Kate­go­rien

6 Karriere-Einbahn­­straßen und Wege heraus

Published On: 17. November 2015Cate­go­ries: Karriere

Es ging doch lange so gut! Ich musste mich nie bewerben. Es ging immer nur rauf. Und dann geht plötz­lich gar nichts mehr! Das kann doch nicht sein! Ich kann nicht zählen, wie oft ich diese Sätze gehört habe. Von Menschen, die auf der Stelle treten, sei es im Unter­nehmen oder bei der Bewer­bung. Was sind typi­sche Einbahn­straßen und wie kommt man wieder raus? Hier eine kleine Orien­tie­rungs­hilfe.

1. Karriere-Einbahn­­straße Alpha-Revier

Es gibt Persön­lich­keiten, die setzen sich über Jahre mit guter Leis­tung durch. Das sind oft die, die schon in der Schule gute Noten hatten. Sie werden immer wieder beför­dert, weil es gute Arbeiter sind. Sie besitzen eine hohe Leis­tungs­ori­en­tie­rung, das könnte man auch mit Fleiß über­setzen. Im Rang­­dy­namik-Modell nach Schindler sind es eher die „Betas“. Sie halten dem Alpha den Rücken frei. Aber ihnen fehlen Ellen­bogen; die haben nur Alphas, die sich eben nicht nur über Leis­tung, sondern auch über Durch­set­zung defi­nieren. Deshalb kommen diese Menschen ab einer bestimmten Stelle nicht mehr weiter. Oft ist es die zweite oder dritte Ebene in Konzernen.

Was tun? Selbst­stän­dig­keit ist eine gute Alter­na­tive bei einem Karrie­re­hin­dernis dieser Art. Leis­tungs­ori­en­tierte, weniger macht­be­wusste Menschen sind oft gute Unter­nehmer. Leis­tung und Erfolg neu zu defi­nieren – auch das eine wich­tige Maßnahme. Manch „Beta“ kann in einem anderen – klei­neren – Kontext doch Alpha werden. Viel­leicht geht es doch auch anders…  Lesen Sie dazu meinen Beitrag über den Fisch­teich­ef­fekt. Und: Es muss nicht lebens­lang der 100.000-Euro+-Job sein.

2. Karriere-Einbahn­­straße Still­stand

Führungs­po­si­tionen sind rar. Durch den Abbau von Hier­ar­chien gibt es immer weniger davon. Gleich­zeitig wächst die Zahl der Akade­miker, die sich entwi­ckeln wollen. Das ist ein Konflikt, zumal in Fach­po­si­tionen der Seni­or­titel in wenigen Jahren erworben ist. Und dann? Die nächsten dreißig Jahre weiter so? Dann tritt nicht selten Lange­weile ein.

Was tun? Öfter mal was Neues. Nach 10 Jahren ist es Zeit mal ganz neu zu schauen, alte Über­zeu­gungen zu über­denken und neue Erfah­rungen zu sammeln. Manchmal ist es jetzt auch ie Gele­gen­heit, runter­zu­fahren und die Lebens­prio­ri­täten neu zu defi­nieren. Machen Sie mal etwas nur für sich selbst, aus reinem Inter­esse, ohne an den beruf­li­chen Nutzen zu denken. Das ist oft die beste Maßnahme und leitet garan­tiert in etwas Neues – nur wissen Sie nicht in was. Ohne Offen­heit für einen unsi­cheren Ausgang keine neuen Erfah­rungen. Ganz einfache Regel.

3. Karriere-Einbahn­­straße Quali­fi­ka­tion

Durch­set­zungs­starke Alpha-Menschen kommen gerade am Anfang des Karrie­re­le­bens weiter, ähnlich wie die Leis­tungs­ori­en­tierten, nur auf einer anderen Ebene. Sie sind meist extra­ver­tierter und haben ein gutes Auftreten. Doch sie vergessen dabei ihre Ausbil­dung, Weiter­bil­dung und sinn­volle Karrie­re­wege. Nach wie vor ist es zum Beispiel so, dass ein Marke­ting­leiter ohne Vertriebs­er­fah­rung schwer in die höchste Ebene gelangen wird. Außerdem klappen Bewer­bungen gerade im Marke­ting mit zuneh­menden Alter immer schlechter (anders als im Vertrieb). Mehr und mehr offen­bart sich auch, dass ohne Studi­en­ab­schluss viele Posi­tionen unter Verschluss bleiben.

Was tun? Regel­mä­ßiger Lebens­lauf­check. Den inneren Schwei­ne­hund über­winden. Sich selbst auch mal in Frage stellen, was diese früher so erfolg­rei­chen Menschen oft erst tun, wenn es nicht mehr anders geht. So wie die Leis­tungs­ori­en­tierten zu viel auf Quali­fi­ka­tion gesetzt haben, haben Sie viel­leicht zu wenig darauf geachtet.

4. Karriere-Einbahn­­straße Selbst­über­schät­zung

Manche Menschen haben ein schiefes Selbst­bild. Ich sehe das immer wieder bei Leser­briefen, die auf meine Spiegel-Online-Kolumne herein­kommen. Diese Menschen kommen nicht in die Bera­tung. Aber sie schreiben lange E‑Mails, warum sie so toll sind und die Arbeit­geber einfach zu blöd seien, das zu erkennen. Sie formu­lieren dann Dinge wie „warum soll ich mich ändern, die Arbeit­geber sollen es und mich nehmen wie ich bin.“ Das ist grund­sätz­lich richtig, nur zeigt sich an anderen Stellen, dass jegliche Anpas­sungs­be­reit­schaft fehlt. Ohne Anpas­sung ist mensch­li­ches Mitein­ander aber nicht möglich. Man wird inkom­pa­tibel mit seinem Ich-will-so-bleiben-wie-ich-bin.

