Kate­go­rien

War ich gut? Was Sie aus einem Vorstel­lungs­ge­spräch alles ablesen können

Published On: 15. August 2014Cate­go­ries: Karriere
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Habe ich das rich­tige gesagt? Wie war meine Perfor­mance? Oft stochern Bewerber nach Vorstel­lungs­ge­sprä­chen im Nebel der Vermu­tungen. Scheinbar selt­same Fragen wirken lange nach. Habe ich sie richtig beant­wortet? Gibt es über­haupt ein richtig? Im Folgenden eine Anlei­tung, wie Sie die Fragen und das Verhalten Ihrer Gesprächs­partner deuten können.

Der Perso­naler will private Dinge wissen, etwa zum Fami­li­en­hin­ter­grund.

Hierzu gehören Fragen wie “was hat Sie in Ihrer Familie am meisten geprägt?” Im weiteren Verlauf geht der Inter­viewer sehr ins Detail, fragt etwa zu jeder einzelnen Stelle „was waren die größten Probleme in diesem Job?“ Dies nennt sich Sarges-Inter­­view nach Prof. Werner Sarges. Sicher sagen Fami­li­en­ver­hält­nisse einiges über einen Menschen aus. Gerade deshalb sollte man, so meine Meinung, sich über ihre Zuläs­sig­keit  aber streiten. So wie über die anonyme Bewer­bung.

Doch diese Fragen sind im Trend. Wie darauf eingehen? Sind Sie ein gefragter Bewerber, können Sie es sich wahr­schein­lich leisten zu sagen „ich finde nicht, dass das hier dazu gehört.“ Dem Normal­be­werber rate ich, etwas zu erzählen, das möglichst nah bei der Wahr­heit ist, aber nicht gleich in die Tiefen einer mögli­cher­weise schwie­rigen Fami­li­en­seele führt.

Der Perso­naler fragt so hypo­the­ti­sches Zeugs.

„Stellen Sie sich vor, Sie kommen in das Unter­nehmen und XY ist passiert.“ Oder: „Wenn ich mit Ihrem Professor spre­chen würde, was würde er über Sie sagen?“ (tria­di­sche Frage mit Fremd­per­spek­tive). Diese Fragen gehören zu den syste­mi­schen Fragen, die Ihnen wahr­schein­lich aus dem Coaching­kon­text bekannt sind. In diesem Zusam­men­hang kann es auch um Ziele gehen, etwa „woran würden Sie erkennen, dass Sie bei uns richtig sind?“ Oder Rang­reihen: „Bringen Sie bitte Ihre fünf Lieb­lings­tä­tig­keiten in eine Hitliste.“ Auch Fragen wie „beschreiben Sie sich ausschließ­lich in Adjek­tiven“ gehören dazu. Der Perso­naler fragt nach Situa­tionen. Eine weitere Inter­view­me­thode beruht auf so genannten Critical Inci­dents (Critical Inci­dents Tech­nique). Welche Situa­tionen sind in einem Job erfolgs­kri­tisch? Profes­sio­nelle Perso­naler haben sich das vorher über­legt bzw. mit der Fach­ab­tei­lung ausge­ar­beitet. Beispiels­weise ist der kriti­sche Erfolgs­faktor für einen Key Account Manager im Medi­zin­tech­nik­be­reich, dass er meist promo­vierten Klienten auch Detail­fragen zu einem komplexen Gerät beant­worten kann – er ergo über tiefer­ge­hendes Wissen verfügen muss, gut erklären können und zudem habi­tuell auf Augen­höhe sein sollte, was sich am Titel oder/und Auftreten fest­ma­chen lässt. Sehr ähnlich funk­tio­niert die STAR-Inter­­view­­­technik, die ich bereits hier beschrieben habe.

Der Perso­naler zeigt gar keine Regung.

Wenn mir Klienten ihre Gespräche beschreiben, kommt oft die Perso­nal­ab­tei­lung schlecht und die Fach­ab­tei­lung gut weg. „Der war komisch“, höre ich oft. Das hat oft damit zu tun, dass „er“ sich nach Lehr­buch verhalten hat, also vermieden hat direktes Feed­back zu geben. Bewerber versu­chen aus den Reak­tionen der Teil­nehmer in Vorstel­lungs­ge­sprä­chen abzu­leiten, wie sie ange­kommen sind. Doch entweder lernen Perso­naler grund­sätz­lich freund­lich zu sein (auch wenn sie Gesagtes miss­bil­ligen und den Bewerber schon abge­schrieben haben) oder aber gar keine Mimik-Reso­nanz zu zeigen. Deshalb ist die zweite Einla­dung oft eine Über­ra­schung – ebenso wie die Tatsache, dass es keine gab. Der Perso­naler macht Kreuz­chen und Notizen. Das deutet auf Profes­sio­na­lität und ein vorbe­rei­tetes Gespräch. Idea­ler­weise gibt es nämlich ein Anfor­de­rungs­profil und sowohl Fach- als auch Perso­nal­ab­tei­lung können sehr genau benennen, wonach sie suchen (etwa nach jemand, der sehr lern­be­reit ist, weil sich die Anfor­de­rungen ständig ändern). Mit den Kreuz­chen nimmt der Perso­naler auch eine Einschät­zung vor. Kann sein, dass er dabei gar nicht redet, sondern nur Beob­achter ist. Nicht irri­tieren lassen – eher ein gutes Zeichen, weil hier nicht gewür­felt wird. Immer noch geis­tert in den Köpfen von Bewer­bern die Vorstel­lung, sie müssten „rich­tige“ Antworten liefern, auch ange­heizt durch Bewer­bungs­rat­geber, die oft den Wissens­stand vor dem Jahr 2000 spie­geln.

