Kate­go­rien

Im falschen Film: Wenn Sie Mitar­beiter oder Chefs haben, die so gar nicht zu Ihnen passen

Published On: 14. September 2014Cate­go­ries: Karriere

Jule ist seit 20 Jahren im Geschäft. Sie kommt aus einer Unter­neh­mens­be­ra­tung. Nun hat sie eine zentrale Abtei­lung in einem welt­weiten Konzern über­nommen. Bald meint sie überall Bremsen zu sehen: Ihre Mitar­beiter sind alle schon lange im Unter­nehmen, viele seit dem Trai­nee­pro­gramm oder einer Lehre. Dynamik sieht anders aus, so empfindet Jule das.

falscherfilm“Die sind es gewohnt, Anwei­sungen zu bekommen.” „Anwei­sungen“ —  das ist Jules Inter­pre­ta­tion. Die Mitar­beiter sagen “Ziele” dazu. „Das sind erwach­sene Leute, die verdienen ein Heiden­geld und sind intel­li­gent genug“, schimpft Jule. „Ich will denen nicht sagen, wie sie was im Detail tun sollen!“ ärgert sie sich insge­heim. Für sie gibt es große Ziele, die sich aus den Unter­neh­mens­zielen logisch ergeben — und den Weg dorthin sollten Profis – die alle einen guten Abschluss und Berufs­er­fah­rungen haben — selbst gestalten und finden können. Sie über­trägt viel Verant­wor­tung. Sie lobt auch und gibt Frei­raum: niemand muss sich bei ihr an Arbeits­zeiten halten. Eine fantas­ti­sche Mana­gerin – wenn sie in einem anderen Unter­nehmen wäre.

Einer ihrer Team­leiter ist Thomas. Thomas ist schon lange in diesem Unter­nehmen. Er sagt Jule in einer stillen Minute, dass er verun­si­chert sei, weil er konkret wissen muss, was von ihm erwartet wird. Der Hinweis auf die ausge­wie­senen Manage­m­ent­ziele, auf Jahres- und Monatstar­gets reicht ihm nicht. Er möchte auch Details gern bespre­chen. Dass Jule von ihm erwartet, er solle vor dem Manage­ment selbst präsen­tieren, ist keine Heraus­for­de­rung für ihn, er will das nicht — Jule soll das machen. Er selbst schaut seinem eigenen Team oft über die Schulter. Das fänden die gut. Eine gewisse Kontrolle halte er für wichtig, ebenso wie stän­diges Feed­back, ob ein Mitar­beiter auf dem rich­tigen Weg sei. „Nein, das Ergebnis muss stimmen“, wider­spricht Jule. “Den Weg müssen die selbst finden”.

Und jetzt werden sich bei meinen Lesern die Geister scheiden. Die einen werden sagen „diese Jule ist toll“. Und die anderen: „Diese Jule geht ja gar nicht.“ Und das obwohl über die gleiche Person gespro­chen wird! Das wollte ich errei­chen.

Ich habe es erlebt, dass die gleiche Person mit Stil‑X in dem einen Unter­nehmen weder voran- noch ankam und in dem anderen aufblühte. Und das liegt nicht daran, dass das eine Unter­nehmen weniger Ziel­ori­en­tiert wäre als das andere – es liegt an der unter­schied­li­chen Ausge­stal­tung und der Unter­neh­mens­kultur. Jules Stil setzt starke Persön­lich­keiten voraus, die es gewohnt sind, nach links und rechts zu denken und die sicher sind, in dem, was sie tun. Thomas´ Stil ist der eines Umset­zers. Er muss wissen, was erwartet wird, möglichst konkret. Kaltes Wasser ist ihm unan­ge­nehm. Mögli­cher­weise, weil er verun­si­chert ist und immer wieder Kurs­wechsel erlebt hat. Mögli­cher­weise, weil das für ihn der Lauf der Welt ist. Jule hat etwas ganz anderes erlebt: Sie hat lange in virtu­ellen Firmen gear­beitet, eine klein­tei­lige Führung ist ihr fremd. Jeder ist selbst­ver­ant­wort­lich in einem groß­ar­tigen Team, das sich ständig selbst verbes­sert! Kaltes Wasser ist normal für sie. Warum solche Unter­schiede bestehen — ist gar nicht so die Frage. Tatsache ist: es gibt sie. Ob Persön­lich­keit eine Rolle spielt —  am Ende unwichtig.  In der neuen Firma ist es jeden­falls einfach ein Clash of Cultures!

