Kate­go­rien

Die 10.000-Stunden-Erfolgsregel oder: Der lange Weg von “alle meine Entchen” zu Chopin

Published On: 23. März 2011Cate­go­ries: Karriere

Seit zwei Wochen haben wir ein Klavier. Inzwi­schen kann „Ich alle meine Entchen“ fünf­fingrig, jazzig, rockig und auch mit der linken Hand. Das war ordent­lich Übung. Ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Stunden harten Trai­nings zwischen mir und Chopin noch liegen.

Da fällt mir diese Zahl ein, die ich aus dem genialen (!) Buch von Malcolm Glad­well habe (wieso können deut­sche Autoren das nicht, Sach­bü­cher sooooo toll und span­nend schreiben) — „Über­flieger. Warum manche Menschen erfolg­reich sind und andere nicht“. Er zitiert dort eine Studie, nach der die später erfolg­reichsten Musik­stu­denten, z.B. Geiger und Pianisten, in ihrer Jugend mehr als 10.000 Stunden geübt hatten. Diese 10.000 Stunden-Musiker brachten es später zum Solisten. Mittel­er­folg­reiche kamen auf 8.000 Stunden und landeten immerhin in einem Orchester.  Die faulsten Studenten aber hatten in ihrem Leben  gerade mal 4.000 Stunden geübt und mussten sich den Rest ihres Lebens als arme Musik­lehrer verdingen. Auch in anderen Berei­chen hängen Übung und Erfolg unmit­telbar zusammen: Bill Gates brachte es bis 1975 eben­falls auf rund 10.000 Program­mier­stunden. Wir wünschen uns ja, dass Talent auf Bäumen wüchse. Die Wahr­heit ist: Niemand setzt sich an ein Klavier und spielt sofort Chopin. Es mag gewisse Anlagen geben, aber die größte Rolle auf dem Weg zum Erfolg spielt Übung.

Von der 10.000-Stunden-Studie ist es nicht weit, über den Zusam­men­hang von Erfolg und Leis­tung nach­zu­denken. Ich habe dazu gestern eine Frage bei Face­book gestellt, zu der sich viele mit inter­es­santen Gedanken zu Wort gemeldet haben. Kann es einen Erfolg ohne vorhe­rige Leis­tung geben — wenn wir Leis­tung als etwas defi­nieren, bei dem sich jemand anstrengt und übt, immer wieder übt, 10.000 Stunden lang.

Ich glaube: Kaum. Natür­lich gibt es einige Leis­tungen, deren gesell­schaft­li­chen Wert man hinter­fragen kann. Aber letzt­end­lich leistet auch jemand, dessen offen­sicht­lichstes Talent darin besteht, nichts zu leisten odr sich und die Dinge ins rechte Licht zu rücken, etwas. Und sehr wahr­schein­lich ist dieses Talent auch durch Übung entstanden, aber anders als Bill Gates und den Geigern eher nebenbei. Die 10.000 fallen dann nicht so auf. Auf dem privaten Talen­t­in­ves­ti­ti­ons­konto liegen sie trotzdem.

Wenn man sich die Geschichten hinter der Geschichte anschaut, so sind die wenigsten Erfolge wirk­lich geschenkt und die meisten hart erar­beitet. De Autorin Petra Hemmes­fahr hat 10 Jahre das Krimi­schreiben geübt, bevor sie endlich einen Autoren­ver­trag ergat­tert und Best­seller gelandet hat. Mich graust es deshalb immer ein wenig, wenn ich höre „och, das könnte ich auch, einen Krimi schreiben.“ Viel­leicht könnten die die das sagen es auch — wenn sie über Jahre am Ball blieben. Bleiben sie aber nicht. Zu anstren­gend.

Viele Menschen glauben, Leis­tung und Erfolg könnten entkop­pelt werden.  Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben. Man sieht ja nur das “der/die hat´s geschafft”, nicht aber die harte Arbeit und die zahl­rei­chen Lear­nings auf dem Weg nach oben. 10.000 Stunden. Rechnen Sie mal. Ich hab´s für mich getan. Chopin kommt etwa wenn ich in Rente gehe.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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17 Kommen­tare

  1. calceola 23. März 2011 at 18:09 — Reply

    Es gibt die Idee des Erfoges über Nacht, aber der will gut vorbe­reitet sein. Selbst die Gewinner bei so schreck­li­chen Sendungen wie DSDS haben geübt und geübt und geübt. Meis­tens können sie dann immer noch nicht in der Liga der Besseren mitspielen (wenn es über­haupt zum Musik­lehrer reichen würde, um das Bild zu bemühen), aber immerhin, sie haben etwas getan für den Erfolg.

    Genau so wie ein Sportler der in der Welt­klasse mitspielt, man sieht nur die Minuten im Fern­sehen, die Stunden um Stunden beim Trai­ning sieht man nicht.

