Kate­go­rien

Ist das Berufs­leben eine Kaffee­ma­schine? Der wach­sende Wunsch nach Instant-Antworten

Published On: 2. März 2011Cate­go­ries: Führung

Neulich bekam ich einen bitter­bösen Leser­brief. Ich sei doch auch eine von diesen Leuten, die einer unfä­higen Doof-Gesel­l­­schaft bescheu­erte Ratschläge gebe. Der werte Leser hatte zuvor einen Zeitungs­ar­tikel gelesen, in dem ich zitiert wurde. Der Beitrag war wirk­lich nicht gerade eine jour­na­lis­ti­sche Best­leis­tung. Und wie so oft war mein Zitat ziem­lich doll in die jour­na­lis­tisch gewünschte Schub­lade gesteckt. Nun ja, so ist das Geschäft. Aber: Stimmt das? Lassen sich immer mehr Menschen „berat­schlagen“, um aufhören können zu denken?

Seit 10 Jahren staune ich über manche Fragen, die auf und nach Vorträgen oder in Semi­naren kommen, vor allem bei und von jüngeren Publikum. Nicht, dass ich nicht gerne antworte, aber der Gedanke an eine heran­wach­sende „Doof-Gesel­l­­schaft“ ist mir auch schon gekommen. Wobei die Sache nichts mit Doof zu tun hat. Das Thema ist ein anderes: Unsi­cher­heit. Die macht sich gerade bei jüngeren Leuten in Zeiten der Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung breit wie eine Monster-Welle. Es gibt so viele Infor­ma­tionen – welche ist denn nun richtig? Bewerten fällt schwer — ich fürchte, es wird auch nicht gelehrt (werde das mal beob­achten, wenn mein Sohn ab Sommer ins Gymna­sium geht). Hoch­kon­junktur für Experten, die jeden einzelnen Schritt vorzeichnen. 

Soll ich…? Muss ich…? Was würden Sie…? Zum Beispiel: „Empfehlen Sie Opium (nicht das Rausch­gift, sondern das Parfum) für den ersten Tag im neuen Job?“  Was für eine Frage! Sehr inten­siver Duft, ziem­lich 1980er, modern viel­leicht? Im Büro würde ich mir Opium nicht wünschen, es hinge wie eine Wolke über jedem Gespräch.  Also eher nicht. Wenn ich es recht über­lege: Ich würde meine Mitar­bei­terin vor die Tür setzen, wenn sie das Zeugs nähme… (danach darf sie wieder rein, parfum­frei).

Es gibt auch solche Fragen: „Soll ich Frei­tags lieber warten, bis alle Kollegen gegangen sind oder kann ich vorher gehen, wenn ich Termine habe?“ Hallo? Bei allem Respekt: Für so eine Frage braucht man keine Berater und auch keine Artikel im Ressort „Beruf & Karriere“.  Wer sie stellt, sollte sich viel­mehr fragen, warum und was jene Unsi­cher­heit auslöst, die zum Stellen so einer Frage führt.

Nach einem Vortrag kam eine Teil­neh­merin auf mich zu und fragte, ob ich ein Tool hätte oder einen geheimen Trick, um der Unge­rech­tig­keit bei der Perso­nal­be­wer­tung entgegen zu  steuern. Irgendwas ganz einfa­ches, Knopf­druck only. Hm. … Natür­lich gibt es nichts Einfa­ches. Alle Lösungen, selbst die Auswahl von Parfum am ersten und allen folgenden Tagen, erfor­dern Denken und Handeln – also Selbsttun.  Ist es das: Wird unsere Gesell­schaft nicht nur unsi­cherer, sondern auch immer unselbst­stän­diger? Unsi­cher und unselbst­ständig?

