Kate­go­rien

New Work 2022: Das Ende der Illu­sionen und was JETZT wirk­lich zählt

Published On: 8. März 2022Cate­go­ries: Führung

In immer mehr Firmen teilt sich die Beleg­schaft seit der Pandemie in Mitar­beiter mit Remote-Arbeits­­ver­­­trag und Andere. Die räum­liche Ungleich­be­hand­lung ist jetzt program­miert, denn viele der Remote-Worker sind aufs Land gezogen. Einige haben Deutsch­land verlassen. Co-Working abroad ist eine in den letzten zwei Jahren stark gewach­sene New Work-Philo­­so­­phie.

Diese Philo­so­phie ist anders als das, was sich Firmen vorstellen. Denn wer weit weg ist, hat Distanz zum Job. Ich habe mit einigen gespro­chen. Sie sagen, Job ist Job, Leiden­schaften kann ich woan­ders nach­gehen. Darunter sind Unter­neh­mens­flücht­linge, die im Konzern nicht mehr wachsen konnten. Darunter sind aber auch solche, die sich Büro­ar­beit nicht mal vorstellen können.

Unter­nehmen lassen nicht los

Das scheint ein Wider­spruch zu dem, was sich Unter­nehmen so vorstellen, wenn sie New Work in den Mund nehmen. Dann denken die meisten an Räume und flache Hier­ar­chien. Doch eher um durch Corona verloren gegan­gene Bindung zur Orga­ni­sa­tion wieder­her­zu­stellen, nicht um loszu­lassen.

Das können sie nicht, denn es würde bishe­rige Struk­turen zu grund­le­gend in Frage stellen. So kommt man erst gar nicht dahin, grund­sätz­lich darüber nach­zu­denken, ob es das jahr­zehn­te­lang erprobte Normal­ar­beits­ver­hältnis mit allerlei Bull­shit Jobs, die niemand nutzen, noch flächen­de­ckend braucht. Wie war das? Systeme erhalten sich so lange selbst, wie sie sich selbst erhalten.

Was ich auf Seiten der Arbeit­neh­menden erlebe, kommt dem Modell nahe, dass sich Fritjof Berg­mann einst vorstellte, nur dass immer noch viel Arbeits­zeit für den Brotjob drauf­geht. Die Kluft zwischen unter­schied­li­chen Lebens- und Arbeits­formen ist durch die Pandemie größer geworden, vor allem in der Laptop­klasse. Führung in der bishe­rigen Form steht vor einem Muster­wechsel. So werden die Möglich­keiten zur Zukunfts­ge­stal­tung oft nicht von Lehm- sondern Lähm­schichten ausge­bremst.

#Newwor­know ist der rich­tige Zeit­punkt

An einem Wende­punkt, kurz vor der von vielen geplanten Rück­kehr in die Büros zum 20.3.2022, rückt Compe­­tence-Site-Betreiber Winfried Felser New Work wieder ins Blick­feld. Er hat zur Blog­pa­rade unter #NewWor­kNow aufge­rufen. Es gab so einen Aufruf von Winfried Felser schon einmal, 2017. Meine Kolumne, die auch in Huffington Post erschien, hieß damals „New Work: 5 blinde Flecken in Sachen Zukunft der Arbeit“.  Jeder der Punkte stimmt immer noch, und doch sind wir heute anderswo.

#NewWork­Jetzt­Nicht hat Kollege Markus Väth mit seinem Beitrag geant­wortet. Väth argu­men­tiert, man dürfe sich vom Digi­ta­li­sie­rungs­schub durch Corona nicht täuschen lassen. Die mentale Haltung, der Wille, die Herzens­bil­dung hinke hinterher. Ich gebe ihm recht, und doch liegt er falsch. Es ist der rich­tige Zeit­punkt, weil jetzt weitaus radi­ka­lere Schritte möglich sind. Die Chance liegt in den schreck­li­chen, gefähr­li­chen, exis­tenz­be­dro­henden Krisen dieser Welt. Sie zeigen uns etwas, was wir in normalen Zeiten nicht sehen können: Das Brüchige, Verletz­liche und unseren irrtüm­li­chen Glauben, etwas im Griff und in der Hand zu haben.

