Kate­go­rien

Tragen Sie Hosen­träger im Kopf?

Published On: 28. Dezember 2010Cate­go­ries: Führung

Mit 40 ist das Leben vorbei. Da tragen Frauen Kittel­schürze und Männer Hosen­träger. Herz­in­farkte, Blut­hoch­druck und andere schlimme Krank­heiten raffen 40jährige dahin. Die erste Lese­brille muss her, um die Titel­zeile der „Bild“ zu entschlüs­seln. Kräfte lassen nach. Deshalb muss „Mann“ es geschafft haben im Beruf, droht andern­falls doch auf ewig die Sach­be­ar­bei­tung mit anschlie­ßender Früh­ver­ren­tung. Karriere ist schließ­lich anstren­gend, und bis 40 schafft man das Hamster-im-Rad-Leben grad noch so. Danach, siehe oben, eher nicht. Kurzum: Wer in den 40er ist, steckt nicht etwa mitten im Leben, sondern kurz vor dessen Ende.

So dachte ich über das Mittel-Alter. Bis ich selbst hinein kam. Und sich nicht nur meine Gesichts­pfle­gel­inie änderte. Natür­lich sehe ich nicht so alt aus wie ich bin, zumin­dest nicht mit ausrei­chend Makeup im Gesicht. So wie Sie bestimmt auch nicht so alt aussehen wie Sie sind. Durch­schnitt­lich fünf Jahre weniger zeigt uns das Spieg­lein an der Wand an, zur Not mit Hilfe von Botox und Hyaluron und ordent­lich Psycho­gym­nastik. Unsere Gene­ra­tion fühlt sich durch die Bank jünger als sie ist. Dies und anderes Inter­es­santes, Erkennt­nis­rei­ches und Nach­den­kens­wertes schreibt Carola Klein­schmid, selbst im Mittel-Alter, in ihrem empfeh­lens­werten Sach­buch „Jung alt werden“.

Natür­lich kennen wir alle eine Sabine oder Kathrin, bei der das mit dem Jünger-Aussehen anders als bei uns selbst nicht zutrifft (und diese Kathrin oder Sabine sagt womög­lich dasselbe über uns…). Aber, die meisten sehen nicht nur jünger aus, sondern sehen ihr Geburts­jahr als Fälschung des Schick­sals. „Ich mache mich immer fünf Jahre jünger, weil ich mich auch so fühle“, verriet mir eine Bekannte. Kurz über­legte ich, ob ich das auch tun soll. Ich entschied mich dagegen. Berater ist schließ­lich der einzige Beruf, bei dem ein höheres Alter eindeutig ein Plus ist.

„Du kannst im Job heute nicht über 40 sein“, sagt meine Bekannte. Ich sehe das anders. Ein Perso­nal­be­rater erzählte mir, dass in der Finanz­branche jetzt wieder 60jährige Manager gefragt seien, weil diese lebens­er­fahren, unbe­stech­lich und klar im Kopf seien. Gestern habe ich, gemüt­lich in der zwei Stunden verspä­teten Bahn nach Köln sitzend, in brand­eins einen Artikel über einen Unter­nehmer gelesen, der mit 60 noch eine Firma gegründet hat. In diesem Jahr hatte ich jede Menge Kunden, die im mitt­leren Alter noch mal neu ange­fangen haben: Eine Führungs­lauf­bahn, eine Selbst­stän­dig­keit, eine ganz neue Tätig­keit oder ein Studium. Verän­de­rung ist in jedem Alter möglich, ja im Mittel-Alter ist sie sogar viel leichter, weil sich auf viel­fäl­tige Erfah­rungen zurück­greifen lässt. Und was ist eine beruf­liche Orien­tie­rung ohne einen Fundus an Erfah­rungen? Ein leeres Blatt, das man zum Beispiel zum Flieger falten kann, um zu sehen, wo es landet.

