Kate­go­rien

Posi­tio­nie­rung: Gehen Sie ruhig mehr in die Breite

Published On: 27. Januar 2014Cate­go­ries: Führung

Spitz oder lieber breit an den Markt? Darüber gehen die Meinungen nach wie vor ausein­ander. Mit meinen Kunden und bei Kollegen erlebe ich seit Jahren dasselbe: Am Anfang versu­chen die meisten, berauscht von all den Ratge­bern und Posi­tio­nie­rungs­experten sich spitz aufzu­stellen, vor allem wenn sie mein Slow­­Grow-Prinzip nicht gelesen haben oder dem Braten noch nicht recht trauen mögen… wo doch alle von spitzer Posi­tio­nie­rung spre­chen… kann man doch nicht.…!

MS Office

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Doch dann gehen die Dinge bei den spitz aufge­stellten nicht so schnell wie erwartet. Anfangs­er­folge sind wie Gewinne beim Glück­spiel: Sie befeuern eine Euphorie der Selbst­über­zeu­gung. Wird klappen! Ich kann Coach! (oder was auch immer). Doch dann schalten sich die Regeln des Glück­spiels auch hier  dazu: Auf das Hoch kommt ein Tief. Der total glück­lich gewähnte erste Klient verschiebt Termine und kommt kein drittes Mal.  Das Trai­ning findet nicht statt. Das viel­ver­spre­chende Angebot war eine Luft­nummer. Und solcher Dinge mehr. Weil keine Aufträge kommen oder diese sich aus einer ganz anderen Ecke ankün­digen als gedacht, zieht man ein Fazit: So geht das nicht! Genau. Meist heißt es dann Aufräum­ar­beit zu betreiben: Kann ich auch was anderes?

Viele wollen mit der Selbst­stän­dig­keit  auch mit ihrer Vergan­gen­heit brechen. Ehema­lige Lehrer haben die Nase voll von der Schule, Ärzte vom Kran­ken­haus und Perso­naler von ihres­glei­chen. Man posi­tio­niert sich also weg von seinem Stall­ge­ruch und wildert in unbe­kannten Gewäs­sern. So dreht man am Anfang eine mona­te­lange Schleife, um am Ende wieder da zu sein, wo es irgendwie leichter geht, weil Anknüp­fungs­punkte da sind… und Stall­ge­ruch.

Dieser Schleife folgen dann oft drei Phasen, die langsam aus der Breite eine Spitze machen (sollten):

  • Phase 1: Man schnürt ein Angebot, das sich aus der bishe­rigen Erfah­rung und vorhan­denen Kontakten auto­ma­tisch ergibt bzw. ergeben hat. Dann lernt man ein paar Jahre vor allem sich selbst kennen. Es werden ordent­lich Fehler gemacht und es wird kräftig daraus gelernt. Ob Ausbuhen vor 100 Leuten oder Fehl­per­for­mance im Manage­ment­kurs: Wer sich von Fehlern nicht aus der Bahn werfen lässt, sondern diese in seine Entwick­lung inte­griert, „mein Freund der Fehler sagt“, ist am Markt zwei, drei Jahre später  oft ungleich erfolg­rei­cher als jene, die sich gar nicht erst vor 100 Leute trauen…
  • Phase 2: Nach etwa drei Jahren  meist der Break: Keine Lust mehr auf die Lehr­auf­träge des Anfangs, weg damit. Erkennt­nisse: Syste­mi­sches Coaching will keiner hören – okay, dann eben „Persön­lich­keits­ent­de­ckerin“ (oder so). Jetzt kann es sein, dass man auch mal Geld in die Hand nimmt, um einen Profi zu bezahlen.
  • Phase 3: Das Horn der Erfah­rung wird immer voller. Irgendwas macht man richtig, was genau wird einem erst jetzt bewusst, so etwa im 7. oder 8. Jahr. Gleich­zeitig ist der Laden voll und es gibt Wachs­tums­schmerzen. Man muss  sich doch selbst klonen können!  Wie um Himmels­willen bekomme ich meine Inhalte so stan­dar­di­siert, dass auch andere sie weiter­geben können? Jetzt geht´s ums Loslassen.