Die PR-Orga­­ni­­sa­­torin des letzten Vortrags sagte, als alle weg waren:„Komisch, Frau Hofert — oder? Die Teil­nehmer wollen oft, dass man ihnen das Denken abnimmt. Am besten nichts selbst tun, sondern nach Schritt für Schritt-Anlei­­tungen handeln.“ Aber das Leben ist nun mal keine Kaffee­ma­schine,  die in 10 Schritten zu säubern ist! Lieber kriti­scher Leser vom Anfang: Danke für Ihre Mail. Kriti­sche Leser sind mir sehr lieb. Sie haben auch recht: Es wird viel gefragt, was man sich besser selbst beant­worten sollte. Es gibt auch viele Ratschläge, die kein Mensch braucht. Und manche, die sogar schaden. Dennoch hat der Wunsch nach simplen Antworten nichts mit “Doof” und “Verblö­dung zu tun. Es ist viel­mehr eine Gene­ra­tion Frage­zei­chen, die da heran­wächst. Und eine ziem­liche Verant­wor­tung der Berater und Coachs, besser keine allzu einfa­chen Antworten zu geben, sondern — hier war schon mal die Rede davon — Hilfe zur Selbst­hilfe.

Oder? Doof oder Frage­zei­chen? Ihre Meinung bitte!

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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10 Kommen­tare

  1. Zorem 2. März 2011 at 18:07 — Reply

    Die Natur und auch die Menschen lösen ihre Probleme mit stei­gender Komple­xität. Stei­gende Komple­xität ist rational nicht erfassbar und somit trans­ra­tional. Es bleibt vielen nur die Null-Option, dass heißt nichts zu tun oder einen Experten zu fragen, der es auch nicht weiß, jedoch gern gegen Bezah­lung das Orakel spielt und seine eigenen Über­zeu­gungen trans­fe­riert. Wir alle kennen die Lösung und können Experten abschaffen. Die Lösung heißt nicht 42, sondern Sinn­suche.

  2. Svenja Hofert 2. März 2011 at 18:35 — Reply

    Hallo Zorem, 42? Klären Sie mich auf. LG Svenja Hofert

  3. Renate Brokel­mann 2. März 2011 at 19:04 — Reply

    42? Das ist ein Zitat aus dem Roman “Per Anhalter durch die Galaxis”. “Es handelt sich dabei um die Antwort auf die vom Autor bewusst unklar gelas­sene Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ („life, the universe and ever­y­thing“).” (Quelle: Wiki­pedia).

    Ich denke auch, dass die Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung einen ordent­li­chen Beitrag zur Allge­meinen Verun­si­che­rung leistet. Ich muss aller­dings anmerken, dass ich selbst zum Selbstraus­finden erzogen worden bin. “Schlag das mal selbst im Lexikon nach” bekam ich als Kind häufig zu hören. Daher irri­tiert es mich etwas, wenn meine Mitmen­schen nicht in der Lage sind, Dinge eigen­ständig raus­zu­finden. Also: Hilfe zur Selbst­hilfe fängt schon bei den Kindern an.

    Ein anderer Aspekt ist aus meiner Sicht die Unfä­hig­keit, selbst­ständig Entschei­dungen zu treffen (“wann darf ich frei­tags gehen”). Ich weiss nicht, wie diese Entwick­lung entstanden ist. Früher sah ich den Grund in den hier­ar­chi­schen Struk­turen von Konzernen, die Mitar­beiter gerne mal zur Unmün­dig­keit erziehen. Mitt­ler­weile begegnet mir das Phänomen aber überall, auch bei Menschen, die nicht konzern­ge­schä­digt sind. Ist das wirk­lich Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung? Oder die Angst vor Konse­quenzen aus dem eigenen Tun? Oder fehlen klare Regeln? Oder hat da (am Arbeits­platz) jemand derart Angst vor Mobbing, dass er/sie nicht mehr weiss, was richtig oder falsch ist?
    Da steht für mich noch ein große ?

  4. Zorem 2. März 2011 at 19:23 — Reply

    Die Über­for­de­rung sind zu viele Optionen.

