Kate­go­rien

Oh wie schreck­lich, oh wie schön? Mit 50 auf Jobsuche

Published On: 16. Mai 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

 

© Fotowerk - Fotolia.com

© Foto­werk — Fotolia.com

Muss man sich als „Oldie“ anders bewerben als als Youngster? Diese Woche rief mich das Hamburger Abend­blatt mit dieser Frage an. „Können Sie dazu etwas sagen?“ Kann ich. Gerade habe ich einige um die 50jährige im Outpla­ce­ment oder anderen Bera­tungs­pro­grammen.  Durch die Möglich­keit, am Prozess teil­zu­nehmen und genau zu beob­achten, wer wann und aus welchem Grund einge­laden wird und was er/sie dabei erlebt, lerne ich, was derzeit am Markt los ist. Ein Teil ist erfreu­lich, ein anderer nicht. Das Thema Spal­tung des Arbeits­marktes ist überall. Und was Florian Gerster gestern bei Anne Will sagte, gilt immer mehr: Es gibt keine Arbeits­welt, es gibt verschie­dene Arbeits­welten.

Dabei zeichnen sich gerade im Moment entschei­dende Unter­schiede zwischen Männern und Frauen ab. Für beide gilt jedoch: In kleinen und mitt­leren Unter­nehmen sind die Bezah­lungen schlechter, aber die Chancen besser.  Immer noch gibt es Konzerne, in  denen sich niemand über 55 findet und die sogar Ältere abbauen. Ja, nicht wenige Konzerne haben noch Früh­­renten-Ange­­bote!  Vor allem bei inter­na­tio­nalen Konzernen fordert zudem die Spitze im Ausland eine andere Perso­nal­po­litik als diese dem deut­schen Markt ange­messen wäre…

Frauen um die 50

Während es Anfang dieses Jahr­tau­sends noch schwer war, Frauen in diesem Alter in Jobs zu bringen, ist das inzwi­schen erheb­lich leichter geworden. Wenn… ja, wenn, die Voraus­set­zungen stimmen. Und die lauten: Gut vermit­telbar sind alle moti­vierten Assis­tenz­kräfte mit mitt­leren Office-Kenn­t­­nissen, am besten SAP und Englisch. Immer öfter scheinen Firmen ihre jüngeren Mitar­bei­te­rinnen der Gene­ra­tion Y zu „schassen“, weil sie nicht so ohne weiteres Über­stunden machen und sich nicht richtig rein­hängen. Sie ziehen gesunde Grenzen – gut zur Burn­out­pro­phy­laxe, schlecht für die Chefs der alten Schule. Da hilft auch nicht, dass die Digital Natives Excel-Kalku­la­­tionen erstellen können und die Offline Natives manchmal kaum ein PDF umwan­deln…

Meine Erklä­rung dafür:

Frauen um die 50 defi­nieren sich immer noch anders. Durch andere Erzie­hung und Sozia­li­sie­rung sind sie unterm Strich nicht so selbst­be­wusst wie die jungen. Das Verhältnis zum Chef ist noch eher ein Papa-ähnli­ches. Frau sucht beim Chef nach Bestä­ti­gung – teils bis zur Selbst­auf­gabe. Maike Richter scheint mir ein fast krank­haft anmu­tendes Extrem­bei­spiel der sekre­ta­rialen weib­li­chen Aufop­fe­rung für einen Chef zu sein. „Am liebsten suche ich mir Hotel­fach­frauen oder solche aus der Medi­en­branche – die können richtig arbeiten“, habe ich nicht nur einmal von Geschäfts­füh­rern gehört.

Jüngere Frauen haben diese Aufop­fe­rungs­be­reit­schaft seltener, was ich sehr gut finde.  Je weniger Frauen das machen, desto mehr müssen Chefs ihr Denken ändern.  Aber für die 50jährigen ist diese Situa­tion, jetzt im Moment, eine Riesen­chance.

Bewer­bung:

In der Bewer­bung gilt es, heraus­zu­ar­beiten, was man bisher geleistet hat. Im Gespräch empfehle ich, Grenzen ziehen, denn die meisten wech­seln in diesem Alter auch, um mehr Lebens­qua­lität zu bekommen. Und von einem 16-Stunden-Job in den nächsten kann nicht die Lösung sein. Darauf scheinen sich Unter­nehmen einzu­stellen. Im Zweifel hängt sich die 50jährige Anna jedoch auch mit einem acht Stunden-Tag mehr rein als die 23jährige Chan­talle. Multi­kas­king soll auch etwas sein, was Ältere besser können, sagt man mir.

Vor der Bewer­bung gilt es realis­tisch Bilanz zu ziehen: Die beste Bewer­bung nutzt nichts, wenn grund­le­gende Skills fehlen, etwa Excel. Meiden Sie Posi­tionen, die von einer 25jährigen genauso ausgeübt werden können, weil  hier die jüngere immer auch die „billi­gere“ ist.