Es führen natür­lich auch andere Wege nach Rom, darunter Umwege, Privat­flug­zeuge und Sport­wagen. Sport­wagen sind teuer aber flitzen schnell: Dieje­nigen, die sich von Anfang an spitz aufge­stellt haben, erzielen eine flotte Sicht­bar­keit, müssen aber viel, viel mehr Geld ausgeben. Fatal, wenn sie nicht ganz genau wissen, was und wohin sie wollen — denn nur dann ist eine der teuren Posi­tio­nie­rungs­be­ra­tern wirk­lich effi­zient. Sie sollten von Haus aus Visionär sein und die Vision besser keinem Berater über­lassen, denn eine genaue Vorstel­lung darüber, wie man sein Unter­nehmen aufbaut und entwi­ckelt kann nur von innen kommen.

Umwege sind schwer: Wenn Sie aus der ersten spitzen Posi­tio­nie­rung als “Hoch­schul­finder” oder “Küchen­coach” heraus­wachsen, stehen sie vor ähnli­chen Problemen wie ihre breiter aufge­stellten Kollegen, nur andersrum  — anstatt um die schwie­rige Zuspit­zung geht es um die nicht minder kompli­zierte Erwei­te­rung. Die ist nun nicht mehr so ohne weiteres und entspre­chend eigener Präfe­renzen möglich, da Sie ja für etwas sehr Konkretes stehen. Wollen Sie Neues, heißt es zurück auf Start. Dann viel­leicht doch lieber breit?

Hierzu passt unser Selbst­lern­kurs “Posi­tio­nieren Sie sich!”, frisch über­ar­beitet.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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7 Kommen­tare

  1. Helge Wein­berg 27. Januar 2014 at 18:13 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    so ganz würde ich Ihre Argu­men­ta­tion nicht unter­schreiben wollen. Stimmt, stets empfehlen Posi­tio­nie­rungs­be­rater, sich „spitz“ aufzu­stellen. Das hat auch seinen Sinn, denke ich. Denn leider ist es in den Unter­nehmen (= Klienten) so, dass die auf keinen Fall Gene­ra­listen, sondern Spezia­listen wollen.

    So, nach dieser Verall­ge­mei­ne­rung kommt jetzt die Einschrän­kung. Natür­lich kann ich mich „spitz“ aufstellen, muss aber hier ganz beson­ders schauen, ob der Markt meine Leis­tungen über­haupt braucht — und ob ich die über­zeu­gend verkaufen kann. Da kommen wir unter anderem zum Stall­ge­ruch. Diese Prüfung gehört zur Posi­tio­nie­rung dazu. Habe ich damit Erfolg, kann ich immer noch mein Angebot erwei­tern. Da kenne ich einige Beispiele. Das dürfte allemal erfolg­ver­spre­chender sein, als ein Start als Gene­ra­list, dem man sein Fach­wissen nicht abnimmt.

    Was meinen Sie?

    Die drei von Ihnen genannten Phasen kann ich so unter­strei­chen 😉
    Beste Grüße, Helge Wein­berg

