Kate­go­rien

Arbeiten in Indien: Ein Dienst­wagen und eine West­firma sind hier wie ein Sechser im Lotto (Inter­view)

Published On: 3. Juni 2015Cate­go­ries: Führung

Thomas Engel (40) war viele Jahre für Volks­wagen und den fran­zö­si­schen Railway-Konzern Alstom in Einkauf, Mate­ri­al­wirt­schaft und Produk­tion tätig. Andert­halb Jahre hat er für VW in Pune als General Manager mit 40 Mitar­bei­tern einen Groß­teil der Beschaf­fung verant­wortet. Über Indien spricht er mit Leiden­schaft. Deshalb bat ich ihn um ein Gespräch über Arbeit, New Work, Status und Karriere in Indien.

Thomas Engel_1Herr Engel, arbeiten in Indien glück­selig intrin­sisch moti­vierte Mitar­beiter? Oder anders ausge­drückt: Gibt es in Indien das, was wir hier „New Work“ nennen?

Thomas Engel: Natür­lich kenne ich nicht ganz Indien. In meinem Umfeld habe ich fest­ge­stellt, dass Inder sehr stark nach Titeln und Status Ausschau halten. Ein Dienst­wagen und eine west­liche Firma im Lebens­lauf, das ist für viele wie ein Sechser im Lotto. Das muss man verstehen: Indien ist ein Land mit viel Armut. Aufstieg bedeutet hier etwas, wer es schafft, genießt Ansehen. Man merkt das beispiels­weise, wenn im Vorstel­lungs­ge­spräch der indi­sche Bewerber darauf hinweist, dass es aus privaten Gründen sehr wichtig ist, diesen Job zu bekommen. Damit steigen seine Chancen auf dem Heirats­markt. Ich hatte ein Vorstel­lungs­ge­spräch mit einem Bewerber, dessen Schwie­ger­el­tern in spe nur dann der Hoch­zeit zustimmen wollten, wenn es mit dem Job bei VW klappt.

Welche Rolle spielen Status­sym­bole?

Thomas Engel: Die sind sehr wichtig, aus einem ähnli­chen Grund. Auch das Fern­sehen mit seinen Bolly­­wood-Filmen mag hier verstär­kend wirken. Reichtum gilt als erstre­bens­wert. Und Reichtum muss man auch zeigen. Deshalb sieht man in der Stadt Pune gefühlt mehr Audi Q7 als in ganz Nieder­sachsen. Der Tata Nono, dieses kleine, platz­spa­rende Auto blieb unter den Verkaufs­er­war­tungen. Für die Inder ist das ein arme-Leute-Auto.

Ganz anders ist es auch in der Kantine…

Thomas Engel: Die Kantine ist für Inder extrem wichtig. Hier erwarten Sie aber vege­ta­ri­sches Essen, denn die meisten Inder sind Vege­ta­rier. Mit einer Curry­wurst kann man sie nicht locken. Da vertun sich manche deut­sche Firmen am Anfang.

Wech­seln Inder denn häufiger als Deut­sche?

Thomas Engel: Ja, das ist anglo­ame­ri­ka­ni­scher. Die Bindung ist nicht so groß, und die Entschei­dungs­kri­te­rien rational. Ein paar Rupien mehr können da wirk­lich den Ausschlag geben. Wir in Deutsch­land setzen immer mehr auf Selbst­ver­ant­wor­tung. Der Mitar­beiter soll sich seine Arbeit selbst orga­ni­sieren. Es reicht, ein Ziel zu haben. Das Wort des Chefs gilt wenig, viel­fach fühlt man sich der Führungs­kraft auf einer Ebene.

Wie ist das in Indien?

Thomas Engel: Ganz anders. Der Vorge­setzte macht die Ansagen. Was er sagt, das gilt. Während ich in Deutsch­land das Ziel vorgebe und den Mitar­bei­tern entspre­chend Frei­räume dabei lasse wie sie es errei­chen, muss ich hingegen in Indien ganz klar das „wie“, also die einzelnen Schritte bis zum Ziel konkret vorgeben. Dazu ein kleiner Vergleich: stößt in Deutsch­land ein Mitar­beiter dabei auf einen Wider­stand, fragt er in der Regel selbst­ständig nach, wie er sich verhalten soll, man stimmt sich ab und erreicht das Ziel. Stößt hingegen ein indi­scher Mitar­beiter auf dem Weg zum Ziel auf ein unge­plantes Hindernis, so macht er an dieser Stelle erstmal nicht weiter, denn der Vorge­setzte hat ihm ja für diesen Fall keine klare Anwei­sung gegeben. Wenn man das weiß und zwischen­drin immer mal den aktu­ellen Arbeits­stand nach­fragt, ist die Zusam­men­ar­beit kein Problem.

