Kate­go­rien

Schreiben oder schweigen? Soll ich mein Gehalt in der Bewer­bung nennen oder nicht?

Published On: 6. Juli 2015Cate­go­ries: Führung

Schreiben oder schweigen? Meine Zunft ist sich über diese Frage sehr uneins, deshalb greife ich sie hier noch einmal auf. Vorab zwei wahre Geschichten: Peter hatte die Absage auf seine Online­be­wer­bung nach drei Minuten im Kasten. Offen­sicht­lich, dass bei ihm a.) ein auto­ma­ti­scher Filter wirkte und b.) dass das Gehalt zu hoch war. Andrea sollte in ihrer Bewer­bung schreiben, was sie verdienen will, sonst könne ihre Bewer­bung nicht berück­sich­tigt werden, verriet die Perso­nal­re­fe­rentin auf Nach­frage im Telefon. Was denn die Band­breite sei, fragte Andrea. Das wolle man nicht verraten, so die Antwort. Also schrieb Andrea ein Pi-Mal-Daumen-Gehalt ins Anschreiben. Als sie nach der schnell folgenden Absage anrief, erfuhr sie, dass die Firma nach Tarif bezahlte und sie viel zu hoch gelegen hatte… Andrea ist sauer. Sie erzählt die Geschichte vielen Kollegen. Für das Image des durchaus bekannten Unter­neh­mens kein Gewinn.

Hätte man das Gehalt, zumal im Tarif liegend, nicht gleich in der Stel­len­an­zeige können? Warum können Unter­nehmen nicht schreiben, was sie zahlen wollen? Und zwar mit einer realis­ti­schen Angabe und nicht wie in Öster­reich mit einem oft extrem nied­rigen Mindest­ge­halt, das falsche Anker setzt (siehe Anker­heu­ristik) und nur zusätz­liche Verwir­rung stiftet?

Das Thema Zwangs-Gehalts­an­­gabe in der Bewer­bung erzürnt Bewerber, die damit schlechte Erfah­rungen machen. Die zwei Beispiele aus der Praxis stehen stell­ver­tre­tend für viele. Immer häufiger ist im Online-Formular „Ihr Gehalts­wunsch“ ein Pflicht­feld. Auch wenn zur Stelle kaum etwas bekannt ist, muss hier etwas einge­tragen werden, sonst lässt sich das Formular nicht weiter bear­beiten. Sogar bei Tarif­stellen und bei Initia­tiv­be­wer­bungen wird eine Gehalts­an­gabe verlangt. Ausge­schrie­benen Stellen, siehe Beispiel Andrea, sieht man das Gehalts­ni­veau oft nicht an. Konzerne neigen dazu, so viele Fach­be­griffe zu nutzen, dass die Stelle sehr anspruchs­voll wirkt – bei näherer Betrach­tung fällt dieser Anspruch aber in sich zusammen.

Ich sehe viel, aber auch ich habe schon einmal eine Stelle auf 85.000 geschätzt, die letzt­end­lich inner­halb des Tarifs liegen sollte, in dem Fall 48.000 EUR. Wie sollen Bewerber mit dem Gehalts­wür­feln klar kommen, wenn selbst Profis beim Schätzen schei­tern?

Was tun? Ein paar Tipps, um selbst zu einer Entschei­dung zu kommen:

  • Bevor­zugen Sie Unter­nehmen und Perso­nal­be­rater, die mit dem Gehalt nicht hinter dem Berg halten und es öffent­lich machen. Beispiel: Vires Conferre (Perso­nal­be­rater Hamburg und Berlin) oder Compu­ter­fu­tures.
  • Rufen Sie an und fragen Sie, wie die Stelle dotiert ist, wenn es nicht da steht. Je mehr Bewerber das machen, desto eher wird sich etwas ändern. Perso­nal­be­rater verraten die Range (also das Gehalts­band) gene­rell eher als Unter­nehmen.
  • Reden Sie dabei nicht um den heißen Brei. Sagen Sie offen, dass Sie sich nicht aufs Blaue an eine Bewer­bung setzen wollen, bei der sich hinterher heraus­stellt, dass das Gehalt dafür zu niedrig dotiert ist. Meine Erfah­rung ist: Viele haben für eine klare Formu­lie­rung Verständnis – und rücken recht unkom­pli­ziert mit einer konkreten Zahl heraus.
  • Sie errei­chen tele­fo­nisch niemand oder das Unter­nehmen schottet sich ab? Der Verhand­lungs­spiel­raum ist bei vielen Stellen geringer als Sie denken. Es kann sein, dass Sie 5.000 EUR zu hoch liegen und deshalb abge­sagt werden. Wenn Sie es also vermeiden können, das Gehalt zu nennen, dann vermeiden Sie es. Sie können zum Beispiel schreiben: „über meinen Gehalts­wunsch rede ich gern mit Ihnen, wenn mir Details zur Stelle bekannt sind.“ Es besteht aber das Risiko, dass Sie dann aussor­tiert werden. Dies ist vor allem bei einfa­cheren Jobs in jedem Fall gegeben.
  • Sind Sie selbst­be­wusst und gut quali­fi­ziert, können Sie sich im Online­for­mular auch mal einen Scherz erlauben und beispiels­weise 10 oder 100 EUR. So bekommen Sie nebenbei heraus, ob das Unter­nehmen wirk­lich nur Roboter arbeiten lässt, denn jeder normale Perso­nal­re­fe­rent würde hier nach­haken und gute Entwickler hätten auch eine Unter­grenze einge­geben. Wenn nicht, haben Sie jetzt ein As im Ärmel, mit dem Sie doch noch zum Gespräch kommen können. Ich kenne einen Fall, da war dem Unter­nehmen die auto­ma­ti­sche Absage aufgrund der 100-Euro-Gehalts­­for­­de­rung so pein­lich, dass es den Kandi­daten einge­laden hat.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Marina 6. Juli 2015 at 16:07 — Reply