    • Svenja Hofert 27. Januar 2014 at 20:44 — Reply

      Hallo Herr Wein­berg, ich würde diffe­ren­zieren. Das habe ich immer gern gemacht, aber schon früh gemerkt, dass ich viel besser ankomme, wenn ich ein biss­chen in die Gegen­ar­gu­men­ta­tion gehe oder auch: auf die Busch­trommel haue 😉 Ist Mittel zum Zweck; Sie sind ja auch ein Medi­en­mensch und wissen womög­lich, was ich meine.
      Diffe­ren­ziert (also lang­weilig gespro­chen) würde ich sagen:
      — In manchen Feldern ist es besser, eher breit heran­zu­gehen, etwa in manchen Rechts­dis­zi­plinen. Hier besteht ein Inter­esse, eine eher breite Mandant­schaft zu gewinnen, die wieder­kommt.
      — das gilt auch für meine Diszi­plin, die der Karrie­re­be­rater. Allen­falls macht eine Ziel­grup­pen­po­si­tio­nie­rung Sinn, wobei eigent­lich alle vergeben sind, ITler, Top-Manager, Frauen…
      — auch bei IT-Experten kann Breite durchaus Sinn machen, wenn jemand sowohl …als auch kann…
      — die Archi­tekten, die ich gesehen haben, waren mit breit regel­mäßig besser bedient als die, die sich z.B. auf Holz­hütten spezia­li­siert haben
      Aus meiner Sicht kommt folgendes dazu:
      — anders als klas­si­sche Unter­nehmer, sofern es die gibt, sind Frei­be­rufler oder auch kleine Unter­nehmer wie ich vom Inhalt zumin­dest mitmo­ti­viert. D.h. es geht ihnen nicht nur um Kohle.
      — Der Erfolg komplexer Dienst­leis­tungen hängt am Dienst­leister. Der eine kann die gleiche Sache besser verkaufen oder vertreten oder verkör­pern als der andere…
      — die Idee für Spezia­li­sie­rungen entstehen vor allem dann, wenn man einen Markt sehr, sehr gut kennt. Also erst nach Jahren.
      Ich finde Les Mills-Trai­­ning im Grunde bescheuert 😉 und hoffe mich wird niemals ein Blog­leser beim Body­p­umpen entde­cken — aber deren Prinzip hat was, was ein gutes Vorbild sein könnte. War auch breit am Anfang und ist jetzt hoch stan­dar­di­siert. Und erwei­terbar ohne Ende. Malik hat´s ähnlich gemacht, der ist meines Wissens auch nicht vom ersten Tag an in den breiten DVD-Verkauf gegangen 😉
      Nicht jede Idee ist so skalierbar.
      Ich selbst habe nur davon profi­tiert, nicht spezia­li­siert zu sein, außer auf Karriere. Es kommen Selbst­stän­dige und Ange­stellte, Geschäfts­führer und Abitu­ri­enten. Ich mache 24-Monats-Projekte und Kurz­zeit­be­ra­tung, arbeite für Verlage mit 10 Mensch und Konzerne mit Tausenden. Und glaube mit dieser brei­teren Erfah­rung den Spezia­listen, die z.B. nur ein einziges Test­ver­fahren anbieten, einiges voraus zu haben.
      herz­liche Grüße Svenja Hofert

  2. Sonja Tomas­kovic 28. Januar 2014 at 9:35 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    vielen Dank für diesen Beitrag.

    Für mich ist die klare, spitze Posi­tio­nie­rung immer noch ein Problem, obwohl ich mich jetzt erstmal dazu durch­ge­rungen habe, genau das zu tun. Hinter­grund ist der, dass ich mit einer etwas brei­teren (eigent­lich eher trüberen) Posi­tio­nie­rung bisher auch nicht glück­lich geworden bin. Auf jeden Fall ist mir der Selbst­lern­kurs ins Auge gefallen, auch wenn ich denke, dass ich in den letzten zwei Jahren so viel über Posi­tio­nie­rung gelesen habe, dass ich das Gähnen kaum mehr unter­drü­cken kann, wenn es um dieses Thema geht. Aber “wissen” und “anwenden” sind eben doch zwei Paar Schuhe.