Was tun? Diese Menschen sind bera­tungs­re­sis­tent. Sie sind im Grunde oft unsi­cher, kompen­sieren das aber durch ein über­trieben sicheres Auftreten. Es muss in ihrem Leben etwas passieren, was ein Umdenken anregt, zum Beispiel eine lange erfolg­lose Jobsuche.

5. Karriere-Einbahn­­straße Orts­ge­bun­den­heit

Mit stei­gender Spezia­li­sie­rung steigt auch die Gebun­den­heit an Regionen. Es gibt Auto­städte, Medi­en­städte oder auch Verwal­tungs­hoch­burgen. Ein Orts­wechsel hat meist mit privaten Themen zu tun, etwa einer Fami­li­en­grün­dung. Und wenn die Frau oder Freundin oder auch der Mann nicht mit umziehen will, hat das oft Karriere-Konse­­quenzen. Wenige Firmen schätzen Pendler. Die meisten erwarten immer noch, dass jemand mit Sack und Pack umzieht.

Was tun? Manchmal ist es besser, nicht mit total offenen Karten zu spielen. Ich kenne Leute, die jahre­lang pendelten, hätten sie das aber von vorn­herein gesagt, hätten sie den Job nicht bekommen. Einige Jobs lassen sich zudem zum Groß­teil virtuell ausüben und bei anderen ist man eh immer am Flug­hafen, so dass der Heimatort auch keine große Rolle mehr spielt. Passt alles nicht, hilft nur die Neuori­en­tie­rung – in einen Job, der am Wunschort gefragt ist.

6. Karriere-Einbahn­­straße Bran­chensterben

Viele Bran­chen sind im Umbruch. Sie schrumpfen oder verän­dern sich radikal. Alte Erfolgs­re­zepte gelten dann nicht mehr, die Stellen werden rarer. Manche Bran­chen verlassen Deutsch­land, etwa die Textil­in­dus­trie. Was bleibt, ist ein Über­schuss an Mitar­bei­tern. Viel­fach ist Bran­chen­wechsel nicht einfach möglich. Einen Textil­de­si­gner braucht ein Maschi­nen­bau­un­ter­nehmen nicht. Und einen Luft­fahrt­in­ge­nieur kann die Bauin­dus­trie auch nur schwer „verwerten“.

Was tun? Immer bewusst reflek­tieren, wie sich die eigene Branche verän­dert. Was boomt? Wie passt das, was sie bisher gemacht haben, zu diesem Boom? Gerade boomt Big Data, im Handel ist Cate­gory Manage­ment ein Thema. Schauen Sie, was in anderen Bran­chen gebraucht wird, und bauen Sie Know-how auf. Rechnen Sie aber damit, dass das dauert.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. David 18. November 2015 at 12:44 — Reply

    Hallo

    Sie haben die vergessen die nach einer weiteren Ausbil­dung oder Umschu­lung keine Chance bekommen weil sie keine Erfah­rungen im neuen Beruf haben.
    Und auch die, die durch viele kurze Anstel­lungen, einen weniger guten Lebens­lauf haben, haben es schwer eine neue Stelle zu finden.

    Mit freund­li­chen Grüßen

    David Groer

  2. […] sind wichtig. Auch wenn man erst mal im Berufs­leben ange­kommen ist, sollte man nicht stehen bleiben. So sehr man sich in der Uni noch darüber gefreut hat, dass man endlich schein­frei ist und […]

  3. Jan T. 19. November 2015 at 10:29 — Reply

    Sehr kluger Artikel, vielen Dank dafür!

    Gerade ich als junger Arbeit­nehmer mit einer Arbeits­er­fah­rung von mitt­ler­weile 5 Jahren denke sehr ähnlich — es kann mit dem Job und stetiger Weiter­ent­wick­lung nur klappen, wenn ich offen bin für neue Entwick­lungen & mich fach­lich immer weiter­qua­li­fi­ziere. So etwas klappt nur bei starker intrin­si­scher Moti­va­tion mit klaren Vorstel­lungen vom eigenen Leben & eigenen Werten.

    Einzig die Alpha-Beta-These teile ich nicht ganz: aus meiner Sicht sind die soge­nannten fach­lich versierten und wissens­starken Betas besser für Führungs­po­si­tionen geeignet, sofern sie die eigenen unnö­tigen “Angst- und Zurück­hal­tungs­ketten” sprengen.
    Wer möchte schon einen ledig­lich “scheinbar” kompe­tenten, sehr auf äußere Aner­ken­nung & Etikette gerich­teten Vorge­setzten? Das schwingt wenig Tief­gang mit …

  4. Markus 27. November 2015 at 14:18 — Reply

    Ich selbst finde es persön­lich total schwierig, abzu­schätzen, wo das rich­tige Mittelmaß zwischen “Sich selbst treu bleiben” und “Sich anpassen” liegt. Braucht man da über­haupt ein Mittelmaß oder gibt es so etwas wie eine pauschal rich­tige Vari­ante?

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