Kate­go­rien

Buch­be­spre­chung: Ihr Pferd ist tot — steigen Sie ab

Published On: 26. Januar 2011Cate­go­ries: Karriere

„Das erste tote Pferd meiner Karriere war ein Medi­zin­stu­dium. Ich hielt mich fünf Semester tapfer im Sattel, absol­vierte sogar das Physikum – bis ich nicht mehr igno­rieren konnte, dass die Medizin einfach nie mein Ding war“, schreibt mein Kollege Tom Dies­b­rock in seinem gerade bei Campus erschienen Buch „Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab! Wie Sie sich die Frei­heit nehmen, beruf­lich umzu­sat­teln“.  In meinem Büro hat es einen Ehren­platz bekommen bei den Büchern, die ich mit bestem Gewissen empfehlen kann.

Ich bin kritisch gegen­über der Traumjob-Neuori­en­­tie­rungs­­­welle, die teils arg esote­risch ange­haucht und nur auf die Ziel­gruppe sinn­su­chender Frauen zielend lauter Coachs, Künstler und Möch­­te­­gern-Jour­na­­listen ins Preka­riat treibt. Mein Ansatz war es immer, realis­ti­sche, exis­tenz­tra­gende und Arbeits­markt­ad­äquate Lösungen zu finden, weshalb sich mir bei manchen Werken und Heran­ge­hens­weisen die Zehen­nägel aufstellen.

Bei diesem Buch ist anders. Tom Dies­b­rock macht keine falschen Verspre­chen. Er sagt, dass der Weg zum Traumjob kein Spazier­gang ist und mit Arbeit verbunden ist.  Er greift sich eine Phase heraus, durch die jeder Verän­de­rungs­wil­lige gehen muss, die bisher aber eher geflis­sent­lich igno­riert wurde: Die Phase der Erkenntnis, dass mein Pferd wirk­lich mausetot ist und ich handeln muss. Verän­de­rungs­wün­sche waren da meist schon vorher da, aber keine rich­tige  Bereit­schaft, leise Zweifel, Selbst­be­trug (“mein Pferd ist nicht tot” oder “das Leben ist kein Wunsch­kon­zert”).

Das ist eine Phase, die manche Berufs­fin­dungs­coachs gar nicht erleben, weil dann die Coachees wieder weg sind (um meis­tens weiter auf ihren toten Pferden zu reiten).  Letzte Woche habe ich darüber im Zusam­men­hang mit Krisen geschrieben, die einen aus dem Sattel werfen und zur Verän­de­rung zwingen.

Dass es auch ohne die Radi­kalkur „Krise“ gehen kann, wenn Sie sich nur genü­gend Zeit nehmen, belegt das Buch. Endlich mal ohne lange Check­listen und umfang­reiche Talente-Tabellen, sondern mit leisen Worten, die auch Männer anspre­chen (könnte ich mir vorstellen ;-)) Warum vermeiden Sie notwen­dige Verän­de­rung?  Eine Beispiel­ant­wort mag lauten: Fehlende Inter­essen. Uns Coachs begegnen in der Tat oft Menschen, die gar keine Inter­essen haben. Und jede Menge Leute, die sich für talent­lose, hoff­nungs­lose Gene­ra­listen halten.

Das liegt aller­dings oft daran, dass sie keine Zeit hatten, Inter­essen zu entde­cken, beispiels­weise weil sie immer nur mit der Karriere beschäf­tigt waren oder ihnen in der Kind­heit keine Ange­bote gemacht worden sind. Wie soll ich, um ein Beispiel zu nennen, Leiden­schaft fürs Klavier­spielen entwi­ckeln, wenn niemand mir das nahe­ge­bracht hat? Inter­essen werden von den Eltern und der Umge­bung zumin­dest mitge­staltet.

Manche Menschen, die uns Coachs begegnen, erwarten, dass Ihnen die Lösung auf einem Silber­ta­blett serviert wird — ohne Arbeit, ohne Abstriche und dann auch noch schnell. Doch wer Regis­seur und nicht Komparse sein möchte (so der Titel eines Kapi­tels), muss selbst aktiv daran arbeiten, eine Lösung zu finden.

