Kate­go­rien

Folge deinen Inter­essen und du findest deinen Weg? Nicht immer.

Published On: 15. November 2013Cate­go­ries: Führung

„Finde deine Inter­essen, das wird schon richtig sein!“ So wird vielen Berufs­ein­stei­gern geraten. Die Empfeh­lung basiert auf einer Grund­über­zeu­gung, die diffe­ren­ziert werden sollte. Denn es gibt echte, über Jahre und Jahr­zehnte stabile Inter­essen — und es gibt Ideen und Wunsch­vor­stel­lungen. Beides wird leider oft unter demselben Namen in einen Topf geworfen.  Das „ich inter­es­siere mich für“ wird dann zur Falle, wenn man hier nicht trennt.

talentEchte Inter­essen entstehen meist schon in der Kind­heit. Sie werden teils vom Eltern­haus geformt, teils von der Umwelt. Inter­essen sollen sogar hormo­nell gesteuert sein, was erklärt, dass das mathe­mat­sche Inter­esse bei Jungs und das soziale bei Mädchen größer ist, obwohl Bega­bungen sich nur punk­tuell unter­scheiden (bei Jungs finden sich mehr Ausschläge nach oben und unten; im Analy­­tisch-Räum­­li­chen sind sie leicht im Vorteil)

Doch was ist echt? Wer mit 9 Jahren eine App program­miert, folgt wahr­schein­lich einem echten Inter­esse. Echte Inter­essen wurden oft bereits über Jahre stabi­li­siert – durch Feed­back und Wieder­ho­lung. Inter­essen sind bei dem einen durch einen Umstand oder ein Schlüs­sel­er­lebnis entstanden, bei anderen aus persön­liche Präfe­renzen. In allen Fällen sind Inter­essen das Leit­motiv, das nach und nach die Kompe­tenzen formt und stärkt. Da Inter­essen zur frühen Übung von Kompe­tenzen geführt haben, stimmt ´folgende Glei­chung bei frühen Inter­essen oft:

= Man kann, wofür man sich inter­es­siert.  

Frühe Inter­essen sind  wie Samen, die später aufgehen und kräftig blühen und wachsen. Es ist das große Handicap von Kindern aus bildungs­fernen Schichten, dass sie zu wenig frucht­baren Boden haben, auf denen Inter­essen wachsen können. Um zu testen, in welchem Bereich Inter­essen am stärksten sind, empfehle ich in meinem Buch „100 Tools“ den bewährten RIASEC von John Hollande. Kleiner Test, sehr aufschluss­reich. Wir setzen ihn vor allem bei Abitu­ri­enten ein.  Bei Open­test kann man Tests kostenlos durch­führen und sich die Norm­werte ziehen. Grafi­sche Auswer­tungen sind sehr günstig. Studien auf Basis des RIASEC zeigen  schwache bis mitt­lere Hinweise, dass ein Inter­esse im forschenden und krea­tiven Bereich auf stär­kere kogni­tive Fähig­keiten hinweist, während prak­ti­sches Inter­esse auf gerin­gere kogni­tive Kompe­tenzen deutet.

Zusammenhang Interesse - Kompetenzen, Quelle: Doktorarbeit K. Päßler

Zusam­men­hang Inter­esse — Kompe­tenzen, Quelle: Doktor­ar­beit K. Päßler

Erstens: Unter­scheide Inter­essen von Ideen und Wunsch­vor­stel­lungen

Konkreten Inter­essen geht der Test aber nicht auf die Spur. Es kommt  vor, dass jemand zu keinem Bereich tendiert oder/und überall nied­rige Werte hat. Oder dass die Inter­essen Ideen und Wunsch­vor­stel­lungen sind. Die sind im Gegen­satz zu Inter­essen nicht über einen längeren Zeit­raum stabil. Sie sind auch nicht durch Üben verstärkt, sondern von außen „gezündet“. Sie kommen und gehen – etwa um in einer Clique aner­kannt zu sein. Wer mit 19 denkt, es wäre cool im Bereich Mode zu arbeiten, könnte die Begeis­te­rung bald wieder verlieren. Wer heute Coach werden will, kann zwei Jahre später wieder ganz anderer Meinung sein. Wer sich jour­na­lis­tisch geeignet sieht, kann das morgen wieder verwerfen. Das Prinzip gilt auch umge­kehrt: etwas zunächst Unin­ter­es­santes kann auf dem zweiten und dritten Blick doch recht span­nend werden.

