Kate­go­rien

Inse­cure Overa­chiever: Die Psycho­logie unsi­cherer Leis­tungs­men­schen — und ihre innere Befreiung

Published On: 8. November 2015Cate­go­ries: Karriere, Klas­siker
Insecure Overachiever

(aktua­li­siert 2.8.2024)

Viele Menschen in Leis­tungs­jobs sind große Zweifler an sich selbst. Sie wirken nach außen sicher, aber sind inner­lich leicht erschüt­terbar. Kritik von der rich­tigen, ihre Karriere bestim­menden Seite reicht aus, um den inneren Motor anzu­zünden: Der Leis­tungs­mensch arbeitet dann an sich, um besser zu werden. Er über­ar­beitet Folien, merzt Fehler aus, inves­tiert seine Zeit.

Ursprung: McKinsey

Der McKinsey-Berater Matias Dals­gaard prägte für diese Menschen den Begriff „inse­cure overa­chiever“, also unsi­chere Über­leister. Die Brand­eins über­setzte das, was die Inse­cure Overa­chiever ausmacht, 2009 mit „noch wenig gefes­tigt“. Ihr ehema­liger Autor Wolf Lotter traf es damit gut. Mir gegen­über haben Führungs­kräfte ein bestimmtes Such­schema zuge­geben: “Ich suche eine, die sich richtig rein­hängt, weil sie unsi­cher ist.”

Solche Menschen, so las ich neulich, sind bei vielen Firmen explizit gesucht. Das heißt, das ist sogar ausge­spro­chen. Bei anderen ist das eher implizit: So stellen Führungs­kräfte, die selbst unsi­cher sind, gerne ebenso unsi­chere Mitar­beiter ein.

Seine eigene Iden­ti­fi­ka­tion findet der Über­leister oder die Über­leis­terin über das, was in seinem von ihm gewählten Umfeld als Erfolg defi­niert wird. Er oder sie selbst hat kaum einen inneren Kern jenseits des aktu­ellen Kontexts. Das bedeutet: Es besteht eine Abhän­gig­keit nach Reso­nanz, Feed­back. Ohne diese ist es unmög­lich, sich zu spüren. Würde die gesuchte, ja gebrauchte Reso­nanz wegbre­chen, fiele das Selbst­be­wusst­sein tief.

Das ist bei allen Menschen in gewisser Weise so: Bricht ihr Kontext weg wirkt sich das negativ aufs Selbst­be­wusst­sein aus. Nur ist es bei den Overa­chie­vern extrem und deut­lich stärker ausge­prägt. Die Iden­tität ist an das Feed­back gekop­pelt. Und das darf auch nicht von jedem kommen, sondern nur von denen, die der unsi­cherer Hoch­leister akzep­tiert. Im Zweifel also nur von den McKinsey Part­nern. Oder von Jour­na­listen, die für beson­ders aner­kannte Maga­zine schreiben. Oder…

Vor-Leis­­tung als Karrie­restra­tegie

Unsi­chere Leis­tungs­men­schen treten ständig in eine Art Vorleis­tung. Sie hängen sich in die Arbeit, um Aner­ken­nung für ihr wankendes Selbst zu bekommen und Kritik und Minder­leis­tung zu vermeiden. Schon in der Schule und im Studium kämpfen sie vor allem um eins: gute Noten und Aner­ken­nung über Sehr-gut- und Besser-Sein.

Zuge­hö­rig­keit ist enorm wichtig, aber nicht zu jeder Gruppe: Es mzss die auser­wählte sein. Sie möchten dazu­ge­hören, aber einem elitären Kreis. Nach einer gewissen Zeit reali­sieren sie, dass es auch andere Lebens- und Karrie­re­formen gibt. Es kann sein, dass sie eigene Werte ausprägen und in Konflikt mit ihrem Umfeld geraten.

Für  Arbeit­geber werden sie anstren­gender, wenn diese Eigen­be­stimmt­heit dazu­kommt. Womög­lich werden sie been­gende Kontexte verlassen, wenn sie deren Begrenzt­heit sogar durch­schauen – es sei denn, mone­täre Abhän­gig­keit hält sie.

Dann könnten sie für Unter­nehmen zu Menschen werden, die man mitschleppen muss, die Quiet Quietter sind. Mit Menschen in der Phase eines solchen Über­gangs  habe ich oft zu tun. Diese Menschen suchen nach innerer Befreiung, um diese gefühlte Abhän­gig­keit von anderen loszu­werden.

Es ist ganz klar und eindeutig eine Alters­frage, noch mehr als das aber eine der Reife. Und Reife voll­zieht sich nie theo­re­tisch. Nur wer etwas erlebt hat, kann durch­schauen, verstehen und plötz­lich oder langsam erkennen, dass er sich selbst fremd geworden ist. “Ich will nicht mehr abhängig sein, Frau Hofert!” Das habe ich immer wieder gehört.

