Kate­go­rien

Aus dem Quark kommen: Mit agilen Methoden beruf­liche Verän­de­rungen herbei­führen

Published On: 8. September 2015Cate­go­ries: Karriere

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Diese Karrie­re­frage wird im Vorstel­lungs­ge­spräch immer noch gern gestellt. Sie ist längst nicht mehr zeit­gemäß: Es lässt sich kaum mehr planen, wo man in fünf Jahren stehen wird. Diese Unplan­bar­keit macht beruf­liche Verän­de­rung heute auf den ersten Blick schwie­riger. Und einige Menschen blockiert das sogar. Ohne klares Ziel im Blick, ohne Perspek­tive, bekommen viele den Aller­wer­testen nicht hoch. Aber auch mit fällt es einigen schwer über das “man müsste mal” hinaus­zu­kommen (dazu ein älterer Beitrag von mir hier).

Wir müssen unser Denken umstellen. Wer begreift, dass nicht das Ziel oder die Vision der Anfang von Verän­de­rung ist, sondern der erste Schritt uns Unge­wisse, der hat eine Menge gewonnen. Hier können wir als beruf­liche Verän­de­rungs­un­ter­stützer, als Karrie­re­coachs und Karrie­re­be­rater, viel von der agilen Denk- und Arbeits­weise über­nehmen, die sich in Methoden wie Scrum und Kanban nieder­schlägt, aber mehr viel mehr ist als eine Methode: eine Lebens­ein­stel­lung und Wert­hal­tung.

Wie sechs agile Prin­zi­pien jedem helfen, aus dem Quark zu kommen:

Ich habe im agilen Topf ein wenig gerührt und das hervor­ge­holt, was sich leicht auf indi­vi­du­elle Situa­tionen und beruf­liche Verän­de­rung über­tragen lässt.

1. Vorhaben sichtbar machen mit Personal Kanban

Was sind meine Aufgaben? Was ist gerade in Arbeit? Was ist geschafft? Die immer und täglich sicht­bare Visua­li­sie­rung von Arbeits­pro­zessen und Arbeits­fort­schritt hilft nicht nur Teams, sondern auch jedem Einzelnen – etwa im Bewer­bungs­pro­zess, aber auch in der beruf­li­chen Verän­de­rung, etwa der Recher­che­phase oder aber in Phasen persön­li­cher Entwick­lung.

So geht es: Malen Sie eine Tabelle auf ein Flip­chart­blatt und legen Sie einen Zeit­raum fest, am besten möglichst kurz, zum Beispiel zwei oder vier Wochen. Legen Sie Post-Its in mehreren Farben bereit. Jede Farbe hat eine andere Bedeu­tung. Teilen Sie es ein in zu erle­digen, nächste, in Arbeit, erle­digt. Achtung: In Arbeit kann immer nur EINE Aufgabe sein. Nehmen wir das Beispiel „Finden neuer Jobop­tionen“ oder „im heutigen Meeting das Wort ergreifen“. Legen Sie nun Ihre Aufgaben, die Tasks fest. Wenn Sie mit jemanden spre­chen wollen, kommt das zum Beispiel auf grüne Zettel („Kontakt“), Recher­che­auf­gaben schreiben Sie auf blau („Computer), Netz­werktreffen auf gelb („Austausch“) und Infor­ma­ti­ons­ge­spräche auf orange („syste­ma­tisch Kaffee­trinken“ à la Lars Hahn). Nun lassen Sie die Zettel wandern. Und nicht vergessen: In Arbeit kann immer nur eins sein, jedoch durchaus mehr als eins am Tag.

2. Expe­ri­mente statt perfekte Ergeb­nisse

Etwas versu­chen, das noch nie jemand gemacht hat? Das nennen Beden­ken­träger „gefähr­lich“. Sie heben den Finger und sagen „Achtung, das kann nach hinten losgehen.“ Solche Gedanken kann es im agilen Kontext nicht geben. Hier geht es nicht um das perfekte Produkt, sondern um das minimal funk­ti­ons­fä­hige. Kann sein, dass etwas funk­tio­niert. Kann sein, dass nicht… Dann war es Lear­ning. So können Sie auch an Bewer­bungs­pro­zesse rangehen, aber auch an Ihre tägliche Arbeit. Mal was anders machen, als immer nur das Gleiche. Sich mal ganz anders verhalten, Versuchs­bal­lone starten. Auch wenn Sie nicht wissen, wie es ausgeht. Es ist immer ein Zuge­winn an Wissen: So geht es/so nicht. Daraus die Konse­quenzen zu ziehen, macht den agilen Kern aus: expe­ri­men­tieren, lernen, mit mehr Wissen neu expe­ri­men­tieren.

