Kate­go­rien

Kleine Acker­kunde für Coachs: Feld­kom­pe­tenz im Karrie­re­coa­ching

Published On: 4. Mai 2014Cate­go­ries: Aktuell

Auf so manchem Seminar habe ich den Satz gehört „ach, Feld­kom­pe­tenz“: Gut zu haben, aber nicht wichtig. Feld­kom­pe­tenz brau­chen Berater.  Berater ist dabei als Seiten­hieb zu verstehen. Das sind die Leute, die sich einen Lebens­lauf anschauen und sagen: Machen Sie X, dann stei­gern Sie Ihr Gehalt um Y. So verstehe ich Karrie­re­coa­ching nicht. Das machen keine syste­mi­schen Coachs, und ich bin ja einer. Für mich steckt im Karrie­re­coa­ching auch ein Bündel von Methoden, die die Klienten helfen, für sich selbst eine Lösung zu finden. Um diese Methoden anwenden zu können, braucht es Feld­kom­pe­tenz. Neben Selbst­ver­ständ­lich­keiten wie sozialer Kompe­tenz und Hand­lungs­kom­pe­tenz.  Ich bin dabei dafür, den Begriff der Feld­kom­pe­tenz zu erwei­tern. Ich lese in Texten anderer eigent­lich immer nur, das es bei der Feld­kom­pe­tenz um Bran­chen- oder Führungs­er­fah­rung geht. Für mich steckt viel mehr darin. Ich habe in der Grafik drei Bereiche beschrieben, von denen mindes­tens der dritte norma­ler­weise in den Beschrei­bungen nicht auftaucht:

  • Fach­lich
  • Prozess­ural
  • Persön­lich
Copyright: Svenja Hofert

Copy­right: Svenja Hofert

Warum braucht man Feld­kom­pe­tenz?

Ganz einfach: Um die Fähig­keit zu haben, situativ in die Bera­ter­rolle zu steigen. Auch das kann Methode sein. Da fast jeder Coach oder Trainer mal was mit Trans­ak­ti­ons­ana­lyse gemacht hat (zeigt unter anderem die derzei­tige Ausgabe von „trai­ning aktuell“), will ich es damit verdeut­li­chen. Es kann Methode sein, sich bewusst in die Rolle des fürsorg­li­chen oder auch kriti­schen Eltern-Ichs zu versetzen. Einfa­ches Beispiel: Eine Klientin hat drei Alter­na­tiven für mögliche Berufs­wege. Im Grunde weiß sie sie, was sie will. Wir spielen das mit drei Stühlen durch, und es war klar, in welcher Rolle sie sich am authen­tischsten fühlte. Trotzdem war ihr am Ende meine Einschät­zung wichtig.

Und nun kommt es: So eine Einschät­zung kann ich nur geben, wenn ich mehr als eine Ahnung davon habe, was der beste Weg für den Klienten ist. Dafür muss ich erstens wissen, was den Klienten hindert (z.B. Glau­bens­sätze) und antreibt (z.B. Moti­va­tionen), aber zwei­tens auch wissen, mit welchen Entschei­dungen die Wahr­schein­lich­keit steigt, dass er/sie damit weiter­kommt. Ich muss auch die Karrie­re­le­bens­phase orten können und erkennen, was für die Person gerade wichtig ist.

Simples Beispiel: Mit bestimmten Lebens­läufen – dazu morgen mehr, wenn ich über Triple-A-CVs schreibe, braucht man sich bei Stra­te­gie­be­ra­tungen gar nicht erst zu bewerben. Das sollte ich als Karrie­re­coach erkennen. Den Klienten das selbst recher­chieren zu lassen, wie die strengen Syste­miker (oder viel­mehr: oft die Neulinge oder jene, die nur nebenbei in diesem Feld arbeiten) es verlangen, ist bei solchen klaren Frage­stel­lungen hane­bü­chen. Ich kann auch keinen Abitu­ri­enten aus 17.000 Studi­en­gängen passende auswählen lassen. Wenn ich mich als Karrie­re­coach in so einem Gebiet posi­tio­niere, hier in der Abitu­ri­en­ten­be­ra­tung, muss ich helfen können, eine Vorauswahl zu treffen, z.B. weil ich weiß welche Wege wahr­schein­li­cher in ein bestimmtes Arbeits­feld führen.

Wenn es um beruf­liche Themen geht, muss ich auch schnell verstehen, wie die Situa­tion im Unter­nehmen ist, welche Entschei­dungs­wege es gibt etc. Der Klient erklärt nicht lange. Und er nimmt sein Gegen­über viel­leicht nicht ernst, wenn dieses fragt „was bitte ist ein Verwal­tungsrat“ oder was genau macht man als Busi­ness Analyst?

