Kate­go­rien

T‑Shape ist out: Die neuen Karrie­re­mo­delle heißen Pi-Shape, Pilz­kar­riere und “Second skil­ling”

Published On: 11. August 2018Cate­go­ries: Karriere

Wie macht man heute Karriere? Fordert die Digi­ta­li­sie­rung nicht auch ein Ende der Spezia­li­sie­rung? Während sich  New-Work-Propheten in ihren Utopien wälzen, geht die Arbeit in der durch­schnitt­li­chen Karrie­re­welt ganz normal — spezia­li­siert also — weiter. Immer noch bauen die meisten ihre Karriere T‑shaped auf, das heißt sie beginnen mit einer Spezia­li­sie­rung auf der Basis von Fach- und Prozess­kennt­nissen, was viel­fach fast auto­ma­tisch in nur wenigen Jahren zu einer Bran­chen-Fest­­le­­gung führt. Statt am Mindset wird am Skillset und am Toolset geschraubt (hier).

Von einem Wandel hin zu einem neuen, offe­neren und flexi­bleren Verständnis von Karriere ist nur dort etwas zu spüren, wo eine Elite schon jetzt ganz andere Voraus­set­zungen hat und lebt. Sei es von Haus aus, also durch mitge­ge­benen Habitus oder durch die Entschei­dung für das „rich­tige Pferd“, meist irgendwas mit Tech­no­logie und Digi­ta­li­sie­rung. Diese (wenigen) Leute können ihr Karrie­re­schiff lenken, vordenken, Impulse setzen – aber meist tun sie das weit entfernt von der normalen Welt des spezia­li­sierten Durch­schnitts­an­ge­stellten, der über Jahre Fach­kennt­nisse in der Tiefe entwi­ckelt. Und dann irgendwie stecken­bleibt… mit so viel Erfah­rung kann man eben nur noch dort ando­cken, wo man vorher bereits gear­beitet hat. Und was, wenn diese Branche eines der zahl­rei­chen Digi­ta­li­sie­rungs­opfer ist?

Zehn Prozent waren immer schon Lebens­ge­stalter….

Als Prag­ma­ti­kerin frage ich mich, wie man ganz normale Menschen mit gewöhn­li­chen Voraus­set­zungen für die neue Arbeits­welt öffnen kann. Ich mache mir keine Sorgen, um die zehn Prozent, die immer schon als Gestalter des eigenen Lebens unter­wegs waren. Die brau­chen keine Orien­tie­rung, Coaching dient bei ihnen dem Frei­setzen eigener Ideen. Der innere Kompass gibt die Rich­tung. Das ist aber nicht der normale Arbeit­nehmer. Es ist der unge­wöhn­liche und seltene Typ Entre­pre­neur, den angeb­lich alle suchen und der es aufgrund seiner Art vielen Unter­nehmen schwer hat, es sei denn er trifft zufällig Menschen, die sein Talent und die mit ihm einher­ge­hende Digi­ta­li­sie­rungs­chance erkennen.

…90 Prozent brau­chen prak­ti­sche Orien­tie­rung

Nein, es geht um jene 90%, die Orien­tie­rung brau­chen, ob sie sie nun aktiv suchen oder nicht (und eigent­lich doch bräuchten). Es sind Menschen, die bei sich selbst in der Regel kein beson­deres Talent sehen, weil das auch nie geför­dert wurde. Die auf die Frage nach Stärken mit Antworten wie „Orga­ni­sa­tion“ oder „Planung“ und „Krea­ti­vität“ kommen, die aber aufgrund langer Zuge­hö­rig­keit zu einer Firma jeden Bezug zur Welt außer­halb ihres Kontextes verloren haben. Sie ticken nämlich inzwi­schen im Takt der Firma. Da gehen indi­vi­du­elle Stärken dann schnell im Kontext auf und unter.