  5. Lars Hahn 2. März 2011 at 21:12 — Reply

    Nun ja, Frau Hofert, mit den Kaffee­ma­schinen ist das heut­zu­tage auch so ’ne Sache. Es gibt unzäh­lige Systeme, tausende Aroma­noten, jede Woche einen neuen Kaffee­hype. Aber einen “normalen” Bohnen­kaffee kriegen viele schon nicht mehr hin. Neulich fragte mich tatsäch­lich jemand, wofür man einen Kaffee­filter benö­tige…

    Und im Berufs­leben geht’s eben genauso. Die Einfach­heit eines abge­schirmten Lebens in einer von Akten­re­gis­tra­turen gelenkten Büro­ku­sche­lig­keit in einer Zeit ohne World-Wide-Web, Social Media, 26 TV-Programmen gibt’s eben nicht mehr. Zumin­dest nicht, wenn Karriere eine mögliche Option ist. Das ganze wird dann „verkom­pli­ziert“ durch unzäh­lige Bera­tungs­trends, Lebens­hil­fe­bü­cher und jede Woche einen neuen Karrie­re­hype.
    Da sind die „einfa­chen“ Lebens­stra­te­gien vor lauter Trends mögli­cher­weise nicht mehr sichtbar.

    Stetiges Lernen und die Entwick­lung der Persön­lich­keit ist heute keine luxu­riöse Kann-Option für Einzelne. Sie ist schlichtweg über­le­bens­not­wendig. Nur: Gelehrt wird das nicht. Drum suchen viele (wie ich auch) gerne die Hilfe anderer.

    Der schmale Grat ist, ob die Hilfe als Unter­stüt­zung der eigenen Suche oder als Bitte um fertige Ratschläge und Konzepte verstanden wird.

    Ich bevor­zuge ersteres.

  6. Karin Rostek-Schmehl 2. März 2011 at 21:22 — Reply

    Viele vertrauen Ihren 5 Sinnen nicht mehr, die an ihre Intui­tion gekop­pelt sind. Das Bauch­ge­fühl für ange­mes­senes Handeln ist bei all den Regeln verloren gegangen. Mut, Eigen­ver­ant­wor­tung und Zutrauen zu sich selbst gehören dazu.
    Wie werden wir wieder authen­ti­scher?

  7. Svenja Hofert 3. März 2011 at 9:51 — Reply

    @RenateBrokelmann: Stimmt, das Buch fliegt doch irgendwo hier rum… und in Köln gab´s auch mal eine Disco 42, die danach benannt war 😉 Die Heran­ge­hens­weisen sind sehr unter­schied­lich: Es gibt viele, die kommen gar nicht auf die Idee, irgendwo nach­zu­schauen. Andere wiederum über­in­for­mieren sich und lesen alles (was die Entschei­dung auch nicht leichter macht). Aber es ist wohl so: zu viele Möglich­keiten machen das Leben nicht gerade leichter. LG Svenja Hofert

  8. Svenja Hofert 3. März 2011 at 9:58 — Reply

    @larshahn: Oh ja, Kaffee­ma­schinen können sehr kompli­ziert sein — und ich kann auch keinen Filter­kaffee mehr (gibt´s da Rezepte im Internet ;-))
    Zu den fertigen Ratschlägen: der Witz ist ja manchmal, dass diese dieje­nigen, die sie suchen, auch nicht zufrieden machen, wenn Sie sie bekommen 😉 Sie fragen sich dann: Ist das wirk­lich so, z.B. mit den Fami­­li­en­­stand-Daten im Lebe­slauf? “Ich habe doch gelesen, dass man die weglassen kann. Und jetzt sagen Sie, dass nicht…Was ist denn nun richtig?” Tja, was?
    herz­liche Grüße
    Svenja Hofert

  9. Svenja Hofert 3. März 2011 at 10:02 — Reply

    @Karin Rostek-Schmehl: Das ist richtig, das Bauch­ge­fühl verschwindet. Wir bilden uns ein, alles sei rational steu­erbar, ist es aber nicht. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  10. Anne Güntert 23. Juni 2011 at 14:24 — Reply

    @Svenja Hofert Kaffee kochen mit Kaffee­filter erklär ich gern per PM/email (kein prob, ich habs noch gelernt,-) und zu dem Dilemma Ratio/Bauch ein lektü­re­tipp: Maja Storch, Das Geheimnis kluger Entschei­dungen:-)

    http://www.majastorch.de/download/geheimnis.pdf

    lese­probe

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