Kate­go­rien

Betrügen und lügen: Welche Rolle spielt Ethik im Karrie­re­coa­ching?

Published On: 6. April 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

BookwormManchmal erfährt man im Karrie­re­coa­ching Dinge, die man besser nicht wüsste. Dabei gibt es kleine und große Themen, die heikel sind. Die kleinen Themen: Da lässt sich jemand krank­schreiben, um mehr Zeit für Bewer­bungen zu haben oder sich einem aktu­ellen Problem zu entziehen.  Da nimmt jemand formal einen Job an, um ihn sicher zu haben,  weiß aber schon, dass er/sie diese Stelle nicht antreten wird, wenn ein Arbeit­geber zusagt, der regional besser passt. Zu diesen Themen veröf­fent­lichte Henrik Zabo­rowski gerade einen Leser­brief vom „Bewerber 2.0 — HR schlägt zurück“. Da erfinden Bewerber kranke Tanten und andere haar­sträu­bende Geschichten, um Termi­n­un­päss­lich­keiten, Verschie­bungen oder Absagen zu tarnen.

Es gibt auch großen Themen: Da erzählt einem jemand, dass sein Unter­nehmen die Bilanz frisiert, sein Chef gegen Gesetz verstößt oder Maßnahmen nicht so sauber sind, wie sie in der Öffent­lich­keit darge­stellt werden. Da müsste jemand eigent­lich seine Vorge­setzten über eine Entwick­lung in der Forschung infor­mieren, tut dies aber nicht, weil diese nur für kurz­fris­tige Gewinn­ma­xi­mie­rung genutzt würde. Im Buch „Das Neue und seine Feinde“ empfiehlt Gunter Dueck under­cover zu arbeiten, um eigene Ziele – Inno­va­tionen – zu errei­chen. Ein Verhalten, dass ethisch frag­würdig ist –wenn man den Kant´schen kate­go­ri­schen Impe­rativ anlegt.

Ob Sie ein strenger Syste­miker sind (wobei Luhmann streng­ge­nommen keine Ethik beschreibt) oder eher einer Kant´schen Ethik folgen: Solche kleinen und großen Dinge bringen Sie als Karrie­re­coach in die Bedrouille. Natür­lich ist Ihnen klar, dass Sie nichts mit diesen Infor­ma­tionen machen können, denn an dieser Stelle sind Sie wie der katho­li­sche Priester, der die Beichte entge­gen­nimmt. Sie folgen natür­lich dem Daten­schutz.

Aber, was bitte sind die Grenzen?

Wo haben Sie die ethi­sche Pflicht, zu inter­ve­nieren? Diese Frage ist alles andere als einfach, soviel ich weiß ist sie kein Thema von akade­mi­schen oder prak­ti­schen Coaching-Ausbil­­dungen. Das wundert mich: Denn wenn man sich auf eine System­theorie beruft, kommt man an der Beschäf­ti­gung mit philo­so­phi­schen Fragen nicht vorbei. Man muss doch wissen, wie sich etwas einordnet – und auch Grenzen kennen.

Eine häufige Frage lautet: „Was raten Sie mir?“

Auch, wenn Sie auf solche Fragen nichts raten, und dass auch sagen, könnte es sein, dass es Ihnen ähnlich geht wie mir. Es rumort im Innern, es beschäf­tigt sie. Man sieht Ihrem Gesicht an, dass Sie eigent­lich etwas raten wollen. Das hat mit ihrem mora­li­schen Empfinden  zu tun. Viel­leicht sind sie reli­giös. Und selbst wenn nicht, Sie werden irgendein mora­li­sches Empfinden haben.

Ist das korrekt? Ist das gut?

Um was geht es hier wirk­lich? Es geht NICHT um Moral, es geht um Ethik. Moral bewertet, auch ohne zu hinter­fragen oder nach dem hinter­fragt wurde. Ethik analy­siert und hinter­fragt. Moral ist prak­tisch, Ethik immer auch theo­re­tisch.