    Gutes Thema. Ich habe in den letzten 6 Monaten 70 Bewer­bungen geschrieben und meist mein Gehalts­wunsch genannt. Letzte Woche bekam ich einen Anruf man würde mein Lebens­lauf gut finden, aber 10.000 € weniger pro Jahr. Ca 5–10 mal lag ich 10.000 € zu hoch. Sollte ich einen Job annehmen, bei dem ich 10.000 € weniger als in meinem letzten Job verdiente? Dazu weniger Urlaub, längere Anfahrts­zeiten, oft befristet? Geld moti­viert zwar nicht, aber ich nenn doch meinen Wert. Hier geht es um eine Stelle als Assistenz/Sachbearbeiterin, da schwanken die Gehälter zwischen 30.000 € und 44.000 €. Ich habe Studium und Ausbil­dung, Berufs­er­fah­rung etc. nichts außer­ge­wöhn­li­ches, Durch­schnitts­ein­kommen.

  2. Jens Knöpfel 6. Juli 2015 at 22:25 — Reply

    Liebe Svenja, das meiste kann ich ja blind unter­schreiben 😉 Den Tipp, das Gehalt nur persön­lich zu nennen, finde ich aller­dings gefähr­lich: ich kenne etliche Perso­naler, die das als Erpres­sung empfinden und dann “bockig” reagieren. Aber wie gesagt: das Thema ist kontro­vers. Viele Grüße … Jens

    • Svenja Hofert 6. Juli 2015 at 22:43 — Reply

      Hi Jens, da hast du voll­kommen recht, die gibt es. Man muss wissen, dass man aussor­tiert werden kann. Genau wie mit zu hoch — und auch zu niedrig. LG Svenja

  3. Johannes 6. Juli 2015 at 23:03 — Reply

    Was halten Sie von der Option, sein derzei­tiges Gehalt zu nennen? Damit ist allen geholfen: der Arbeit­geber weiß, dass man sich in der Regel mindes­tens 10% verbes­sern möchte und lädt nur ein, wenn er das erfüllen kann. Ist die Stelle deut­lich geringer dotiert, erspart der Arbeit­nehmer sich die unnö­tige Bewer­bung.

  4. Johannes 6. Juli 2015 at 23:05 — Reply

    Sorry, ich meinte natür­lich das unnö­tige Bewer­bungs­ver­fahren…

  5. Kerstin von der Heiden 7. Juli 2015 at 9:20 — Reply

    Endlich finde ich einmal einen Artikel, über dieses Thema.
    Für mich nach wie vor unver­ständ­lich, warum diese Angabe mitunter zwin­gend erfor­der­lich ist und fast alle Unter­nehmen aus ihren Gehalts­vor­stel­lungen ein Geheimnis machen.
    Wäre es nicht besser, beide Seiten wissen worauf sie sich einlassen können? Auch ich habe dieses Thema mehr­mals durch, meis­tens entspricht mein Wunsch nicht den Vorstel­lungen und man ist “raus”.…
    Dabei könnte es soviel einfa­cher sein, denn es kann mir kein Unter­nehmen erzählen, dass sie ihre Range nicht schon im Vorfeld ganz genau kennen… da sind mir Tarif­an­gaben doch viel lieber, denn dann weiß ich, ob ich bereit bin, für viel­leicht auch weniger Gehalt zu arbeiten wenn alles Andere passt…
    Weiterhin viel Erfolg beim Verhan­deln und LG
    Kerstin

  6. Johann 8. Juli 2015 at 8:35 — Reply

    Ich bin der festen Über­zeu­gung man sollte seinen Gehalts­wunsch immer nennen. Für “uner­fah­rene” Bewerber mag eine Schät­zung schwer sein, aber wer sich aktiv mit seiner Karriere ausein­an­der­setzt sollte seinen “Wert” auf dem Arbeits­markt abschätzen können und diesen auch entspre­chend fordern. Wenn man aufgrund dessen eine Absage bekommt umso besser, man inves­tiert keine Zeit, nimmt keinen Urlaub für eine mögli­ches Gespräch etc. Ganz davon abge­sehen: Will man wirk­lich bei einem Unter­nehmen arbeiten welches wegen 10 tEUR + oder — eine Absage schickt? Ja dann viel Spaß beim ersten Perso­nal­ge­spräch.

  7. Chris­tian 12. Juli 2015 at 23:10 — Reply

    Die Frage nach dem gewünschten Gehalt ist tatsäch­lich nicht so einfach zu beant­worten. Grade bei Berufs­an­fän­gern kann da schnell zu tief gesta­pelt werden.
    Sicher­lich kann man auch aus Gehalts­­ver­­­gleichs-Portalen einige Infor­ma­tionen ziehen. Dennoch muss man sich dann entscheiden.
    Den Tipp, mit den 10 oder 100 Euro im Formular finde ich klasse. Wenn der Perso­naler dann nach­hakt, kann man ein Gespräch aufbauen.
    Gruß
    Chris­tian

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