Das orga­ni­sa­tio­nale Mindset rollt das indi­vi­du­elle platt

Ich erlebe immer wieder wie wenig eine Selbst­ein­schät­zung unab­hängig vom Umfeld funk­tio­niert. Zu domi­nant sind die Vorge­hens­weisen und Denk­weisen, zu sehr ist das orga­ni­sa­tio­nale Mindset zum eigenen geworden. Welche Empfeh­lung können wir als Berater und Coaches diesen Personen geben, wenn wir mehr tun, als in Vorträgen den Wandel propa­gieren, um dann zu verschwinden, wenn es ernst wird und die wirk­lich schwie­rigen Fragen auftau­chen? Ich meine: Sich einstellen auf das, was kommt — dabei aber berück­sich­tigen, dass der Wandel schritt­weise vonstatten geht. Utopia kommt nicht morgen und auch nicht über­morgen.

Das Dyna­mi­sche nimmt zu

In Gerhard Wohl­ands Modell der dyna­mikro­busten Orga­ni­sa­tionen steckt eine schön bild­liche Unter­schei­dung, die zwischen blauen und roten Berei­chen. Blaue Bereiche beschreiben das Kompli­zierte, das mit Planung und Prozessen – also im Leis­tungs­pa­ra­digma – zu bewäl­tigen ist. Rote Bereiche zeigen das Dyna­mi­sche, das Komplexe, nicht Bere­chen­bare. Das Leis­tungs­pa­ra­digma hat hier eine andere Konno­ta­tion. Es geht nicht um Anpas­sung an die Orga­ni­sa­tion, um die Stärken daran zu vermessen, sondern um indi­vi­du­elle Talente, einer Meis­ter­schaft im Können, die die Mess­latte sind.

In allen Unter­nehmen gibt es Bereiche, die eher blau und eher rot sind. Die Arbeits­welt wird sich überall und insge­samt gesehen aber mehr ins Rote verla­gern. Damit muss auch das bishe­rige Leis­tungs­pa­ra­digma trans­for­miert werden und in ein Sinn­pa­ra­digma über­gehen.

Im Sinn­pa­ra­digma arbeiten Menschen, weil sie Freude daran haben. Sie gehen auf in dem, was die grie­chi­sche Philo­so­phie als Arete kennt, der Beste sein, der man sein kann…

Karriere zwischen Arete und RTL II

Wer gele­gent­lich RTL II schaut, muss Zweifel haben, dass Arete auf abseh­bare Zeit und ohne eine Aufwer­tung massen­hafter Sozi­al­ar­beit, als Denk- und Karrie­re­mo­dell auf breite Schichten über­tragbar ist.

Aber wie das rote das blaue verdrängt, könnte ja auch mehr Bewusst­sein die Kopf­lo­sig­keit über­ollen. Und dann gibt es ja auch kurz‑, mittel- und lang­fris­tige Ziele. Damit einher muss die Gleich­zei­tig­keit von kurz‑, mittel- und lang­fris­tigen Stra­te­gien gehen, auf indi­vi­du­eller wie orga­ni­sa­tio­naler Ebene. Diese müssen agil und dyna­misch sein, aber wer agil richtig versteht, weiß, dass das nicht heißt ohne Planung, sondern mit itera­tiver Vorge­hens­weisen, also stetiger Refle­xion über sich selbst und das Erreichte. Das erfor­dert natür­lich auch ein entspre­chendes Mindset.

Denk­fehler: Zufrie­den­heit entsteht aus Stär­ken­nut­zung

Aus Karrie­re­per­spek­tive braucht man dafür Modelle, die für den Über­gang taugen. Würde man allen Menschen empfehlen, nur noch zu tun, was sie gern machen, hätten wir eher eine Zu- als Abnahme von Depres­sionen zu verzeichnen. In der Big Bang Theory verkör­pert der studierte Künstler und Comic­ver­käufer Stuart den Loosertyp – und so fern der Realität ist das nicht. Mit dem, was er gern macht, hat er einfach keine Jobs bekommen.

