Kate­go­rien

Hartz IV von der anderen Seite

Published On: 27. September 2010Cate­go­ries: Führung

Da sich gerade alle so heftig über 5 Euro mehr aufregen, werfe ich heute einmal ein heißes Eisen ins Feuer, dass sonst nur wenige anfassen: Was bedeutet eigent­lich Hartz IV für Arbeit­geber? Ich kann aus der Erfah­rung meiner Kunden, Kollegen und aus der eigenen Praxis nur sagen: Hartz IV ist der beste Arbeits­platz­ver­hin­derer, den es gibt. Ein Jobkiller par excel­lence. Warum?

1. Im Mini­job­be­reich bis 400 Euro ist es für Hartzer völlig unin­ter­es­sant, Jobs nach­zu­gehen, die mehr als 100 Euro bringen. Das müssen sie eh abgeben. Und mir als Arbeit­geber bricht es erstens das Herz, mein Geld an eine Insti­tu­tion weiter­zu­rei­chen, die ich für frag­würdig halte — und zwei­tens das Herz, weil ich will, dass mein Geld beim Mitar­beiter ankommt.

2. Jobs um die 800, 1000, 1200 Euro, sprich normale Teil­zeit im quali­fi­zier­teren Bereich sind für Hartzer keine Alter­na­tive, weil sie sich damit schlechter stehen als ohne. Beispiel: 1.200 Euro brutto ergibt netto kaum 800 Euro. So wird man besten­falls zum Aufsto­cker. Kann man auch bequemer haben: Gar nicht arbeiten und weiter Hartz-en.

3. Hart­zern mit Fami­lien müssten Sie Gehälter bieten, die für kleine Unter­nehmen nicht in Frage kommen z.B. 3.800 Euro brutto für jemanden mit drei Kindern. Erst bei diesem Einkommen fängt sich das Arbeiten an zu lohnen. Und da wundert sich jemand, dass die Lust dazu gering ausfällt?

4. Der elende Papier­kram! Für Hartz-IV-Mitar­­beiter müssen Sie andau­ernd irgendein Formular ausfüllen, etwas bestä­tigen etc. Nerviger Büro­kra­tie­kram!

Ein Fall­bei­spiel? Gern: Der E‑Com­­merce-Unter­­nehmer Hans wollte seine 400-Euro-Kraft Maria gern mit 30 Stunden beschäf­tigen, denn Maria war eine echte Perle, so eine findet man selten. Obwohl von den 400 Euro nach Abzug durch die Arge nur 100 blieben, machte ihr die Arbeit Spaß… und sie wollte so gerne mehr arbeiten. Hans rech­nete hin und her, aber die realis­ti­schen Gehälter fielen so niedrig aus, dass Hartz IV für Maria die bessere Lösung blieb — zumal Maria mit einem Hartz-Mann zusam­men­lebte, die Berech­nungs­grund­lage also noch höher als bei einem Single ausfiel. Das Ende vom Lied: Es hätte ein Job entstehen können für jemand, der sonst kaum eine Chance hätte. Bitte, Ursula, ändere dieses verrückte System. Wer arbeitet muss einfach mehr in der Tasche haben — und zwar deut­lich mehr.

Die Wahr­heit ist: Wenn ich mir als Arbeit­geber mit Hartz IV soviel Frust und Büro­kratie aufhalse, dann nehme ich doch lieber z.B. jemand, der zur einen Hälfte selbst­ständig und zur anderen in meinem Unter­nehmen ange­stellt ist. Oder eine Mutti mit gut verdie­nendem Ehemann — da ärgern nur die unmög­lich hohen Sozi­al­ab­gaben. Denn bei Allein­er­zie­henden, liebe Frau von Leyen, diese eine Million Frauen in Hartz IV, tritt das oben geschil­derte Problem erst recht auf.Mit Diskri­mi­nie­rung hat das nichts zu tun, nur mit einem simplen Fakt: Da diese oft nur 20–30 Stunde arbeiten wollen, kommen Gehälter von 1000 bis besten­falls 2000 Euro brutto dabei rum, Markt­ge­hälter wohl­ge­merkt. Dafür Arbeiten lohnt sich nicht: Mit Hartz IV stehen sich diese Frauen besser.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

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