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Hilfe, ich hab nicht studiert – und nun: was tun?

Published On: 6. November 2013Cate­go­ries: Karriere
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Montag sprach ich darüber, dass Ausbil­dungen durchaus manchmal Sinn machen, heute geht es weiter mit einer Frage, die mir Berufs­er­fah­rene sehr oft stellen: Was mache ich, wenn ich beruf­lich relativ weit gekommen bin und kein Studium habe oder keines abge­schlossen? Erste Frage: Viel­leicht doch noch beenden? Wie viele Scheine gibt es? Wie viele sind in credit points umzu­rechnen?

Die Gründe für einen Abbruch empfinde ich manchmal als gera­dezu tragisch, vor allem wenn dieser kurz vor der Prüfung erfolgte. Anfang/Mitte der 1990er Jahre war es Usus, begabte Techies aus dem Studium zu holen und sie mit hohen Gehäl­tern zu locken, während ihre Kommi­li­tonen in Service­jobs Taschen­gelder verdienten. Natür­lich haben die, die das ange­nommen haben, so kurz gedacht wie die Kinder in dem berühmten Marsch­­mallow-Expe­ri­­ment (die, die warten konnten, wurden später beruf­lich erfolg­rei­cher als die, die die ihr Bedürfnis sofort stillten) – aber neben Geld und schneller Bedürf­nis­be­frie­di­gung spielt hier sicher auch Zuge­hö­rig­keit und die Möglich­keit mit seinem Wissen etwas bewirken zu können eine Rolle. Die schnellen Aufsteiger waren oft die, die später – also ab etwa  2000 – beson­ders gern aus den nun satten Firmen raus­ge­worfen wurden. Mit viel Erfah­rung im Gepäck, aber ohne den Schein, den man heute dann doch oft notwendig braucht. Und auch ohne Ausbil­dung, was es noch schwie­riger macht und machte.

Aber, wer das noch nicht weiß: Man kann nach so vielen Berufs­jahren die IHK-Prüfung, etwa zum Fach­in­for­ma­tiker, recht einfach nach­ma­chen. So wie auch andere Prüfungen, man muss nur sechs Jahre einschlä­gige Berufs­er­fah­rung nach­weisen. Und hat dann zumin­dest einen offi­zi­ellen Ausbil­dungs­nach­weis. Studi­en­ab­bre­cher finden sich nicht nur in der IT, sondern überall. Dem einen war das Poli­tik­stu­dium zu theo­re­tisch, der nächste warf bei Inter­fe­renz­sta­tistik das Hand­werk. Andere wurden krank, kamen mit dem Thema nicht zurecht oder entwi­ckelten – die wohl häufigste Vari­ante — schlicht keinen ausrei­chenden Ehrgeiz. Nicht zuletzt hat der Studi­en­ab­bruch auch mit Faul­heit oder mangelnder Selbst­dis­zi­plin zu tun. Ist ja schöner, in Kneipen rumzu­hängen. Oder was Krea­tives zu machen. Das Leben zu leben. Oder so.

Aber dann muss auch mal genug sein. Ich habe meinen Ex-Freund aus Studi­en­zeiten, der sich der Musik verschrieben hatte, so lange genervt, bis er ein Inge­­nieur-Studium anfing und dann auch abschloss – inzwi­schen ohne mich (das Studium war aber nicht der Grund für die Tren­nung). Er ist seit Jahren gut im IT-Geschäft und kennt kaum finan­zi­elle Sorgen. Mein jetziger Partner hat sein abge­schlos­senes Studium eben­falls einer Frau zu verdanken, die ihn nach der Aufgabe von Studium A bis hin zum Abschluss von Studium B moti­vierte. Trotz dieses Beispiels ist das Studi­en­ab­bruch­pro­blem keines­wegs typisch männ­lich, nur etwas weniger Frauen brechen ab. Beson­ders viele in Mathe­matik und Physik, die eine oder andere hatte ich hier mal sitzen — Grund war oft, dass sie das Gefühl haben nicht mithalten zu können, weil sie sich nicht tagein nachtaus mit dem Thema beschäf­tige mochten, was für die Männer hingegen selbst­ver­ständ­lich war.

studienabbruchDann gibt es auch immer wieder die, die das Studium nicht schafften, weil sie das falsche gewählt haben und weder Ehrgeiz noch Leiden­schaft sie rettet. Ich erin­nere mich an einen Mitschüler, der so oft durchs erste juris­ti­sche Staats­examen Jura flog, dass danach finis war (ich meine nach dem dritten Mal). Heute gibt es für solche Fälle die Möglich­keit, sich Credit Points anrechnen zu lassen und dann beispiels­weise auf Wirt­schafts­jura umzu­sat­teln. Über­haupt haben sich aus meiner Sicht die Chancen, ein Studium doch noch zum Abschluss zu bringen, deut­lich verbes­sert – auch durch den „kleinen“ nied­rig­schwel­ligen Abschluss Bachelor.