Weder Jule noch Thomas haben Recht oder Unrecht. Nur: Während die eine falsch ist in dieser Unter­neh­mens­kultur, ist der andere richtig. Sicher täte der Firma etwas von Jules Dynamik gut, aber zu viel, ist für beide Seiten eine Über­dosis.

Führungs­kräfte müssen in jedem Umfeld performen und sich anpassen können? Sie sollten situativ führen? Sicher, Sie haben recht, zu einem gewissen Grad. Aber weder Jule noch Thomas machen ihren Job aus reiner Selbst­lo­sig­keit. Auch Führungs­kräfte wollen irgend­etwas aus ihrer Arbeit ziehen, am besten posi­tive Energie.  Sie haben ja viel Erfah­rung, aber diese Erfah­rung sollte ja auch auf frucht­baren Boden fallen. Alle Erfah­rung wäre weg, müsste man sich radikal neu erfinden, nur um irgendwo rein­zu­passen.

Früher brauchte man Manager mit einem möglichst breiten Verhal­ten­sport­folio, die sich situativ anpassen konnten und sich von der Team­lei­tung übers Mittel­ma­nage­ment nach oben schlän­gelten. Sie entwi­ckelten sich inner­halb eines Unter­neh­mens und passten sich dabei peu à peu weiter an. Heute braucht man unter­schied­liche Profile, die zu der jewei­ligen Situa­tion passen. Der Workli­fe­style gibt hier einen Impuls: Thomas hat einen „conven­tional style“ und Jule denkt „dynamic“.

Die Frage, die Sie sich jetzt aber sicher stellen, lautet: Wann bin ich nicht passend und wann müsste ich umdenken? Als Chef und als Mitar­beiter.

6 Leit­fragen dazu:

  1. Passt der Führungs­stil, den Sie haben, zu den Abtei­lungs­zielen? Wenn ja, schon mal gut.
  2. Passt er zur Unter­neh­mens­kultur? Wenn ja, perfekt. Wenn so “lala” ist die Frage, in welche Rich­tung sie sich gerade entwi­ckelt. In Ihre oder davon weg?
  3. Passt das Team­ver­halten zur derzei­tigen Phase des Unter­neh­mens? Wenn ja, sind Sie falsch. Wenn nein, müsste man das Team eigent­lich austau­schen. Das wäre meiner Meinung nach oft eine Super­maß­nahme. Nur gibt es da ja den strengen deut­schen Kündi­gungs­schutz. Finde aber auch: Es gibt krea­ti­vere Maßnahmen als Leute raus­zu­werfen. Eine wäre: Rotieren lassen.
  4. Ist die Kultur im Umbruch? Soll und wird sich etwas ändern? Wenn ja und wenn in “Ihre” Rich­tung: fein. Wenn nein, ist Bleiben wohl Zeit­ver­schwen­dung.
  5. Haben Sie selbst die Möglich­keit, das Team durch Neuein­stel­lungen zu verän­dern? Ein einziger neuer Mitar­beiter könnte viel bewirken. Siehe auch 3. Müssen Sie mit den vorhan­denen Mitar­bei­tern arbeiten, sollten Sie sie entwi­ckeln. Geht das nicht, weil es keine Coaching-/Wei­­ter­­bil­­dungs­­­bu­d­­gets gibt…spricht mehr für “Gehen”.
  6. Auf einer Skala von 0 bis 10, in der 0 für „sehr belas­tend“ und 10 für „toll“ steht, wo stehen Sie da gerade in Ihrer Situa­tion als Chef oder Mitar­beiter? Klar, je weiter Rich­tung 0 desto unwahr­schein­li­cher, dass sich noch etwas ändert. Ziehen Sie die Konse­quenzen.