Formalt­ethiken wie die von Kant bieten Entschei­dungs­hilfen für mora­li­sches Verhalten. Verant­wor­tungs­ethiken erlauben uns Dinge nur dann tun, wenn wir seine Folgen sicher abschätzen können. Wendet man diese an, kann man Atom­kraft­werke nicht zulassen, kommt aber mögli­cher­weise auch zu dem Schluss, dass das Zulassen von Kinder­ar­beit in einem sozialen Rahmen ethi­scher ist als ein radi­kales Verbot – weil die Kinder so im entspre­chenden Land ein besseres Leben haben.

Natür­lich soll der Coach nicht seine eigenen mora­li­schen (oder besser: ethi­schen) Wert­maß­stäbe anlegen, sondern dem Klienten den Blick für seine eigenen öffnen und indi­vi­du­elle Entschei­dungs­pa­ra­meter frei­legen. Aber bisweilen sind Klienten wie die Höhlen­men­schen im Höhlen­gleichnis von Platon: Sie sehen nur Schatten, Sie als Coach aber wissen, dass es Menschen sind. Was Sie vor diesem Hinter­grund tun können: Wirkungen auf das System des Klienten bespre­chen, Werte frei­legen –  sofern Sie Wege, aus der Höhle heraus­zu­kommen, aufzeigen, so müssen Sie auch die Konse­quenzen bespre­chen. Wenn der Wissende zu den Dummen zurück­kehrt und von seinem Wissen berichtet, wird er der Lüge bezich­tigt und erschlagen.

Ange­nommen, Sie wären Hoeneß´ Coach gewesen: Was hätten Sie gemacht, wie inter­ve­niert? Hätten Sie über­haupt inter­ve­nieren müssen, wenn das gar nicht Ihr Auftrag gewesen wäre?

Schwie­rige Frage.

Ange­nommen, Sie hätten einen Kunden, der eine Firma bewusst und taktisch hinhalten will, um sich alle Optionen offen zu halten?

Auch eine schwie­rige Frage, wenn auch nicht ganz so weit­rei­chend. Oder doch? Welche Konse­quenzen hat es für eine Gesell­schaft, wenn jeder eigene Inter­essen zur Maxime machen würde?

Zum Bewerber 2.0‑Beitrag: Ja, nicht nur einmal kamen wir in einem Karrie­­re­­co­a­ching-Prozess zu dem Ergebnis, dass ein Taktieren sinn­voll wäre, weil jemand einen klaren Favo­riten hat und die Zusage von Firma B nur eine Notlö­sung wäre. Ich sage dann z.B. „Ich höre heraus: Sie würden diesen Job ohnehin nicht antreten. Was wäre die Konse­quenz daraus für die Frage, die Sie mir gestellt haben?“

Es gibt Menschen, die hier sagen „ich muss eine E‑Mail schreiben, und da erfinde ich mal die kranke Tante.“ Da kann ich dann noch mal versu­chen zu inter­ve­nieren, indem ich sage: „Lassen Sie uns doch mal die Perspek­tiven wech­seln. Wie würde das für Sie sein, wenn….“ So werden Sie  mögli­cher­weise ein schlechtes Gewissen erzeugen und der Klient wird nicht mehr kommen oder etwas tun, was er/sie Ihnen nicht mitteilt. Da sind Sie trans­ak­ti­ons­ana­ly­tisch ganz klas­sisch in der Mama-/Papa-Rolle, die auch nicht immer die schlech­teste ist, um das unge­zo­gene – unmo­ra­li­sche – Kind zu erziehen.

Manchmal kann man als Coach – jeden­falls wenn die Ziel­gruppe im Allge­meinen gebildet ist —  gerade in diesen relativ einfa­chen Themen fragen, ob sich der Klient an den kate­go­ri­schen Impe­rativ erin­nert: „Handle nur nach derje­nigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allge­meines Gesetz werde.“ Betonen Sie das Wort Maxime:  Hinter dem Taktieren in der beschrie­benen Situa­tion steckt die Ego-Maxime „ich bevor­zuge es Dinge zu tun, die mir nutzen“. Die einfa­chen Frage­stel­lungen beant­worten sich dann leicht. Auch ein Höneß  hätte besser Kant befragen sollen.

