Kate­go­rien

Arbeiten im Ausland: „Nach Jahren im Süden wunderst du dich, wie man sich über ein falsch abge­legtes Doku­ment aufregen kann“ (Inter­view)

Published On: 17. April 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Dieser Tage sprach ich mit einem Bekannten  — Deck­name Markus Muster — der viele Jahre in Südame­rika und Spanien gelebt hat sowie in Projekten in den Emiraten und vielen afri­ka­ni­schen Ländern arbei­tete. Derzeit ist er tätig für einen Konzern, der sich aktuell in einer Umstruk­tu­rie­rung befindet. Das heißt: Wieder einmal Zeit, sich umzu­schauen und neu zu sortieren. Mit dem Haupt­ver­kaufs­ar­gu­ment im Gepäck: Auslands­er­fah­rung – manchmal gar nicht so leicht. Mehrere Joban­ge­bote warteten auf ihn – warum er sich dafür entscheiden wird, hier zu bleiben und was Arbeiten und Leben im Ausland bedeutet: Darüber sprach ich mit Markus ganz offen.

Gruppo multietnico ridottoDu hast ein Angebot als Geschäfts­führer von Firmen in Brasi­lien und Argen­ti­nien. Wirst du es machen?

Markus: Nein, ich habe mich dagegen entschieden. So viel können die mir gar nicht bezahlen. Buenos Aires ist toll, aber du bist nicht mehr wirk­lich flexibel. Es ist auch alles ganz anders dort als hier, das Leben, das Arbeiten. Wenn etwas mit der Familie passiert, kannst du nicht so schnell einfach runter­fliegen, das heißt: du kannst es, aber es kostet Zeit und viel Geld. Das schla­gende Argu­ment für mich ist aller­dings, dass das Ausland auch den Lebens­lauf verdirbt. Zu viel Erfah­rung im Ausland macht dich unver­mit­telbar in Deutsch­land.

Wie das? Es heißt doch, dass man Auslands­er­fah­rung braucht…

Markus: Ja, aber bitte nur  zwei bis drei Jahre. So machen Flug­ge­sell­schaften  nicht ohne Grund Reso­zia­li­sie­rungs­trai­nings mit Menschen, die länger im Ausland gear­beitet haben. Die kommen zurück als andere Menschen, die finden sich einfach nicht mehr zurecht. Auch ich hatte Schwie­rig­keiten, nach 10 Jahren in Südame­rika und Südeu­ropa.

Aber du warst doch in Südeu­ropa!

Markus: Trotzdem — du tickst da ganz anders als hier. Mir fiel es schwer, hier klar­zu­kommen. Du verstehst das alles nicht mehr. Du kapierst nicht, warum sich jemand darüber aufregen kann, dass ein Blatt falsch einge­heftet ist oder diese ganzen Entschei­dungs­wege, die einge­halten werden sollen. Die Sache mit dem Sozi­al­plan, Gewerk­schaften… Das scheint dir irra­tional, wenn du so lange in einem Land warst, wo es so etwas nicht gibt.

Wo du gelebt hast, gibt es doch auch Gewerkschaften…Oder etwa nicht?

Markus: Klar, aber sie haben weniger Einfluss. Sozi­al­pläne im Gegen­satz zum Inter­es­sen­aus­gleich gibt es dort nicht. Das Unter­nehmen ist freier in der Entschei­dung, wen es entlässt und muss sich an keine Vorgaben wie Firmen­zu­ge­hö­rig­keit, Alter, Familie etc. halten. Wenn ein Unter­nehmen entspre­chend zahlt, kann man auch ohne Grund ohne Probleme jeder­zeit entlassen werden. In Deutsch­land gibt es bei grös­seren Entlas­sungen mit den Gewerk­schaften verein­barte Sozi­al­pläne, an die sich das Unter­nehmen theo­re­tisch halten muss. Dadurch können Mitar­beiter geschützt werden, die es schwerer haben, eine neue Stelle zu finden. Aller­dings kann es auch sein, dass gute Mitar­beiter entlassen werden müssen, hingegen andere, die schlechter performen, das Unter­nehmen behalten muss. . Hat alles seine guten und schlechten Seiten.