Zwei­tens: Inter­essen sind nicht gleich Fähig­keiten

Es exis­tiert der „Trug­schluss, dass mit einer bestimmten Inter­es­sen­ori­en­tie­rung auch bestimmte Fähig­keiten einher­gehen, z. B., dass Personen mit einem hohen tech­ni­schen Inter­esse gleich­zeitig über sehr gute mathe­ma­ti­sche und räum­liche Fähig­keiten verfügen. Aller­dings ergeben sich in empi­ri­schen Studien viel­fach nur schwache bis mode­rate Zusam­men­hange zwischen Inter­essen und Fähig­keiten“, lese ich in der Doktor­ar­beit von Katja Päßler. Meine prak­ti­sche Erfah­rung sagt: Menschen schätzen sich sehr leicht falsch ein, Feed­backs helfen, können aber auch irre­füh­rend sein. Das gesprächs­ba­sierte Erfragen von Stärken, auf dem viele Coachings beruhen, hilft da wenig. Beson­ders typisch: Über­schät­zungen im kommu­ni­ka­tiven, krea­tiven und text­li­chen Bereich sowie Unter­schät­zung im analy­ti­schen Bereich bei Frauen.

Drit­tens: Inter­essen helfen, aber nutzen nichts

Die Tatsache, dass Sie sich für Duft und Kosmetik begeis­tern, ist für Ihre beruf­liche Zukunft oft sekundär. Denn wirk­lich entschei­dend für Berufs­er­folg, sind nicht Inter­essen, sondern Kompe­tenzen. In anderen Worten: Inter­essen leiten, Kompe­tenzen formen. Und noch anders: Inter­essen sind das, worin Sie Orien­tie­rung suchen, aber rele­vant für Ihren Erfolg werden Kompe­tenzen sein.

Was nützt die Koch­lei­den­schaft, wenn Ihnen die Extra­ver­sion und das Selbst­be­wusst­sein für eine Sterne-Koch-Karriere fehlt? (Denn TV-berühmt wird niemand aufgrund reiner Koch­kunst). Was nützt das soziale Inter­esse, wenn  Sie sich als Sozi­al­päd­agoge ewig über die schlechte Bezah­lung ärgern? Was hilft Inter­esse an Geschichte, wenn die didak­ti­sche Kompe­tenz als Lehrer voll­kommen fehlt oder Sie die Promo­tion für eine Muse­ums­kar­riere nicht anstreben?

Gerade bei Menschen, die keine glas­klaren, früh gesäten Inter­essen haben, ist  deshalb der Blick auf Kompe­tenzen der entschei­dende. Wo diese liegen, erkennt man am besten durch eine Kombi­na­tion von Tests, Übungen und Gesprä­chen wie in unseren PersAss­ments.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Helfried Fasching­bauer 18. Dezember 2013 at 17:35 — Reply

    Ich finde es nicht sehr glück­lich, die Inter­essen gegen die Kompe­tenzen auszu­spielen. Ich denke, dass es ziem­lich egal ist, wovon wir ausgehen, weil die beiden ‘Dinge’ ja meist doch mitein­ander verbunden sind. Was sie noch gemeinsam haben ist, dass wir sie gar nicht wirk­lich kennen können, bevor wir sie nicht in der Praxis erprobt haben und dass sie sich beide entwi­ckeln können, und zwar im Tun.

    • Svenja Hofert 18. Dezember 2013 at 17:56 — Reply

      Hallo Herr Fasching­bauer, sicher gehen beide Hand in Hand, aber in der Persön­lich­keits­psy­cho­logie werden sie “getrennt”. Das ist sinn­voll, wenn wir mal ein Beispiel wie das Inter­esse an “Mode” nennen und die Kompe­tenz “Krea­ti­vität”. Ange­nommen das Inter­esse ist da, aber die Kompe­tenz nicht (Krea­ti­vität = Offen­heit und Norkon­for­mität, fluides Denken und Flexi­bi­lität). Dann führt nicht das Inter­esse zu einer guter Berufs­ori­en­tie­rung, sondern der Blick auf die Kompe­tenz — und noch mehr auf Moti­va­tionen. LG Svenja Hofert

  2. Uwe 11. Januar 2020 at 15:34 — Reply

    Echt gut .

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