Kate­go­rien

Über die Liebe und andere beruf­liche „Stör­felder“ – oder: Wie privat darf Karrie­re­coa­ching sein?

Published On: 12. Februar 2016Cate­go­ries: Aktuell

„Sie gehen ja ganz schön tief, da bin ich ordent­lich ins Nach­denken kommen“, kommen­tierte ein Kunde nach erfolg­rei­chem Outpla­ce­ment meine Arbeit. Und schob nach: „Über diese Dinge denkt man ja nicht nach.“ Im Coaching hatten wir auch an seiner inneren Haltung gear­beitet. Das tat dann auch mal weh.

„Was ist eigent­lich Coaching?“ fragte Nico Rose diese Woche bei Face­book, auf seinen Beitrag bei Lead Digital verwei­send. Er schrieb darin, wie selten er erlebe, dass ein Coaching nur beruf­lich sei, und das es oft mit beruf­li­chen Fragen verbunden werden müsse. Ich fand den Aspekt der nicht-beruf­­li­chen Themen im Coaching span­nend und schreibe dies als Replik.

Nico Rose hat recht, wenn er sagt, dass die wenigsten Fragen rein beruf­lich sind. Für mich leitet sich daraus ab, wie privat ein solches Coaching werden darf. Schnelle Antwort: Es darf so privat sein, wie es der Kunde und ich selbst es möchten. „Ich selbst“, das ist nicht unwichtig, da ich von Kollegen weiß, dass nicht jeder alles vertragen kann und hören möchte. Nicht jeder mag also die privaten Fragen hinter den beruf­li­chen.…

Alles ist erlaubt, wenn beide wollen

brothers-457237_1280Für mich persön­lich sind auch Liebes­nöte oder Fami­li­en­pro­bleme OK. Arbeite ich mit Frauen und Müttern sind sie selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil. Ist doch beruf­liche Verän­de­rung kaum ohne den Blick auf Familie und Kinder denkbar, jeden­falls wenn man es nicht mit Über­­f­lieger-Mana­­ge­rinnen zu tun hat.

Eigent­lich gibt es wenig, das ich nicht hören mag. Nur eins ist mir immer wichtig: Es muss rele­vant sein für das Thema, es darf nicht in Plau­derei ausarten und die profes­sio­nelle Distanz muss gewahrt bleiben. Es bleibt Coaching, das heißt, ich suche immer einen Zusam­men­hang zum Thema und einen Zugang zur Lösung. Wenn mir eine Kundin von ihren Schwie­rig­keiten erzählt, einen Partner zu finden und sie das erleich­tert – wunderbar. Wenn aber das Private keine Rolle spielen soll, halte ich mich daran. Um manchmal zu sagen: “Ich glaube hier können wir das nicht mehr ausklam­mern.” Bisweilen ist es aber auch andersrum: Merke ich, dass etwas den Rahmen sprengen würde, beschließe ich mich rein auf das Beruf­liche zu konzen­trieren, da alles andere Rahmen und Budget sprengen würde. Es gibt also Fälle, wo ich etwas nicht anspreche, das sehr emotional werden würde.

Säulen checken

Die Zusam­men­hänge von privatem und beruf­li­chen Themen machen die Moti­v­ana­lyse MSA®, mit der ich arbeite, aber auch die Säulen der Iden­tität von Hila­rion Petzold schön deut­lich. Ich frage, wie gefüllt die Säulen Part­ner­schaft, Familie, Körper/Gesundheit, Geist und Beruf sind, wenn 100% maximal wären. Manchmal setze ich noch den Sinn hinzu, aber nur wenn das Faß, was ich dadurch aufmache, danach nicht über­läuft. Menschen wird dadurch oft deut­lich, dass sie mehrere Baustellen haben und sie können sich leichter entscheiden, an welcher sie anfangen sollen.… Denn meine Botschaft ist erfah­rungs­ge­leitet: Immer nur eine Säule zur glei­chen Zeit bear­beiten! Nicht wenige haben nach dem Coaching gesagt, dass Sie erstmal ihr Part­ner­pro­blem lösen müssen. Oder dass die vergeb­liche Suche nach dem Traumjob auch mit fehlenden Inter­essen zu tun haben.

shield-105498_1280Die Frage „wie privat darf beruf­li­ches Coaching sein?“ ist vor allem für jene Berater inter­es­sant, die sich wie ich in einem sehr arbeits­markt­nahen Bereich bewegen. Hier steht man immer mit einem Fuß in der Bera­tung, und das soll auch so sein. Feld­kom­pe­tenz eben. Aber viele Karriere- und Outpla­ce­ment­be­rater fokus­sieren auf die prak­ti­sche Unter­stüt­zung. Die gebe ich auch, gerade heute habe ich drei Stunden mit einer Outpla­ce­ment­kundin Bewer­bungen formu­liert. Aber das ist eben nur ein Baustein.

