Kate­go­rien

New Work heißt: Arbeiten an den schönsten Orten der Welt

Published On: 16. März 2021Cate­go­ries: Karriere
New Work - Arbeiten, wo du willst

In den sonst leeren Strand­cafes sitzen mehr und Menschen mit Macbooks. Madrids Hotel­zimmer werden zunehemnd an digi­tale Nomaden vermietet. Die spani­sche Haupt­stadt zieht in Corona-Pande­­mie­­zeiten Unter­neh­mens­be­ra­te­rinnen und andere Wissens­ar­beiter an. Menschen mit digi­talen Jobs und in Kurz­ar­beit zieht es nach Lissabon, Sansibar und in andere Teile der Welt, in denen sich digi­tale Arbeit mit Sonne, Leben und offenen Cafes verbinden lassen.

Die Pandemie ist wie ein Brenn­glas — auch für solche Trends.

New Work heißt: arbeiten, wo immer man will

Ich habe New Work lange für ein vom Recrui­ting miss­brauchtes Buzzword gehalten. Die Corona-Pandemie hat das geän­dert. Seit einem Jahr spüre ich, was New Work wirk­lich ausmacht und dass der Philo­soph Fritjof Berg­mann recht hatte, als er prognos­ti­zierte, dass die Digi­ta­li­sie­rung zur Regio­na­li­sie­rung führen würde. Aller­dings zu einer anderen Form der Regio­na­li­sie­rung. Wissens­ar­bei­te­rinnen können sich ihren Arbeitsort aussu­chen. Nicht mal mehr für Meetings muss man mal mehr vor Ort sein. Events und Work­shops — überall auf der Welt möglich.

New Work ist also mehr als die Befreiung der Menschen von übler Lohn­ar­beit in taylo­ris­ti­schen Fabriken. Sie ist die Befreiung von der Bindung an Wohn­orte — und auch vom digital rück­stän­digen Deutsch­land.

Weg mit den Lege­bat­te­rien

Ich sehe eine Zukunft, in der die Lege­bat­te­rien namens Groß­raum­büro in rasantem Tempo verschwinden. Ich sehe immer mehr Menschen, die Home Office nicht mehr nur als Über­gangs­lö­sung begreifen werden. Ich sehe, wie sich die Städte im Süden füllen — aber auch eine große Bewe­gung zurück ins heimi­sche Dorf, viel­leicht auf eine nord­deut­sche Insel.

Home Office ist überall — und ja, es ist eine kleine, privi­le­gierte Schicht. Rund 8 Prozent können ausschließ­lich im Home Office arbeiten. Es werden aber immer mehr werden.

Nicht nur die Kauf­häuser werden aus den Innen­städten verschwinden… Auch Menschen in Anzügen und mit Akten­kof­fern.

Online-Zusam­­men­ar­­beiten geht besser, als viele denken

Ich sehe Probleme, aber auch viele Lösungen. Ich habe selbst erfahren, dass tech­no­lo­gi­sche Kompe­tenz dazu führt, dass man Online sogar noch besser zusam­men­ar­beiten kann. Es braucht tech­no­lo­gi­sche Möglich­keiten und da schießt sich Büro­­­kratie-Deut­sch­­land gerade konse­quent weiter ins Abseits gegen­über Ländern, die weniger restriktiv sind, was etwa Zoom und in den USA oder China gehos­tete Kolla­bo­ra­ti­ons­soft­ware wie Mural und Miro oder den Daten­schutz angeht.

Glas­faser in Spanien, in Deutsch­land ruckelt´s

Glas­faser nutze ich seit Jahren in meiner spani­schen Zweit­woh­nung. In Deutsch­land verriet mir kürz­lich die Telekom, die Steck­plätze für das schnelle Breit­band seien an meinem Wohnort bis mindes­tens 2024 belegt und keine neuen geplant. In unserem Innen­­stadt-Büro fallen die Leitungen immer wieder aus. Es ruckelt also weiter in Deutsch­land.

Aber es geht nicht nur um Technik:  Spätes­tens als ich den Burnout von Menschen erlebte, deren Lebens­elixir das Büro ist, erkannte ich, dass psychi­sche Gesund­heit inklu­sive der Fähig­keit, sich abzu­grenzen und selbst zu moti­vieren Voraus­set­zung für Online-Team­­ar­­beit ist. Agile Selbst­or­ga­ni­sa­tion bekommt somit einen ganz neuen Sinn.

Online und digital Arbeiten kann für jene, die das nicht gewohnt sind und die Energie aus dem Büro-Small-Talk ziehen,  eine Belas­tung sein. Für andere aber ist es Befreiung. Manchmal kommt erst die eine und dann die andere Erkentnis.

Führungs­kräfte stehen auf der Leitung

Bei dieser Heraus­for­de­rung stehen tradi­tio­nell sozia­li­sierte Führungs­kräfte buch­stäb­lich auf dem Schlauch. Sie schieben ihre tech­no­lo­gi­sche Inkom­pe­tenz nicht selten auf die Unzu­läng­lich­keit von Arbeit auf Distanz im Allge­meinen. Neulich hörte ich von einem jungen Absol­venten, der morgens um 9 Uhr im Home Office darauf wartet, dass ihm der Chef Arbeit zuteilt. Meist schafft das die auf Einzel-Command- und Control ausge­rich­tete Führungs­kraft aber zeit­lich nicht. Komplett unter­for­dert, geht der junge Mann dann in den Park und baut an seinem digi­talen Neben­ge­schäft…