Doch rich­tige Antworten gibt es nicht – nur situativ und posi­ti­ons­spe­zi­fisch passende. Die opti­male Vorbe­rei­tung im Karrie­re­coa­ching liegt also nicht darin, etwas einzu­stu­dieren (ein häufiges Miss­ver­ständnis), sondern Denk­pro­zesse in Gang zu setzen und den verbalen und rheto­ri­schen Ausdruck zu trai­nieren. Eloquente Menschen haben im Vorstel­lungs­ge­spräch immer einen Vorteil. Ebenso wie sichere. Und Sicher­heit lässt sich sehr gut trai­nieren. Dazu gehört es, schäd­liche (verun­si­chernde) Über­zeu­gungen durch nütz­liche zu ersetzen. Das Vorstel­lungs­ge­spräch ist, profes­sio­nell geführt, übri­gens besser als sein Ruf. So haben Arbeits­proben nach einer Erhe­bung von Schmidt und Hunter aus dem Jahr 1998 die höchste Vali­dität (54%), d.h. je besser ein Bewerber im Verfahren abge­schnitten hat, desto höher ist seine beruf­liche Leis­tung. Ein unstruk­tu­riertes Vorstel­lungs­ge­spräch hat immerhin noch eine Vali­dität von 38%, ein struk­tu­riertes von 51%.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. David Schneider 18. August 2014 at 22:16 — Reply

    Hallo Frau Hofert

    viel­leicht können Sie mir helfen!
    Ich hatte am 6.Dezember einen schweren Auto­un­fall, das ein Arbeits­un­fall war. Ich sitze jetzt schon fast ein Jahr zuhause bin 34 Jahre Alt und hatte mir schon über­legt was ich jetzt machen soll das ich so bald wie möglich wieder im Berufs­leben stehen kann! Ich teilte der AUVA mit das ich den Indus­trie­tech­niker machen möchte, das schon 2 Monate nach den Unfall, weil ich da schon von Kran­ken­haus gesagt bekommen habe das ich mein alten Beruf nicht mehr ausüben werden kann. Jetzt hab ich vor drei Wochen bescheid bekommen das ich den Kurs nicht bezahlt bekomme weil sie glauben das die Verlet­zung schon da gewesen ist!!!!!!!!!!!! So jetzt bin ich schon beim Kurs ange­meldet und alles ist vorbei! Ich hab mein Job verloren, meine Frau und ich haben sich auch getränt, mit Tochter. Hab keine Ahnung mehr was ich machen soll!!!!!!! Ich würde sogar eine neue Lehre als Maschi­nen­bau­tech­niker machen. Glauben Sie das das bei mir noch möglich währe? Ich bin jetzt seit 9 Jahren im Mettal­ge­werbe und hab aber Tischler gelernt mit Lehr­brief.

    • Svenja Hofert 18. August 2014 at 23:56 — Reply

      Hallo Herr S., das tut mir sehr leid für Sie. Aber es ist nie zu spät. Natür­lich ist das noch möglich! Ich kenne mich mit den Gege­ben­heiten in Öster­reich nicht so gut aus, aber in meinem Portal http://www.karriereexperten.com finden Sie auch Berater in Öster­reich. Vor allem aber denke ich, dass Sie posi­tive Energie sammeln und sich der Situa­tion stellen sollten, damit sich das Blatt positiv wendet. Und das wird es. Ich drücke Ihnen die Daumen. LG SH

  2. […] War ich gut? Was Sie aus einem Vorstel­lungs­ge­spräch alles ablesen können. Svenja Hofert stellt einige Inter­view­tech­niken vor, die Perso­naler in Vorstel­lungs­ge­sprä­chen einsetzen. Wenn Sie etwas darüber wissen, können Sie gelas­sener darauf reagieren. http://bit.ly/VEkjEG
    […]

  3. […] Analy­siert nach dem Gespräch, welche Fragen euch gestellt wurden. Waren sie unan­ge­nehm, skurril, viel­leicht sogar verboten – Stich­wort Schwan­ger­schaft? In Ordnung, aber irgendwie unge­wöhn­lich? Letz­teres ist kein schlechtes Zeichen. Viel­leicht musstet ihr beant­worten, was euer früherer Chef oder die Kollegen über eure Arbeits­weise sagen würden oder welche Fehler ihr in eurer Karriere gemacht habt. Die Ehrlich­keit, die ihr an den Tag legen musstet, war viel­leicht unan­ge­nehm. Legt euer Gesprächs­partner aber darauf Wert, eure Persön­lich­keit näher kennen­zu­lernen, sind solche Fragen nahe­li­gend. Wie man die verschie­denen Fragen der Perso­nal­ver­ant­wort­li­chen deuten kann, hat Karrie­re­ex­pertin Svenja Hofert hier beschrieben. […]

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