Kate­go­rien

5 Funk­tionen eines Studiums in post­in­dus­tri­ellen Zeiten

Published On: 7. August 2017Cate­go­ries: Karriere

 

Was studieren? Viele stellen sich diese Frage gerade aktuell. Sie ist jedoch nicht sinn­voll zu beant­worten, wenn man die Frage „wozu studieren“ nicht vorher stellt. Für die Erst­stu­di­en­wahl ist das am Ende entschei­dender. Wozu studiere ich? Welche Funk­tion oder welche Funk­tionen soll mein Studium erfüllen? Ich stelle Ihnen die 5 Funk­tionen eines Studiums vor — und keine davon ist der Berufs­ein­stieg, um schnell Geld zu verdienen.

Funk­tion 1: Bildung

Bildung ist ein weites Feld. Es kann Geis­tes­bil­dung sein. Oder auch Allge­mein­bil­dung. Fach­liche Bildung. Metho­di­sche. Theorie und Praxis. Theorie oder Praxis. Welche Art von Bildung brau­chen wir in der Digi­ta­li­sie­rung? Wissen lässt sich überall nach­lesen. An Hoch­schulen vermit­teltes Wissen struk­tu­riert, ordnet, prio­ri­siert. Was ist derzeit aktu­eller Stand der Wissen­schaft? Was muss man lesen? Aber reicht das aus? Auch dieser Prozess wird mögli­cher­weise bald auto­ma­ti­siert  sein — und ist aktuell eine der wesent­li­chen Leis­tungen von Fern­stu­di­en­gängen.

Aber braucht es nicht mehr? Schöp­fe­ri­sche Leis­tung zum Beispiel? Wissens­auf­nahme kann nicht die Art der Bildung sein, die wir brau­chen. ´Bildung muss Denk­schemen verän­dern, den Hori­zont weiten. Deshalb ist die Art der Ausein­an­der­set­zung mit Wissen und dessen Neuor­ga­ni­sa­tion und Verän­de­rung die wahre Bildung unserer Zeit.

Neben der Geis­tes­bil­dung. Deshalb bin ich ein Fan von Bildungs­stu­di­en­gängen wie „Liberal Arts“, das es in Deutsch­land derzeit nur in Frei­burg gibt. Dieser klas­si­sche Bildungs­stu­di­en­gang aus dem anglo­ame­ri­ka­ni­schen Raum bildet für keinen Beruf aus, ist aber ein gutes Funda­ment. Auch Mix-Studi­en­­gänge fördern inter­dis­zi­pli­näres Denken. Vor allem wenn sie die Persön­lich­keits­ent­wick­lung fördern. Das führt mich zu Funk­tion 2.

Funk­tion 2: Persön­lich­keits­ent­wick­lung

In den letzten Jahren habe ich meine Haltung zu Privat­stu­di­en­gängen revi­diert. Ich war mal der Ansicht, dass die zuneh­mende Zahl an Privat­unis die Bildungs­un­ge­rech­tig­keit fördern, und denke das immer noch. Aber ich kann die Augen nicht davor verschließen, dass Wett­be­werb viele nega­tive (z.B. die nach­fra­ge­ge­rechte Instal­la­tion von Studi­en­gängen, die die Welt nicht braucht), aber auch posi­tive Seiten hat (dito). Manche – wenige! – Privat­uni­ver­si­täten fördern die persön­liche Reife sehr viel mehr als manche staat­liche Uni. Hier kommt die Ich-Entwick­­lung ins Spiel: Je mehr die Umge­bung Menschen dazu auffor­dert, wirk­lich eigene Wert­maß­stäbe zu entwi­ckeln, desto eher werden diese Menschen in ihrem Berufs­leben etwas bewirken, das nicht der Anpas­sung an vorhan­dene Systeme geschuldet ist. Sie werden schöp­fe­ri­scher sein, nach Sinn suchen, sich nicht abfinden mit Zuständen wie sie sind. Das halte ich in dieser Zeit des Umbruchs für extrem wichtig. Sucht nach Insti­tu­tionen, die freies Denken und den Wider­spruch fördern, die gute Noten dafür geben, dass jemand eine eigene Posi­tion einnehmen können! Womit wir zur 3. Funk­tion kommen.