Führungs­kräfte der alten Schule haben die Poten­ziale von Selbst­or­ga­ni­sa­tion in der Tiefe nicht verstanden. Sie arbeiten sich ab am Indi­vi­duum und Mikro­ma­nage­ment. Die Rolle tech­no­lo­gi­scher Restrik­tionen haben viele eben­so­wenig verstanden. Was es etwa für die (ngea­tive) Produk­ti­vität bedeutet, wenn Mitar­bei­te­rinnen gezwungen sind, das private Ipad für Konfe­renzen zu nutzen… weil man dann wenigs­tens Zoom verwenden kann. Aber eben auch nicht richtig. Mit Krücken aber geht man lang­samer…

Talente halten, die überall sein können

Perso­nal­ma­na­ge­rinnen, Recrui­te­rinnen, auch Diagnos­ti­ke­rinnen werden neu denken müssen. Die Frage der Zukunft wird sein, wie man Talente hält, die in anderen Teilen der Welt arbeiten können und denen es dort nicht nur gesund­heit­lich besser geht als hier. Während der Pandemie und erst recht danach.

Es wird für die Unter­nehmen nun darum gehen, jene Kräfte auszu­bilden, die mensch­lich und tech­no­lo­gisch in der Lage sind, multi­kul­tu­relle Teams auf der ganzen Welt zu führen. Über­haupt, Teams: Die psycho­me­tri­sche Vermes­sung von Einzel­per­sön­lich­keit gerät spätes­tens jetzt an Grenzen. Ganz neue Fragen entstehen, etwa die, wie „Onboar­ding“ und eine lang­fris­tige Bindung an Unter­nehmen im Home Office erfolgen kann.

New Work ist kein schönes und schi­ckes Büro oder Startup-Atmo­­sphäre mit Kicker mehr. Es ist die neue Art, von überall zu arbeiten, die nicht mehr nur mit Reisen zu tun hat, sondern mit Rück­kehr zu Orten, an denen es sich preis­werter, tech­no­lo­gisch freier und oft auch gesünder leben lässt.

Mehr als 100.000 Menschen haben London verlassen, las ich kürz­lich. Keines­wegs weil sie arbeitslos wurden, sondern weil sie während der Lock­downs erkannt haben, dass sie auch von Zuhause arbeiten können. Groß­städte werden bald ganz anders aussehen. Dörfer aber auch.

Wie so oft hat eine Krise den wirk­li­chen Wandel begründet.

Svenja Hofert ist Buch­au­torin, Kolum­nistin und Geschäfts­füh­rerin der Team­works GTQ GmbH, ein Weiter­bil­dungs­in­stitut, das mit zeit­ge­mäßen Ausbil­dungen und Work­shops seit einem Jahr Trends in Online-Weiter­­bil­­dung setzt.

Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne in “Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell” und danach bei XING.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

One Comment

  1. Johannes Terhalle 18. März 2021 at 14:28 — Reply

    Hallo Frau Borchert,

    danke für Ihre elan­volle Botschaft! Wenn man für den (oft lokal verwur­zelten und oft werte­ba­sierten) Mittel­stand arbeitet, liegen die von Ihnen genannten Themen schon seit langem nahe. Aller­dings hat der Entwick­lungs­treib­satz Pandemie tatsäch­lich mobile working forciert möglich gemacht. Die Entkop­pe­lung des Wohn­sitzes vom Arbeits­platz in der Metro­pole, man muss ja nicht mehr täglich hinpen­deln — ist wahr­schein­lich ein Ergebnis. Gut möglich, dass man sich dann noch weiter entkop­pelt — die qm-Preise werden nied­riger, der Pool größer — und sich dann in die regio­nale Gegen­rich­tung im Raum gele­genen Unter­nehmen zuwendet. Was mir jedoch sehr fehlt ist in Ihrer Darstel­lung die soziale Einbet­tung. Es ist mit zu free­lancer- / lone­some Cowboy-mäßig. Die gebün­delte Infra­struktur der Stadt schafft eben auch Ange­bote: von der Arzt­viel­falt, wenn die Menschen über den Jugend-Unver­­­let­z­­lich­keits­­wahn hinaus sind — so ab 50 etwa, oder für Heran­wach­sende, die nichts sehn­süch­tiger suchen, als der (regional bedingten) begren­zenden Lebens­vor­stel­lung der Eltern / der regio­nalen Gemein­schaft für einE diverse Vorstel­lung zu entfliehen, oder um als Krea­tiver — der Präsenz benö­tigt — sagen wir Jazz­mu­siker — im erlebten physisch-realen Gemein­schafts­raum mit anderen zu agieren / impro­vi­sieren. Und die Verant­wor­tung für die Eltern­ge­nera­tion. igrend­wann startet das. Manager kehren dann mit Fami­lien anch 20 Jahren aus USA nach D. zurück, weil die Eltern zu gebrech­lich sind und selbst nicht mehr fliegen. Ein Kind bleibt in den USA, eines kommt mit .… Die Flexi­bi­lität ist eben begrenzt und temporär zu sehen. Defacto aber glaube ic auch, dass die Digi­ta­li­sie­rung die Renais­sance des Herkunfts­ortes fördert. Das habe ich mir schon vor 15 Jahren in der sich entvöl­kernden Bretagne gedacht. Die Groß­el­tern haben das beschei­dene Haus dort gebaut, die Kinder haben es verlassen, in der Enkel­zeit verfällt es. Tatsäch­lich haben Unter­nehmen in Groß­städten — z.B. München Probleme die bereits dort ansäs­sigen nach 10 Jahren zu halten, dann wenn das 2. Kind kommt und man sich an einen der Herkunfts­orte zurück­zieht. Dort gibt es Bauplatz, Natur und in Zeiten des Kandi­da­ten­marktes auch gute Arbeits­plätze.
    Mit Gruß JT

Leave A Comment