    • Svenja Hofert 28. Januar 2014 at 17:54 — Reply

      Hallo Frau Tomas­kovic, oh ja, da lieben Welten zwischen Wissen und Tun. Sie werden Ihren Weg schon finden, manchmal braucht es Schleifen und Umwege. LG Svenja Hofert

  3. Helge Wein­berg 28. Januar 2014 at 11:10 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ganz herz­li­chen Dank für die tolle Antwort! Stimmt, Trom­meln bringt mehr Aufmerk­sam­keit 😉 Diffe­ren­zieren wäre auch mein Ansatz. Im Grunde genommen sind fast alle Spezia­li­sie­rungen vergeben, wie Sie ja auch schreiben. Aber eine Posi­tio­nie­rung ist ja zum Glück mehr als die Allein­stel­lung des Leis­tungs­an­ge­bots im Sinne einer Spezia­li­sie­rung.

    Als beken­nender Gene­ra­list finde ich viele Themen span­nend. Der Vorteil aus meiner Sicht: Ich verliere mich nicht in Details (whow, neue Face­­book-Features / Jobbörse xy jetzt auch mit Funk­tion yz), sondern sehe größere Zusam­men­hänge. Der Nach­teil: Größere Zusam­men­hänge oder gar Stra­tegie sind wenig gefragt, die meisten Menschen/Unternehmen finden Details viel span­nender. Womit wir wieder bei der Spezia­li­sie­rung wären. Wider­spre­chen Sie mir da, ich würde mich freuen. Ich bemühe mich zuneh­mend, mein Angebot eng zu gestalten. Aber es kommt in der Tat auf die Branche an.

    Als Frei­be­rufler muss ich die Sachen auch span­nend finden, die ich da mache, da haben Sie Recht.

    Beste Grüße, Helge Wein­berg

    • Svenja Hofert 28. Januar 2014 at 23:14 — Reply

      Deshalb sage ich auch, man muss sich immer den Einzel­fall anschauen und den Mensch dahinter. Das geht einfach (meiner Meinung) nach nicht losge­löst von der Persön­lich­keit und deren Entwick­lung und Werten. Ich kann nicht jemand jenseits seiner Wert­vor­stel­lungen posi­tio­nieren. Es gibt gewisse Regeln, die gelten immer, etwa die, dass man nicht für mehr als 4–5 Dinge stehen sollte — aber das können für 2–3 Ziel­gruppen durchaus verschie­dene Dinge sein am Anfang. Alles, was bereichs­über­grei­fend ist, ist sinn­voll, aber da sind wir noch nicht weit genug. Deshalb kommen Berater für Employer Bran­ding bei KMU oft nicht weiter. Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion? HR? Was dazwi­schen. Schwer im Moment noch, auch, weil Kommu­ni­ka­ti­ons­leute doch oft andere Typen sind als HRler. D.h. breite Posi­tio­nie­rung ja, aber nicht, wenn man erst mal 5 Jahre argu­men­tieren muss, was man eigent­lich macht.
      Breit ist auch sinn­voll, um sich gegen Markt­ver­än­de­rungen zu wappnen. Es gab Jahre, da hatte ich viele Outpla­ce­ment­pro­jekte und andere Jahre nur wenige. Trai­ning und Bera­tung waren aber auch immer da, früher mehr Trai­ning, dann mehr Bera­tung, jetzt habe ich wieder Lust auf Trai­ning, um z.B. mein ziem­lich umfang­rei­ches Wissen in Poten­zi­al­ana­lyse weiter­zu­geben.
      Ich konnte Grün­dungs­be­ra­tung geschickt imple­men­tieren, aber nur die persön­lich­keits­ori­en­tierte Seite auf die ich Lust habe — reine Grün­dungs­be­rater, die z.B. von der KFW leben, bekommen nicht meine Hono­rare und stehen ohne Förder­mittel schlecht da.
      Wenn ich von breit spreche, meine ich nicht “dumm” und “blind”. Man muss sich eine ganze Menge über­legen, um einer­seits genü­gend Türchen offen zu halten, andrer­seits aber ausrei­chend sichtbar zu sein, für das was auf der Türe klebt.
      Ich stelle immer wieder fest: Das können nicht so viele. LG Svenja Hofert

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