    Aber wer säat darf auch ernten denke ich, daher freuen wir uns schon wenn Sie dann im Alten­heim aufspielen 🙂

  2. Svenja Hofert 23. März 2011 at 18:18 — Reply

    So sehe ich es auch — wir sehn uns dann im Alten­heim 😉

  3. Jasmin Siever­ding 23. März 2011 at 18:22 — Reply

    “Viele Menschen glauben, Leis­tung und Erfolg könnten entkop­pelt werden. Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben.”

    Ja, ich gebe zu — ich habe auch mal so gedacht. Und auch als Grün­schnabel kann ich sagen, dass das doch schon ein paar Jahre her ist.… Aber es ist doch auch eigent­lich bequemer zu sagen “Och nö, der/die kann das nur weil ist halt so und Glück gehabt und Bezie­hungen und wenn ich wollte, dann könnte ich das auch”. Ist aber nicht so. Der Hase läuft anders, und da trennt sich dann eben auch die Spreu vom Weizen. Oder klingt das jetzt zu negativ? Hat aber im weitesten Sinne auch mit “säen” und “ernten” zu tun… 😉

  4. Svenja Hofert 23. März 2011 at 18:32 — Reply

    So ist es! Ich denke, es ist sogar hilf­reich zu wissen, dass meist viel mehr Arbeit dahin­ter­steckt als sichtbar ist. Dann nimmt man das eigene Vorhaben ernster 😉 LG

  5. Britta Beck­mann 23. März 2011 at 18:48 — Reply

    Es gibt so einen schönen Satz von Pippi Lang­strumpf (jaja, immer die Beispiele von den Skan­di­na­viern 🙂 ), da will sie sich ans Klavier setzen und die ängst­liche Annika fragt: “Aber Pippi, kannst Du denn über­haupt spielen?” und Pippi sagt: “Ich weiß nicht, ich hab es noch nicht versucht”. — Ich denke, im besten Fall weiß man, dass es zum einen zwar 10.000 Stunden dauern kann und man Duracell-Hasen-artig einfach weiter­macht, zum anderen aber das beim Tun gleich wieder vergisst und immer schön frisch dabei bleibt. In diesem Sinne: klim­per­klim­per­klimper…

  6. Erich Feld­meier 23. März 2011 at 19:18 — Reply

    ich habe auch (frühes­tens) im Alters­heim meine 10.000 Klavier­stunden zusammen 😉
    biete aber als Grün­­dungs- und Band-Mitglied alter­nativ ein Mehr­­ge­­ne­ra­­tionen-Projekt:
    Wohnungs­bau­ge­nos­sen­schaft Jung & Alt e.G., http://www.wgja-hamburg.de/flottbek.html

    Das Klavier­­stunden-Beispiel ist (wie übri­gens auch die Zahn­pas­ta­tube, im Buch: ichhasseteams.de)
    auch in meinem Buch ‘Sonn­tags Reden’ drin… 😉
    um zu verdeut­li­chen, dass ‘uns’ ‘unser Wissen’ nicht geschenkt wird:
    “Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns unser kleines Wissen
    hart erar­beiten mussten und müssen, jeder für sich, nicht durch Transfer von Infor­ma­tionen vom Server auf /unsere Festplatte/”

    Inno­va­tive Grüße,
    EF

  7. Lars Hahn 23. März 2011 at 21:25 — Reply

    10.000 Stunden? Och nö!
    Muss auch gar nicht sein. Viele Menschen schätzen es, wenn sie mit breit­ver­teilten durch­schnitt­li­chen Fähig­keiten ganz gut gene­ra­lis­tisch aufge­stellt sind. Von vielem etwas zu können, birgt den Vorteil, auch mit vielen Menschen zu können.
    Zuge­geben: Berühmt werden Sie damit eher nicht. Aber mögli­cher­weise haben Sie 7.000 Stunden mehr freie Zeit für andere schöne Dinge als der auf ein Ziel mit aller Energie hin Stre­bende. Das hat auch etwas! 😉

    Übri­gens: Ich war immer etwas bequem und faul und legi­ti­miere mit dem oben Gesagten meine Lebens­tra­tegie 😉

  8. Svenja Hofert 24. März 2011 at 10:03 — Reply

    @larshahn: Glaub ich nicht, dass Sie faul sind. So viel lesen und antworten wie Sie es tun, das ist nicht faul — und man kann auch gene­ra­lis­tisch und völlig entspannt seine 10.000 Stunden inves­tieren 😉
    @brittabeckmann: Ja, Pippi!!! Die Mutter des weib­li­chen Selbst­ver­trauens, gran­diose Ergän­zung 🙂
    @erichfeldmeier: wir treffen uns mit 80 am Klavier eines Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­hauses (oder muss man da leise sein?)