Du sagst, es wird mit zuneh­mender Auslands­er­fah­rung schwerer, sich zurecht­zu­finden und beschreibst den anderen Arbeits­stil und die andere Kultur in Unter­nehmen. Warum noch?

Markus: In Südeu­ropa oder Südame­rika gehst du Mittags oftmals raus zum Essen. Man plau­dert mit der Verkäu­ferin auf dem Markt. Es ist auch egal, wie lange so eine Plau­derei dauert. Im Süden  kommt keiner auf die Idee zu fragen: „Kennst du die?“ Hier in Deutsch­land schon. Das  irri­tiert dich, weil du nicht gelernt hast, dass man sich kennen muss, um mitein­ander zu reden oder weil du es in all den Jahren woan­ders verlernt hast. Mit Mitar­bei­tern ist es genauso. Ich war im Süden Geschäfts­führer eines mittel­stän­di­schen Unter­neh­mens. Da redet man mitein­ander, auch über Privat­an­ge­le­gen­heiten, z.B. darüber was man am Wochen­ende gemacht hat. Hier in Deutsch­land scheint das nicht überall dazu zu gehören, es ist viel steriler.

Ich muss Deutsch­land in Schutz nehmen. Es sind meiner Erfah­rung eher bestimmte Bran­chen und Unter­neh­mens­kul­turen, in denen wenig privat geredet wird – das ist manchmal irri­tie­rend zu beob­achten, wie groß Unter­schiede in einem Land sind. Ich will noch ein weiteres Thema anschneiden. In ärmeren Ländern außer­halb Europas kommt noch was dazu: Dein Status als „Gast­ar­beiter“.

Markus: Oh ja, dort gehört ein Chauf­feur oftmals zu deinem Job. Du bist als mitt­lerer Manager schon der King. Es ist ganz klar, wer du bist, es gibt eine eindeu­tige Hack­ord­nung. Hier bist du niemand. Das ist für mich nicht schlimm, aber stell´ dir vor, du bist 10 Jahre Jemand Beson­deres, das kannst du nicht mehr abstreifen. In manchen Ländern wirst du bewacht, hast einen Chauf­feur, Haus­per­sonal. Dann stell dir mal vor, was passiert, wenn du wieder nach Deutsch­land kommst – bist leitender Ange­stellter und trotzdem ein nobody, musst beim Chef für jede Sache um einen Termin anfragen?

Das Umfeld prägt extrem. Unsere Umge­bung macht uns. Ich habe von jemand gelesen, der ein Jahr in den Slums lebte. Er wurde wie die anderen. Ich denke, es ist auch so, auf der anderen Seite. Wenn du immer mehr hast und was Besseres bist…

Markus: Natür­lich, da hilft dir nicht weiter, dass du es anders kennst. Wenn jeder aufschaut und deinen Anwei­sungen folgt, macht das etwas mit dir. Genauso wie du auch lernst, dass es oben und unten gibt. Du lernst auch die mit Gefahren zu leben und Sicher­heit zu schätzen; ein grosses Gut, welches es in vielen Ländern z.B. Südame­rikas so nicht gibt wie in Deutsch­land.

Du warst auch in arabi­schen Ländern… Wie fühlt sich ein deut­scher Manager dort?