Kants Formal­ethik hat indes Grenzen bei über­ge­ord­neten Frage­stel­lungen wie Bilanz­be­trug oder der Frage, ob man Instanzen umgehen kann, um der Gesell­schaft oder Umwelt oder… zu nutzen. Antwort auf die ethi­sche Kompa­ti­bi­lität dieser Frage­stel­lungen findet sich bei den Verant­wor­tungs­ethi­kern wie Hans Jonas. Dieser sagt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Hand­lung verträg­lich sind mit der Perma­nenz mensch­li­chen Lebens auf Erden.“ Das erlaubt das Under­­cover-Arbeiten à la Dueck, siehe oben.

In meinem Seminar war ein Themen­block „die Persön­lich­keit im Karrie­re­coa­ching“. Nicht nur bei den Big Five auch bei der Grund­hal­tung wird diese zum Tragen kommen. Ich bin über­zeugt, die oben skiz­zierten Frage­stel­lungen wird jeder anders gewichten und beant­worten. Aber darüber Gedanken machen, sollte sich jeder.  Und darüber, welche Haltung er dazu hat, ebenso.

[für Spiral-Dyna­­mics-Freunde: Man kann die philo­­so­­phi­­sche-ethi­­schen Haltungen auch mit Spiral Dyna­mics analy­sieren: Während Kant blau ist (Regeln), ist der Utili­ta­rismus orange (Effi­zienz), Max Schelers Wert­ethik grün-gelb und die Verant­wor­tungs­ethik gelb-türkis.]

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Sonja Rieder 8. April 2014 at 9:10 — Reply

    Das Problem kommt mir immer wieder unter. Als Psycho­the­ra­peutin und Karrie­re­coach habe ich den Vorteil, dass Ethik in der Psycho­the­rapie ein häufig disku­tiertes Problem ist (man hat schließ­lich aus der Vergan­gen­heit gelernt) und die gesetz­liche Verschwie­gen­heits­pflicht eindeutig ist (in Öster­reich über die von Ärzten hinaus­geht und sogar im Zuge von Gerichts­ver­fahren nicht ausge­sagt werden muss). Ich bediene mich zur Lösung von Dilem­mata im Coaching also öfters meines zweiten beruf­li­chen “Hutes”, weil hier die Diskus­si­ons­ebene schon sehr weit entwi­ckelt ist.

    Das aller­dings löst auch nicht jede Zwick­mühle. Aus der Gestalt­the­rapie habe ich als hilf­reich mitge­nommen, meine persön­liche Befind­lich­keit als Coach/Therapeutin in den Raum zu stellen — “Ich fühle mich nicht wohl mit dieser Vorgangs­weise, klarer­weise ist es Ihre Entschei­dung, aber ich kann/will Sie hier nicht weiter unter­stützen. Da komme ich selbst in ein ethi­sches Dilemma”. Solche Inter­ven­tionen weiten noch einmal den Raum des Disku­tierten, und ich habe noch nie die Erfah­rung gemacht, dass sie einer guten Coaching-Bezie­hung geschadet hätten.

    Mir ist mein Schlaf wichtig, und ich will mir selbst in die Augen sehen können. Ande­rer­seits weiß ich, dass auch von der “Gegen­seite”, dh. von Unter­nehmen, vieles höchst frag­würdig verläuft. Rauhere Zeiten mögen im Einzel­fall auch den Einsatz von Mitteln erfor­dern, an die in ruhi­geren Zeiten wohl niemand gedacht hat.

    Ich denke auch, dass sich Moral aus dem speist, was jemand bisher erlebt und erfahren hat — damit bleibt sie höchst­per­sön­lich. Die von meinen Klienten — und meine eigene.
    Dennoch sollte sie disku­tiert werden dürfen — ein hoch­in­ter­es­santes Thema, denn hier spie­geln sich im Coaching aktu­elle gesamt­ge­sell­schaft­liche Frage­stel­lungen, herun­ter­ge­bro­chen auf das Indi­vi­duum.

  2. […] Leichen im Keller! Wir sind Menschen. Und sollten den Anspruch haben, uns auch so zu verhalten. Ob Ethik, Moral und Anstand dazu gehört, muss jeder für sich selbst beant­worten. Ich kenne […]

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