Kate­go­rien

Kolumne: Lieber eine 60jährige als eine mit 25!

Published On: 13. September 2013Cate­go­ries: Führung

„Eine 25jährige nehme ich nicht mehr“, sagt der Geschäfts­führer. „Lieber eine mit 55, auf die kann man sich  verlassen.“

Das ist ein Origi­nal­zitat. Gehört von einer meiner Klien­tinnen in einem Vorstel­lungs­ge­spräch. Von einem Unter­nehmen, das seit einem Jahr immer wieder versucht, jemand Zuver­läs­sigen, Loyalen zu finden –  vergeb­lich. „Die eine war sofort krank, die nächste schwanger.…und eine wollte Donners­tags­vor­mit­tags immer zum Wochen­markt und dafür frei haben.“

Ich habe einige „junge“ Mitar­beit­er­in­neren auspro­biert.  Deren Vorteil: Tech­nisch teils absolut up-to-date. Eine junge Lehr­amts­an­wär­terin mit Webde­­si­­gner-Freund hat mir meinen dama­ligen Shop aufpo­liert und so den Umsatz zeit­weise verdop­pelt. Sie hatte Riesen­spaß, ich einen tollen Nutzen. Andrea, zu der Zeit Stage-Schü­­lerin, jetzt Daten­ban­kerin, hat aus dem nichts meine Daten­bank aufge­baut. Ich würde heute noch mit Excel arbeiten, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie hat das eigen­ständig gemacht und teils am Wochen­ende und Abends. Und immer noch rufen wir sie an, wenn es mal hakt…

Die jungen Frauen haben Vorzüge. Tech­nik­af­fine  gibt es auch unter den älteren Mitar­bei­tern, aber eben seltener. Allein die Niveaus im Umgang mit Office-Programmen unter­scheiden sich. Das merke ich nicht nur hier, das merke ich auch bei Kunden. Oft haben sie jahre­lang nichts gemacht und sich so durch Word durch­ge­wurs­telt. Das rächt sich beim Arbeit­ge­ber­wechsel.

Aber: Die jungen sind nicht treu, nicht loyal, sie bleiben nicht. Ein kleines Unter­nehmen wie meins ist für sie nur eine Durch­gangs­sta­tion. Ich würde es ihnen auch gar nicht raten, mehr daraus zu machen.  Es ist OK.

Meine Assis­tentin ist über 60 Jahre. Sie ist zuver­lässig, loyal und ehrlich. Ich vertraue ihr meine Bank­ge­schäfte an. Sie kennt alles: sogar meine  Arzt­rech­nungen. Sie ist nicht ganz so schnell und wenn ich sage „find´s doch mal selbst raus“, wenn mal etwas nicht funk­tio­niert, sagt sie „dann zahl mir ein Seminar.“ Ich gebe zu, ich muss dann schlu­cken.

Aber am Ende des Tages, der Wochen, der Monate und Jahre über­wiegen die Vorteile die Nach­teile bei weitem. Ich kann jemand, der ernst­haft weiter­kommen und viel lernen möchte, nicht wirk­lich empfehlen bei mir zu arbeiten. Oft rieten mit Kollegen, es doch mal mit diesem oder jenen Mitar­beiter zu versu­chen: „der ist ganz leis­tungs­stark und enga­giert. Und ein Mann ist jemand wie dir auch gewachsen!“

… Ehrlich gesagt: Ich brauche jemand, dem ich meiner Arzt­rech­nungen, meine Über­wei­sungen, meine tiefsten Bank­ge­heim­nisse anver­trauen kann! Wo ich sicher bin, er plau­dert Interna nicht aus, behält es für sich, wenn hier mal jemand Bekann­teres ins Coaching kommt. Und keine, die ihren Freun­dinnen sagt „weiß du, wer neulich hier war.…“

Ich fürchte mich auch nicht vor den Leis­tungs­starken; im Gegen­teil. Ich weiß nur, sie würden unter­for­dert sein. Sie sind hier nicht richtig.

Warum ich das schreibe?

Weil das, was ich denke, ganz viele Arbeit­geber denken, gerade die kleinen. Und Bewer­bern, gerade den über 45jährigen, oft nicht klar ist, worauf es wirk­lich ankommt: Treue, Loya­lität, ein freund­li­ches Auftreten. Man muss sicher sein können, dass die Dinge auch bear­beitet werden. Seine Unter­lagen hinterher wieder­finden. Das Gefühl haben, da wird einem der Rücken frei­ge­halten.

