Kate­go­rien

Leben, nicht über­leben! Die Zukunft der freien Jour­na­listen

Published On: 21. Mai 2013Cate­go­ries: Führung

Ob Fern­sehen, Print oder Radio – überall ist die Stim­mung gedrückt. Hono­rare verfallen, Konkur­renz wächst. Frust schieben oder nach vorne schauen? Ich habe viele Kunden aus dem Medi­en­be­reich, höre von daher eine Menge auch weniger Schönes — und bin dennoch fürs Nach­vor­ne­schauen! So freue ich mich  über Jour­na­listen, die den Wandel anpa­cken wollen und bereit sind, sich  Verän­de­rungen zu stellen. In Benjamin O’Daniel habe ich so jemanden gefunden und ange­spro­chen. Mit dem 32-jährigen freien Jour­na­listen führte ich ein offenes Gespräch über Wege, die ein „artge­rechtes“ Jour­na­­listen-Leben im digi­talen Zeit­alter ermög­li­chen.

(Es ist 9 Uhr morgens). Was machen Sie gerade und wo?

O´Daniel: Ich habe meine Tochter zur Tages­mutter gebracht und jetzt sitze ich in meinem Büro in Köln-Ehren­­feld. Es tut gut, seinen Arbeits­platz außer­halb der Wohnung zu haben.

Sie sind gelernter Lokal­jour­na­list. Das sind die Jour­na­listen, die immer noch „alles lernen“ und sich norma­ler­weise als Gene­ra­listen sehen. Und dann haben Sie auch noch Poli­tik­wis­sen­schaft studiert! Aber typisch sind Sie nicht. Sie sind zum Beispiel gern ein Frei­be­rufler und sehen das nicht als Notlö­sung.

O´Daniel: Ich habe mich nach meinem Volon­ta­riat vor drei Jahren bewusst für die Selbst­stän­dig­keit entschieden, obwohl ich auch andere Optionen hatte. Für mich bietet die Selbst­stän­dig­keit die inter­es­san­teren Perspek­tiven: Unab­hän­gig­keit und Frei­heit neue Ideen umzu­setzen. Mitt­ler­weile habe ich bereits mehrere Ange­bote für feste Stellen ausge­schlagen. Finan­ziell geht es mir gut. Ich arbeite in mehreren Projekten im Print- und Online-Bereich. So bin ich nicht von nur einem Kunden exis­ten­ziell abhängig. Einzel­auf­träge haben im Vergleich dazu einen kleinen Stel­len­wert. Ich achte außerdem darauf, dass ich immer noch Zeit für eigene Projekte habe und mich weiter­bilden kann.

Wie aus einem meiner Bücher, da empfehle ich diese Auftei­lung Diese Art zu arbeiten ist aller­dings schwierig bei einigen Fern­seh­jour­na­listen, die sich teils über Wochen binden müssen. Hier braucht man indi­vi­du­elle Lösungen, am besten ein zweites Stand­bein.

O´Daniel: Es entstehen viele neue Arbeits­felder, in denen Jour­na­listen heute etwas Eigenes auf die Beine stellen können. Zu ihrem Fern­seh­jour­na­listen fällt mir spontan ein: Er könnte Experte für profes­sio­nelle iPhone-Filme werden, Youtube-Tuto­rials dazu erstellen und später, wenn er bekannt ist, Webi­nare anbieten. Ich sehe aber auch viele Kollegen, die nicht nur als Jour­na­list, sondern im klas­si­schen Drei­bein auch als Refe­rent und Trainer unter­wegs sind. Man kann immer mehrere Stand­beine haben, nur sollte man sie auf jeden Fall profes­sio­na­li­sieren und aktiv kommu­ni­zieren. Die Zeit des freien Jour­na­listen, der als eier­le­gende Woll­milchsau alles macht, was er so ange­boten bekommt, ist vorbei. Die Kunden suchen nach Spezia­listen. Und sie finden die Spezia­listen übers Netz.

Als Trainer zu arbeiten oder Webi­nare anzu­bieten – das ist eine Rich­tung für die eher Extro­ver­tierten und /oder Selbst­be­wussten. Das kann nicht jeder.

O´Daniel: Aber es gibt eben auch genü­gend andere Felder. Ich kenne Kollegen, die als Ghost­writer arbeiten, als Texter oder als Reden­schreiber im Hinter­grund. Ich selbst schreibe nicht nur, sondern berate auch Kunden, wie sie ihren Content verbes­sern können. Außerdem manage ich Projekte eigen­ver­ant­wort­lich, vom Redak­ti­ons­plan bis zur Steue­rung anderer Autoren und Grafiker. Einfache Text­auf­träge in einem unspe­zi­fi­schen Umfeld kann jeder erle­digen – da werden die Hono­rare nicht steigen. Ich sehe die Entwick­lung ähnlich wie in der IT-Branche. Einfache Program­mie­rung wird nach Asien oder Osteu­ropa outges­ourct. Das Manage­ment von Inhalten, die Quali­täts­si­che­rung, die Entwick­lungs­ar­beit, diese schwie­rigen Aufgaben bleiben. Outsour­cing klappt im Jour­na­lismus natür­lich nicht gut, statt­dessen gibt es eben den Preis­ver­fall bei den Hono­raren.

Richtig! Viele schauen nur auf die klas­si­sche PR, aber auch da ist die Konkur­renz inzwi­schen zu groß. Es gibt neue Felder, das Internet gibt viel her. Ich lese immer mehr Blogger in tradi­tio­nellen Medien.… Content-Marke­­ting ist auch ein Thema. Dafür müssen Texte gut sein. Der SEO-Müll der letzten Jahre funk­tio­niert doch nicht mehr lange!