Neuori­en­tie­rung:

Möchten Sie Bereiche wech­seln, rechnen Sie mit einer Orien­­tie­rungs- und Such­phase von zwei Jahren, bei größeren Verän­de­rungen sogar mehr. Ich sage meinen Kundinnen und Kunden immer explizit, mit welchem Zeit­ho­ri­zont sie rechnen müssen – das hilft, sich realis­tisch darauf einzu­stellen und z.B. einen Plan für Weiter­bil­dung und Networ­king zu machen.

Anders als Männer, die es um die 50 oft noch mal „wissen“ wollen, suchen Frauen, die bis dahin voll im Saft standen, oft ein Down­s­hif­ting. Trauen Sie sich das auch offen im Vorstel­lungs­ge­spräch auszu­spre­chen. Perso­naler können das einschätzen. Sie wissen, dass sie auch im Down­s­hif­ting noch leis­tungs­fä­higer sind als manche junge.

Männer um die 50

Männer um die 50 eignen sich leider schlecht für die sehr verbrei­teten Assis­tenz­jobs, Gegen­bei­spiele bitte melden 😉 Das engt Ihren Markt auto­ma­tisch ein: Sind Sie tech­nisch oder kauf­män­nisch orien­tiert, haben Sie mit einem guten Profil auch gute Chancen. Ausnahme: Jemand mit 30 kann den Job exakt genauso ausüben – oder sogar besser. Dabei geht es wie bei Frauen nicht nur um Fertig­keiten, sondern auch um persön­liche Fähig­keiten, etwa inter­kul­tu­relle Zusam­men­ar­beit zu fördern.

Eine Führungs­po­si­tion erleich­tert die Neuori­en­tie­rung nicht unbe­dingt. Oft haben gerade mitt­lere Manager um die 50 (aber auch schon jünger) erheb­liche Probleme etwas adäquates Neues zu finden. Neuere Studien wie die die von Uwe Kanning von der Uni Osna­brück besagen schließ­lich, dass mehr Führungs­er­fah­rung die Führungs­kom­pe­tenz nicht verbes­sert. Hinzu kommen verän­derte Anfor­de­rungen an Führung durch eine selbst­be­wuss­tere jüngere Gene­ra­tion, die sich mit Status- und Hier­ar­chie­denken nicht mehr lenken lässt.

Sehr schwierig sind spezi­elle Profile, wie sie sich oft nach einer längeren Konzern­kar­riere ausge­bildet haben – mit entspre­chenden Gehalts­vor­stel­lungen. Auch hier kann man sich bisweilen auf zwei Jahre Suche einstellen, sofern man nicht alles machen will. (ja, dass nur ein Jahr Arbeits­lo­sen­geld gezahlt wird, finde ich falsch, man müsste das staf­feln).

Bewer­bung

Erfolgs­ori­en­tie­rung ist wichtig, weiterhin ein sicht­barer Antrieb, sich weiter­zu­bilden. Hier erlebe ich gerade Männer als sehr resis­tent.  Fort­bil­dung brau­chen sie nicht. Hm – ist das zeit­gemäß? Bleibt man so wett­be­werbs­fähig? Warum nicht mit 50 noch das abge­bro­chene Studium abschließen oder die Steu­er­­be­rater-Prüfung machen? Während das für Digital Natives ganz normal ist, mögen viele Herren – Ausnahme ist hier die IT-Branche mit einer gene­rell höheren Bildungs­be­reit­schaft – den Gedanken nicht, noch mal lernen zu müssen. In der Bewer­bung würde aber genau das ein gutes Signal setzen.

Auch hier ist die Auswahl der Stellen entschei­dend: Ein 50jähriger wird kaum als Event­ma­nager einge­laden werden, wohl aber als Vertriebs­mit­ar­beiter.

Neuori­en­tie­rung

Hier stehen, viel mehr als bei Frauen, oft finan­zi­elle Erwä­gungen gegen zu starke Schlenker. Alle träumen vom Wein­handel, von der Scha­fe­zucht oder anderen schönen Dingen. Aber wer sich mal damit beschäf­tigt, was das finan­ziell bedeutet, legt es bald ad acta.

Wer zum Beispiel in der Versi­che­rungs­branche groß geworden ist, ist nun mal dicke Gehälter gewohnt. So jemand  lieb­äu­gelt dann eher kurz mit anderen Bran­chen, die viel schlechter zahlen (auch wenn im Versi­che­rungs­wesen die Zeiten von Big Busi­ness passe sind).

Statt Schafe zu züchten, machen sich dann viele Männer sich in diesem Alter  noch mal selbst­ständig oder erwerben Anteile an Unter­nehmen.

