Kate­go­rien

Zukunfts­themen: 6 Denk­fallen bei Berufs­wahl und Bildungs­ent­schei­dung

Published On: 2. September 2016Cate­go­ries: Karriere

Was muss ich tun, um maxi­male Jobsi­cher­heit zu haben? Auf welche Themen soll ich setzen? Diese Fragen stellen sich nicht nur junge Leute bei der Berufs­wahl, sondern auch Berufs­er­fah­rene, die den eigenen Lebens­lauf weiter­ent­wi­ckeln möchten. Dabei unter­laufen sie oft typi­schen Denk­fallen.

Denk­falle 1: Setze auf Zukunfts­themen, dann bist du sicher. These: Die meisten Zukunfts­themen sind Themen der Gegen­wart.

Die Zahlen spre­chen für sich: Aktuell sind 1.447 Jobs auf der Meta­job­such­ma­schine joblift.de veröf­fent­licht, die sich mit künst­li­cher Intel­li­genz (KI) bezie­hungs­weise Robotik beschäf­tigen. VW sucht einen Arti­fi­cial Intel­li­gence Rese­ar­cher und auch der Corpo­rate Travel Manager im Prak­tikum soll künst­liche Intel­li­genz einbe­ziehen. Machine Lear­ning und Neural Networks kommen überall. Nimmt man alle Stellen im Bereich Auto­ma­ti­sie­rung hinzu, so kommt man auf 13.600 aktive Jobaus­schrei­bungen. Durch­schnitt­lich wurden in diesen Berei­chen monat­lich 6.708 neue Jobs im Laufe des vergan­genen Jahres ausge­schrieben. Geht man davon aus, dass die Stel­len­aus­schrei­bungen weiterhin in ähnli­chem Maße ansteigen werden, könnten die Bereiche KI, Robotik und Auto­ma­ti­sie­rung in den nächsten zehn Jahren 804.960 Stellen schaffen – behauptet die Stel­len­börse Joblift. Das würde rund 3 % des aktu­ellen deut­schen Arbeits­markts ausma­chen. 52 % aller Stellen sind in Bayern und Baden-Würt­­te­m­­berg ausge­schrieben, die meisten von Ferchau Engi­nee­ring…

Dupli­kate wurden zwar ausge­schlossen, versi­chert Joblift. Dass der Trend aber über 10 Jahre anhält, ist eher unwahr­schein­lich. Irgend­wann wird die Auto­ma­ti­sie­rung auf ein neues Level gekommen sein, werden sich Roboter gegen­seitig program­mieren – und dann gibt es andere Themen. Stel­len­an­zeigen bilden nur ab, was sich Jahre vor schon entwi­ckelt hat und jetzt gefragt ist. Was dann in 10 Jahren Trend sein wird? Das gilt es voraus­zu­denken. Viel­leicht Roboter-Ethik oder Roboter-Kitas.

Denk­falle 2: Am besten sollte alle Mathe und Infor­matik studieren, da die Zukunft digital ist. These: Da Roboter sowieso schlauer sind als der Mensch, brau­chen wir bald keine reinen Mathe­ma­tiker und Infor­ma­tiker mehr.

Robotik, künst­liche Intel­li­genz oder auch Data Science: Die Zukunft ist digital. Wer den Tatort aus Stutt­gart diese Woche gesehen hat, bekam einen Eindruck. Hier zeigten die Macher einiges, was bereits funk­tio­niert, etwa Mimik von einem Gesicht auf ein anderes zu über­tragen. Der Roboter brachte sich selbst Dinge bei. “Geht doch nicht”, behaup­teten die Kommis­sare und outeten sich als Laien. Geht doch. Und hier folgt eine möglich Denk­falle. Wir gehen davon aus, dass wir alle geniale und am besten promo­vierte Natur­wis­sen­schaftler sein müssen, die solche Systeme erschaffen und entwi­ckeln. Doch in 10 Jahren werden wir hier ganz woan­ders stehen – dann könnte es darum gehen, den Teil der mensch­li­chen Intel­li­genz zu nutzen, die über die Daten­ana­lyse hinaus­geht. “Ich kann heute ein KI-System schreiben, das besser als jeder promo­vierte Chemiker Massen­spek­tro­gramme analy­siert”, sagt KI-Forscher Wolf­gang Wahlser bei Heise. Als Folge davon “werden wir erleben, dass das akade­mi­sche Studium in zehn Jahren nicht mehr so stark bewertet wird wie heute” (hier).