Viele Studi­en­ab­bre­cher machen sich selbst­ständig – teil­weise auch, weil sie anders kaum eine Chance am Markt hätten oder schlech­tere Aufstiegs­per­spek­tiven. War bis vor einigen Jahren sogar die Vorstands­etage für einen Prak­tiker ohne Hoch­schul­ab­schluss erreichbar, schlossen sich die Türen in den letzten Jahren gerade bei großen Unter­nehmen immer mehr. Das stellt die Menschen jenseits der 40 Jahre, die schon relativ weit oben stehen – für die auch das Studieren weit weniger selbst­ver­ständ­lich war als für die jetzige Gene­ra­tion — vor eine schwie­rige Situa­tion. Nicht nur einmal saß ich einem Abtei­lungs­leiter oder Geschäfts­führer gegen­über, dem es sicht­lich pein­lich war, „nur“ eine Lehre abge­schlossen zu haben und der gera­dezu Minder­wer­tig­keits­kom­plexe zeigte. Spätes­tens an diesem Punkt wird es für mich kritisch. Wenn Menschen die teil­weise bissigen Bemer­kungen „warum haben Sie denn nicht studiert?“ nicht aushalten und darunter wirk­lich leiden, würde ich dazu raten, doch noch mal in den sauren Apfel zu beißen. Das ist wie mit mancher Schön­heits-OP: an sich über­flüssig, sorgt der Abschluss dann doch für neues Selbst­be­wusst­sein. Denn sonst weiß man irgend­wann nicht mehr, was eigent­lich die Ursache für den Miss­erfolg bei Bewer­bungen ist: das fehlende Studium oder das geringe Selbst­be­wusst­sein, mit dem man Fragen danach beant­wortet. Man kann ein Studium auch noch mit 50 schaffen, vieles wird sogar leichter fallen, nur das Auswen­dig­lernen schwerer. Und es gibt so tolle Möglich­keiten im Fern­stu­dium!

Gern werden berühmte Studi­en­ab­bre­cher wie Bill Gates zitiert, um Abbre­chern Mut zu machen. Nur darf man nicht vergessen, dass diese Abbre­cher 1. Ausnah­me­erschei­nungen sind und 2. eine Gegen­über­stel­lung erfolg­rei­cher Abbre­cher und erfolg­rei­cher Abschließer nicht erfolgt. Ich habe es nicht ausge­rechnet, aber vermute, dass die Abschließer dann eben doch über­wiegen. Eine wich­tige Frage i dieser Aufga­ben­stel­lung bleibt natür­lich, wie man Erfolg defi­niert.

Viele Abbre­cher, die sich selbst­ständig gemacht haben, verste­cken ihren Abbruch in aufge­spoilten Internet-Vitaes. Oft ist es offen­sicht­lich, wenn jemand den Schleier auf seine Vergan­gen­heit legen will. Entweder er erwähnt seine Vita gar nicht oder aber er hebt alle mögli­chen Aspekte hervor, nur nicht den Abschluss. Das ist doch albern: Wenn, dann bitte zu den Entschei­dungen der Vergan­gen­heit stehen! Bei persön­lich­keits­ori­en­tierten Dienst­leis­tungen will ich wissen, wer mich berät und was er/sie gelernt hat. Ich gebe aller­dings zu, dass es immer noch schreck­lich viele Leute gibt, die sich lieber etwas vorgau­keln lassen und an die dicke Hose glauben, auf die einige machen. Ich meine, nur so kann es sein, dass LKW-Fahrer Sekten-Gurus werden und Intel­lek­tu­elle in ihre Fänge bringen. Wer auf Emotionen zielt, braucht keine Scheine. Und ein hoher IQ scheint wirkungslos.

