Kate­go­rien

Die Zukunft der Bildung: Futter für die Wirt­schaft oder für den Geist?

Published On: 22. April 2014Cate­go­ries: Führung

Früher gab es vor allem einen Grund zu lernen: Non scholae sed vitae discimus. Wir lernen fürs Leben. Viele berufen sich noch heute noch auf dieses Humboldt­sche Bildungs­ideal. Nach Wilhelm von Humboldt ist das Bedürfnis, sich zu bilden, im Inneren des Menschen ange­legt und natur­ge­geben. Im Humboldt­schen Ideal steht die Persön­lich­keits­ent­wick­lung im Mittel­punkt, durch die Indi­vi­dua­lität möglich wird.  Jedem soll deshalb Bildung zugäng­lich gemacht werden  Mate­ri­elle Ziele gehen damit nicht einher.

Ökono­mi­sie­rung der Bildung

Doch die Ökono­mi­sie­rung der Bildung schreitet in anderen Berei­chen voran, die Verkür­zung der Schul­zeit auf 12 Jahre („G8“) ist nur ein Zeichen. Leider hat die Wirt­schaft die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Das einge­sparte Jahr inves­tieren die meisten Abitu­ri­enten meiner Beob­ach­tung nach nicht in eine frühere Ausbil­dung (und damit Verfüg­bar­keit für Arbeit­geber), sondern in Reisen und Rumhängen. Sollen sie!

Ein weiteres Zeichen dieser Ökono­mi­sie­rung ist der Ruf nach Akade­mi­kern, den die OECD so nach­haltig formt. Akade­miker sollten den Wirt­schafts­be­trieb aufrecht­erhalten und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit  einer Wissens­ge­sell­schaft stei­gern. Vergessen wurde und wird dabei, dass alle Initia­tiven wie MINT nichts bringen, wenn die Menschen ein freies Recht auf Bildung dekla­rieren und auch ein wirt­schafts­fernes Fach wie Geschichte als solches ansehen: Humboldt eben.

Wirt­schaft­liche Gründe für die Akade­mi­sie­rung

Mit der Akade­mi­sie­rung sollten Engpässe geschlossen und die Konkur­renz­fä­hig­keit gewährt sein. Das ist ein grund­sätz­li­cher Inter­es­sen­kon­flikt zwischen Wirt­schaft und Mensch, denn die Bildungs­wil­ligen möchten beruf­liche Ziele und Träume verwirk­li­chen. Die sehen viele eben nicht als Maschi­nen­bau­in­ge­nieur oder in anderen MINT-Berufen reali­siert, also in den einzigen akade­mi­schen Berufs­zweigen, in denen man relativ sicher Geld verdienen kann. Jaja, BWL, mein meist­ge­le­sener Artikel der letzten Jahre. Wer ihn nicht kennt, hier.

So entsteht aufgrund der Bildungs­frei­heit ein schiefer und krummer Arbeits­markt: Mit einem viel zu viel an Bewer­bern in weichen, nicht-tech­­ni­­schen Fächern und einem zu wenig in harten. Mission miss­lungen. Jeder weiß: Die Tatsache einer nied­rigen Akade­mi­ker­ar­beits­lo­sig­keit von drei Prozent kann die Schief­lage nicht verde­cken. Viele arbeiten nicht in akade­mi­schen Jobs, sondern in Berufen, für die eine Ausbil­dung gereicht hätte. Außerdem verur­sacht der Über­fluss an Akade­mi­kern und das Streben der jungen Abitu­ri­enten an die Hoch­schulen Mangel in anderen Berei­chen. Schon rudert Bildungs­mi­nis­terin Johanna Wanka zurück und will Studi­en­ab­bre­cher zu Hand­wer­kern machen. Wieso nur Abbre­cher?

Bildungs­stufen oder AUSbil­dungs­stufen?

Die Akade­mi­sie­rung wird oft unter dem Etikett des Rechts auf „Bildung für alle“ betrieben, also im Grunde im Humboldt­schen Sinne. Die Wissens­ge­sell­schaft brauche mehr Menschen in höheren Bildungs­stufen, da sind sich alle einig. Die OECD teilt deshalb in sechs Bildungs­stufen ein, bis hin zur Promo­tion. Inner­halb der Stufen gibt es zum Beispiel ein 5A und 5B. 5A sind allge­mein­bil­dende Abschlüsse von Hoch­schulen, 5B berufs­qua­li­fi­zie­rende wie etwa ein Tech­niker. Beide sind also gleich­wertig, am Markt aber nicht, siehe meinen Beitrag zum Fach­kräf­te­mangel und den Engpass­be­rufen.

