Kate­go­rien

Talent ohne Manage­ment oder: 5 Tipps, wie Sie wahre Talente erkennen

Published On: 7. Juni 2015Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Mich hat niemand gefragt. Ich hätte Ideen gehabt. Aber ich hätte mich nie getraut, sie auszu­spre­chen, man hätte mich über­schrieben wie eine Fest­platte mit F:Format. Ich hätte auch gar keine Lust dazu gehabt. Und über­haupt: Warum sollte ich dem Unter­nehmen meine Ideen schenken? So oder ähnlich denken unent­deckte Talente in Unter­nehmen, die niemand fragt und auf die niemand hört. Leute, die als stille Mitläufer oder sogar Minder­leister einge­stuft sind. Kein Talent Manage­ment wird sie je iden­ti­fi­zieren. In Tests fallen diese Talente durch. Denn manche halten nicht viel von sich selbst. Deshalb machen sie ihre Kreuze eher vorsichtig. Nicht selten kratzen sie auch irgendwo am Extrem: Sie sind extrem intro­ver­tiert, extrem wenig anpas­sungs­be­reit, extrem chao­tisch, extrem anders…

gummibarchen-359950_640Talent Manage­ment hat die Aufgabe, kriti­sche Rollen und Funk­tionen sicher­zu­stellen. Es muss dafür sorgen, dass ein Unter­nehmen durch genü­gend Talente über­leben kann. Indi­rekt heißt das, Unter­nehmen über­le­bens­fähig auf globalen Märkten mit lauter roten Ozeanen zu halten. Dies geht nur durch Inno­va­tion. Und die Voraus­set­zung von Inno­va­tion ist auf Grup­pen­e­bene ein Klima, das Inno­va­tion zulässt und auf der indi­vi­du­ellen Ebene Krea­ti­vität. Die der Krea­ti­vität zugrunde liegenden Eigen­schaften, teils ange­boren oder zumin­dest früh gelernt, sind Unab­hän­gig­keit, Offen­heit für neue Erfah­rungen und Unan­ge­passt­heit. Die derzei­tigen Talent Manager suchen aber nicht nach solchen Leuten. Sie suchen nach Mess­bar­keit — doch jede Mess­bar­keit fordert Anpas­sung. Sie versu­chen Talente in Modelle zu fassen. Doch Talent folgt keinem klaren Muster. Sie orien­tieren sich am quan­ti­ta­tiven Bedarf, richten sich an fach­li­cher Selten­heit aus. So wird eher ein Infor­ma­tiker als ein Geis­tes­wis­sen­schaftler gesucht. Das Talent wird  als Diszi­plin inter­pre­tiert und so miss­ver­standen. Selten ist indes nicht die Diszi­plin, sondern die Bega­bung, komplexe Probleme zu lösen, neue Ideen zu haben. Diese Bega­bung hat mit der einge­schla­genen Fach­rich­tung wenig zu tun. Diese Bega­bung zu suchen, fordert Bega­bung — die Bega­bung neue Wege zu gehen, jenseits des Talent Manage­ments.

Wenn Sie wirk­lich, wenn Sie ehrlich und offen Talente finden wollen, dann habe ich 5 für Sie:

1.  Werden Sie Talen­te­finder anstatt Talent­ma­nager

Zu jeder Haus­ar­beit in der Schule und im Studium, zu jeder Case Study im Assess­ment Center gibt es heute eine Muster­lö­sung. Für alles exis­tiert im Unter­nehmen Best Prac­tice. So verwaltet man Talente, die keine sind und killt Krea­ti­vität im Keim. Wandeln Sie sich vom Talent­ma­nager mit verwal­tendem Fokus zum Talen­te­finder mit Weit­win­kel­ob­jektiv. Schmeißen Sie Muster­lö­sungen in den Papier­korb. Sie sind ein Mittel der Koster­er­sparnis, aber der Anfang der Gleich­ma­cherei und damit das Ende der Krea­ti­vität.