Ideal für Arbeit­geber, schlecht für sich selbst

Das Muster aus extremem Anstren­gungs­willen und Selbst­un­si­cher­heit macht Leis­tungs­men­schen anfällig: Verlieren sie den Job, fallen sie tief. Da sie sich wenig selbst spüren, neigen sie zu Über­an­stren­gung, die in den Burnout führen kann. Aus Arbeit­ge­ber­sicht kann ich die Suche nach „inse­cure overa­chie­vern“ als Recrui­tin­g­stra­tegie gut verstehen: Man bekommt so „die Besten“ in dem Sinne, dass es dieje­nigen sind, die sich am meisten rein­hängen werden.

Die auch das System akzep­tieren können, die sich sozia­li­sieren lassen. Das tun sie beson­ders in den hoch­ka­rä­tigen Jobs oft nicht blind — dazu sind sie zu intel­li­gent -, aber kalku­lie­rend. Mitar­beiter mit stär­kerem Selbst sind immer auch ein größeres Risiko für ein System. Je größer die innere Unab­hän­gig­keit, desto schwie­riger wird eben auch die echte Inte­gra­tion (und nicht eine Pseudo-Inte­­gra­­tion über Abhän­gig­keit). Würden Firmen nach wirk­lich inner­lich unab­hän­gigen Menschen suchen, so könnte ihr “System” aus den Fugen geraten. Doch ohnehin würden nicht passende Mitar­beiter schnell heraus­ge­presst.

Was sollten unsi­chere Leis­tungs­men­schen tun, wenn sie erkennen, dass etwas nicht mehr passt? Dass es einen Gap gibt zwischen ihren inneren Antrei­bern und dem System? Dass Zweifel da sind? Ich meine: Wer erkennt, wer seine innere Abhän­gig­keit sieht, kann sich eher daraus befreien, als jemand, der es nicht tut. Man erkennt so beispiels­weise die Subjek­ti­vität von Feed­back — oder die eigene Unsi­cher­heit bei den Vorge­setzten.

Wer zudem merkt, dass etwas anderes in ihm/ihr selbst „dran“ ist, kann danach suchen. Das kann man „Beru­fung“ nennen, und das lässt sich unter diesem Label auch gut verkaufen. Im Grunde ist es aber Reifung — oder auch Befreiung von inneren Zwängen.

Feed­back und Kritik sind kontext­ab­hängig

Eigen­be­stimmt sein bedeutet immer auch Loslassen — und damit verbunden Befreiung von dem, was vorher fremd- oder grup­pen­be­stimmt war. Es bedeutet, „nein“ sagen zu können, auch zu dem, was vorher das Selbst bestimmt hat. Beispiel Kritik: Es ist wichtig, Feed­back und Kritik anzu­nehmen. Aber Feed­back und Kritik sind immer auch kontext­ab­hängig. Will ich das annehmen? Lässt es mich wirk­lich wachsen?

Oder fühle ich mich fremd im eigenen Körper? Bin ich das wirk­lich? Oder reali­siere ich da gerade nur den Plan der Anderen, viel­leicht meiner Eltern?

Inse­cure Overa­chiever sind oft auch Impostor. Sie haben also das Gefühl, nie gut genug zu sein. Sie denken, sie würden den anderen etwas vorma­chen. Sie wären nicht so klug, wüßten nicht so viel, wie die anderen denken. “Alles eine große Show, wann fliege ich endlich auf?” so oder ähnlich denken Sie.

Doch das kann sich ändern. der erste Schritt liegt darin, sich zu erkennen. Der zweite, sich zu fühlen. Und der dritte, sich zu lieben für das, was man wirk­lich ist. Das alles ist anstren­gend und viel­leicht ein Wech­selbad der Gefühle, aber was danach kommt, ist ein neues, ein sicheres Selbst­wert­ge­fühl.

Ich habe das bei meinen Klienten sehr oft gesehen. Es braucht Zeit, aber es lohnt sich.

Foto von Andrea Piac­quadio: https://www.pexels.com/de-de/foto/formeller-mann-mit-tablette-die-prasentation-im-buro-gibt-3760093/

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Henrik Zabo­rowski 8. November 2015 at 18:03 — Reply

    Moin Svenja,
    Danke für diesen wieder mal span­nenden Artikel. Aus Recrui­ter­sicht: wirk­lich inner­lich unab­hän­gige Menschen treff ich in normalen Inter­views kaum. Es gibt wahr­schein­lich in der Arbeits­welt zu wenig davon. Die halten es nämlich in den meisten Unter­nehmen nicht lange aus und gründen selber oder machen sich als Frei­be­rufler von der Orga­ni­sa­tion unab­hängig. Verirrt sich doch mal so jemand in ein Bewer­bungs­ge­spräch, muss er schon auf echte Führungs­kräfte treffen, die seine Art akzep­tieren und damit umgehen können. Die gibt es aber leider auch selten. Unab­hän­gig­keit ist kein gefragtes Gut in den Unter­nehmen …
    Herz­li­chen Gruß,
    Henrik

  2. Manuel 9. November 2015 at 15:30 — Reply

    Und was macht man, wenn der persön­liche Werde­gang im CV genau das Gegen­teil durch­scheinen läßt?