5B wird in der Regel erlangt, weil ein Bewerber auf dem Arbeits­markt bestehen möchte und z.B. seinen Tech­niker macht, 5A könnte auch rein oder primär aus Lust am Lernen und der Bildung als Selbst­zweck erfolgen. Gleiche Stufe, unter­schied­liche Wirkung. Man kann „Gender Studies“ als Master studieren und steht damit mit dem Meister auf glei­cher Stufe, scheinbar, im OECD-Code. 5A ist Bildungs­frei­heit. „Was willst du denn damit machen?“ müssen sich viele 5Aler fragen. Das spie­gelt indi­rekt eine utili­ta­ris­ti­sche Betrach­tungs­weise des „was bringt das für das Porte­mon­naie“?  Ein Studium soll danach einen Return on Invest­ment bringen, diese Haltung hat sich auf breiter Linie durch­ge­setzt – und passt dann wieder so gar nicht zu Humboldt, der mit Utili­ta­rismus nichts am Gelehr­tenhut hatte. Dass Bildung etwas Mone­täres bringt, ist eine mögli­cher­weise falsche Erwar­tung. Viel­leicht ist es über­haupt falsch, akade­mi­sche Bildung und Arbeits­markt­kom­pa­ti­bi­lität in Einklang bringen zu wollen. Viel­leicht ist die ganze Idee von 5A und 5B und ein Stufen­system, das Bildung und Arbeits­markt verbindet, schon irgendwie falsch. Zwei Schub­laden auf einer Stufe, von denen nur eine direkt mit dem Arbeits­markt zu tun hat.…

Studium gene­rale

Was ist die Lösung? Mögli­cher­weise braucht man gerade in der komplexer werdenden Wissens­ge­sell­schaft eine Art studium gene­rale, das alle werdenden Akade­miker durch­laufen – und dann erst ein Studium, das Wissen bringt, für das ein Arbeit­geber bezahlt. Im Grunde sollte jeder Akade­miker wirt­schaft­liche und recht­liche Grund­kennt­nisse haben, Basis­wissen in Philo­so­phie und Ethik haben und Statistik können. Ja, Statistik. Um Dinge durch­schauen und hinter die Kulissen sehen zu können, braucht man sowas. Und ist Bildung nicht auch die Fähig­keit, durch­schauen zu können und zu hinter­fragen? Oh, ich bin ein Kind der 1970er. Ich denke so.

Ich finde es notwendig, essen­tiell, sowie grund­le­gend demo­kra­tisch, die Fähig­keit zu haben, Dinge zu verstehen und hinter­fragen zu können – und das bitte nicht, um damit Geld zu verdienen. Wenn´s dazu kommt, gut, aber es muss nicht. Aber natür­lich, das kann nicht Inter­esse der Wirt­schaft, der Arbeit­geber sein. Bildung in meinem Sinne, dem Humboldt­schen der Gene­ra­tion X, ist entlar­vend und deshalb gefähr­lich — anders als der spezia­li­sierte Bachelor in Produk­ti­ons­lo­gistik.

Von Humboldt zu Luhmann

Niklas Luhmanns unter­scheidet in seiner „Theorie sozialer Systeme“ die sozialen Systeme Politik, Wirt­schaft und Recht, die die alten Stände abge­löst haben. Daneben führt in seinem Bild auch das Bildungs­system ein eigen­stän­diges Dasein. Die sozialen Systeme nach Luhmann repro­du­zieren sich selbst, in dem sie einen immer glei­chen binären Code anwenden. Das Bildungs­system löst seine Probleme nach dem Code „vermittelbar/unvermittelbar“.

Ein nicht kleiner Teil der von Bildungs­wil­ligen bevor­zugten Bildung, zumal von Frauen, erzeugt unver­mit­tel­bare Akade­miker – in Stufe 5A nach OEDC. Man will Kultur­ma­nage­ment oder Geschichte studieren, Archäo­logie, Psycho­logie oder Sozio­logie. Dieses Recht auf Bildung hat man, die Univer­si­täten bieten diese Fächer an. Sie bilden nicht für die Wirt­schaft aus, das ist ein eigenes System oder sollte es sein. Doch inzwi­schen produ­ziert die Wirt­schaft eigene Bildungs­in­sti­tu­tionen.  Dazu muss man Luhmann kennen und wissen: In der Wirt­schaft gilt ein eigener binärer Code, der lautet: Zahlun­­g/­­Nicht-Zahlung. Arbeit­geber wollen Zahlung – wenn Bildung dabei, hilft sie auszu­lösen, bauen sie eben eigene Lehr­stühle.

