten: Ist eine Über­prüf­bar­keit möglich oder ist jeder Schluss von vorn­herein immun gegen Einwände?

    Die deeper analysis habe ich nicht, das würde mich schon inter­es­sieren, um es besser verstehen zu können (ich habe diesen Drang, Dinge zu verstehen, von wegen rote Neugier 😉

    Übri­gens hatte eine gute Freundin, ehema­lige Kollegin, Krimi-Autorin und eben­falls Coach einen inter­es­santen Artikel zum Thema Reiss Profile und Fiktion geschrieben: http://bit.ly/ZNS8D1
    Eine ziem­lich krea­tive Nutzung der Reiss Profile, wie ich finde.

    Ich freue mich auf mehr zum Thema und bleibe dran!

    • Svenja Hofert 8. Mai 2013 at 8:31 — Reply

      Nehmen wir mal Neugier grün (theo­re­ti­sche Neugier), da steht bei der Selbst­wahr­neh­mung: “Ich bin smart, inter­es­siert, geist­voll, ein guter Lehrer und Entde­cker, habe Spaß am Denken, will viel Neues erfahren, das Denken ist ein Lebens­eli­xier, Hinter­gründe vertiefen, modi­fi­zieren vom Alltäg­li­chem, Wunsch nach Selbst­er­kenntnis, jedes Wissen aufbauen, egal ob man es braucht oder nicht.” Das stimmt für mich, leider, denn es führt dazu, dass ich so gut wie alles wissen will (und dann oft auch just in time, wenn es mich inter­es­siert — Geld, andere Leute, drin­gende aktu­elle Bedarfe — das alles ist in dem Moment des Wissens/Denkens unwichtig). Im Privat­leben bin ich verschrien als voll­kommen inkom­pa­tibel für alles, was prak­tisch ist (Kochen, Putzen, Alltäg­li­ches erle­digen, Garten­ar­beit…)
      Bei Ihnen steht (prak­ti­sche Neugier): “Ich bin prak­tisch, realis­tisch, ein Wissender (im Sinne von Praxis), habe gesunden Menschen­ver­stand, habe Spaß am Machen, bin ein guter Wissens­ver­werter, Anwender, bin hand­lungs­ori­en­tiert, Umsetzer, Routine macht Spaß.” Für mich stimmt davon nur der gesunde Menschen­ver­stand, Routine geht für mich gar nicht.
      Und jetzt die Frage: Ist das so richtig für Sie? Schicke Ihnen das alles mal zu. Und NEIN, zurecht­legen ist natür­lich großer Unsinn. Die Kunst ist doch eine gute freie Inter­pre­ta­tion, die auf Erfah­rung beruht und darauf, dass so etwas bei einem anderen genau so war. LG Svenja Hofert

      • Gilbert 9. Mai 2013 at 12:42 — Reply

        Wenn ich die beiden Beschrei­bungen lese, dann tendiere ich in meiner Selbst­ein­schät­zung klar zur ersten (grüne Neugier) und ich bin (mindes­tens bei meiner Frau) ebenso verschrieen, was das Prak­ti­sche angeht. Wahr­schein­lich (und das ist beim MBTI — S/N — bei mir so) bin ich aber eher mittig auf der Skala anzu­treffen.

        Mein Couch-Ich ist klar grün/intuitive und mein Büro-Ich ist eher rot/sensing (und ziel­ori­en­tiert).

        Ich habe die Vermu­tung, dass unser momen­tanes Mindset, wenn wir solche Tests ausfüllen, entschei­dend ist, was sich bei wenig extremen Ausprä­gungen durch­setzt. Das Reiss Profile habe ich am Schreib­tisch in meinem Büro ausge­füllt und ich kann mir vorstellen, dass mitten am Tag mein prak­ti­sches Mindset durschlug (wahr­schein­lich schlug ich gerade kurz zuvor wieder mal mit der Faust auf den Tisch und sagte meinen Kollegen, dass die ganzen Ideen und Konzepte ja toll sind, aber jetzt ist es Zeit, endlich mal was umzu­setzen 😉

        Würde mich über Zusen­dung der ausführ­li­chen Formu­lie­rungen echt freuen. Danke und Liebe Grüße!

        • Svenja Hofert 10. Mai 2013 at 11:17 — Reply

          mache ich, wenn ich wieder im Büro bin (grad nämlich unter­wegs). Es kann sein, dass hier das Ergebnis einfach nicht ganz stimmig war. Ich habe nämlich Kollegen im Kpf, die den Test bei mir gemacht haben und echte rote Neugier haben. Die schauen nur unter Zwang und bei Bezah­lung in Bücher 😉 Echte Prak­tiker tun sich auch mit der Uni eher schwer, es sei denn Ings, das war in den bishe­rigen Ergeb­nissen eigent­lich immer sehr stimmig.

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