Die Front der „mit 40 muss Mann es geschafft haben oder es läuft gar nichts mehr“ ist noch breit. Sie trägt ihre Hosen­träger im Kopf. Wie der Perso­nal­be­rater, der meinem 40jährigen Elek­­tro­­technik-Kunden sagte: „Wenn Sie mein Sohn wären, ich würde Ihnen die Ohren lang­ziehen, in dem Alter noch zu studieren.“ Ich hätte diesem Perso­nal­be­rater gern selbst die Ohren lang­ge­zogen. Oder besser doch nicht? Aufregen ist nicht gut für über 40jährige.

Wahr­schein­lich kann man es sich sowieso sparen. Denn auch bei der Hosen­­träger-Frak­­tion wird die Botschaft noch ankommen: 50 ist das neue 40, 40 das neue 30. Solche Zahlen helfen Mittel-Alten, sich besser zu fühlen. Doch die neue Jugend­lich­keit sollte nicht dazu verführen, das Alter zu verdrängen und damit den Gedanken daran, Körper und Geist zu pflegen, damit auf der 40-wie 30 irgend­wann eine 80-wie 70 werden kann. Denn die Kraft der 40jährigen liegt nicht im Hams­­terrad-Rotieren, sondern in der Ruhe. Sollen die Jungen doch 80 Stunden arbeiten, wir lesen jetzt erst mal Carola Klein­schmidts Buch oder schauen in ihren Blog. Weil es sich, um beim Unter­titel zu bleiben, einfach lohnt, mit 40 schon an 80 zu denken. Oder finden Sie etwa nicht?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 28. Dezember 2010 at 21:30 — Reply

    Mit 40 fängt der Spaß erst richtig an! Erst mit zuneh­mender Lebens­er­fah­rung steigt auch die Über­sicht. Vernetzt zu denken, Bezüge herzu­stellen mit einer durch Erfah­rung geprägten Ruhe, kann einem viel span­nen­dere und tiefere Einsichten in die Arbeit geben und das Spiel­feld vergrö­ßern.

    In meinem Bera­tungs­alltag erlebe ich, dass oft die span­nen­deren Typen die Lebens­er­fah­renen sind. Und die sind nun mal natur­gemäß älter. Viele wollen bewusst noch mal neu durch­starten. Ja, warum denn nicht?

    Übri­gens: “Jung alt werden” habe ich gelesen, finde ich klasse. Der Hinweis auf das Buch am 28.12. passt prima 😉

  2. Svenja Hofert 29. Dezember 2010 at 11:45 — Reply

    Natür­lich gibt es auch sehr, sehr span­nende junge Leute, aber Sie haben recht: mit dem Alter fallen lang­wei­lige Berufs­mo­ti­va­tionen wie “toller Firmen­namen” und “großes Auto” langsam weg — es kommen sehr viel inter­es­san­tere Dinge zum Vorschein. herz­liche Grüße Svenja Hofert PS: Wieso passt es gerade am 28.12.? Haben Sie mehr Hinter­ge­danken als ich?

  3. Achim Benoit 4. Januar 2011 at 10:17 — Reply

    Der Beitrag von Lars gefällt mir gut. Die Menge der anderen Beiträge deutet aber drauf hin, dass wir uns oft danach richten, von anderen Menschen irgenwie positiv ( in diesem Fall jünger)gesehen werden zu wollen. Gehen wir damit nicht alle den oft bescheu­erten Argu­menten dieser Gesell­schaft und deren Ausblü­hungen auf den Leim ? Zu meiner Lebens­er­fah­rung kann ich nur sagen, dass diese auch durch leid­volle Erleb­nisse aller Art, ebenso wie durch Erfolg aller Art entstand. Zu meinem Körper­ge­fühl kann ich sagen: Es nervt einfach nur mit nur 51 fest­zu­stellen, dass es Stellen am Körper gibt, die irgendwie ihre Aufmerk­sam­keit ständig fordern. Ich hab keine Lust ständig drauf hinge­wiesen zu werden wie man besser aussieht, gesünder lebt ‚bla,bla,bla… Das tun Medien, Blogs, etc… Es gibt wich­ti­gere Lebens­in­halte.

  4. […] Rasier­ap­pa­rate haben kann und wie unglaub­lich alt man aussehen kann, wenn man eigent­lich noch im Mittel-Alter steckt. Nun behauptet dieser de Grey, dass der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt wird, heute 60 sei […]

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