Durch diese Entwick­lung werden Fähig­keiten wich­tiger, die gar nichts mit Mathe zu tun haben. Ethiker und Philo­so­phen etwa könnten gefragt sein. Aller­dings müssten diese ein Grund­ver­ständnis für IT und Mathe mitbringen, die Systeme verstehen können (aber nicht mehr program­mieren). Das spricht für ganz neue inter­dis­zi­pli­näre Mix-Studi­en­­gänge. Bisher gibt es da wenig über die reine Haup­t­­fach-Neben­­­fach-Kombi hinaus.

Denk­falle 3: Du musst spezia­li­siert sein, dann klappt´s auch mit dem Job. These: Die Themen der Digi­ta­li­sie­rung brau­chen künftig viel mehr inter­dis­zi­pli­näres Denken, also weniger Spezia­li­sie­rung.

Wissen­schaftler und Fach­ex­perten kennen sich oft bestens aus, leider nur in den engen Grenzen ihres Fach­be­reichs, der dann auch noch stark regle­men­tiert ist. Das führt zu Spezia­lis­tentum, aber auch Insel­denken, mit dem die Heraus­for­de­rungen der Zukunft nicht bewäl­tigt werden kann. Die Themen der Digi­ta­li­sie­rung brau­chen viel mehr inter­dis­zi­pli­näres Denken, das an den Unis kaum geför­dert wird. Mix-Bache­­lors und Mix-Master­­pro­­grammen gehören deshalb die Zukunft. Dabei sollten die Studi­en­an­ge­bote viel besser als jetzt inter­dis­zi­pli­näres Denken fördern und die starren Grenzen über­winden. So wie wissen­schaft­li­ches Arbeiten als – leider unge­liebtes – Pflicht­fach überall dazu gehört, könnte auch inter­dis­zi­pli­näres Denken über­grei­fend geschult werden.

Denk­falle 4: Als Inge­nieur bist du immer auf der sicheren Seite. These: IT und Inge­nieur­wesen verschmelzen, bishe­rige Studi­en­kon­zepte sind dafür nicht aufge­stellt.

Früher konnte man mit BWL nichts falsch machen, heute mit einem Inge­nieur­stu­dium. Wirk­lich? Die Digi­ta­li­sie­rung verän­dert auch hier fast alles. Dass Elek­tro­technik und IT recht dicht neben einander liegen, war schon länger klar. Aber wer hätte gedacht, dass auch Maschi­nen­bau­in­ge­nieure mal zu Infor­ma­ti­kern werden würden? Schwupp, entstehen neue Fächer wie der Bachelor Maschi­­nenbau-Infor­­matik. Auch hier beginnt also das muntere Mixen – und das ist gut so. Schauen Sie sich SAP an: Nicht nur die Inge­nieur­wis­sen­schaften nähern sich der IT an, auch die IT pirscht sich an die Maschinen ran. Es kann also sinn­voll sein, früh­zeitig auf ein solches Schnitt­stel­len­fach zu setzen, um so einen leichten Berufs­ein­stieg zu bekommen. Und für Berufs­er­fah­rene ist ein Schwenk in die Nach­bar­dis­zi­plin viel­leicht ein Karrie­re­kick, etwa über einen Master Inge­nieur­infor­matik.

Denk­falle 5: Wir müssen uns daran ausrichten, was am Markt gefragt ist. These: Nein, wir brau­chen mehr von dem, was in Zukunft gebraucht wird.

Wenn Sie nach dem gingen, was derzeit gesucht wird, dann haben Sie die Wahl zwischen Robotik, KI und Data Science — und der Bäckerei oder Fleisch­theke.  Gleich­zeitig bricht die Welt aus allen Fugen, lodern Krisen­herde überall, stehen wir vor globalen Problemen einer Dimen­sion, die allein mit Spezi­al­wissen unlösbar ist. Ja, es ist ein Risiko, sich mit Themen wie Frie­dens­for­schung, Klima­for­schung, Daten­ethik, Medi­zin­ethik, nach­hal­tige Archi­tektur oder auch mit neuen Lern­kon­zepten zu beschäf­tigen, auch wenn derzeit kaum Stellen in diesen Feldern ausge­schrieben sind. Aber Entschei­dungen gegen den Strom haben sich oft bewährt. Und wer die Regel bedenkt, im Bachelor breiter und im Master spitzer zu studieren, sorgt immer für eine gute Basis.