Markus: Es ist eine andere Welt. In den wohl­ha­benden arabi­schen Ländern werden die anstren­gen­deren Arbeiten nur von Gast­ar­bei­tern ausge­führt, die oftmals in Contai­ner­ba­ra­cken auf einen paar Quadrat­me­tern leben müssen. Die Arbeits­be­din­gungen für sie sind extrem schlecht. Als deut­scher Manager lebst du dort norma­ler­weise gut, auch wenn klar ist, dass auch du nicht zur ersten Klasse gehörst. Diese wird von den Einhei­mi­schen gestellt. Gast­ar­beiter, mit denen du arbei­tetst, kommen oft aus Indien, den Phil­ip­pinen, Paki­stan. Jedesmal musst du dich auf eine andere kultu­relle Menta­lität einstellen, wenn du mit deiner Arbeit Erfolg haben willst.

Also besser kein Ausland?

Nein, absolut nicht. Es ist eine riesige tolle Berei­che­rung. Nur sollte man sich klar machen, dass man Teil eines Landes einer anderen Kultur wird, wenn man mehr als zwei bis drei Jahre dort verbringt – und dieses selbst auch dann, wenn man nicht in Ausländer-Sied­­lungen lebt, sondern mitten­drin. Und dieses macht eine Rück­kehr nach Deutsch­land dann extrem schwer.

Das Gespräch ergänzt meine Diver­­­sity-Beiträge um eine prak­ti­sche Perspek­tive – was theo­re­tisch sinn­voll ist, ist in der Umset­zung oft ganz schön schwer.…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Stefan Dowe 22. April 2014 at 11:32 — Reply

    Danke, span­nendes Thema und sehr inter­es­santes Inter­view! Als jemand, der jetzt eben­falls schon sein viertes Land “bewohnt” kann ich viele Eindrücke von “Markus Muster” bestä­tigen. Speziell in Schwel­len­län­dern (in meinem Fall China), wo die euro­päi­schen Mitar­beiter der euro­päi­schen Konzerne teil­weise leben wie die Könige. Die wenigsten, die das 2 oder 3 Jahre erlebt haben, sind anschlies­send noch für den euro­päi­schen Arbeits­markt zu gebrau­chen. Wer dort aller­dings bei chines­ei­schen Unter­nehmen arbeitet sammelt ausser­ge­wöhn­liche Erfah­rungen!

    • Svenja Hofert 22. April 2014 at 13:36 — Reply

      Danke für die weitere Einsicht in das Thema. Ja, der Markus Muster erzählt mir immer Sachen… China ist bisher nicht dabei. Welche außer­ge­wöhn­li­chen Erfah­rungen meinen Sie? LG Svenja Hofert

  2. Hubert 29. April 2014 at 22:55 — Reply

    Zum Glück ist man nicht davon betroffen, wenn man als Frei­be­rufler sowieso alleine zu Hause arbeitet. (Außer dass in Deutsch­land fast alles teurer ist.)

  3. Ansgar Schäfer 18. Mai 2014 at 15:13 — Reply

    Kann ich nur 100% beipflichten liebe Frau Hofert.

    Ein Hote­lier, der seit über 10 jahren in Asien lebt bewarb sich kürz­lich bei uns. Einer von vielen übigens. Ihm schrieb ich folgende Absage:

    «…Erfah­rungs­ge­mäss kann man einen Such­pro­zess für wirk­lich wich­tige Funk­tionen nicht oder nicht effi­zient via Mail-Korre­s­pon­­denz und Tel.-Gespräch – auch nicht via Video-Inter­­view (Skype o.ä.) – fundiert/seriös abwi­ckeln. Die oftmals von Kandi­daten im Ausland im Vorfeld (zu Recht) gestellten Fragen zum Objekt, zu den Zielen, zur Orga­ni­sa­ti­ons­struktur und zu den Hinter­gründen lassen sich eben­falls nur mit einem schier nicht zu bewäl­ti­genden Aufwand abklären/beantworten auf Distanz.
    Inner­halb wich­tiger Mandate – dazu zählt auch dieser Such­auf­trag – müssten inter­es­sierte Kandi­daten per sofort über einen Zeit­raum von mehreren Wochen hinweg (für je nach dem zwei bis drei persön­liche Gespräche) hier vor Ort verfügbar sein. Mögli­ches Beispiel für so einen Ablauf: Nach persön­li­chen Erst­ge­sprä­chen bei uns erar­beiten wir aus allen Kandi­da­ten­in­ter­views eine Short­list und arran­gieren ein Treffen mit der Regio­nal­di­rek­tion oder einem VR-Mitglied. In einer dritten Phase kommt dann der Besitzer oder die Besit­zerin ins Spiel. Das Ganze verbunden mit dem Risiko, dass selbst wenn Sie sich die Zeit nehmen könnten/würden und hier hin fliegen, und 3–5 Wochen bleiben, im worst case ein anderer das Rennen macht…