Das ist die Qualität von über 45jährigen, ja – über 60jährigen. Sie müssen sich nichts mehr beweisen. Sie wollen einen Job, aber keine Karriere mehr. Ich kann das nur empfehlen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Boris Schneider 13. September 2013 at 18:52 — Reply

    Endlich mal jemand, der meine Meinung teilt. Genau das Selbe habe ich auch schon des Öfteren gedacht. Unter den jungen Leuten gibt es auch Loyale, aber das ist eine echte Selten­heit mitt­ler­weile. 😉

  2. Lars Hahn 14. September 2013 at 6:25 — Reply

    Ja. Lebens­er­fah­rung und Gelas­sen­heit gibt’s meist erst ab 55! Ganz genau. Wenn Du jetzt noch verrätst, dass es die gute Mischung macht und dass Du gleich­zeitig auch noch jüngere Mitar­bei­te­rinnen am Start hast, dann bin ich voll­ends glück­lich.

    Bei mir ist das übri­gens so: ich brauchte lange, um zu erkennen, dass ein Fähi­g­keiten-Mix eben nur durch eine liebens­werte bunte Truppe herzu­stellen ist. Und dann hast Du eben Jung und Alt, Langsam und Schnell, Bewahrer und Verän­derer.
    Das macht den Laden bunt und lebens­fähig.

    Von wem ich das gelernt hab? Von meinem Co-Chef. Und der ist 60 und so ganz anders als ich.

    P.S. Wir sind eine kleine Truppe bei der LVQ.

  3. uwe kaddik 16. September 2013 at 13:33 — Reply

    Wunderbar, das kann ich nur unter­stützen und wenn es sich dann durch­setzen würde, noch schöner. Gerade auch unter dem Aspekt der längeren Lebens­ar­beits­zeit.
    Nur, meine Erfah­rungen bei Bewer­bungs­pro­zessen wären gene­rell gegen­teilig.

    MFG

  4. Jens Jann­asch 16. September 2013 at 14:29 — Reply

    Ähnli­ches höre ich zur Zeit bei Arbeit­ge­bern, welche diverse Arbeits­plätze zur Unter­stüt­zung des Fach­per­so­nals benö­tigen.
    Sie sagen, Bewer­bungs­un­ter­lagen und Ausbil­dungen inter­es­sieren sie nicht mehr primär. Sie brau­chen Mitar­bei­te­rInnen, welche die vorge­ge­benen Aufgaben erle­digen. Ich bin Haupt­be­ruf­lich Job Coach für Menschen mit psychi­schen und/oder geis­tigen Behin­de­rungen. Wenn unser Team auf Akquise geht und ein Unter­nehmen Inter­esse einer Koope­ra­tion zeigt, soll dieses ein Stel­len­profil aufschreiben. Bei fast allen steht an erster Stelle: Moti­va­tion, Zuver­läs­sig­keit, Pünkt­lich­keit. Alle anderen Kennt­nisse sind dann zweit­rangig. Die Erfah­rung in diesen Unter­nehmen hat oft gezeigt, dass — auch hier ein O‑Ton eines Geschäfts­­­füh­­rers- “die jungen leute mit ihrem Abi denken, man verdient eine Stange Geld, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen”. So haben meist Produk­ti­ons­be­triebe große Probleme passendes Personal zu finden. Ich kenne einige Indus­trie­un­ter­nehmen, welche es aufge­geben haben, Azubis zu suchen, da ein Groß­teil sich entweder für hand­werk­liche Arbeit nicht inter­es­­siert- oder auf Grund der Leis­tungs­be­reit­schaft die Ausbil­dung nicht lange durch­hält.
    Natür­lich: jetzt bleibt zu hinter­fragen, woran es liegt: stei­gende Anfor­de­rungen in Ausbil­dungs­be­trieben (“Früher” hat man mit einem Haupt­schul­ab­schluss eine KFZ Lehre machen können, heute schafft man dies ohne Abitur fast gar nicht mehr), sinkende Bildungs­qua­lität etc.
    Fakt ist aber aus unserer Erfah­rung im Bereich der Helfer­tä­tig­keiten: Unter­nehmen brau­chen Personal, das die Arbeit gut erle­digt. In der Praxis. Und nicht theo­re­tisch weis wie es funk­tio­niert, aber es prak­tisch “zwei linke Hände” hat.
    Und da komme ich auf das eigent­liche Thema zurück:
    Die Moti­va­tion sich zu bewerben. Was sind meine Stärken?
    Die Schwä­chen inter­res­sieren die Firmen nicht. Keine Firma stellt einen ein, weil er tolle Schwä­chen hat. Oder zu alt ist. Oder zu behin­dert. Ein Unter­nehmen entscheidet sich für den Bewerber mit den meisten Nutzen für das Unter­nehmen. Und da sollte man bei der Bewer­bung genau hinschauen. Was ist es für ein Unter­nehmen, was wird benö­tigt und vor allem: was bringe ICH dem Unter­nehmen. In einem Coaching kann man sich (wieder) seiner Stärken bewusst werden. Und Selbst­ver­trauen bekommen.
    Denn: einem Unter­nehmen kann jemand mit 20 Jahren Berufs­er­fah­rung und einer “normalen” Ausbil­dung durchaus mehr bringen, als ein frisch­ge­ba­ckener Hoch­schul­ab­sol­vent.