O´Daniel: Der Jour­na­lismus wird auf allen Ebenen inhalt­lich anspruchs­voller und zugleich tech­ni­scher und komplexer. Man muss sich in Print und Online richtig gut auskennen – und zwar auf der Praxis-Ebene. Einen Blog mit Word­Press zu bauen ist keine Kunst, das kann jeder lernen oder sich für vergleichs­weise wenig Geld umsetzen lassen. Und sich damit gleich ein neues Betä­ti­gungs­feld schaffen. Viele Tätig­keiten entlang der eigenen Kompe­tenzen, aber mit Fokus auf ein Thema verschmelzen, das ist die Kunst.

Ich sehe auch hinter vielen Twit­ter­ac­counts von Firmen und Orga­ni­sa­tionen Jour­na­listen. Die machen es richtig. Auch twit­tern ist eine neue Form des Jour­na­lismus. Man kann es gut machen und schlecht.

O´Daniel: Das sehen viele leider nicht so. Wenn ich bedenke, welchen mini­malen Raum das Thema Online in meiner sonst sehr guten Ausbil­dung hatte… Das Image von Online war immer eines der zweiten Klasse. Viele kommen nicht damit zurecht, dass die zweite Klasse gerade die erste über­holt… Die Onliner sind die neuen Takt­geber.

Ich sehe bei manchen der Jour­na­lis­ten­schulen auch die Verlags­ge­bun­den­heit als das Problem. Ein erfolg­rei­cher Jour­na­list der Zukunft wird sich seinen eigenen Namen aufbauen müssen. Die Ausbil­dung fördert das nicht, genauso wenig wie sie norma­ler­weise Selbst­stän­dig­keit als Option jenseits eines Skla­ven­ver­hältnis Verlag-Freier vermit­telt. Verlage werden aus meiner Sicht irgend­wann vor allem Content-Makler sein.

O´Daniel: Tatsache ist, dass sich die jour­na­lis­ti­sche Land­schaft in kurzer Zeit deut­lich verän­dert hat. Es haben sich viele freie Jour­na­listen etabliert, die sich eine eigene Commu­nity aufge­baut haben und deren Name für Qualität steht. Ulrike Langer, Mario Sixtus, Daniel Fiene – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die tradi­tio­nellen Jour­na­lis­ten­aus­bilder beharrten lang auf ihrem alten Denken, ein Jour­na­list müsse sich alle Themen erar­beiten können. Was für ein Unsinn, das lässt die Wissens­ge­sell­schaft viel­fach nicht mehr zu!

O´Daniel: Das gilt für fest­an­ge­stellte Jour­na­listen sicher immer noch. Aber freie Jour­na­listen sollten sich auf wenige Themen konzen­trieren und verschie­dene Kompe­tenzen intel­li­gent mixen. Es gibt jede Menge kleine Themen­ni­schen, die sehr erfolg­reich besetzt worden sind. Das Blog „Lousy Pennies“ berichtet darüber immer wieder.

Man muss aller­dings dran­bleiben. Und das liegt vielen nicht. Man braucht ein bis zwei Jahre Anlauf und muss hart­nä­ckig sein. Sehr sogar.

O´Daniel: Das mag viel Arbeit sein, es lohnt sich aber. Es gibt ja eine schöne Unter­schei­dung: Man kann in seinem Unter­nehmen arbeiten, also Text­auf­träge abar­beiten. Oder man arbeitet an seinem Unter­nehmen, schaut also, welche Zukunfts­felder man sich erschließen will oder wie man sein Port­folio opti­mieren möchte.

Das sehe ich auch so. Hinzu kommt: Jour­na­listen sind nicht so gewohnt, sich selbst darzu­stellen. Schade. Sie, Herr O´Daniel, machen es gut, auf Ihrer Seite findet man keine Feder oder eines dieser unsäg­li­chen visu­ellen Schreib­sym­bole.

O´Daniel: Danke! Auch die Arbeit am eigenen Auftritt ist harte Arbeit. Ich über­ar­beite meine Seite regel­mäßig. Meine Selbst­stän­dig­keit entwi­ckelt sich ständig weiter. Immer wenn ich etwas lese, habe ich gleich neue Ideen, die ich umsetzen will.

Eine solche Offen­heit für Neues ist ohne Frage einer der wich­tigsten Voraus­set­zungen, seine Zukunft selbst zu gestalten. Und das ist wohl eine der wesent­li­chen Dinge, die einen Jour­na­listen auszeichnet, der auch im Jahr 2020 noch gut im Geschäft sein wird.

Wie geht es…? Im zweiten Teil stellen Ihnen Benjamin O´Daniel und ich je drei jour­na­lis­ti­sche Projekte vor, die zeigen, wie man freien Jour­na­lismus neu denken kann. Bis Morgen!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. […] Leben, nicht über­leben! Die Zukunft der freien Jour­na­listen – Svenja Hofert inter­viewt den freien Jour­na­listen Benjamin O´Daniel um Thema Arbeits­be­din­gungen. […]

  2. Arnold Zimprich 14. Januar 2016 at 6:30 — Reply

    Hallo Svenja,
    Danke für das inter­es­sante Inter­view. Ich bin gerade drauf und dran, die Selbst­stän­dig­keit anzu­pa­cken und sehr an Input inter­es­siert.
    Viele Grüße,
    Arnold

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