2. Ergründen Sie stille Wasser

Franz Kafka war mehr als ein Jahr­zehnt Ange­stellter einer Versi­che­rungs­ge­sell­schaft. Er arbei­tete vor sich hin, als Talent uner­kannt. Damals, vor mehr als 100 Jahren, war Talent für Unter­nehmen aber auch nicht wichtig, es ging um Regel­ein­hal­tung und Aufrecht­erhal­tung von Status quo. Heute ist das anders. Viele Kafkas sitzen irgendwo unent­deckt. Kann sein, dass es die sind, die Sie komisch finden. Kann sein, dass es die sind, die Sie nie bemerken. Echte Talent­ma­nager suchen nach diesen Perlen, indem sie nie sagen „der ist so“, sondern immer fragen „wie könnte er/sie sein“.

3. Schauen Sie hinter die Noten

Einstein war ein schlechter Schüler und hatte angeb­lich eine „vier“ in Mathe. Fragen Sie Psycho­logen, so sagen diese, „Noten korre­lieren mit beruf­li­chem Erfolg“. Nur, was ist beruf­li­cher Erfolg? Psycho­logie ist eine weit­ge­hend unkrea­tive Diszi­plin, man arbeitet mit statis­ti­schen Methoden, die wenig Spiel­raum lassen. Es ist verrückt, ausge­rechnet Psycho­logen Talente auswählen zu lassen.

Und über­haupt, haben wir nicht gelernt, dass eine Korre­la­tion keine Kausa­lität ist? Gerade sehr starke Persön­lich­keiten sehen oft keinen Sinn im schu­li­schen Lernen. Solche Leute werden sich auch nicht hinsetzen und einen IQ-Test für ein Unter­nehmen ausfüllen. Sie tippen nichts in ein Online-Formular, das sie zu stan­dar­di­sieren sucht. Packen Sie Ihre Instru­mente weg. Beob­achten Sie, wie Menschen etwas machen und wann sie aufblühen. Dann finden Sie wirk­li­ches Talent.

4. Suchen Sie nach dem Wahn­sinn

Krea­tive denken origi­neller, asso­zia­tiver, komplexer und dichter. Die Grenze zum Wahn­sinn ist hier nicht nur sinn­bild­lich nahe. Der kürz­lich verstor­bene John Nash, der die Spiel­theorie erwei­terte und den Wirt­schafts­no­bel­preis erhielt, war als Schi­zo­phre­nie­pa­tient jahre­lang in der Psych­ia­trie. Laut Unter­su­chungen des Wissen­schaft­lers Szabolcs Kéri, gibt es ein Gen, dass Schi­zo­phrenie fördert, dass aber auch frei für Ideen macht: Neuro­login 1. Träger des Ggraffiti-569265_640ens haben deut­lich origi­nel­lere Ideen, hier mehr dazu.

Wenn Sie Talente suchen, machen Sie bitte keine Case Studies, bei denen die Muster­lö­sung vorliegt. Suchen Sie lieber nach Leuten, die Ideen produ­zieren, die Ihnen völlig abge­fahren vorkommen. Das ist der Ansatz.

5. Lassen Sie Frei­heit

Talent hat eine tragende Eigen­schaft: Es braucht Frei­heit, um sich entfalten zu können. Das Talent hat wenig Lust zu dauer­haftem Grup­pen­zwang. Es wird nicht pünkt­lich kommen, Ideen nicht auf Abruf vorlegen und einen Nine-To-Five-Job weder wollen noch folgen. Lassen Sie Ihre Talente arbeiten wie sie wollen und zwingen Sie sie nicht in ein Gerüst. Erwarten Sie nicht, dass sie sich anpassen. Akzep­tieren Sie Eigen­leben. Schulen Sie die Leute auf den Umfang mit Talenten, die Sie bisher dafür hielten. Die mitt­leren, ausba­lan­cierten ange­passten sind dazu bestens geeignet.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

10 Kommen­tare

  1. Marc M. 8. Juni 2015 at 15:48 — Reply

    Im Vertrieb soll man ja immer mit einer posi­tiven Message abschließen, daher fange ich damit an, dass in der Mittel­über­schrift ein ganzes Wort fehlt: es heißt doch bestimmt, “hier habe ich 5 TIPPS” für Sie. 😉

    Komisch, ich finde ich einer­seits in dem Artikel ganz hervor­ra­gend selbst beschrieben. Ja, wirk­lich! Das meine ich auch so. Und ande­rer­seits war oder ist das z.T. auch weiterhin mein Ansatz in der Perso­nal­ge­win­nung.