Studium als Geschenk an die Wirt­schaft

Das erklärt die vielen neuen Studi­en­gänge, die schon im Bachelor auf wirt­schafts­nahe Spezia­li­sie­rung setzen statt auf breite Grund­aus­bil­dung. So führt frühe Spezia­li­sie­rung in bestimmte Bran­chen und Tätig­keiten, die wirt­schaft­liche Zyklen durch­laufen und sich durch Tech­no­lo­gien immer wieder neu erfinden. Was heute gefragt ist, kann morgen schon über­flüssig sein.

BücherstapelDas Studium als Geschenk an die Wirt­schaft ist dann schnell entwertet – es war ja für diese bestimmte Branche und nicht für die Persön­lich­keits­bil­dung.  Im Luhmann­schen Sinn bleibt dann auch bei 5B am Ende ein „unver­mit­telbar“.  Womit auch der Gesell­schaft insge­samt nicht genutzt ist, aber die ist ja kein System.

Also im Zweifel lieber Futter für den Geist. Es lebe Humboldt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

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2 Kommen­tare

  1. Kai G. Werzner 23. April 2014 at 13:31 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hoffert,
    vom ganzen Herzen ein großes Danke für diesen Artikel und ihrer Einschät­zung.

    Das Humboldt­sche Erbe sollte nicht vergessen werden, es hat uns einst Groß gemacht.

    Es ist doch Fakt, dass sich Deutsch­land nur noch auf den histo­ri­schen Titel “Land der Dichter und Denker” ausruht und es seit einer gefühlten Ewig­keit nicht mehr ist.

    Eigen­stän­diges Denken ist in diesem Staat, dieser Gesell­schaft und dieser Wirt­schaft in keinster Weise erwünscht.

    Dies ist zumin­dest mein Eindruck und ich glaube diese Erkenntnis aus vielen ihrer Artikel auch heraus­ge­lesen zu haben.

    Ansonsten wären nicht so viele Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaftler so unge­liebte Bewerber bei den Firmen. Sie würden ja das System hinter­fragen und dies ist nicht erwünscht.

    Ich kann nur hoffen, dass wir die Humboldt­schen Ideale nicht vergessen und an unsere Kinder weiter­geben können und dürfen. Ja ich meine es ernst DÜRFEN, denn ich schaue mir ganz deut­lich die Entwick­lungen an den Hoch­schulen und Univer­si­täten in Deutsch­land an, wo ein Fach­ge­biet nach dem anderen einfach aus Unren­ta­bi­lität und Nicht­wirt­schafts­kon­for­mität einfach geschlossen werden.

    Wir zerstören — meiner Einschät­zung nach — ganz bewußt die Zukunft unserer Nation und die unserer Kinder, wenn wir alles ökono­mi­sieren.

    Und die soge­nannte Vergleich­bar­keit von Abschlüssen nach OECD ist doch selbst schon in sich nicht schlüssig oder erkennt z.B. Deutsch­land unein­ge­schränkt auslän­di­sche Abschlüsse an? Sind die Absol­venten z.B. von russi­schen Univer­si­täten schlechter als von deut­schen Unis.

    Aber Deutsch­land kann es sich ja leisten bei dem derzei­tigen Fach­kräf­te­über­schuß auf die Aner­ken­nung auslän­di­scher Abschlüsse zu verzichten. Und auf die deut­sche Will­kom­mens­kultur brauche ich hier eben­so­wenig eingehen wie auf die gelebte Ethik, Moral und Inter­kul­tu­ra­lität in den Firmen oder macher Städte und Ortschaften bzw. Regionen.

    Und solange die Begriffe Menschen­recht und Menschen­würde nur auf Renta­bi­lität, Effi­zienz sowie Wirt­­schafts- und Produk­ti­ons­stei­ge­rung redu­ziert wird, nun ja das kann man sich auch selber weiter­denken … .

    Mit freund­li­chen Grüßen
    Kai G. Werzner

  2. Johann 23. April 2014 at 15:58 — Reply

    Akade­mi­sche Bildung und Arbeits­markt­kom­pa­ti­bi­lität wird aber in Deutsch­land haupt­sän­lich von über­aka­de­mi­sierten HR-Veran­t­­wor­t­­li­chen in Einklang gebracht. Die akzep­tieren keine Abwei­chungen, keine Quer­ein­stieger sondern nur Schema 0815. Schade, dass es so ist. Es sollte eine Frei­heit der Bildung geben, aber dann auch Vertrauen in die Fähig­keiten der Menschen.

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