Denk­falle 6: Wir sollten die MINT-Fähi­g­keiten der Menschen schulen. These: Wir sollten viel­mehr die Entwick­lung des unab­hän­gigen Denkens fördern.

Wer gut und brav Wissen repro­du­ziert, wird belohnt. Am besten MINT-Wissen, also natur­wis­sen­schaft­li­ches. Aber geht es darum wirk­lich? Würden Menschen, die sich  diese Themen zutrauen und sich dafür inter­es­sieren, sich das Wissen selbst nicht von alleine erwerben? Könnte man dann aufhören, die Repro­duk­tion von Wissen zu bewerten? Oder anders gesagt: Geht es nicht mehr darum, Selbst-Bewuss­t­­sein zu fördern — und alles andere kommt danach von selbst?

Für mich gibt es da einen ekla­tanten Wider­spruch: Die Arbeits­welt fußt in ihrem Leis­tungs­kredo auf wenig Selbst-Bewuss­t­­sein und statt dessen auf emotio­naler Abhän­gig­keit (Aner­ken­nung für Leis­tung). Auch Googles Smart Crea­tives sind im Grunde abhängig: Aner­ken­nung bekommt der, der ein biss­chen unor­dent­lich ist und gegen den Strom schwimmt, aber trotzdem Leis­tung bringt. Am Ende des Tages ist es auch ein Raster, wenn man in kein Raster passen soll. Innere Frei­heit erfor­dert auch hierzu kriti­sche Distanz. Doch wo soll die herkommen? In der Schule wird ebenso wie an der Uni verti­kales Denkens geför­dert, die Entfal­tung hori­zon­talen Denkens jedoch gebremst (dazu hier mein Grund­la­gen­ar­tikel Ich-Entwick­­lung). So agieren oft selbst hoch­spe­zia­li­sierte Experten und sogar Wissen­schaftler im von hohen Zäunen einge­grenzten Garten ihres Denkens. Viel wich­tiger wäre es, die eigenen Garten­zäune einzu­reißen und in den Dialog über die Grenzen der eigenen Diszi­plin hinaus zu treten. Je mehr unter­schied­li­chen Einflüssen Menschen unter­liegen, desto mehr werden sie sich entwi­ckeln. Je mehr sie sich von dem festen Vorstel­lungen anderer lösen, desto freier werden sie denken. Solche Menschen sind unbe­quem, aber sie sind es, die Unter­nehmen und auch die Gesell­schaft voran­bringen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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10 Kommen­tare

  1. Franz Bauer 2. September 2016 at 17:52 — Reply

    Dieser Analyse und den Thesen kann ich nur zustimmen!
    Wer propa­gierten Mode­strö­mungen nach­rennt, rennt mit der Masse. Nun ist Mut zum Quer­denken gefragt!

  2. Michel 2. September 2016 at 18:23 — Reply

    Mit den 6 Denk­fallen treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Lese schon seit einiger Zeit bei Ihnen mit und bin immer wieder von Ihrem umfang­rei­chen Wissen begeis­tert.

    Danke für Ihre wissens­werten Artikel.

    Gruß, Michel

  3. Stefan Bleses 6. September 2016 at 11:55 — Reply

    Diese Analyse der Denk­fallen, in die uns Indus­trie und Politik rein­treiben wollen, ist absolut stimmig! Die dagegen aufge­stellten Thesen passen genau. Beson­ders These 5 können wir voll unter­stützen. Nach unseren Forschungen sind zuerst „einfache“ Kompe­tenzen für die Zukunft-Jobs nütz­lich:

    Urteils­kraft
    Dinge kritisch hinter­fragen. Intel­li­gente Muster­er­ken­nung. Wich­tiges aus der Infor­ma­ti­ons­masse filtern.