    Apropos worst case: Eine weitere Hürde, die wir nicht nehmen können, ist der Fakt, dass der Gross­teil unser Auftrag­geber leider keine Persön­lich­keiten mit die engere Auswahl nehmen möchten, die länger als sagen wir 8–10 Jahre im Ausland weilen. Je nach Hotel – dieses gehört in genau diese Kate­gorie – ist es in der Tat wichtig, ein aktu­elles lokales Netz­werk zu den wich­tigsten Commer­cial Custo­mers, zu den einhei­mi­schen PCOs (Profes­sional Congress Orga­ni­zers) sowie zu den für den CH-Markt rele­vanten Schlüs­sel­per­sön­lich­keiten im Umfeld TOs (Tour­ope­rator) vorweisen zu können.

    Wenn wir schon nichts Konkretes für Sie tun können im Moment – was uns sehr Leid tut – möchten wir die Gele­gen­heit wenigs­tens dazu benutzen, Ihnen Erfolg und natür­lich das oftmals nötige Quänt­chen Glück bei der beruf­li­chen Neuori­en­tie­rung in Rich­tung Heimat/Schweiz zu wünschen…»

    Ihr Inter­view Frau Hofert brachte diese Probe­matik 1:1 und breit abge­deckt rüber. Kompli­ment. Werde ich gele­gent­lich mit Verlin­kung an inter­es­sierte Kandiaten weiter­leiten.

    MFG Ansgar Schäfer
    Perso­nal­be­rater seit 1990

  4. […] Hier sein Xing-Profil. Über das Arbeiten in Südame­rika und Spanien habe ich bereits letztes Jahr ein Inter­view veröf­fent­licht (“nach Jahren im Süden bist du […]

  5. Annette 10. November 2015 at 9:47 — Reply

    Hallo, ich (Deut­sche, Single, keine Kinder) bin jetzt schon seit knapp 4 1/2 Jahren in Frank­reich und schaue mich nach Jobs in UK um. Ich war schon einmal ein gutes Jahr im Ausland Nieder­lande), leider war die Stelle dort nicht beson­ders toll, weshalb ich dann unfrei­weillig nach Deutsch­land zurück und dort — wiederum unfrei­willig — 10 Jahre arbeiten mußte, obwohl ich schon damals lieber im Ausland geblieben ware. Leider ergaben sich damals keine inter­es­santen Stellen und so habe ich mich nolens volens in Deutsch­land “durch­ge­schlagen”.

    Ich habe für mich beschlossen, nicht mehr nach Deutsch­land zurück­zu­kehren, da mir die dortigen Bedin­gungen — nicht nur für Singles — einfach zu schlecht sind (hohe Abgaben, hohe Steuern (beide konti­nu­ier­lich stei­gend), teuere Mieten, noch teureres Wohn­ei­gentum) und auch die poli­ti­sche Situa­tion mehr als aus dem Ruder läuft…für die ich nichts kann und für die ich nicht auch noch happig zahlen will. Kurz und gut: ich bin im Ausland bestens aufge­hoben, und wenn mir mein Arbeit­geber nichts bietet, suche ich woan­ders. Da ich viel­seitig inter­es­siert und in jeder Hinsicht flexibel bin, ist ein Wechsel in eine andere Branche für mich kein Problem und gut vorstellbar.

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