    Frage nicht nach den Noten oder Statis­tiken oder Erfolgen oder, oder, oder … frage nach dem, was jemand kann und will. Daraus erwächst die höchste intrin­si­sche Moti­va­tion, voraus­sicht­lich eine gute Loya­lität und sinn­volle Umset­zung. Wer, wenn nicht der Band­mit­ar­beiter bei einem Auto­her­steller oder der Spezia­list, der sich privat mit einem komplett gegen­sätz­li­chen Thema beschäf­tigt, weiß um die Vari­an­ten­viel­falt einer Lösung.

    Sofern ich es nicht versäume und es OK ist, würde ich diesen Artikel sehr gerne selbst refe­ren­zieren. In diesem Zusam­men­hang würde ich dazu auch eine wahre Erfolgs­ge­schichte aus dem prallen Leben erzählen.

    Herz­li­chen Dank für Ihre Zeit, Ihre Mühe und diesen aufbau­enden Artikel. Freue mich Sie wieder­zu­lesen.

  2. Henrik Zabo­rowski 9. Juni 2015 at 10:51 — Reply

    Moin Svenja,
    mal wieder ein super Artikel von Dir. Dem kann ich, es wird Dich nicht verwun­dern, nur 100% zustimmen! Was Du hier ausführst ist ein Teil­aspekt von dem, was wir in Zukunft unter “Social Recrui­ting” hoffent­lich anwenden. Wir werden uns mit den Menschen beschäf­tigen müssen, nicht mehr mit ihren Lebens­läufen!
    Herz­li­chen Gruß,
    Henrik

  3. […] Svenja Hofert schreibt über „Fünf Tipps, wie Sie wahre Talente erkennen” […]

  4. Ralf Metz 9. Juni 2015 at 15:51 — Reply

    Liebe Svenja,

    der Artikel gefällt mir wieder richtig gut!
    Denn im Kern bedeutet das (für mich): Die Unter­nehmen suchen letzt­lich nichts anderes als Menschen, die sich gut anpassen aber nicht, die wirk­liche Talente haben.

    Gerade das nicht kontrol­lier­bare macht den meisten Unter­nehmen doch Angst, da diese Planen, kontrol­lieren & steuern möchten. Kein Wunder also, dass wirk­liche Talente meis­tens dort nicht zu finden sind oder eher verküm­mern und ange­passt in einer dunklen Ecke ein tristes Dasein fristen.

    Und letzt­lich beginnt dies doch schon in der Schule — würden dort wirk­liche Poten­tiale entfaltet, hätten die meisten Unter­nehmen später noch mehr Probleme damit, die rich­tigen (= gut in’s Schema passenden) Menschen zu finden.

    Also gehe ich dann in’s Unter­nehmen, passe mich an um irgend­wann später zu merken, dass es das nicht gewesen sein kann. Und das sind für mich dann in vielen Fällen die Ausstiege, die ab 40+ beginnen. Der Banker, der zum Gärtner wird. Der Unter­neh­mens­be­rater, der eine Alp führt etc.

    Und die, die es sich nicht leisten können oder wollen, fristen ihr Dasein im Unter­nehmen in dem Wissen (oder sehr starken Annahme), dass diese bloss nicht aus der Reihe tanzen sollen.

    Aber ich habe auch die Hoff­nung, dass sich das ändern wird 🙂

    In dem Sinne einen schönen Abend & herz­liche Grüsse aus Zürich,

    Ralf

  5. Anja Frei­heit 9. Juni 2015 at 15:53 — Reply

    Toller Bericht. Danke, Frau Hofert. Sehr gute Gedanken zu dem Thema “Talent Manage­ment” & Ratschläge für Perso­nal­ab­tei­lungen.

  6. […] Link zum Origi­nal­bei­trag Dies ist ein kura­tierter HR-Artikel, ein kosten­freier Service von Online-Recruiting.net The […]

  7. Andi Free­mind 10. Juni 2015 at 14:28 — Reply

    Ein wenig ist das das Henne Ei Problem. Im falschen Unter­nehmen gibt sich ein Talent selten zu erkennen. Ein Unter­nehmer der Talent sucht und offen ist, sorgt doch eh schon für ein besseres Umfeld.
    Das passende Umfeld kann sich nur jeder selbst suchen. “Entdeckt” werden ist eher unwahr­schein­lich.
    Meiner Erfah­rung nach muss man als Mitar­beiter selbst dafür sorgen ins rich­tige Umfeld zu gelangen. Das wird einem kein Vorge­setzter abnehmen.

