Kate­go­rien

Lars, 39 oder: Die fünf häufigsten Gründe, aus denen erfah­rene Manager und Fach­kräfte mit ihrem Lebens­lauf nicht punkten

Published On: 25. Juni 2015Cate­go­ries: Führung

Wollen Unter­nehmen keine quali­fi­zierten und erfah­renen Bewerber? Warum bekommen Top-Kandi­­daten so viele Absagen? Auf meine letzte Spiegel-Online-Kolumne hier habe ich viel Reso­nanz bekommen. Viele luden Ausschnitte aus dem CV bei Face­book hoch oder schickten CVs unauf­ge­for­dert. Bei etwa 80% war jedoch zu sehen, dass sie nicht wirk­lich waren wie mein real exis­tie­render „Proband“, sondern dass die schlechte Einla­dungs­quote in der Aufbe­rei­tung des  Lebens­laufs und falscher oder unklarer Posi­tio­nie­rung begründet lag. Diese Fälle waren bei näherer Betrach­tung also komplett anders als bei „Lars, 39“ — entspre­chend lässt sich auch einfa­cher etwas dagegen unter­nehmen. Deshalb hier noch mal die häufigsten Fehler, die zu  Absagen führen – und wich­tigsten Tipps gegen zu viele No´s bei der Bewer­bung.

Serious woman with stop gesture, over white

1. (K)alter Kaffee im Vorder­grund

Recruiter, Perso­naler und Fach­ver­ant­wort­liche sind heute viel­leicht 25, 30, 35 Jahre alt. Zu Zeiten der New Economy waren es Teen­ager, und was ein Atari ist, wissen viele nicht mehr. Dass mein erster Schneider PC 1989 meiner ganzer Stolz war – ich kann es nur Leuten erzählen, die vor 1970 geboren sind.

Kleine Anek­dote: Am Sonntag klin­gelten Gymna­si­asten bei mir, die Elek­tro­schrott für ein Projekt einsam­melten. Ich zeigte ihnen einen Walkman von 1987 – „braucht ihr sowas?“. Sie wussten nicht, was das für ein Ding war. Sie schauten das Gerät an, und in den Augen war pures Erstaunen. Diese Blicke werde ich nie vergessen, sie haben mich aufge­rüt­telt. Jetzt ist mir noch klarer: Diese Kids leben in einer komplett anderen Zeit – und sie werden in 10 Jahren Bewer­bungen auswählen von Leuten wie mir, deren erstes Elek­tro­gerät ein Walkman war (oder ein Nokia-Handy?). Und die in Bewer­bungen von Dingen spre­chen, zu denen sie null­kom­ma­null Bezug haben.

Inso­fern unter­stütze ich Jörg Buck­manns Initia­tive, Perso­naler-Jobs nur noch mit Leuten ab 40 Jahren zu besetzen, aus einem ganz anderen Grund… 😉

So lange es dieses Mindest­alter für Recruiter nicht gibt, muss man damit rechnen: Youngster schreiben Kennt­nissen aus den 1980er Jahren keinen beson­deren Wert zu. Sie inter­es­siert nicht, was sie vor 20 Jahren gemacht haben, sondern was vor zwei.

Was tun? Aktu­elles in den Vorder­grund, keinen 1990er-Revival-CV machen. Über­legen Sie immer, wer Ihr Adressat ist bzw. sein könnte. Digital Natives rollen die Augen, wenn Sie ihnen erzählen wollen, dass sie ein Pionier in Zeiten der ersten Inter­net­seiten waren und sich deshalb immer noch zum Digital Revo­luzzer eignen…. Konzen­trieren Sie sich maximal auf die letzten fünf bis zehn Jahre und der aktu­ellen Gene­ra­tion gerechte Skills und Argu­men­ta­tionen.

