Kate­go­rien

Werden wir alle Leis­tungs­ma­schinen?

Published On: 28. Januar 2011Cate­go­ries: Führung

Gestern war es Thema meines Mittags­ge­sprächs. Und heute veröf­fent­licht die Welt einen Artikel zur Arbeits­sucht. Der Leis­tungs­sucht verfällt ein Teil der Arbeits­süch­tigen. Ihr Ziel ist nicht das viele Arbeiten, sondern das Erfolg­reich sein. Wie viel Leis­tung ist normal, wann fängt das Streben nach Leis­tung an eine Sucht zu werden? Wie bei allen Süchten sind die Grenzen flie­ßend. Die Menge allein macht es jeden­falls nicht — wie bei allen anderen Süchten reichen schon geringe Dosen.

Unsere Wirt­schaft lebt von Arbeits- und Leis­tungs­süch­tigen. Wer rund um die Uhr arbeitet, im Büro über­nachtet und sogar auf Essen verzichtet wie mancher Start-up-Mitar­­beiter oder auch die Juristen in den Top-Kanz­­leien und Unter­neh­mens­be­rater bei BCG & Co. steht erst mal unter Gene­ral­ver­dacht.  Ob er aber wirk­lich süchtig ist? Das ist unter­schied­lich. Manche leisten viel, weil es Ihnen Spaß macht – das ist „nicht süchtig“. So lange man jeder­zeit die Reiß­leine ziehen kann, wenn der Spaß weg ist und andere Betä­ti­gungs­felder findet, gibt es kein Problem.

Schwierig ist es, wenn man die Reiß­leine nicht findet. Manche leisten so viel, weil sie Aner­ken­nung haben wollen und sogar süchtig danach sind: Diese Gruppe läuft immer Gefahr, sich an anderen auszu­richten und ist somit anfällig für seeli­schen Stress. Arbeits­sucht ist deshalb viel­fach eine Krank­heit der Jüngeren, die sich immer mehr an anderen ausrichten als Ältere. In meinem Karrie­re­ma­cher­buch sind es die Career Worker, die alles tun, um erfolg­reich zu sein und ihren eigenen Wert daran messen, ob sie weiter­kommen. Ich habe viele Leser­briefe bekommen, die das Phänomen bei sich erkannt haben — und über sich selbst geschockt waren.

Genau wie beim Alkohol und bei der Spie­le­sucht, ist es bei der Arbeits­sucht nicht nur die Menge. Das Problem ist dann gegeben, wenn die Arbeit so sehr in die eigene Iden­tität ragt, dass sie diese nicht mehr nur mitbestimmt, sondern bestimmt. Spätes­tens bei einem Jobver­lust wird das deut­lich: Wenn nach der Kündi­gung nichts anderes mehr bleibt, was den eigenen (Selbst-)Wert ausmacht, haben wir sie, die Sucht.  Manchmal ist nicht mal eine Kündi­gung nötig, diese Leere entsteht auch so. Wer immer beruf­li­chen Ziele hinter­her­ge­jagt ist und keine anderen hatte, kommt meist an einen Punkt, wo erst mal nichts da ist, was die Leere ersetzt. Wenn es andere Iden­ti­täts­felder gab – viel­leicht ein soziales Enga­ge­ment, viel­leicht ein anderes, intrin­si­sches Inter­esse, ein Hobby ist viel gewonnen.

Derzeit ist viel von der „Tiger­mutter“ die Rede, einer ameri­ka­ni­schen Autorin, die zu Drill und Knecht­schaft auffor­dert, um maxi­male Leis­tung zu erzeugen. Leis­tungs­ma­schinen! Was für ein Horror­sze­nario! Was die Tiger­mutter beschreibt ist eine Erzie­hung zur Leis­tungs­sucht, die ich leider auch in Deutsch­land schon sehe, wenn auch mit “milden” Methoden. Denn wenn wir unsere Kinder so zu Leis­tung erziehen, dass diese die eigene Iden­tität bestimmt, erziehen wir sie zur Sucht und nehmen Ihnen jede Frei­heit.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Jan 28. Januar 2011 at 12:01 — Reply

    Ich finde auch, man muss sehr aufpassen, dass man es nicht über­treibt!

  2. Bryah 31. Januar 2011 at 10:47 — Reply

    ich mag Hunde sehr, Freunde von mir haben Hunde, ich liebe die Vieher, bin jedoch Tier­haar­all­er­giker — Arbeit­geber, die einen Agen­tur­hund oder Ähnli­ches haben, die fallen bei mir sofort raus.

    Wenn Hunde­be­sitzer ihr Wohl über das gesund­heit­liche Wohl der Team­mit­glieder bzw. deren Ange­stellte stellen, dann ist das ziem­lich egozen­triert.

    Wer nicht an solche Sachen denkt, disqua­li­fi­ziert sich als Team­player und Mensch komplett.

    Es ist schön und gut, wenn der Hund mit kommt, für den Besitzer aquf jeden Fall, es sollten vorab alle dazu befragt werden, nur wenn Konsenz besteht, sollte der Arbeit­geber so was auch erlauben. Und wichtig, wenn keiner dadurch gezwungen ist seine Gesund­heit zu riskieren. Eine Mehr­me­di­ka­tion kann auch Neben­wir­kungen haben.

    Viele Aller­giker müssen cortisol­hal­tige Medi­ka­mente einnehmen, und an sich sollte jeder wissen, dass das auf Dauer zu Neben­wir­kungen führt.

    Ich wünschte, ich wäre keine Tier­haar­all­er­gi­kerin und müsste mir über so was keine Gedanken machen, doch es ist auch Teil des Bewer­bungs­pro­zesses heraus­zu­finden, ob der neue Arbeit­geber eine Gefah­ren­quelle für die Gesund­heit parat hält. Das ist unan­ge­nehm.

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