Kate­go­rien

Mosaik 2030: 10 x Karrieren der Zukunft

Published On: 6. Juni 2014Cate­go­ries: Führung

SmilesEin Job = kein Job, ein Studium = keins. Der Zukunft gehört die Mosa­ik­kar­riere bestehend aus einem Bildungs­tep­pich. Den Begriff „Mosa­ik­kar­riere“ hat die Autorin und Profes­sorin Lynda Gratton geprägt. Dabei geht es nicht darum, dass Menschen immer neue Jobs erlernen, sondern verschie­dene Profile zu einem neuen verknüpfen – und zwar sehr oft ausge­spro­chen anspruchs­volle Profile, die mehrere akade­mi­sche Studi­en­gänge verlangen. Wer soll das bezahlen? Müssen wir demnächst alle in eine Bildungs­ver­si­che­rung einzahlen? Wie hoch werden Gehälter sein müssen, wenn Menschen nur noch ein paar Jahre ihr Wissen abschöpfen können, um sich dann dem nächsten Mosa­ik­stein zu widmen? Folgen und prak­ti­sche Maßnahmen beschreibe ich als Karrie­re­le­bens­zy­klus in meinem im September bei Campus erschei­nenden Buch „Karriere mit System“ (vorbe­stellbar).

„The cost of secon­dary educa­tion is rising drama­ti­cally”: Die Kana­di­sche Initia­tive “Regis­tered Educa­tion Savings Plan (RESP)” hat sich derweil eine Art private Bildungs­ver­si­che­rung ausge­dacht. Sie hilft, Eltern und Ange­hö­rigen dabei, für die Bildung ihrer Kinder zu sparen. Die Initia­tive hat die Website Careers 2030 in Leben gerufen und stellt dort Jobpro­file der Zukunft vor, die aufgrund von Studien entwi­ckelt worden sind.

Wer wird Zugang zu höherer Bildung haben? Wir müssen damit rechnen, dass einige wenige Menschen immer besser ausge­bildet sein werden. Und dass sich das Niveau verschiebt: Die Besten der Besten, kombi­nieren nicht ein Studium, sondern reihen ein Mosaik anein­ander, mögli­cher­weise auch Kombi­na­tionen aus prak­ti­schen Ausbil­dungen und akade­mi­schen Studien. So wie es 1970 zwei Prozent Akade­miker gab, könnte es 2030 zwei Prozent solcher Multi-Profes­­sio­nals geben. Denn für jeden sind solche Mosa­ik­kar­rieren mögli­cher­weise gar nicht finan­zierbar. Was machen dann die anderen, die nur ein einfa­ches Bache­lor­stu­dium oder einen simplen Master haben? Sind es die Unge­lernten von heute? Schauen wir uns die Karrieren aus Kanada und die dahinter stehenden Ausbil­dungen einmal näher an. Was steckt dahinter?

1. Tele-Chirurg

Vor Ort operieren? Muss nicht mehr sein. Spezia­listen nehmen in ihren medi­zi­ni­schen Teil­be­rei­chen auch über große Entfer­nungen hinweg Eingriffe vor und nutzen Robo­ter­arme. Für diesen Karrie­reweg braucht es vermut­lich auch in Zukunft ein regu­läres Medi­zin­stu­dium und eine Fach­arzt­aus­bil­dung, außerdem einen neu zu konzi­pie­renden Master in Telechir­urgie. Macht insge­samt: sieben Jahre Medi­zin­stu­dium, fünf Jahre Fach­arzt­aus­bil­dung, zwei Jahre Telechir­urgie = 15 Jahre Ausbil­dung. Wohl kaum ein Job für jeden.  Denkbar ist, dass auch Kran­ken­pfleger in Telechir­urgie ausge­bildet werden, für assis­tie­rende Tätig­keiten. Das würde auch ihre Ausbil­dung verlän­gern, verteuern und akade­mi­sieren. Tech­nik­kennt­nisse drin­gend erfor­der­lich. Und immer noch ist Infor­matik kein Pflicht­fach in den Schulen.

2. Rena­tu­rierer

Wie befreien wir das Meer von all dem Plastik? Wie schaffen wir blühende Land­schaften, wo einst Plat­ten­bauten standen? Der Fokus des Rena­tu­rie­rers liegt darauf, Umwelt­schäden zu mildern und auszu­glei­chen oder sogar rück­gängig zu machen. Das kann kein Ausbil­dungs­beruf leisten: Hier wird ein Biolo­gie­stu­dium die Basis sein, aber das ist sicher noch lange nicht genug. Wahr­schein­lich braucht man auch noch etwas Chemie­wissen für bestimmte Spezia­li­sie­rungen. Und Archi­tektur… und Land­schafts­ar­chi­tektur. Geologie sowieso. Und diverse weitere Spezia­li­sie­rungen, die alle Ausbil­dungen erfor­dern und keines­falls an einem Wochen­ende zu lernen sind. Ein (noch zu erfin­dender) Master of Rena­tu­ra­tion könnte den Deckel auf die indi­vi­du­elle Quali­fi­ka­tion setzen.