    Visua­li­sie­rung von Infor­ma­tionen
    Visua­li­sie­rung von Zusam­men­hängen und Storytel­ling.

    Neues Denken
    Neue Lösungen für neue Probleme finden.

    Medi­en­kom­pe­tenz
    Sicher­heit im Umgang mit sozialen Medien erlangen.

    Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft
    Über die eigenen Fach­grenzen hinaus­denken und arbeiten.

    Soziale Intel­li­genz
    Ange­mes­sener Umgang mit Kollegen und Kunden.

    Digi­tale Team­fä­hig­keit
    Virtu­elle Projekte steuern und durch geschicktes Netz­werken zum Erfolg führen.

    Inter­kul­tu­relle Kompe­tenz
    Erfolg­reich mit Menschen aus aller Welt zusam­men­ar­beiten.

    Denken wie ein Computer
    Statis­tik­kennt­nisse und Sicher­heit im Umgang mit Daten.

    Viele dieser Kompe­tenzen werden infor­mell erworben. Für die Karriere wäre es förder­lich, wenn diese aner­kannt werden würden (Zerti­fi­zie­rung).

    • Svenja Hofert 6. September 2016 at 12:46 — Reply

      Hallo Stefan Bleses, danke!! Kann ich zu den Punkten noch ein paar Infos haben — das ist Stoff für ein Follow-up. LG Svenja Hofert

      • Stefan Bleses 6. September 2016 at 17:34 — Reply

        Gerne, können wir dazu über E‑Mail kommu­ni­zieren?

        • Svenja Hofert 7. September 2016 at 23:46 — Reply

          ja, klar schreiben an hofert ÄTT karriereundentwicklung.de herz­lichst Svenja Hofert

  4. Willinit Sagan 10. September 2016 at 0:09 — Reply

    Als Inge­nieur ist man u tet Umständen arbeitslos. Gut war, dass Sie sagten, bzw.schrieben, dass man sich für Arbeits­lo­sig­keit nicht etwa schämen sollte. Sonst wäre es zu schwer.

  5. Konrad Myr 15. September 2016 at 17:40 — Reply

    Sehr inter­es­sante Thesen. Woran wir arbeiten müssen ist die Talente unserer Jugend zu erkennen, damit wir sie entspre­chend fördern können

  6. […] Das, aber auch andere Gründe führen zu Ausbil­dungs­ab­brü­chen. Eine Info­grafik zu Ausbil­dungs­ab­brü­chen zeigt, wo das Risiko beson­ders hoch ist. Sicher sind auf beiden Seiten Hand­lungs­be­darfe. So deckt ein aktu­eller DGB-Report auf, dass viele Auszu­bil­dende gar nicht richtig ausge­bildet werden. Und auch die noch immer vorherr­schende Praxis der Azubi­aus­wahl über Schul­noten wird in einem Beitrag kritisch hinter­fragt und eine Alter­na­tive aufge­zeigt. Aber auch Bewerber unter­liegen, wie ein weiterer Beitrag zeigt, nicht selten Denk­fallen bei Berufs­wahl und Bildungs­ent­schei­dung. […]

  7. Franz Nieder­mayr 10. Oktober 2016 at 13:46 — Reply

    Guten Tag Frau Svenja Hofert,

    Ich bin der Ansicht das der Staat wesent­lich mehr seine Pflicht wahr­nehmen sollte um die Geschicke des Landes und deren Gesell­schaft in die rich­tigen Bahnen zu leiten. Wir leben in einer Zeit in der das “Ich” und dessen Ausbau eine große Rolle spielen und den häufigsten Rat den ich immer lese ist “mach worauf du Lust hast” dann, ja dann ist man produktiv und verdient dann auch Geld. Fragen Sie mal Menschen die diesem Rat gefolgt sind und nun Arbeitslos oder schlecht bezahlt als ITler oder Medi­en­ge­stalter rumhängen. Menschen sind nun mal nicht alle gleich und auch nicht in dem Alter erfahren genug die rich­tigen Entschei­dungen zu treffen um in dieser Gesell­schaft nicht zu verlieren. Lange rede kurzer Sinn, ich bin der Ansicht das hier mehr Planung und Regu­lie­rung statt finden muss.

    Viele Grüße

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