Doch es gibt auch genü­gend andere, Abbre­cher und solche mit Abschluss, die eine offene Kommu­ni­ka­tion goutieren. Man sollte die Sympa­thie­wir­kung nicht unter­schätzen. Es kann unheim­lich char­mant sien, wenn man gera­de­heraus ist. „Ja, ich habe nicht studiert/abgebrochen. Ich gebe zu, ich bereue das.“ Oder: „Ja, ich habe nicht studiert. Ich bereue das nicht, denn nur so konnte ich….“ Bei Studi­en­ab­bre­chern gibt es solche und solche: Die, die die wie mein dama­liger Freund einfach einen kleinen Tritt in den Hintern gebraucht hätten, denn das Leben ist kein Ponyhof und manchmal muss man sich halt etwas zusam­men­reißen (finde ich). Und die, die durch Umstände und Familie einfach nicht die Chance bekommen haben oder in ein Fahr­wasser geraten sind, deren Dynamik damals nicht zu über­bli­cken war. Man muss nicht studiert haben, um richtig gut zu sein und viel zu wissen, absolut nicht. Manche der Fach­fremden kennen sich besser aus als die vom Fach. Manche der Prak­tiker sind auch viel besser als Theo­re­tiker. Dennoch hat der Abschluss eben auch noch mit etwas anderem zu tun: Ich zeige, dass ich etwas durch­halte und zuende bringe. Und ganz so unwichtig ist das dann eben doch nicht. Gar nicht mal für den Arbeits­markt. Für einen selbst.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. sonny 6. November 2013 at 17:32 — Reply

    Für die Gene­ra­tion 40+ gibt es noch weitere Aspekte: Zu derer Lehr­zeit gab es nur die techn. Berufs­matur, heute gibt es einige mehr und sie sind allen Berufs­sparten zugäng­lich. Zudem wurden einige (früher normale) Lehr­aus­bil­dungen wie Labo­rantin, Ernäh­rungs­be­ra­terin, Kran­ken­pfleger neu auf FH Niveau ange­hoben. Bei Absol­venten von Ausbil­dungen, wo dem nicht so ist, haben nun ein Problem. Mit fami­liären Verpflich­tungen sieht man sich kaum in der Lage die Berufs­matur nach­zu­holen, ist diese Verpflich­tung vorbei, fragt man sich ernst­haft, ob es sich lohnt diese nach­zu­holen. Zudem gibt es an einigen FH auch eine Alters­li­mite. Für diese Menschen scheint dieser “akade­mi­sche” Graben unüber­windbar.….…..

  2. desi­gnal Martina Hardt 7. November 2013 at 10:07 — Reply

    In Karls­ruhe gibt es vom Cyber­Forum im Bereich IT die Initia­tive #FinishIT http://bit.ly/189dz1F

    Kurz­info: Finish IT ist ein Förder­pro­jekt* für Studienabbrecher/innen, Quereinsteiger/innen, Migrant/innen und IT-Inter­es­­sierte, die in kurzer Zeit einen quali­fi­zierten Berufs­ab­schluss errei­chen wollen. — See more at: http://bit.ly/189dz1H

  3. Laub­baum 7. November 2013 at 23:30 — Reply

    Hallo Svenja, ich gehöre zu den Menschen, die in den 90er Jahren ein so sehr attrak­tives Angebot aus der Wirt­schaft bekommen haben, dass ich mein Infor­ma­tik­stu­dium geschmissen habe. Damals war ich mir anfangs nicht sicher, ob dieser Weg der rich­tige war, weshalb ich parallel zur Berufs­tä­tig­keit noch 2–3 Jahre lang imma­tri­ku­liert war, um noch einen Rückweg offen zu halten. Nachdem es dann aber im Job relativ schnell weiter ging und sich das Gehalt zudem entspre­chend weiter entwi­ckelte, blieb ich bis heute diesem Weg treu. Bis heute, toitoitoi, habe ich diesen Schritt nicht bereut. Damals, Anfang der 90er Jahre explo­dierte der IT Markt förm­lich: Der PC kam auf den Markt, Windows nebst Appli­ka­tionen eben­falls, usw. aber die Univer­si­täten konnten ihren Lehr­plan garnicht so schnell anpassen, wie es aus meiner dama­ligen Sicht nötig gewesen wäre. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass ich heute mit einem abge­schlos­senen Infor­ma­tik­stu­dium aus den 90ern sicher nicht mehr über­zeugen könnte.
    Eines muss ich aller­dings sagen: Obwohl ich diesen Weg nicht bereue, so hätte ich mich zeit­weise besser gefühlt, wenn ich den Zettel in der Tasche gehabt haette. Das lag dann aber weniger an meiner Leis­tungs­fä­hig­keit sondern eher daran, dass der eine oder andere Schwie­rig­keiten hatte, andere Lebens­wege nach­zu­voll­ziehen und zu respek­tieren.

    • Svenja Hofert 8. November 2013 at 18:41 — Reply

      Hallo, danke für die persön­liche Erfah­rung. Voll­kommen richtig, es ist meist nicht so sehr das eigene Gefühl zu wenig zu können, sondern die Reso­nanz der anderen. Und da ist halt die frage, wo locker ich die wegste­cken kann. Einige können das, andere nicht 😉 LG Svenja

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