Kate­go­rien

Thought leader oder: Der Helden­kult, der keiner sein darf und doch einer ist

Published On: 17. März 2016Cate­go­ries: Karriere

Erstens bin ich von gestern und zwei­tens eine Frau. Meine Chancen, es zum Thought leader zu bringen, liegen damit bei Null. Thought Leader ist das Upgrade auf den Experten, das jeder braucht, der heute als Speaker oder in der Bera­tung Karriere machen will. Thought leader können Visio­näre, Inno­va­toren und Problem­löser sein, lese ich irgendwo. Sie sind weit über­wie­gend männ­lich, Edward Snowden und der Papst sollen dazu zählen. Entnehme ich Listen von anderswo.

Ein kurzes Gespräch aus der letzten Woche:

  • Kundin: Frau Hofert, Sie sind ja immer noch Expertin für…!
  • Ich: Oh Gott, Experte, nun ja… Sollte ich etwas anderes sein?
  • Kunde: Natür­lich Thought Leader!

Brauche ich ein Upgrade? Alle mögli­chen Leute sind seit einiger Zeit Thought Leader. Idea­ler­weise haben sie zuvor jemand gefunden, der sie „thought leader“ nennt, damit sie es nicht selbst tun müssen. Aber das geht heute einfach: Buch­au­toren­schaft wird gekauft, viele Buddies sind bereit für ein “Buddy-Schön”, wenn es nur auf Gegen­sei­tig­keit beruht.

Thought leader sind nie ich

„XY ist ein welt­be­kannter Thought Leader. Als Redner begeis­tert X regel­mäßig sein Publikum.“ Man schreibt als Thought Leader niemals, never-ever, „ich“ oder gar „wir“. Auch nicht, wenn man Thought Leader inner­halb der agilen Szene ist, wo ja Augen­höhe und Wir-Gefühl so etwas wie die Marsch­rich­tung vorgeben. Aber auch da gibt es diese Einzel­­kämpfer-Thought leader, die mir oft so gar nicht zum Grund­ge­danken der Agilität zu passen scheinen.

„Wie soll ich Sie bezeichnen?“ fragt man mich öfter in Inter­views. Unge­schick­ter­weise sage ich bisher noch zu oft: „Wie Sie wollen“ und korri­giere nur grobe Patzer. Mit der Folge, dass allerlei Unsinn über mich im Web kursiert. Zum Beispiel war ich nie im Leben „Kommu­ni­ka­ti­ons­trai­nerin“. Aber eben auch nicht thought leader. Kommt denn da keiner mal von selbst drauf…?

Was mich an den ganzen Thought leadern vor allem irri­tiert? Dass sie sich beson­ders gern dort breit­ma­chen, wo ein gewisses Gleich­heits­ideal herrscht oder zumin­dest der Glauben an die Kraft der „Inno­va­tion aus dem Wir“ vorherrscht. „Warum laufen alle einem Sattel­berger nach als wäre er der Heils­bringer?“ fragt mich eine kluge Frau. Und dem… Und dem… Alles kleine Männer? Oder Helden?

Schluss mit dem Helden­kult!

Child superhero portrait„Wir lieben Helden. Unsere über­lie­ferten Erzäh­lungen sind voll davon. Die halbe Film­in­dus­trie lebt von modernen Helden. In unseren Unter­nehmen belohnen wir die Helden­taten einzelner Kämpfer. Genau diese Glori­fi­zie­rung einzelner Menschen und ihrer Leis­tungen führt zu unfrucht­barem Gegen­ein­ander, wo es nur mitein­ander geht“, schreibt Blogger Martin Raitner — like. Aber Glori­fi­zie­rung? Ist Thought Leader­ship, von dem Raitner gar nicht spricht, weil er auch einen ganz anderen Fokus setzt, nicht auch eine Form der Glori­fi­zie­rung? Müssen Thought leader nicht zwangs­läufig Helden sein? Und können sie es nicht auch leicht sien, weil sie in der Regel nicht ange­stellt sind und mit dem ganzen Alltags­kram nichts zu tun haben? Naja, Ausnahme ist wohl der Papst.

Auch der von Raitner zitierte Gandhi kommt in den Listen der Thought Leader vor (die selbst ernannten übri­gens nicht). Ich frage mich: Wer würde auf der Liste stehen, wenn ein Putin sie erstellte? Versteht ihr, worum es geht? Am Ende darum, dass Macht Macht bleibt und Helden Helden. Das einzige, was diese vonein­ander unter­scheidet, sind Perspek­tiven und Werte, also der Stand­punkt. Wir brau­chen Helden. Es geht nicht ohne. Dafür sind die meisten Menschen zu durch­schnitt­lich, zu mensch­lich. Sie müssen etwas haben, das mehr hat und ist als sie selbst Helden. Wirk­lich mehr… mehr als eine Wort­hülse.

Schuld sind nicht die Depperten, die sich selbst zum Helden machen, sondern die, die einen Thron sehen und sich nicht fragen, ob dieser aus Gold ist oder aus Pappe.

Was wir brau­chen ist kein Ende des Helden­kults. Was wir brau­chen sind Menschen, die sich selbst eine Meinung bilden können, um einen diffe­ren­zier­teren Helden­kult zu ermög­li­chen. Um keine Abhän­gig­keiten von Helden entstehen zu lassen und diese schnell vom Thron stoßen zu können. Wie war das, Herr Marx? “Reli­gion ist Opium für das Volk.” Wer keine Reli­gion hat, braucht Helden – sollte sie aber bitte nüch­tern konsu­mieren.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Björn Schotte 17. März 2016 at 8:15 — Reply

    Thought Leader … das ist doch alles nur Marke­ting. Deswegen habe ich mir auf Xing das Titel-Upgrade zum “Unru­he­stifter” gegönnt.

    😉

    Anders herum: wir “Experten” befrie­digen das Bedürfnis unserer Kunden bzw. der Umwelt, mindes­tens eins der folgenden Dinge zu erfüllen: Orien­tie­rung, Wissen, Halt. Schließ­lich haben wir uns in Themen einge­ar­beitet oder neue Themen eröffnet, für die die Anderen keine Zeit, keine Kompe­tenz, kein XYZ hatten, und/oder die Orga­ni­sa­tion nicht in der Lage ist, auf neue Themen (Über­ra­schungen, Markt­dy­namik) ausrei­chend zu reagieren. Man ist träge geworden.

    Gefähr­lich wird es, wenn man nicht diffe­ren­ziert, sich nur an der Meinung des Thought Leaders orien­tiert oder dessen Meinung *unre­flek­tiert* (unad­ap­tiert) über­nimmt.

    In Zeiten hoher Markt­dy­namik, in der scheinbar vor jedem Begriff ein “Agile ” als Prefix gesetzt wird, dürften Thought Leaders und Experten also Hoch­kon­junktur haben.

    Deswegen auch der Unru­he­stifter. Denn der schafft Unruhe im Kopf seiner Kunden, auf dass sie sich hoffent­lich selber anstrengen und aufma­chen, ihren eigenen Weg zu gehen.

    🙂 Björn.

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