  8. Johannes Winter­halter 11. Juni 2015 at 11:04 — Reply

    Dass Noten nichts über Krea­ti­vität aussagen, kann ich bestä­tigen. Noten geben an, inwie­weit Bewer­tete in einen vom Dozenten vorge­benen Rahmen, genannt Erwar­tungs­ho­ri­zont, ausfüllt.
    Leute mit guten Noten können vorge­ge­bene Ansprüche und Erwar­tungen perfekt erfüllen und sind damit einer Welt der Best-Prac­­tice-Lösungen und Stel­len­be­schrei­bungen perfekt gewachsen.

    Johannes Winter­halter

  9. Franz-Peter Staudt 14. Juni 2015 at 18:34 — Reply

    Liebe Frau Hofert, wieder ein inter­es­santer Beitrag. Wie so oft kann ich Ihnen in vielen Dingen folgen, aber eine grund­sätz­liche Frage stellt sich mir beim Thema Talent. Ich lese immer wieder, das Unter­nehmen DIE Talente suchen, finden und an sich binden müssen. Doch was ist Talent? Der elitäre Ansatz einer “Bega­bung, die jemanden zu unge­wöhn­li­chen bzw. über­durch­schnitt­li­chen Leis­tungen auf einem bestimmten, beson­ders auf künst­le­ri­schem Gebiet befä­higt?” (Defi­ni­tion laut Duden) Oder ist nicht jeder Mensch ein Talent, mit seinen beson­deren Bega­bungen, Stärken und Kompe­tenzen? Ein Unter­nehmen, das sich nur auf die wenigen “Hoch­be­gabten” stürzt und das riesige Poten­zial der “normalen” Talente igno­riert, wird keine Inno­va­tionen hervor­bringen. Ich geben Ihnen voll­kommen recht, die Talent Manager müssen Talent suchen und Entwick­lungs­mög­lich­keiten bieten, damit das in dem Menschen schlum­mernde Poten­zial genutzt werden kann. Im Sinne der Menschen, sie können entspre­chend ihrer “Talente” arbeiten und werden dort erfolg­reich sein können. Im Sinne der Unter­nehmen. Sie werden die “rich­tigen” Mitar­beiter am “rich­tigen” Platz (Aufgabe) zur “rich­tigen” Zeit haben, um so die Voraus­set­zungen für den größt­mög­li­chen Erfolg zu schaffen.
    Unter­nehmen müssen die Rahmen­be­din­gungen schaffen, das alle Mitar­bei­te­rInnen Ihre Talente zeigen und sich eigen­ver­ant­wort­lich und selbst­ständig entwi­ckeln können. Hier sehe ich neben den Quali­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keiten insbe­son­dere die Kompe­tenz­ent­wick­lung und ein damit einher­ge­hendes Wissens­ma­nage­ment. So könnten die Talent Manager ganz nebenbei die Hoch­be­gabten im Unter­nehmen finden, ohne viel Geld und Zeit in einige Wenige zu stecken, mit zwei­fel­haftem Erfolg. Wie viele hoch quali­fi­zierte Inkom­pe­tenz wurde in Unter­nehmen schon mit Aufwand geför­dert und beide Seiten konnten die hohen Erwar­tungen nicht erfüllen. Zudem glaube ich nicht, dass die Talent Manager Talent wirk­lich finden können. Talent zeigt sich meiner Meinung nach in der tägli­chen Arbeit. Somit ist es doch eher die Aufgabe der Führungs­kräfte Talente zu finden und zu entwi­ckeln. Dies könnte aller­dings die größte Heraus­for­de­rung sein. Welche Führungs­kraft sieht darin seine Aufgabe und wie bzw. wo wurden diese darin geschult?

    Ihr
    Franz-Peter Staudt

  10. […] Hier geht es zum Beitrag […]

Leave A Comment