Und ich kann aus 20 Jahren Arbeit im doch sehr psycho­lo­gie­in­ten­siven Job des Karrie­re­coa­chings sagen, dass das nega­tive Konse­quenzen auf die Psyche hat. Wer ständig sieht, dass andere erfolg­rei­cher sind als er, freut sich nicht seiner intrin­si­schen Moti­va­tion und Neigung gefolgt zu sein; nein, sein oder ihr Selbst­be­wusst­sein geht in den Keller. Nicht zu vergessen auch die funda­men­tale Bedeu­tung von Selbst-Bewuss­t­­sein für jede Stär­ken­wahr­neh­mung. Bin ich nicht selbst-bewusst, merke ich auch meine Stärken nicht…

Richtig ist: Selbst­be­wusst­sein braucht Erfolge

Man darf also psycho­lo­gi­sche Erkennt­nisse nicht völlig vernach­läs­sigen, was einige der Fort­schritts­op­ti­misten tun: Es sind nicht die Inter­essen, die Menschen erfolg­reich machen, es ist das Selbst­be­wusst­sein, das entsteht wenn jemand seine Fähig­keiten nutzt.

Ein wunder­bares Schreib­ta­lent ohne Durch­set­zungs­kraft wird im Jour­na­lismus unter­gehen. Ein Invest­ment­banker mit mitt­lerem Mathe­ta­lent und mode­rater Risi­ko­ori­en­tie­rung wird immer nur mittel in.seinem Metier sein. Und das Mittel­feld ist für das Selbst­be­wusst­sein nun Mal Mist, es zieht es herunter. Da braucht man über Sinn dann gar nicht mehr zu spre­chen. Die Voraus­set­zung für Sinn­emp­finden ist die Befrie­di­gung exis­ten­zi­eller Bedürf­nisse, da empfiehlt sich der Blick auf Maslow.

Prak­ti­sche Lösungen für den Über­gang

Verant­wor­tungs­volles Coaching und Bera­tung muss sehr viele verschie­dene Aspekte einbe­ziehen. Wohl­wis­send, dass der Coachee am anderen Ende prak­ti­sche Lösungen will und Führung, also Orien­tie­rung sucht. Er freut sich über prak­ti­sche Botschaften wie die, dass er sein Profil inter­es­santer macht, wenn er sich als ITler Kennt­nisse in Mode­ra­tion aufbaut.

Also, Modelle auspa­cken, aber die rich­tigen. Das T‑Shape aus den 1980er Jahren ist veraltet, wenn man die mittel- und lang­fris­tige Perspek­tive einnimmt. Kurz­fristig sind die meisten Stel­len­pro­file aber noch so aufge­baut. Jedoch wird sich das ändern mit Zunahme des “roten”. T‑Shape hat genau den Typ Spezia­listen ausge­bildet, denn man künftig eben nicht mehr braucht. Fach­wissen ohne Ende plus ein paar Kompe­tenzen, die dieses in den Busi­ness­alltag trans­por­tieren. Banker, die sich daran orien­tiert haben, stehen bereits jetzt schon schön blöd da.…

Second und third skil­ling

Da passt eher schon der Gedanke an ein Pi –  welches durch second skil­ling entsteht. Es wird danach ein zweites Fach­ge­biet aufge­baut, was auch nicht unbe­dingt grad­linig sein muss. Dieses Fach­ge­biet ist geeignet, bran­chen­un­ab­hängig zu funk­tio­nieren oder den Link zu einer anderen Branche herzu­stellen. Wenn der Banker Exper­tise in der Gastro­branche hat, gibt es da ein Exit­sze­nario. Der Jour­na­list, der sich Lear­nings­kills aneignet, erar­beitet sich damit ein Teil Unab­hän­gig­keit. Auch drei Fach­ge­biete funk­tio­nieren, damit baut man eine Brücke, etwa zwischen HR, Kommu­ni­ka­tion und Digi­talem. Das alles hat (noch) wenig mit Sinn zu tun, aber viel mit Prag­ma­tismus. MOOCs helfen sehr, das mit dem Thema lebens­langes Lernen zu verknüpfen, das lange noch nicht selbst­ver­ständ­lich ist.

Eine weitere Möglich­keit ist die Pilz­kar­riere: Dabei entsteht ein breites Dach durch soft skills und metho­di­sches Wissen. Der Stiel, das eigent­liche Fach­wissen, muss dabei weniger tief sein. Man könnt es auch so beschreiben: Mit dem rich­tigen Mindset ist tiefe Verwur­ze­lung auch ohne tiefe Fach­kennt­nisse möglich.