3. Kurze Zeit­räume fest­legen anstatt lang­fris­tige Ziele

Es schadet nicht, einen beruf­li­chen Plan zu haben. Aber bei der eigent­li­chen beruf­li­chen Verän­de­rung ist es sinn­voll in kleinen Einheiten zu denken und klein­teilig zu handeln und statt mit fixen mit flexi­blen Ziele zu arbeiten. Im Scrum gibt es so genannten Sprints. Das sind Zeit­räume von 30 Tagen, in denen das Team sich ohne Einfluss von außen um sein Projekt kümmern kann. Was erreicht werden soll, wird nur für diesen Zeit­raum geplant – und ständig reflek­tiert. Das lässt sich auch im beruf­li­chen Bereich umsetzen. Bitten Sie zum Beispiel Ihren Chef, Ihnen einen Monat Zeit zu lassen für eine neue Idee und um etwas auszu­pro­bieren – ohne Fragen, Bedenken, Einschrän­kungen.

4. Konti­nu­ier­liche Verbes­se­rung als Prinzip

Einmal Top-Unter­lagen erstellen lassen und dann geht´s los? Undenkbar im agilen Kontext. Erstens gibt es da keine Besser­wisser, die anderen etwas vorsetzen, was opti­male Lösung sein soll. Zwei­tens ist Selbst­ver­bes­se­rung Prinzip und diese beinhaltet immer ein stufen­weises Vorgehen. Dieser inkre­men­telle Prozess der konti­nu­ier­li­chen Verbes­se­rung ist für manche Berater gewöh­nungs­be­dürftig, die ihre eigene Arbeit als Nonplus-Ultra-Lösung verkaufen wollen. Manche Bewerber sind auch noch nicht so weit, nicht nur die Karriere, sondern auch die Bewer­bung als “work in Progress” zu begreifen.

Die fertige Unter­lage aus dem Zauberhut kann es in diesem Gedan­ken­ge­bäude nicht geben. Die laufende Anpas­sung aufgrund des Feed­backs von außen dagegen schon. Prak­tisch umge­setzt: Schi­cken Sie nicht Ihre Unter­lagen gleich an 20 Head­hunter, sondern beginnen Sie mit einem Gespräch. Lernen Sie daraus, reflek­tieren Sie. Und stellen Sie das Lernen auch voran, nicht das Sich-Selbst-Verkaufen. „Ich möchte lernen, was Sie in meinen Unter­lagen lesen und wie Sie diese inter­pre­tieren.“ Wird manch einen irri­tieren, aber Irri­ta­tion ist für Aufmerk­sam­keit nicht die schlech­teste Basis…

5. Refle­xion als A und O

Im Scrum und Kanban gehören Retro­spek­tiven ein oder zwei Mal im Monat dazu. Was ist gut gelaufen? Was kann besser werden? Worauf sollen wir uns in den nächsten zwei Wochen oder im nächsten Monat konzen­trieren? Versteht sich der Karrie­re­coach als Spar­ring­partner und Prozess­be­gleiter sind es genau die Fragen, die auch er mit seinem Klienten erör­tern kann.  Refle­xion braucht Rück­mel­dung und Feed­back. Deshalb ist dieser Punkt nicht allein zu reali­sieren.

6. Trans­pa­renz gegen­über sich selbst und anderen

Viele Menschen warten zu lange, bevor Sie etwas tun. Sie wollen das perfekte Ergebnis. Sie durch­denken alles, aber drehen sich im Kreis. Im Kopf ist jede Alter­na­tive beleuchtet, aber kein einziger Schritt gemacht. Wer agil vorgeht, muss etwas machen. Auch weil andere im Team jeder­zeit sehen, wie der Prozess­fort­schritt ist. Grup­pen­druck – an dieser Stelle hilf­reich. Haben Sie diese Gruppe nicht, suchen Sie sich andere Personen, die mit Ihnen erleben, wie Sie voran­kommen. In kleinen Schritten. Slow Grow.

Dieser Beitrag ist Teil von Karrie­re­ex­pertin Gabi Gollings Blog­pa­rade „Arsch Hoch“. Vielen Dank, Gabi!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Gabi Golling 15. September 2015 at 11:07 — Reply

    Liebe Svenja,
    ganz herz­li­chen Dank für Deinen Beitrag zu meiner Blog­pa­rade!
    Mir gefällt dieses Schritt für Schritt Vorgehen aus den agilen Methoden sehr gut.
    Für viele Menschen in der beruf­li­chen Re-/Neu­o­ri­en­­tie­rung nimmt es aus meiner Sicht auch den Druck, gleich ganz große Schritte gehen zu müssen.
    Herz­liche Grüße, Gabi

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