2. Extreme Klein­tei­lig­keit

Einer schickte 44 Seiten Anhang, ein anderer hatte sechs Seiten Kurz­profil. Versetzen Sie sich bitte in die Lage des Empfän­gers, der nur eine halbe Minute Zeit hat. Solche Unter­lagen über­for­dern das Gehirn komplett. Niemand kann das alles wahr­nehmen. Menschen sind keine Computer! Ihr Gehirn kann gleich­zeitig nur maximal (!) fünf bis sieben Infor­ma­tionen verar­beiten. Zu viele haben die Wirkung eines 1000-Seiten-Wälzers mit 9 Punkt-Schrift: wir kapi­tu­lieren vor der Infor­ma­ti­ons­dichte und mögli­cher­weise ärgern wir uns sogar.

Was tun? Weniger ist immer mehr. Eine Seite mit den wich­tigsten Infos – das sollte die Regel sein. Auch wenn Sie 50 sind. Klein­tei­lige Infor­ma­tionen gern im zweiten Schritt. Aber doch bitte nicht der HTML-Kurs aus 2003. Vergessen Sie die voll­stän­digen Bewer­bungs­un­ter­lagen, die man 1965 verlangte und die seitdem die Stel­len­an­zeigen nicht verlassen wollen…

3. Keine saubere Posi­tio­nie­rung

Einige derje­nigen, die mich ange­schrieben haben, waren zuvor bei Kollegen. Hier muss ich immer wieder fest­stellen, dass das Thema Posi­tio­nie­rung für andere offenbar nicht den Stel­len­wert hat wie für mich. Ich finde es absolut zentral. Wer Prozesse begleitet und nicht nur formale Kosmetik betreibt, muss an die Spitze seiner Arbeit eine Posi­tio­nie­rung stellen — und nicht opti­schen Schnick­schnack. Den Bewerber richtig zu posi­tio­nieren lehre ich auch meine „Karrie­re­ex­perten Profes­sional“. Dazu gehört tiefes Arbeits­markt­wissen (was einige Jahre und Jahr­zehnte Aufbau braucht) – oder alter­nativ die Fähig­keit, den Prozess der Selbst­po­si­tio­nie­rung kompe­tent zu mode­rieren und leiten. Es müssen letzt­end­lich Antworten auf sechs Fragen gefunden werden:

  • Was ist derzeit ein wich­tiges aktu­elles und gefragtes Thema, wo kann ich mit meinen Kennt­nissen und Erfah­rungen ando­cken?
  • Auf welcher (Hierarchie-)Ebene posi­tio­niere ich mich? Es hilft hier, gedank­lich die C‑Levels durch­zu­gehen (CEO, CMO, CHRO, CFO etc.).
  • Für welche Unter­neh­mens­größe stelle ich mich auf?
  • Für welche Bran­chen und Segmente?
  • Für welche Situa­tionen? (z.B. Restruk­tu­rie­rung)
  • Für welche Themen? (z.B. Krisen­ma­nage­ment)

Was tun? Genauer über­legen. Und noch wich­tiger: Feed­back von Personen einholen, die den Markt kennen. Das sind Leute wie ich. Und Head­hunter, Perso­naler, Bran­chen­in­sider. Beson­ders gut sind im ersten Schritt Menschen, die mit einem breiten Heli­­ko­pter-Blick auf Themen sehen und im zweiten die mit dem spezi­ellen Lupen­auge. Beispiel: Ich habe eine breite allge­meine Arbeits­markt­er­fah­rung allge­mein und eine spezi­el­lere in den Bran­chen Medien, IT, Digital sowie kommu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tierten Funk­ti­ons­be­rei­chen. Andere haben viel­leicht einen Spezi­al­blick fürs Kran­ken­haus­wesen und Verwal­tungs­kar­rieren.