Das Entde­cken von Inter­essen als Vorbe­rei­tung einer Neuori­en­tie­rung ist ein längerer Prozess. Denn wenn eine Lösung noch gar nicht im Kopf ist, braucht sie Zeit, sich dort zu veran­kern.  Wie alle neuen Ideen. Dieses Buch macht Mut, sich diesem Prozess zu stellen.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

7 Kommen­tare

  1. burk­hard reddel 27. Januar 2011 at 9:48 — Reply

    Guten Morgen Frau Hofert,
    ich kann nur aus eigener Erfah­rung zustimmen. Es dauerte über ein Jahr um aus der mir aufge­zwun­genen Krise raus­zu­kommen und zusätz­lich um bei mir die notwen­dige Energie für eine eigene Firma zu veran­kern. Jetzt bin ich soweit und endlich werden auch Erner­gien frei durch meine starke Moti­va­tion und das Bewußt­sein, daß ich es schaffe mich durch­zu­kämpfen. Meine Firma wird ein Erfolg ! 🙂

    Freund­liche Grüße
    B.RE.

  2. Svenja Hofert 27. Januar 2011 at 10:45 — Reply

    Moin­moin Herr Reddel, für den Erfolg dürcke ich Ihnen alle zur Verfü­gung stehenden Daumen 😉 LG Svenja Hofert

  3. M. Bußmann 28. Januar 2011 at 17:09 — Reply

    Toller Artikel. Ich finde es gera­dezu erschre­ckend, wie stark beruf­liche Neuori­en­tie­rung mit Mustern verbunden ist, die schon am Anfang der Berufs­lauf­bahn in die Sack­gasse geführt haben. Der sarkas­ti­sche Kommentar, wer sich beruf­lich neur­ori­en­tiert, wird Coach, Jour­na­list, Schrift­steller oder Wirt ist tatsäch­lich näher an der Wahr­heit, als vielen lieb ist. Alles, was irgendwo inter­es­sant und anders ist, als der eigene Beruf, den man mit realem Erleben, Erfolgen und Nieder­lagen verbindet, ist in schlechten Phasen immer inter­es­santer als das, was man tut. HInter­grund ist meiner Einschät­zung nach, dass Menschen phasen­weise eine andere Leis­tungs­be­reit­schaft entwi­ckelt haben, Sinn­fragen des Daseins allge­mein in ihrem Beruf lösen wollen oder eine große Krise über­winden. Und natür­lich die Frage nach dem gewünschten Erfolg. Wer beruf­lich voran kommt und seine eigenen Wünsche erfüllt, der stellt sich die Frage nach Neuori­en­tie­rung nicht. Auch ist es möglcih, dass die eigene Karrie­re­er­war­tung unrea­lis­tisch und fremd­ge­steuert ist, sich nicht erfüllt und somit zu dauer­haften Enttäu­schungen führt.

    Statt aber auf die Fähig­keiten und Neigungen intensiv zu schauen, entstehen immer die glei­chen Wünsche, als wenn es einen Katalog der “Berufs­bilder für Neuori­en­tierer gibt”.

    Viele meiner BWL-Kollegen seufzen (wie bei Juristen sind die Neuori­en­tierer hier zahlen­mäßig groß), sie würden ja so gerne den Traum verwirk­li­chen: ein Lokal für gesunde Drinks (gerne Männer) oder eine schöne Boutique (Frauen aus dem Marke­ting­be­reich) eröffnen. Komisch, dass tausende den glei­chen Traum haben. Oder die scheue Antwort auf die Frage, wann mach ich mich selb­ständig: Natür­lich wenn ich die rich­tige Idee habe. Bull­shit, wer das immer wieder hervor­krammt, kann nicht so ideenlos sein — eher spielen da Ängste eine Rolle, die Ideen blockieren. Denn so gran­dios sind Ideen selten, keine bietet den Schutz davor, im Wett­be­werb auto­ma­tisch nicth zu schei­tern.