All der Ausbil­dung zum Trotz wird man in diesem Umfeld vermut­lich nicht ganz so gut verdienen. Es sei denn man verkauft die rena­tu­rierte Land­schaft an Inves­toren, die einen Rena­­ture-Fond auflegen, der richtig Kohle macht und eine Blase verur­sacht. So wie im Mittel­alter die hollän­di­schen Tulpen, der Nemax um die Jahr­tau­send­wende und 2011 die seltenen Erden in China.

Unklar, wer so einen Arbeits­platz bezahlt. Falls es der Staat ist, wird ein hoch­qua­li­fi­zierter Beruf nicht den Return bringen, den er aufgrund seiner langen Ausbil­dungs­zeit bringen müsste (aktu­elle Gehälter ange­stellter Geologen bewegen sich bei etwa 40.000 EUR/Jahr). Bei diesen von der kana­di­schen Seite vorge­schla­genen Karrieren und den folgenden stellt sich mir die Frage, wie wir da Bildungs­ge­rech­tig­keit herstellen können. Denn es wird ganz einfach so sein: Nicht jede ultra­lange Ausbil­dung und nicht jede Mosa­ik­kar­riere führt in hoch­be­zahlte Jobs. Mal abge­sehen davon, dass es erstens unge­klärt ist, wer Ausbil­dungs­kosten über­nimmt und zwei­tens wer die Bildungs­ho­heit bekommt: Staat oder Wirt­schaft, siehe Bildungs­burger.

3. Abfall­ge­stalter

Mach was aus dem ganzen Müll! In den 1980er waren Pull­over aus Putz­lappen in. Ich hatte sowas, kein Scherz. Ein wirk­lich sinn­volles Recy­cling, wobei der Abfall­ge­stalter noch mehr auf dem Kasten haben muss als Pull­over stri­cken. Was muss er lernen? Vermut­lich eine inter­dis­zi­pli­näre Tätig­keit zwischen Abfall­wirt­schaft, Mate­ri­al­wirt­schaft, Design und Biologie. Da braucht man auch mindes­tens einen Master und vermut­lich auch einen Master-Master für die Spezia­li­sie­rung. Kostet…. Schät­zungs­weise 30.000 EUR. Glei­cher Fall wie der Rena­tu­rierer.

4. Nost­al­go­loge

Der Nost­al­go­loge lässt Erin­ne­rungen wieder­auf­leben und hilft älteren Menschen, sich in die Zeit zurück zu versetzen, in der sie sich am glück­lichsten gefühlt haben. Dieser Job hängt sehr an den Zahlungs­mög­lich­keiten der Senioren in Zukunft. Ob es noch so viel wohl­ha­bende Rentner geben wird? Unklar. Wahr­schein­lich gibt es reiche Telechir­urgen – aber ob das für ein erkleck­li­ches Einkommen der Nost­al­go­logen reicht?

Im beschrie­benen Berufs­bild kombi­niert die Tätig­keit Geschichts­stu­dium und neuro­lo­gi­sche sowie thera­peu­ti­sche Kennt­nisse. Macht drei Studi­en­gänge – kann da mal jemand ein Mix-Studium erfinden (Achtung, Ironie)? Ziem­lich sicher sind das auch keine ange­stellten Tätig­keiten. Und die Rech­nung kann nur mit dem reichen Rentner gemacht werden und/oder einem Staat, der sich eine gute Versor­gung der immer weiter alternden Bevöl­ke­rung über­haupt leisten kann. Ich bin da im Moment pessi­mis­tisch, freue mich aber über Gegen­ar­gu­mente.

5. Verein­fa­chungs­experte

Im Jahr 2030 wird die Welt noch komplexer sein als heute, wenn auch Technik vieles gere­gelt haben wird, was heute noch schwierig scheint. Dann kommt der im Moment vernach­läs­sigte Faktor Mensch dazu. Verein­fa­chungs­experten werden dafür sorgen, das Arbeits­leben leichter zu machen. Dieses Berufs­bild ist eine Mischung aus Feel­good Manager und Busi­ness Analyst, Busi­ness Process Analyst oder Prozess­be­rater. Dafür braucht  man ein Studium, z.B. der Wirt­schafts­in­for­matik sowie eines aus dem Bereich Psycho­logie, Coaching oder Change Manage­ment. Aller­dings stelle ich mir die Frage, ob Menschen es über­haupt einfach haben wollen. Menschen wollen die Dinge wie Sie waren, weshalb ich diese Dropbox und sämt­liche Cloud­ser­vices gelöscht habe. Das ist mir einfach zu einfach, das etwas Fremdes auf meinen PC zugreift und auto­ma­tisch meine Sachen synchro­ni­siert.