In anderen Berei­chen nehmen Mitar­beiter es nicht so genau…

Thomas Engel: Aufgaben und Abga­be­ter­mine nehmen viele etwa nur dann ernst, wenn man später noch mal nach­fragt und sich nach dem Zwischen­stand erkun­digt. Erst dann wird klar, dass die Aufgabe oder der Termin wirk­lich wichtig ist und man beginnt über­haupt erst mit der Arbeit. Kontrol­liert man zwischen­durch nicht, hat man kaum eine Chance, dass der verein­barte Termin auch gehalten wird. Und in Meetings gilt immer die akade­mi­sche Vier­tel­stunde. Wenn Sie wollen, dass jemand um 9 Uhr da ist, sagen Sie deshalb besser 8 Uhr 45. Wir Deut­schen gelten, offen­sicht­lich überall auf der Welt, als genau und quali­täts­ori­en­tiert.

Was sind typisch indi­sche Stärken?

Thomas Engel: Inder sind auf jeden Fall sehr anpas­sungs­fähig aufgrund einer Viel­zahl erlebter Situa­tionen. Dazu passt eine sehr hohe Flexi­bi­lität. Lern­be­reit und ehrgeizig würde ich auch nennen wollen. Die wollen etwas leisten.

Sind Inder kreativ?

Thomas Engel: Ich finde auf eine eigene Art und Weise sehr. Sie lassen sich was einfallen, um Ziele zu errei­chen und kommen dabei auf findige und pfif­fige Lösungen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass im Alltags­leben viel impro­vi­siert werden muss. Da herrscht auch Chaos, und Inder wissen, wie sie daraus etwas schaffen, oft sehr spontan. Für viele Manager sind zwei, drei Jahre im Ausland, vor allem auch Indien, ein Karrie­re­schritt.

Wie ist das mit der Familie: Gibt es dort auch adäquate Jobs für Frauen?

Thomas Engel: Das dürfte gene­rell eher schwierig sein. Es gibt große deut­sche Commu­ni­ties, doch meist arbeiten die Frauen von entsen­deten Mana­gern nicht, es sei denn beide sind bei der glei­chen Firma und diese kann das arran­gieren. Grund­sätz­lich ist das Mitar­bei­ter­ver­hältnis Mann/Frau ähnlich wie bei uns. Im HR arbeiten mehr Frauen, in Buch­hal­tung und Einkauf etwa 60 zu 40 Prozent.

Ich merke, dass der Wert deut­scher Inge­nieurs­ar­beit, etwa im CAD-Bereich hier­zu­lande sinkt. Inge­nieure können nicht mehr nur rein tech­nisch arbeiten. Das hat auch mit Indien zu tun…

Thomas Engel: Es gibt ein Meer von Engi­neers, viele sind sehr gut ausge­bildet, nicht wenige waren an Univer­si­täten in west­li­chen Ländern. Das ist eine nicht zu unter­schät­zende Konkur­renz. Wenn manch ein Inder heute viel­leicht noch nicht gewohnt sein wird, über den Teller­rand zu schauen, morgen wird er es. Das Land entwi­ckelt sich schnell.

Sie waren in vier verschie­denen Ländern.Wie wird sich Indien entwi­ckeln, welche Bran­chen sind stark – auch im Vergleich zu China?

Thomas Engel: In Indien spielt IT eine große Rolle, Call Center und die Textil­in­dus­trie. Im Unter­schied zu China ist Indien ist demo­kra­ti­scher, es kann deshalb nicht so viel einfach von oben durch­ge­setzt werden. In China sieht man Hoch­ge­schwin­dig­keits­züge und atem­be­rau­benden Fort­schritt, in Indien sind teil­weise Produk­ti­ons­an­lagen und auch das Stra­ßen­netz gefühlt zirka zehn Jahre hinter China zurück. Mit dem neuen Minis­ter­prä­si­dent Modi geht aber auch ein Ruck durch das Land. Make in India wird immer wich­tiger.

Sie möchten Kontakt zu Thomas Engel? Hier sein Xing-Profil. Über das Arbeiten in Südame­rika und Spanien habe ich bereits letztes Jahr ein Inter­view veröf­fent­licht (“nach Jahren im Süden bist du verdorben”).

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

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2 Kommen­tare

  1. Valen­tina Levant 15. Juni 2015 at 11:03 — Reply

    Vielen Dank für das tolle Inter­view!

    Das berei­chert die eigenen inter­kul­tu­relle Kennt­nisse 😉

    Ich war selbst letztes Jahr länger im faszi­nierten Indien und konnte nicht aufhören zu lesen.

    Herz­liche Grüße
    Valen­tina Levant

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