4. Funk­ti­ons­be­zeich­nungen führen in die Irre

Was macht ein Prozess­ma­nager, wofür ist ein Koor­di­nator zuständig? Hier gibt es schon mal erheb­liche Bran­chen­spe­zi­fi­sche Unter­schiede, aber auch die Unter­nehmen füllen ihre Jobs ganz unter­schied­lich aus. Ein Beispiel: Sie waren zuständig für Neukun­den­ak­quise, haben aber auch Verträge nach­ver­han­delt, galten als tech­ni­scher Ansprech­partner und haben einen Teil der tech­ni­schen Seite eines Projekts abge­deckt. Was ist das? Eine Tätig­keit im Vertrieb, die unter­schied­liche Bezeich­nungen tragen kann. Der eine nennt es Sales Support, der andere Vertriebs­re­prä­sen­tanz, der nächste Account Manage­ment und noch einer hat eine firmen­in­terne Bezeich­nung.

Was tun? Über­setzen Sie in eine möglichst allen verständ­liche Sprache. Orien­tieren Sie sich dazu an dem, was gängig ist oder noch besser an den Gepflo­gen­heiten der Firma, bei der Sie sich bewerben. Nennen die ihre Mitar­beiter Customer Service Agents oder Auftrags­sach­be­ar­beiter? Sagen Sie im Zweifel „entspricht XY“ und konzen­trieren Sie sich auf Tätig­keits­be­schrei­bungen und als Manager auf Erfolge.

5. Die Ebenen signa­li­sieren ein „zu viel“ oder „zu wenig“

Ein Vice Presi­dent ist immer ganz oben aufge­hangen und wird stets ein Kandidat für 150.000 EUR Jahres­ge­halt und mehr sein? Keines­wegs. Ich hatte mit Vice Presi­dents zu tun, die nur 60.000 EUR verdient haben. Vice Presi­dents sind nichts anderes als Ressort­leiter. Und so ein Ressort kann auch klein und über­schaubar sein. Außerdem nutzen inter­na­tio­nale Firmen den Titel gern, um Eindruck zu schinden. Ein Vice Presi­dent ist eben noch kein CEO, aber hat auch so einen schönen kurzen Titel „VP“, wenn man ihn abkürzt…

Was tun? Schreiben Sie die Ebene dazu, zum Beispiel „zweite Ebene“ und/oder „Bericht an ein Mitglied der Geschäfts­füh­rung“. Geben Sie Einord­nungs­hilfen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Marc R. 5. August 2015 at 15:40 — Reply

    Auch das ist wieder so eine Sache, die ich nicht verstehe: Wie kann es angehen, dass Allge­mein­bil­dung in Recrui­­ting-Abtei­­lungen offen­sicht­lich nicht geschätzt wird? Wie sollen diese Sozi­al­wis­sen­schaftler (BWL’er sind ja eine Mischung aus VWL’er und Kauf­leuten und VWL entstammt der Sozi­al­wis­sen­schaft) bitte Bewerber richtig einschätzen, wenn sie tech­no­lo­gie­ge­schicht­lich gar keine Ahnung haben? Wenn das stimmt, was Sie da schreiben, ist das mehr als bitter.

    Ich bin selber aus den 1980’er Jahren und hatte als Kind in den 90’ern noch einen Walkman. Zudem weiß ich sehr wohl, wann der erste Webbrowser entwi­ckelt wurde und wie der erste Computer hieß. Ganz einfach, weil m. M. n. histo­ri­sches Wissen zu sehr unter­schätzt wird! Natür­lich geht Studi­en­zeit für solche Kennt­nisse drauf, weil man Bücher oder Artikel ließt oder gar Vorle­sungen hört und mitschreibt, die nicht primär mit dem Haupt­stu­dium zutun haben, aber was haben wir von einem Einheits­brei, der offen­kundig nicht in der Lage ist, irgendwas eini­ger­maßen korrekt einschätzen zu können? Warum sollte sich ein IT’ler, der in der Dotcom-Blase Content-Mana­ge­­ment-Systeme entwi­ckelt hat, diese nicht auch 10 Jahre später in kürzester Zeit zumin­dest bedienen können und nach einer Agile / Scrum-Lektüre in der Lage sein, sich in diese Themen schnell einzu­ar­beiten?