Bildung heißt, hinter­fragen zu können

In einem aktu­ellen Inter­view empfiehlt der hollän­di­sche Philo­soph Rutger Breg­mann sofort nach Jobs mit Sinn zu suchen. Er verkennt damit eine ganz wesent­liche Funk­tion der Karrie­rent­wick­lung: Sie ist auch Persön­lich­keits­ent­wi­ckung, bzw. sollte es sein. Dieser Zweck wird beson­ders dann erfüllt, wenn die Jobs häufiger gewech­selt werden. Langes Verharren an einer Stelle friert Persön­lich­keit eher fest.

Arbeit lässt Menschen nach­reifen, die zu einem großen Teil unfertig aus dem Bildungs­system entlassen worden sind. Denn auch die Bildung agiert weiter im Leis­tungs­pa­ra­digma. Bildung wird nur von sehr wenigen Insti­tu­tionen als das vermit­telt, was sie laut Peter Bieri ist:  Die Fähig­keit, die Dinge zu hinter­fragen. Die Sicht, dass Bildung auf eine Arbeits­welt vorbe­reitet, in der man sich anpassen muss, ist immer noch sehr verbreitet.

Hier müssen wir anfangen und von dem irrigen Glauben abkommen, dass Menschen nur Möglich­keiten brau­chen, um diese zu nutzen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Monika Blaschke 15. August 2018 at 15:21 — Reply

    Danke für diesen Artikel. Als Geis­tes­wis­sen­schaft­lerin war ich lange der Über­zeu­gung, dass genau diese Fähig­keit, Dinge hinter­fragen und reflek­tieren zu können, uns als Absol­venten und Absol­ven­tinnen auszeichnet. Dieser Meinung bin ich noch immer, sehe aber auch den Nutzen für uns alle, wenn andere Fach­be­reiche diese Kompe­tenz auch stärker vermittlen.

  2. Tibor Haunit 24. August 2018 at 10:49 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert,

    ich fand Ihren Artikel über die alter­na­tiven Karrie­re­mo­delle sehr inter­es­sant.

    Könnten Sie mir viel­leicht ein Ressourcen (online/ offline) nennen, wo man fundiert genauer nach­lesen kann, wie diese alter­na­tiven Karrie­re­mo­dell konzi­piert sind. Bei meiner kurzen Recher­cher bin ich bisher nur bzgl. des second skil­ling fündig geworden. Aller­dings sind die dort ange­geben Infor­ma­tionen sehr spär­lich.

    Ich bedanke mich bei Ihnen bereits im Voraus und verbleibe

    mit freund­li­chen Grüßen

    Tibor Haunit

    • Svenja Hofert 24. August 2018 at 13:18 — Reply

      Hallo Herr Haunit, ich bin Prak­ti­kerin, d.h. die Themen ergeben sich aus dem Leben, was mir z.B. im HR-Bereich begegnet, viel­fach inter­na­tional. Dazu ist (sehr) wenig publi­ziert. Etwas findet sich aber in den Büchern von Barbara Oakley, jedoch ausschließ­lich auf Englisch. LG Svenja Hofert

  3. Jens Stifter 29. August 2018 at 12:08 — Reply

    Hoch­in­ter­es­sant was Sie da schreiben. Nur was mir da jetzt fehlt ist eine genaue Hand­lungs­emp­feh­lung. Was sollte jemand der den klas­si­schen 9–5 Job ausübt und unzu­frieden ist Ihrer Meinung nach tun? Ein Umschwenken ist viel­leicht aus finan­zi­ellen Gründen nicht möglich — was also tun?

  4. Ralf Leuch­ten­berg 29. September 2019 at 14:23 — Reply

    Wie kann ich als Analy­tiker ( von Natur aus — nicht erlernt — Vater war beim MOD UK ) einen sinn­vollen Beruf/Tätigkeit finden wo ich — 57 Jahre — mich trotzdem entfalten könnte.…
    Danke für posi­tive Hilfe
    LG Ralf Leuch­ten­berg

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