Funk­tion 3: Selbst­fin­dung

Wer nach dem Abitur ins Leben entlassen wird, hat in der Regel noch kein Gespür dafür, wer er ist und was ihn oder sie ausmacht. Die sozialen „Beschrif­tungen“ kleben fest, eigene Bedürf­nisse werden darunter versteckt. Viele machen das, was andere machen, und manche bleiben Jahr­zehnte und das ganze Leben auf dem Pfad sozialer Anpas­sung. Einige folgen den Eltern, anderen den Freunden. Nur sehr wenige machen das, was sie selbst wirk­lich wollen. Das eigene Wollen und Können zu erkennen ist auch schwierig, wurde uns in der Schule das freie, expe­ri­men­telle Kind- und Man-selbst-Sein doch gründ­lich ausge­trieben. Ein scheinbar unnützes (weil nicht berufs­kom­pa­ti­bles) Studium oder auch eine Zeit des Nichts­tuns, im Ausland sein, Jobbens, kann helfen, sich selbst und seine Stärken zu entde­cken.

Funk­tion 4: Soziale Iden­ti­fi­ka­tion und Rollen­fin­dung

Die Menschen, denen man im Studium begegnet, begleiten einen oft auch später noch durchs Leben. Sie prägen, bilden einen wich­tigen Teil des Netz­werks, werden zu Orien­­tie­rungs- und Vergleichs­größen. Sie sind die anderen Fische im eigenen Teich. Es ist wichtig für das Selbst­bild eine posi­tive Rolle zu finden. Das ist als „großer“ Fisch leichter als als kleiner. Wenn ich also gute Leis­tungen inner­halb meines Fisch­teichs erbringen kann, ist dies Selb­st­­bild-dien­­li­cher als wenn mich die anderen Fische auffressen. Aus diesem Grund rate ich immer dazu, sich ein passendes Umfeld zu suchen – und dabei auch die Persön­lich­keit zu berück­sich­tigen. Wer kein Lerntyp ist, wird in einem Studi­en­gang oder einer Uni die den Fokus auf Wissens­wie­der­gabe legt, weniger gut abschneiden. Das spricht auch dagegen, sich aus Vernunft­gründen für vermeint­lich zukunfts­träch­tige Studi­en­gänge einzu­schreiben, für die man gar kein entspre­chendes Poten­zial mitbringt.

Funk­tion 5: Digi­­ta­­li­­sie­rungs-Taug­­lich­keit

Die Arbeits­welt ändert sich gewaltig. In den Unter­nehmen dreht sich immer mehr um Zusam­men­ar­beit und Koope­ra­tion. Teams über­nehmen dabei Manage­ment­auf­gaben. Englisch ist normale Arbeits­sprache, inter­kul­tu­relle Begeg­nungen gehören dazu. Immer mehr kommen vier Schichten der Karrie­re­ent­wick­lung zum Tragen:

  • Fach­kennt­nisse (was?),
  • Metho­den­kennt­nisse (wie?),
  • Selbst- und Fremd­kenntnis (wer?)
  • und inter­dis­zi­pli­näres Know-how (was noch?).

Ein Studium kann auf allen diesen Schichten aufsetzen, um sich die anderen von da ausge­hend zu erschließen. Der klas­si­sche Weg lautet zwar über Fach­kennt­nisse zu beginnen, jedoch sehe ich mehr und mehr, dass alle Wege funk­tio­nieren können.  Kommu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tierte Tätig­keiten nehmen zu, sind aber kaum ohne Prozess- und Fach­kennt­nisse zu denken. Late­rale Führung ist dabei das Thema der Zukunft, wenn Unter­nehmen nicht mehr in klas­si­schen Abtei­lungs­denken verhaftet sind, sondern in Kreisen, die sich weit­ge­hend oder ganz selbst orga­ni­sieren.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Lars Hahn 7. August 2017 at 9:32 — Reply

    5 mal ja. Das passt.

    Aller­dings fehlt mir die wich­tigste Kompo­nente, die gerade Geis­tes­wis­sen­schaftler in der Jobsuche verwenden können:

    6. Struk­tu­rierte Ausein­an­der­set­zung mit Content
    Wenn Du prüfst, wo Akade­miker Fähig­keiten haben, die andere nicht haben, dann sind das oft die Kompe­tenzen zur Erschlie­ßung, Verar­bei­tung und Darstel­lung von komplexen Themen. Wenn sie es dann noch schaffen, diese Themen verein­facht wieder­zu­geben, sind sie die gebo­renen Redak­teure, Kommu­ni­ka­toren, Trainer etc.

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