    Und der Erfolg in unserem Bereich bestä­tigt diese Theorie. Wir coachen zur Zeit über 50 Menschen mit Behin­de­rung in über 35 Firmen des 1. Arbeits­marktes. Es haben bereits viele einen Arbeits­ver­trag erhalten.
    Warum? Weil sie den Firmen gezeigt haben, was sie leisten können.

  5. […] Lieber eine 60-jährige als eine mit 25? […]

  6. Eva Maria Gold­mann 17. September 2013 at 9:17 — Reply

    Diese und ähnliche Aussagen höre und lese ich auch immer häufiger — mit viel Hofef­nung. Wobei ich es da mit Lars Hahn halte: Die Mischung macht´s — nicht nur im Alter auch in den Charak­teren, Erfah­rungen etc.
    Die Realität bei sehr vielen 45+ sieht aber anders aus: Immer wieder bekommen ältere Bewerber zu hören (meist durch die Blume, um nicht das AGG zu verletzen), dass sie nicht mehr flexibel genug seien, zu teuer oder vermut­lich nicht mit einem jüngeren Chef zurecht kämen, zu wenig belastbar — etc.
    Ich bin zwar über­zeugt, dass langsam eine Ände­rung in der Denk­weise statt­findet, aber ich befürchte, dass sie für die heute älteren Bewerber zu spät kommt.

  7. Sonja Rieder 17. September 2013 at 9:50 — Reply

    Sehr oft wünsche ich mir, ich hätte als Coach eine “Mut-Spritze” oder besser gleich eine “Selb­st­­be­­wuss­t­­seins-Spritze” parat, mit der ich meine Klienten/innen mit dem Benö­tigten impfen könnte. Denn auf diese Kompo­nenten kommt es (auch) an, va. bei älteren Bewerbern/innen.
    Wenn sie selbst nicht zuver­sicht­lich sind hinsicht­lich ihres Könnens, wie können sie dann einen mögli­chen Arbeit­geber über­zeugen?
    Irgendwer hat mir mal gesagt, fahr ans Meer, das Meere macht Mut. Mut kann man sich von außen holen, etwa in der Natur — und das ist gut. Aber auch der innere Reichtum ist zugäng­lich und muss oft nur wieder entstaubt werden: Kaum wer hat es immer nur leicht im Leben gehabt, und die aller­meisten Menschen können daher auch auf Situa­tionen zurück­bli­cken, die sie gut gemeis­tert haben. Das Zurück­schauen auf in der Vergan­gen­heit Erreichtes kann zuver­sicht­lich machen — nur Mut!

    • Svenja Hofert 17. September 2013 at 10:20 — Reply

      Ja, das mit dem Mut ist ganz wichtig. Ich könnte manchmal heulen, wenn ich höre, wie viel Dumm­heit meinen älteren Klienten auf dem Weg zum neuen Job begegnet. Sprüche wie “sie sind sich klar, dass sie alles annehmen müssen” oder “sie sind ja verwöhnt” bis hin “ich brauche hier ne Tussi zum Anpa­cken, da kommen Sie gerade recht.”
      Dabei wird er anfäng­liche Mut und Opti­mismus oft schnell kaputt gemacht. Es ist schwer, sein Selbst­be­wusst­sein aufrecht zu erhalten, wenn man ständig Abwer­tendes hört. Die Arbeits­agentur bei uns tut viel dazu (wiewohl es gute, posi­tive Berater gibt, der Punkt ist). Ich würde die gern zu mehreren Wochen Schu­lung in wert­schät­zender Bera­tung Älteren gegen­über verpflichten… aber fürchte: da sitzen oft “Bubis”, die selbst mit sich nicht im Reinen sind und kippen ihren Frust auf die ü45er.
      Man darf sich davon nicht aus dem Mut-Konzept bringen lassen 🙂

      • Sonja Rieder 17. September 2013 at 10:40 — Reply

        Ja, Sie haben natür­lich Recht. Es ist in der Tat schwer, das Selbst­wert­ge­fühl hoch­zu­halten, wenn es immer wieder von anderen runter­ge­zogen wird.

        Aber man muss sich immer wieder aufrap­peln, und es muss allen, die in einem Bewer­bungs­pro­zess unsach­lich und sogar persön­lich ange­grifffen werden, klar sein, dass Leute, die so mit anderen umgehen, tatsäch­lich selbst ein Problem haben. Und dass es ihnen oft auch gefällt, ihre momen­tane Macht­po­si­tion auszu­spielen, dh. “ein Spiel zu spielen”.
        Manchen Bewerbern/innen hilft es, wenn sie selbst so eine Haltung entwi­ckeln, dass das Bewer­bern auch für sie ein Spiel ist, sie also eine gewisse innere Distanz dazu entwi­ckeln.

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