    Die Frage, welchen Inhalt der Beruf haben soll, wird mit Beru­fung beant­wortet. Wie der Artikel schon sagt: Die kann kein Mensch abrufen aus dem Eff-eff. Hat man etwas gelernt und setzt es erfolg­reich um, na dann kann man immer von Beru­fung spre­chen. Das kann aber doch niemand vorher beant­worten, es ist viel­mehr auch von Zufällen abhängig, gleich seine Orien­tie­rung zu finden und die nicht in Frage zu stellen. Sprich: Wer immer am glei­chen Loch gräbt, kommt irgend­wann zum Wasser — eher als der, der immer laufend anderswo Löcher gräbt. Dabei ist es oft nur die Phan­tasie, nicht das Erleben, das tatsäch­liche Berufs­bild, dass uns in eine neue Exis­tenz vermit­telt. Ist dann der Alltag als Wirt, Koch, Bouti­q­ue­be­sit­zerin oder Coach dann mal erlebt, kommen die ganz üblen Fragen auf — ob man nicht alles falsch gemacht hat. Medien produ­zieren auch ganz banale Fehl­ent­wick­lungen, so ist die Vermu­tung, Fern­seh­koch und Koch im Restau­rant sei in etwa gleich vergnü­gungs­steu­er­pflichtig, ziem­lich daneben. Gerade jetzt beginnen enorm viele diese Ausbil­dung zum Koch — und nie waren die Abbre­cher­raten so hoch. Oder man stellt fest, dass man sich eben nicht nur im Beruf verwirk­li­chen kann, dass es viel­mehr ein Aspekt von mehreren Säulen im Leben ist. Erfolg im Beruf ist wichtig, aber zu viele suchen auch noch gleich ihr Glück darin — das geht in die Hose.

  4. Svenja Hofert 28. Januar 2011 at 17:52 — Reply

    Hallo Herr/Frau (?) Bußmann, das ist ein ganz klasse Kommentar, vielen Dank. Und ja, es stimmt, es sind ganz beson­ders viele BWLer und Juristen, die sich schnell “inter­es­sen­leer” fühlen, oft eben weil andere Säulen fehlen. Das Ziel ist es also, neue Säulen zu finden und manchmal auch, den eigenen Anspruch an den Beruf als Glücks­bringer zu korri­gieren. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  5. burk­hard reddel 5. Februar 2011 at 14:12 — Reply

    @Bußmann
    Also ich denke es geht sicher nicht darum im Beruf ausschließ­lich sein Glück zu finden. Ich finde mein Glück in der soge­nannten und schon fast banal­klin­genden Work Life Balance. Das was da dahin­ter­steckt ist nämlich alles andere als trivial. Ein Zweites: Natür­lich ist es äußerst schwierig zu sehen, ob das Pferd wirk­lich tod ist oder ob man sich einfach nur mal am so allseits beliebten Klagen über den Job betei­ligen will. Das hängt sicher von der Person und Persön­lich­keit ab und ist sehr verschieden und unter­schied­lich. Aber es gibt auch Situa­tionen in denen ein Pferd wirk­lich tod ist und um diese ging es Wohl Frau Hofert.
    Dennoch finde ich Ihren Artikel inter­es­sant. Sie haben durchaus Recht, daß viele nicht ernst­haft genug klagen und es schon einen Unter­schied macht, ob das Pferd noch lebt und man sich nur mal aus “modi­schen” Gründen am Klagen betei­ligt. Hinter einer Neugrün­dung einer Firma steckt jedoch in vielen Fällen ein Ernst­haftes und durchaus das Risiko beach­tendes ändern und außerdem eine gehö­rige Portion Moti­va­tion und Vision ohne die niemand sein sicheres Plätz­chen hinterm Ofen verlässt.

    Freund­li­cher Gruß

    B.RE.

  6. Jasmina 12. Februar 2011 at 22:16 — Reply

    Ein toller Artikel ! Danke ! Zumin­dest hat er einen solchen “Appetit” bereitet, dass das Buch soeben schon bestellt ist 🙂

    Viele Grüße
    Jasmina

  7. […] Übri­gens: Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch Svenja Hofert, die es eben­falls bespro­chen hat! […]

Leave A Comment