  2. Frank Lehm­köster 24. August 2015 at 12:24 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert
    Auch ich habe Ihren Bericht gelesen, der über ein XING Link geteilt worden ist.
    Bei mir entspricht es leider auch zu 100 % wie bei Ihrem “Lars, 39”, nur das es noch einige, für mich maßgeb­liche Unter­schiede gibt:
    Ich bin 50, habe 18 Mange­ment Erfah­rung als geschäfts­füh­render Gesell­schafter einer Firma im der Gesund­heits­branche, Leitungs­funk­tion und perso­nal­ver­ant­wor­tung von bis zu 250 Mitar­bei­tern. Meine Manage­ment Ausbil­dung habe ich somit nicht durch einen MBA oder sons­tigen Abschluss sondern durch die fast 20 jährige Berufs­er­fah­rung. Durch finan­zi­elle Diffe­renzen bin ich somit im August 2014 nach 23 Jahren aus dem Unter­nehmen ausge­schieden.

    Es ist mir fast unmög­lich nun nach 1 Jahr eine Posi­tion in der Gesund­heits­branche zu erhalten, egal welche Hira­ri­sche Ebene ich erfüllen soll und möchte:
    z. B. als Account Manager — über­qua­li­fi­ziert (persön­liche Aussage!), als Geschäfts­führer oder Buisiness Uni Leiter — keinen gewünschten MBA oder promo­vierten Abschluss usw…

    Anfang diesen Jahr hatte ich eine Anstel­lung für 3 Moante bei einem mittel­stän­digen Unter­nehmen als Vertriebs­lei­tung, hier wurde ich wieder entlassen, weil ich zu gene­ra­lis­ti­sche Ideen und Gedanken hatte — und somit nicht im Sinne des Unter­neh­mens­in­haber war.

    Mitt­ler­weile habe ich unter­schied­liche CV, je nach Stelle. Im letzten Jahr waren es 120 Bewer­bungen mit 5 Vorstel­lungen, aktu­elle sind es bei 130 Bewer­bungen 10 Vorstel­lungs­ge­spräche, teil­weise schon die 2 oder 3 Runde. Leider spie­gelt sich dann am Ende doch genau das wieder, wie sie es im Bericht schreiben — Schmidt­chen darf nicht höher sein als Schmidt. Ich kann meine Erfah­rung sowie meine Vergan­gen­heit als GF nicht wegbü­geln, auch ein schau­spie­lern ist hier nicht mögl­lich.

    Die Mär des Fach­kräf­te­mangel kann ich bald nicht mehr hören, es wird leider keinen Wert mehr auf Erfah­rung gesetzt, es werden nur noch MA gesucht, die man dyna­misch im Sinne des Unter­neh­mens formen kann.

    Unab­hän­ging davon kann ich Ihnen nur wider­spie­geln, da es leider keine durgän­gige Form von profes­sio­nellen Bewer­bungs­ma­nage­ment gibt. Es fängt schon an bei einer nicht vorhan­denen Eingangs­be­stä­ti­gung sowie von Zwischen­mel­dungen, geschweige von Absagen. Was lernen denn heut­zu­tage Perso­nal­ab­tei­lungen noch? Kennen Sie das Wort Wert­schät­zung eines Bewer­bers?

    Head­hunter, die mit mir in Kontakt sind finden mein Profil sowie meine Präsen­ta­tion perfekt, schei­tern aber dann auch an der verspro­chenen Umset­zung von verspo­chenen Stellen.

    Haben Sie evtl. einen Ratschlag an mich?
    gerne würde ich Ihen meien CV sowie ein Bewer­bungs­bei­spiel zukommen lassen. Es würde mich freuen, von Ihnen zu hören und verbleibe mit freund­li­chen Grüßen
    Frank Lehm­köster

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