  3. Waltraud Gläser 9. November 2015 at 17:18 — Reply

    Symptome, die Sie beschreiben, gehen häufig auf Einschär­fungen und Antreiber zurück, aus denen innere Impe­ra­tive entstehen. Das kann man sich wie eine innere Stimme vorstellen, die speziell unter Stress zu einem spricht. Demnach muss etwas unbe­dingt passieren oder etwas darf auf keinen Fall geschehen. Der Impe­rativ über­nimmt dann die Ober­hand über das Denken — was selbst an sich souve­räne Menschen in schwie­rige Situa­tionen bringen kann. Lösen lassen sich diese Impe­ra­tive durch Intro­vi­sion­Coa­ching (www.introvision-coaching.de). Meine Coachees profi­tieren von der Arbeit am persön­li­chen Skript unter Verwen­dung der Sätze, die den Impe­rativ auflösen helfen oder zumin­dest den inneren Alarm redu­zieren. Dadurch wird es möglich, mehr persön­liche Sicher­heit zu gewinnen und die eigenen (authen­ti­schen) Selbst­steue­rungs­kom­pe­tenzen zu akti­vieren.

  4. Schmid Silvia 10. November 2015 at 10:20 — Reply

    Guten Tag Frau Hofert,
    auch unser Bera­ter­team macht im Talent Coaching die Erfah­rung, dass viele Leis­tungs­men­schen irgend­wann erkennen, dass die bishe­rigen Antreiber nicht mehr funk­tio­nieren. Die Gründe, warum man sich beruf­lich anstrengt und die Werte, die wichtig sind und die erfüllt sein müssen, um zufrieden zu sein, haben sich verschoben. An den Stellen von Sicher­heit, Erfolg und Aner­ken­nung treten zum Beispiel Kolle­gia­lität, Abwechs­lung und Sinn. Wer seine Moti­va­toren kennt, kann den Gap zwischen seinen inneren Antrei­bern und dem System redu­zieren. Unsere Leis­tungs­men­schen sollten also ihre inneren Antreiber aufspüren, davon profi­tieren nicht nur sie selbst als Arbeit­nehmer, sondern auch die Arbeit­geber. Und das System wird um einiges mensch­li­cher.
    Herz­liche Grüße aus dem Chiemgau
    Silvia Schmid

  5. Johannes Winter­halter 13. November 2015 at 17:00 — Reply

    Bestimmte Jobs sind dann nicht mehr drin. Möchte man die aber wirk­lich? Der Lebens­lauf sagt in Ihrem Fall etwas anderes. Und es gibt andere Jobs.

  6. Jan Thomas Otte 5. Dezember 2015 at 14:12 — Reply

    Ach, das war Matias Dals­gaard. Und ich dachte, dieses Inse­­cure-Over­a­chie­­vers-Zitat stammt vom ehema­ligen McK-Deut­sch­­land-Chef, Jürgen Kluge. Ich hab’ mich ja ein biss­chen an Busi­ness Schools umge­schaut und muss sagen: das Karriere-Verständnis hier ist immer noch recht tech­nisch. Frei nach dem Motto: nur fleißig genug pauken bzw. dopen, dann klappt’s auch mit’m Traumjob. Wenn — dann, dieser Tun-Ergehen-Zusam­­men­hang wird wohl noch eine Weile so bleiben… Grüße!

  7. […] Viele Menschen in Leis­tungs­jobs sind große Zweifler an sich Selbst. Sie wirken nach außen sicher, aber sind innen drin leicht erschüt­terbar. Kritik von der rich­tigen, ihre Karriere bestim­menden Seite reicht, um den inneren Motor anzu­zünden: Der Leis­tungs­mensch arbeitet dann an sich, um besser zu werden. Er schleift Folien, merzt Fehler aus, inves­tiert seine Zeit. (Quelle: Karrie­re­blog Svenja Hofert) […]

  8. […] fördern. Auch im Rekru­tie­rungs­pro­zess werden manchmal genau solche „Typen“ beson­ders gesucht: Man bekommt so „die Besten“ im Sinne, dass es die sind, die sich am meisten rein­hängen werden. Übri­gens gibt es dabei keinen Unter­schied zwischen Frauen und Männern. Meiner Erfah­rung nach […]

  9. Wasch­bär­mutti 6. September 2022 at 15:09 — Reply

    Dieser inter­es­sante Artikel hat mich wieder einmal darin bestä­tigt, dass das aktu­elle System nicht nach Eignung oder Moti­va­tion aussucht, sondern stark nach gewünschter Persön­lich­keit. Ein Recruiter kann dieses Problem nicht lösen. Dazu wäre ein Umdenken in den Chef­etagen notwendig, um die krea­tiven, intel­li­genten Köpfe zu inte­grieren, die momentan nicht “rein­passen”, weil sie schon in jungen Jahren feste innere Wert­sys­teme besitzen, oder die Handi­caps haben (z.B. ADHS, Asperger u.a.). Solange die Gesell­schaft es sich leisten kann (sowohl finan­ziell als auch sozial), haufen­weise begabte Menschen auszu­grenzen, wird sich aber nichts ändern.

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