Ich mache eigent­lich nichts ohne ein System und eine vorher durch­dachte, indi­vi­du­elle Vorge­hens­weise. Manchmal höre ich von Kunden, dass es Berater gibt, die 1000 Bewer­bungen verschi­cken und dann die Reso­nanz abwarten. Das nennen sie Outpla­ce­ment. Bei Stan­dard­pro­filen kann das funk­tio­nieren. Nur wer hat das schon? Die, die nach so einer „Behand­lung“ bei mir waren, hatten damit jeden­falls keinen Erfolg. Komi­scher­weise waren es oft die, die auch irgendein persön­li­ches Thema h hatten – das auf diese Weise natür­lich nicht gelöst wird. Und das Thema der fehlenden Quali­fi­ka­tion für gefragte Jobs löst man auch nicht mit Massen­aus­sendungen.

Jeder Kunde ist anders

Die Bedürf­nisse von Kunden mit beruf­li­chen Anliegen sind höchst unter­schied­lich. Sie sind auch sehr unter­schied­lich entwi­ckelt: Einige sind extrem reflek­tiert und reif, andere stecken noch in der Selbst­fin­dung. Mir helfen als Coach hier die Loevinger-Stufen sehr, die Kunden-Bedür­f­­nisse zu orten und mich darauf einzu­stellen. Der oben erwähnte Kunde sagte zum Beispiel: „Ich glaube, wie Sie arbeiten, das ist nicht jeder­manns Sache. Aber es muss richtig sein: Es hat was gebracht.“ Eine ziem­lich  ratio­na­lis­ti­sche Perspek­tive. Innen­schau gehört für „Ratio­na­listen“ im Loevinger-Sinn eher nicht zum Lebens­ent­wurf. Hier auch private Bereiche einzu­be­ziehen, erfor­dert mehr Finger­spit­zen­ge­fühl, als bei jemand, der “syste­misch” denkt. Man darf als Coach auch nicht zu über­for­dern.

Manchmal braucht es auch einen Kunst­griff…

Karrie­re­standort defi­nieren

Mit Coach-Ausbilder Axel Janßen habe ich vor einiger Zeit den Karrie­re­stand­ort­finder als Tool entwi­ckelt. Axel nennt es syste­misch, für mich ist ganz einfach eine gute prak­ti­sche  Hilfe, um die unter­schied­li­chen Aspekte des Lebens von vorne­herein einzu­be­ziehen. Unsere Klienten iden­ti­fi­zieren darauf rele­vante Bereiche, die Sie selbst mit Leben füllen können. Wir fragen „was ist wichtig für Sie, bezogen auf Ihren Standort“? Was der Standort ist, haben wir vorher genau defi­niert. Es kann sein:

  • Ich bin beruf­lich sehr unzu­frieden.
  • Ich möchte eine neue Stelle.
  • Ich möchte noch einmal studieren.
  • Ich suche einen Job, der mich glück­lich macht.

Worte trig­gern im Gehirn ähnli­ches an wie Bilder. Nehmen wir das Wort „Gesund­heit“, das in unserem Modell im inneren Kreis steht. Dadurch, dass man es wahr­nimmt und es durch eine Art Trichter der Emotionen schickt, kommt es in den Fokus. Ein Klient, der als Ziel nur die Iden­ti­fi­zie­rung eines neuen Berufs­felds benannte, konnte dadurch benennen, dass seine Suche damit zu tun hat. Er hatte eine Krebs­er­kran­kung hinter sich. Das ist privat – aber dann eben doch beruf­lich ziem­lich rele­vant. Ich finde, man kann das nicht ausklam­mern.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Bernd Slag­huis 16. Februar 2016 at 9:30 — Reply

    Hallo Svenja,
    das ist ja ein span­nendes Thema, was Nico Rose und Du da ange­stoßen habt. Wie schon auf Face­book “ange­droht”, habe ich mir dazu auch einige Gedanken im Blog gemacht:

    http://bit.ly/1U54Vwn

    LG, Bernd

  2. […] seinem Beitrag bei Lead Digital letzte Woche thema­ti­siert und Svenja Hofert gleich darauf in ihrer Replik aufge­griffen hat. Ich bespreche dieses Thema und meine Haltung als Coach mit jedem Klienten im […]

  3. Claudia Kirsch 24. Januar 2017 at 13:37 — Reply

    Danke, Svenja,

    dass Du den Blick von der beruf­li­chen Verän­de­rung auf die private Situa­tion weitest und Coaches hier legi­ti­mierst
    Wenn das neue Ziel “Selbst­stän­dig­keit” lautet, wird auch in 90 % der Fälle die private Situa­tion thema­ti­siert.
    Oftmals beein­flussen Lebens-/Ehe­­partner das Voran­kommen und werden damit Coaching-Thema. Zwei Beispiel aus meiner Arbeit: eine Führungs­kraft aus dem HR-Bereich macht sich selbst­ständig und die Ehefrau, aus einer Beam­ten­fa­milie stam­mend, leidet unter dem Mangel an finan­zi­eller Sicher­heit und wirkt brem­send. Oder eine Akade­mi­kerin will mit ihrer frei­be­ruf­li­chen Tätig­keit wachsen und wird von dem Partner immer wieder neu in die Mutter­rolle zuhause gedrängt.
    Im Coaching ist dies natür­lich zu thema­ti­sieren und es geht darum, einen “Humus” mit verschie­denen Menschen, Maßnahmen und Vorge­hens­weisen zu kreieren, so dass persön­li­ches und beruf­li­ches Wachstum über­haupt erst möglich wird.

    Nach­bar­schaft­liche Grüße
    Claudia

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