  9. Daniel Rettig 24. März 2011 at 15:43 — Reply

    Kleine Anmer­kung: Es geht nicht darum, 10.000 Stunden immer und immer wieder dasselbe zu tun — sondern um “ziel­ge­rich­tetes Üben”. Will sagen: stän­dige Stei­ge­rungen, konstantes Feed­back, etc. Der Titel der Origi­nal­studie lautet übri­gens “The role of deli­be­rate prac­tice in the acqui­si­tion of expert perfor­mance” — via Google findet man das .pdf-Doku­­ment.

    • Svenja Hofert 24. März 2011 at 17:24 — Reply

      Hallo Herr Rettig, vielen Dank, das ist ein Super­tipp. LG SH

  10. Zorem 25. März 2011 at 0:28 — Reply

    Die Studie ist inzwi­schen mehr ein Marke­­ting-Instru­­ment für Trainer und Berater, die damit verkaufen. Anstatt zu zitieren einfach das Thema verstehen.

  11. Katja Zakotnik 30. März 2011 at 10:22 — Reply

    Ein wenig schmun­zelnd lese ich als Profi-Cellistin gerade diesen Blog­ein­trag und die Kommen­tare dazu. Wie wunderbar, Frau Hofert, dass Sie sich zum Klavier­spielen entschlossen haben!

    10.000 Stunden klingt nach einer ganzen Menge, ist aber doch weniger als gedacht: Viele Bewe­gungen in der Musik können wir mental üben (also die Bewe­gung inner­lich vorstellen ohne sie tatsäch­lich auszu­führen) . Kinder machen das oft als eine Art von Tagtraum auto­ma­tisch. Man kann diese Fähig­keit aber auch trai­nieren und gezielt einsetzen. Der berühmte Pianist Walter Giese­king hat neue Werke sogar grund­sätz­lich ohne Instru­ment gelernt.

    Fazit: Chopin muss nicht unbe­dingt bis zur Senio­ren­re­si­denz warten. 🙂

    Beste Grüße,
    Katja Zakotnik — http://www.katja.zakotnik.de

  12. Svenja Hofert 30. März 2011 at 14:25 — Reply

    Liebe Frau Zakotnik, das lässt mich ja hoffen. Vielen Dank für den Kommentar. LG Svenja Hofert

  13. […] Nichts­des­to­trotz ist es absolut sinn­voll, eigene Schwä­chen iden­ti­fi­ziert zu haben.  Und halten Sie sich jetzt fest – nicht etwa, weil ich wie alle anderen glaube, man solle Stärken stärken. Ich finde: Viele der selbst­emp­fun­denen Schwä­chen sind der Einbil­dung geschuldet. Ich will Ihnen ein Beispiel als selbst Betrof­fene nennen: Ich halte mich nicht für eine mathe­ma­ti­sche Leuchte, weil  ich abhängig von Lehrer und Thema von einer 1 bis zu einer 5 alle Noten mal hatte. Ich bildete mir irgend­wann ein, stärker in Text­auf­gaben zu sein als im Rechnen, also vermied ich das Kopf­rechnen. Nun habe ich neulich mit meinem Partner und meinem Sohn einen Schnell­re­chen­wett­be­werb im Auto durch­ge­führt. Beide sind Mathe-Einser­­kan­­di­­daten. Was soll ich sagen? Ich habe den Wett­be­werb gewonnen.  Das hat eine Theorie bestä­tigt, die ich seit längerem habe: Entschei­dend für die Wahr­neh­mung von Schwä­chen sind eigene Erfah­rungen und das Feed­back von anderen. Bekomme ich wenig Bestä­ti­gung für etwas, höre ich entweder auf mich damit zu beschäf­tigen oder sage bei ausge­prägten Kampf­geist „jetzt erst recht“.  Siehe Talent und 10.000-Stunden-Regel. […]

  14. […] ist. All wurden bekannte Schach­spie­le­rinnen. Seine These: Alles Übung. Das belegt auch die 10.000 Stunden-Regel. Sie ist gleich­zeitig aber auch ein Beleg dafür, dass es wichtig ist, sich auf wesent­liche […]

  15. […] die man braucht, um Meis­ter­schaft zu erlangen, dazu gerechnet. Grund­lage ist hier die so genannte 10.000-Stunden-Regel. Um wirk­lich zu sagen “Ich kann´s” ist diese Zeit  mindes­tens notwendig – nicht […]

  16. […] Fähig­keiten. Talent, so belegt eine viel zitierte Studie, braucht sehr viel Übung braucht, etwa 10.000 Stunden. Und wenn wir Wunsch­denken mal außen vorlassen, werden wir das aus eigener Erfah­rung […]

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