 

 
 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Susanne Gamm 14. September 2014 at 15:21 — Reply

    Genau das habe ich auch erlebt. Auch mein Führungs­stil passte nicht zum Unter­nehmen. Die Unter­neh­mens­kultur ist mir fremd geblieben.

    • Svenja Hofert 15. September 2014 at 10:59 — Reply

      Das ist sehr oft so. Man merkt es vor allem, wenn man vorher woan­ders war. Wer noch nie ein anderes Unter­nehmen kennen­ge­lernt hat, gleich dagegen oft nicht, dass es auch anderes gibt, LG Svenja Hofert

    • Miriam Trim­hoff 16. September 2014 at 21:05 — Reply

      Ich habe diese Erfah­rung auch gemacht und dabei komplett unter­schätzt, wie schwer bis unmög­lich es ist, die zunächst nicht mal so offen­sicht­li­chen Unter­schiede von Unter­neh­mens­kul­turen zu verstehen oder gar zu über­winden. Aus einem deut­schen Konzern in ein größeres Schweizer Mittel­stands­un­ter­nehmen gewech­selt, kam ich mir vor, wie ein Vogel, der in einem Fisch­teich gelandet ist und nun ständig Wasser schnappt. Weder sind die Fische in der Lage, dem Vogel “Wasser” zu erklären, noch kann der Vogel die Fische dazu bringen, wie er früher in der Luft zu agieren — die Unter­schiede sind für die andere Seite nicht greifbar, sie sieht nur das andere Agieren und hat keine Sprache dafür. Anpas­sung unmög­lich? Ich glaube nicht, aber ich habe den Teich verlassen. Die Fische wollten das Fliegen nicht lernen und ich habe es nie geschafft, mich im Wasser zu bewegen.

  2. Gerhard Evers 15. September 2014 at 11:29 — Reply

    Hallo Svenja, wie recht Du mal wieder hast. Ich habe all dies als Mitar­beiter , junge Führungs­kraft und später als Unter­neh­mens­führer genau so erlebt.