Ich empfehle als Selbst­lern­pro­gamm bei Kexpa zu diesem Thema das Bewer­bungs­trai­ning.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

5 Kommen­tare

  1. Dieser Artikel hat mich gepackt, weil ist zur Ziel­gruppe der Bald-50er gehöre und die letzten Jahre den Arbeits­markt immer mal wieder — mitt­ler­weile aus der Selb­stän­dig­keit heraus — getestet habe. Was mich dabei traurig stimmte, sind zwei Dinge: Es scheint tatsäch­lich so, als seien fast nur noch Assis­ten­tinnen vermit­telbar — für gestan­dene Frauen gibt es so gut wie keine “vernünf­tigen” Jobs. Die auch eine ange­mes­sene Bezah­lung beinhalten.

    Zudem beob­achte ich mit Wut, dass selbst eine simple Assis­tentin in Zeit­ar­beit am besten verhand­lungs­si­cher Englisch können soll. Warum? Weil der Chef selbst es nämlich NICHT kann. So viel zum Thema Weiter­bil­dungs­be­darf bei Männern.

    Ich selbst bekam mit 38 erst­malig zu hören: “Sie sind über­qua­li­fi­ziert.” Das war ein Synonym für “zu teuer”. Dabei hatten wir über Geld nicht einmal gespro­chen — sondern über meinen Lebens­lauf. Im Verhältnis zur anvi­sierten und ausge­schrie­benen Assis­ten­tin­nen­stelle. Klar bin ich da über­qua­li­fi­ziert. Dummer­weise möchte Frau dennoch ihren Lebens­un­ter­halt selbst bestreiten und einen Renten­an­spruch aufbauen können. Ich hätte damals für deut­lich weniger Geld gear­beitet — wenn man mich denn gelassen hätte. Denn meine Quali­fi­ka­tionen kann ich in einer Bewer­bung eben nicht verschweigen…sie stehen ja in den Zeug­nissen.

    • Svenja Hofert 16. Mai 2013 at 13:43 — Reply

      ja, liebe Frau Schö­bitz, ist leider derzeit so, wobei es Ausnahmen gibt, aber die selten sind… und man auf dem klas­si­schen Bewer­bungsweg nicht an sie kommt. Und ja, die Arbeits­welt spie­gelt wunderbar das Verhältnis Mann/Frau — es ist immer von Topma­na­ge­rinnen die Rede, die Ebene drunter schaut sich keiner an. Viel zu tun. LG Svenja Hofert

  2. Chris­toph Burger 17. Mai 2013 at 9:27 — Reply

    Frau Schö­bitz, Sie beschreiben eine sehr typi­sche Situa­tion. Ältere würden oft gerne beim Gehalt Abstriche machen. Ihr — auch nur vermu­teter — Gehalts­an­spruch ist aber ein großes Hindernis auf dem Weg zur Anstel­lung. Hier muss im Anschreiben und später im Gespräch, wenn es soweit kommt, die Flexi­biltät beim Gehalt sehr klar kommu­ni­ziert werden. Inso­fern kommt es auch auf das rich­tige Bewer­bungs­an­schreiben und “die erste Zahl” beim Thema Gehalt an. Das ist häufig der Schlüssel zum neuen Job.

  3. Dr. Eva Reich­mann 17. Mai 2013 at 11:29 — Reply

    Der Grund­tenor, dass Frauen um die 50 sich leichter ausbeuten lassen weil sie noch andere Rollen­bilder im Kopf haben — und das dies eine Chance sei — befremdet mich etwas.
    Sobald es um Arbeits­felder geht, für die eine akade­mi­sche Ausbil­dung erfor­der­lich ist, habe ich durch Rück­mel­dungen unserer Klien­tinnen das Gefühl, dass Arbeit­geber sich lieber an jungen und vor allem billi­geren Studi­en­ab­sol­ven­tinnen orien­tieren, anstatt jemanden mit Berufs­er­fah­rung einzu­stellen — und der Markt produ­ziert aktuell ja auch genug (zu viel?) Jungakademiker/innen.

  4. Lars Hahn 17. Mai 2013 at 16:17 — Reply

    Dass Menschen es mit 50+ heute am Arbeits­markt einfa­cher haben, als noch vor 5 Jahren erlebe ich täglich.
    Aller­dings ist es natür­lich abhängig von den indi­vi­du­ellen Rahmen­be­din­gungen.
    Männer haben’s bisweilen leichter, ja. Ich mache aber auch die Erfah­rung, dass das als spezia­li­sierte Fach­kraft einfa­cher ist, als als Führungs­kraft. Inbe­son­dere Konzerne glauben eben immer noch, dass sie die Erfah­renen nicht benö­tigen. Aber das wird sich ändern.

Leave A Comment