Dabei wird Feld­kom­pe­tenz oft miss­ver­standen. Es geht nicht nur um Bran­chen- und Berufs- bzw. Führungs­er­fah­rung, sondern beispiels­weise auch um die persön­li­chen Aspekte, einen ähnli­chen Bildungs­stand oder ähnliche kogni­tive Fähig­keiten. Dabei gilt natür­lich, dass sich jemand mit mehr Intel­li­genz, Wissen und Erfah­rung auf jemanden mit weniger einstellen kann – deut­lich schwie­riger ist es aber umge­kehrt. Hier geht es um Eben­bür­tig­keit, die fach­lich und zur eigent­li­chen Lösung nicht notwendig ist, die es aber braucht, um eine Bezie­hungs­ebene herzu­stellen. Auch das subsum­miere ich unter Feld­kom­pe­tenz.

Natür­lich hat jeder Mensch andere Vorstel­lungen von Eben­bür­tig­keit und sicher vari­ieren diese von Thema zu Thema. Mein Part­­ner­­schafts-Ehecoach, sollte ich ihn einmal brau­chen, sollte einfühlsam und geistig rege sein. Die einzige Feld­kom­pe­tenz, die ich von ihm erwarten würde, wäre umfang­reiche Erfah­rung im Bezie­hungs­um­feld. Ich persön­lich würde niemals zu jemand gehen, der mehr als einmal geschieden ist. Und ich würde ganz sicher jemand, der 60 Jahre oder mehr hinter sich hat, eher akzep­tieren als einen jungen. Einen Nicht-Akade­­miker würde ich womög­lich nicht als eben­bürtig  empfinden. Diese Dinge sind bei jedem anderes, aber sie sind da und sie spielen eine Rolle. Und deshalb sind sie auch für den Erfolg rele­vant.

Oft werden Coachingan­fragen an mich heran­ge­tragen. Die Empfeh­lung ist manchmal für mich schwierig, weil falsche Empfeh­lungen wie ein Bume­rang sind – sie fliegen dir um die Ohren. Ich will deshalb wissen, dass es passt – und Feld-Erfah­rungen eines Coachs, sei es im Job oder durch Jahre­langes Coaching erworben, geben mir diese Sicher­heit.  Auch die Tatsache, dass jemand klar posi­tio­niert ist und nicht  auf mehreren Hoch­zeiten tanzt, unter­streicht die Sicher­heit. Ebenso das Auftreten und Aussehen. Oder eine eigene Praxis außer­halb der eigenen Wohnung. Wohn­zim­mer­coachs sind für mich ein No-Go.

Was bedeutet das für Ihr Angebot im Karrie­re­coa­ching?

Wer jeden bedienen will, bedient keinen richtig. Finden Sie eine Ziel­gruppe, die von Ihrer Feld­kom­pe­tenz profi­tiert – oder erwerben Sie gezielt Feld­kom­pe­tenz. Denken Sie dabei nicht nur klas­sisch an Bran­chen, sondern auch an den von mir beschrie­benen dritten Bereich der Feld­kom­pe­tenz, den persön­li­chen.

Ich sehe manchmal, dass sich Menschen als Karrie­re­coach selbst­ständig machen oder machen wollen, die bisher durch die Berufs­welt geirr­lich­tert sind. Aber auch die Suche nach dem rich­tigen Beruf kann Feld­kom­pe­tenz sein…Die Erfah­rung, einen falschen Weg gegangen zu sein. Oder auch… die Herkunft.

Wenn Sie sich mit etwas NICHT auskennen, sagen Sie das dem Kunden.  Bereiten Sie Gespräche vor. Wenn ich beispiels­weise einen Busi­ness Analyst berate, der vor der Entschei­dung für einen MBA oder eine fach­spe­zi­fi­sche Zerti­fi­zie­rung steht, infor­miere ich mich vorher über die Zerti­fi­zie­rungen und deren Aner­ken­nung – am besten bei Leuten, die voll im Thema sind. Ein gutes Netz­werk nährt Feld­kom­pe­tenz.

Aber auch wenn´s nur Google ist: Vorbe­rei­tung hilft Ihnen, Anliegen einzu­ordnen. Natür­lich wird es im Coaching dann erst mal darum gehen, die Ziele zu klären, was also genau die Maßnahme bewirken soll. Aber dann sagen zu können: „Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass Ihnen der MBA bei diesem Ziel jetzt wirk­lich hilft“ ist eben genau das, was die meisten Kunden auch erwarten. Und: wofür im allge­meinen mehr Geld bezahlt wird als für einen Rat, den 1000 andere auch geben könnten. Diese ökono­mi­sche Kompo­nente sollten zumin­dest die Selbst­stän­digen nicht unter­schätzen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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