6. Robo­ter­be­rater

Sie erin­nern sich an meinen Koch­ro­boter? Nach und nach werden Roboter immer mehr Tätig­keiten im Haus­halt und auf der Arbeit über­nehmen. Robo­ter­be­rater müssen viel­leicht nicht ganz so viel wissen, wie die Menschen, die 2030 in den zuvor beschrie­benen Berufen arbeiten. Es reicht ein abge­bro­chenes Robo­tik­stu­dium und Verkaufs­ta­lent 😉 Kurzum: Man muss sich anschauen, wer derzeit im Media­markt arbeitet und deren Talente vom PC auf den Roboter über­tragen. Es sind im wesent­li­chen Soft Skills. Endlich mal was, für das man nicht studieren muss.

7. Alltags­­­spiele-Entwickler

Entwickler program­mieren nicht mehr nur Games, sondern auch nütz­liche Alltags­hilfs­mittel und Unter­stüt­zungs­pro­gramme, etwa für die Medizin. Damit könnte man Doku­men­ta­tionen abschaffen, die die Bedie­nung von Kaffee­au­to­maten zu einer fürch­ter­li­chen Qual machen (wenn meine Maschine auf Entkalken steht, bekomme ich  Panik­at­ta­cken). Leider muss man für sowas auch wieder multipel kompe­tent sein: Eckpunkte des Jobs sind Kennt­nisse und Fähig­keiten in Spiel- und Grafik­de­sign, Psycho­logie, E‑Learning.

8. Lebens­end­be­gleiter

Die Lebens­er­war­tung steigt dank des medi­zi­ni­schen Fort­schritts seit Jahr­zehnten an. Was das für uns alle heißt, ist über­haupt nicht absehbar. Die Kana­dier gehen jeden­falls davon aus, dass Menschen sich Prozess­be­gleiter für diese Lebens­phase leisten können, die Menschen im letzten Lebens­ab­schnitt unter­stützen. Ich zweifle daran, wiederum weil die Finan­zie­rung in den Sternen steht. Viel­leicht müssen wir dieses ganze Denken, nach dem Arbeit bezahlt wird, mal auf den Kopf stellen, siehe Grund­ein­kommen.

9. Medien Remixer

Diverse Medien werden von nur noch einem Menschen vereint, dem Medien Remixer, so orakeln die Kana­dier. Er kombi­niert Musik, Videos, Bilder und die so genannte compu­ter­ge­stützte erwei­terte Realität. Wer heute Medi­en­ge­stalter wird, muss genau in diese Rich­tung denken. Das Bundes­in­stitut für Berufs­bil­dung BIBB wird das im Blick haben. Noch ein Studium brau­chen wir hierfür wahr­schein­lich nicht.

10. Gesund­heits­coach

Der Fitness­trainer von heute ist der Gesund­heits­coach von morgen, das Fitness­center wird zum Gesund­heits­raum. Sport, Ernäh­rungs­be­rater, Gesund­heit: Er vereint alles in einem. Das ist einer­seits eine Weiter­ent­wick­lung des Berufs Fitness­kauf­mann, weiterin ein Ökotro­pho­­logie- und halbes Medi­zin­stu­dium. Könnte man auch zu einem Master mixen, hier macht er viel­leicht wirk­lich Sinn.

Fazit: (Mindes­tens) eine Karriere fehlt noch: Die des Bildungs­be­ra­ters, der hilft Mosa­ik­stein­chen typge­recht zusam­men­zu­stellen. Hier sind Spezia­listen drin­gend nötig. Mit einer Coachingaus­bil­dung kommt man da nicht weit 😉

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Sarah Henning 12. Juni 2016 at 19:52 — Reply

    Ich finde, dass der Beruf des Nost­al­go­logen eigend­lich viel­ver­spre­chend ist. Klar das nicht jeder Renter reich ist bzw. zukünftig reich sein wird, aber ich denke, wenn man den Beruf genauer defi­niert und etwas modi­fi­ziert kann er zukunfts­trächtig werden. Beispiels­weise die Mode und Werbung bedienen sich schon immer an der Geschichte, um alte Dinge zu modi­fi­zieren und den Leuten als Retro zu verkaufen.

    Ich denke, wenn man nicht nur Rentner berück­sich­tigt und die Nost­algie bei verschie­denen Ziel­gruppen weckt, die das entspre­chende Vermögen besitzen, dann kann man sowohl in Deutsch­land und Ausland diese Nische nutzen.

    Wie denken Sie?

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