    Und ich habe viele Beispiele, dass Verän­de­rungs­pro­zesse geschei­tert sind, weil massive und schnelle Verän­de­rungen einer U.Kultur erfor­der­lich waren, um ein Unter­nehmen wett­be­werbs­fähig zu erhalten. ( z.B. Umstel­lung von natio­naler Dezen­tra­li­sie­rung auf euro­päi­sche Zentra­li­sie­rung und umge­kehrt). Als junger, idea­lis­ti­scher Manager habe ich es immer für verwerf­lich gehalten, dass z.B. bei Fusionen oder Über­nahmen ameri­ka­ni­sche Konzerne (z.B. Procter) nicht lange fackelten und sofort zunächst die gesamte Führungs­mann­schaft des über­nommen Unter­neh­mens auswech­selten und eigene Leute an die Posi­tionen setzten und später dann auch Zug um Zug die MA , die nicht wollten oder konnten. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, wenn es schnell gehen muss gibt es hierzu in der Tat keine Alter­na­tiven, es sei denn man ist Mono­po­list wie die DB. Oder man wird vom Markt verschwinden, wie demnächst Karstadt.
    Aus Sicht eines Mitar­bei­ters gilt sicher­lich “love it, change it, leave it”, aber wer hat schon diese Erkenntis, Courage und Konse­quenz?
    Darauf konnten früher die Manager und Chefs bauen, aber inter­es­san­ter­weise ist das heute oft bei der Gene­ra­tion Y, die in der Mehr­heit ja nie Not kennen­ge­lernt hat, nicht mehr der Fall. Und auch die werden älter und sich zumin­desten in Teilen diese Einstel­lung bewahren, das wird auch rein evolutiv zu Verän­de­rungen in U.Kulturen führen
    Darüber­hinaus wäre natür­lich auch die Betrach­tungs­weise aus 9‑Level Sicht inter­es­sant oder das Hinzu­ziehen aktu­eller neuro­bio­lo­gi­scher Erkennn­tisse.
    Ich bin hier kein Experte, aber die anschei­nende Tatsache, dass sich unsere Hirn­zellen schon im Mutter­leib auf eine bestimmte Art vernetzen, die durch äussere Bedin­gungen und Erfahrungen/Emotionen geprägt werden, wäre ein Ansatz dafür zu verstehen, warum Menschen oft so verschie­dene Präfe­renzen und Bedürf­nisse (z.B. nach Sicher­heit, nach Ordnung und Anwei­sung oder nach Gestal­tungs­frei­heit und Verant­wort­lich­keit haben.
    Diese Präfe­renzen könnte man verän­dern, aber nur durch eine “Umpro­gram­mie­rung” mit neuen Erfah­rungen möglichst in Verbin­dung mit posi­tiven Emotionen. Verhal­tens­ap­pelle, Broschüren mit Leit­bil­dern oder Vorträge, die nur die kogni­tive Ebene anspre­chen, nutzen gar nichts. (Ein Unter­nehmen, was dies übri­gens hervo­r­a­gend macht und gemacht hat ist übri­gens DM Droge­rie­markt, dessen Gründer und geis­tigen Vater Götz Werner ich persön­lich kenne und sehr schätze)
    Dazu liesse sich sicher noch viel sagen, aber ich möcht es hiermit belassen. Vielen Dank für Deinen Artikel.
    Ich hofe, wir sehen uns auch perön­lich ml wieder, leider kann ich beim nächten Get Toge­ther mit Rainer Krum am 6.10. nicht dabei sein, da ich einen Stra­te­gie­work­shop eines Unter­neh­mens mode­riere, dass zukunft­fähig werden möchte und muss. Und auch hier geht es um Werte und Kultur, na mal sehen 🙂

    Herz­liche Grüsse

    Gerhard Evers

    • Svenja Hofert 15. September 2014 at 11:42 — Reply

      Hallo Gerhard, Danke­schön für diesen tollen Kommentar und den tiefen Einblick. Ja, ich sehe das auch so: Manchmal müsste man alle austau­schen, weil es Mitar­beiter gibt, die in bestimmten Phasen gut sind und in anderen eben nicht mehr. Mit Kompe­tenz­ent­wick­lung ist es ein langer, zu langer Weg. Das wird sich in Zukunft noch viel deut­li­cher bemerkbar machen, weil der Wett­be­werbs­druck sich erhöht. Dagegen steht unser starres System und der strengen Kündi­gungs­schutz. Aus meiner Sicht müsste dieser Aspekt sehr viel stärker einbe­zogen werden. Und man müsste sich verab­schieden von dem Glauben, dass jeder alles kann und überall entwi­ckelbar ist. Das ist nicht so. Das klingt auf den ersten Blick unso­zial, aber nur auf den ersten. Es gäbe Möglich­keiten, sowohl dem einen (Sicher­heits­be­dürfnis) als auch dem anderen (Verän­de­rungs­not­wen­dig­keit inkl. Austausch von Mitar­bei­tern) Rech­nung zu tragen. Götz Werner ist das der rich­tige Name 😉 Eine andere Idee sind Karenz­gelder, die das Finden einen direkten Anschluss­po­si­tion weniger dring­lich machen. Meld dich gerne auch so mal — sonst spätes­tens beim nächsten Treffen. LG Svenja

  3. […] zum Buch werden Sie von mir demnächst auch noch bekommen. Hatten Sie auch schon mal den Eindruck, auf der Arbeit “im falschen Film” zu sein, wie Svenja Hofert das beschreibt? Dann nur schon mal als Tipp: Wenn Sie endlich wissen wollen, […]

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