Es geht nicht um Räume und Hier­ar­chien

Aller­dings: New Work ist nichts für alle, sondern nur für eine kleine Minder­heit. Es entsteht vor allem da, wo Produk­ti­vität und Effek­ti­vität hinter Krea­ti­vität zurück­treten müssen. Das ist auch der Wirk­sam­keits­be­reich von Agilität. Agilität und New Work sind zwei Strö­mungen, die neben­ein­ander herlaufen, weil sie sich nicht direkt kreuzen können.

Bei Agilität wie bei New Work gibt es jedoch das gleiche Miss­ver­ständnis von Allge­mein­gül­tig­keit. Man denkt, alles würde agil werden oder alles zu einer New-Work-Welt.  „Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt“, schrieb einst der Science-Fiction-Autor William Gibson.

Man braucht nur Putin und Stewar­dessen oder die Top-Manager auf der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz zu betrachten um zu erkennen, dass die alte Welt gegen­wärtig ist. Aber es gibt eben auch das andere, das ist schwer zu verstehen und nur einer Minder­heit zugäng­lich. Die Revo­lu­tion findet im Umfeld von Block­chain und NFTs statt. Dort geht es nicht nur ums Geld­ver­dienen und Invest­ments, sondern auch um eine neue Art sich zu Orga­ni­sieren.

New Work als Folge der Orga­ni­sa­ti­ons­form der Zukunft

Eine Idee von dieser Zukunft geben DAO´s, dezen­tra­li­sierte auto­nome Orga­ni­sa­tionen, die sich immer weiter entwi­ckeln und diver­si­fi­zieren. Diese Orga­ni­sa­tionen werden durch Compu­ter­pro­gramme codiert und gesteuert.  Eine Gruppe von Usern hat sich via Block­chain-Tech­­no­­logie vernetzt und verwaltet gemeinsam einen Etat von Kryp­to­wäh­rungen. Über die Stimm­rechte entscheiden Tokens.

Dezen­tra­lität gilt überall als Schlüssel, um Macht­kon­zen­tra­tionen zu verhin­dern.  Auch jenseits der Block­chain-Tech­­no­­logie und ihrer Chancen versucht man neue agile Orga­ni­sa­ti­ons­formen, die sich durch Büro­kra­tie­abbau flexi­bler den neuen Bedin­gungen anpassen. Doch der Grad zwischen neuer Büro­kratie und Beweg­lich­keit ist schmal.…

Traue keiner Prognose

Wie wird es weiter­gehen? Wir neigen zu prozes­si­ons­be­ding­ten­Idea­li­sie­rungen und bauen Entwick­lungen gern in unsere Wirk­lich­keit, auf dass sie dort Sinn machen mögen. Unsin­niges können wir schwer akzep­tieren, siehe Putin. Unser Blick ist auf kleine Punkte gerichtet: Wir sehen Personen, aber nicht den Kontext, indem sie handeln.

Wir können auch nur in die eine Rich­tung sehen — und nicht zugleich in die andere. Und so verkennen wir die Entwick­lungen dort, wo wir gerade nicht hinsehen, beispiels­weise weil keiner hinzeigt. Hinzu kommt der Wunsch nach dem Happy End.

Der viel beach­tete Essay von Matthias Horx, „Die Wahr­heit nach Corona“, am 6.7.2020 geschrieben, liest sich heute weniger wie eine Prophe­zei­hung als ein herbei­ge­sehntes Happy End. Aber da ist es so wie mit Filmen: Es hat der Zweck der Seelen­hei­lung sehr wohl erfüllt, nicht aber den der Voraus­schau.

Wir unter­liegen unseren eigenen Heuris­tiken und Verzer­rungen. Unsere wunder­bare Beschränkt­heit löst sich erst dann auf, wenn wir zusammen etwas schaffen und gestalten. In einem Umfeld, das Viel­falt in der Wahr­neh­mung zulässt, im Bewusst­sein eben dieser Beschränkt­heit. Und an diesem Punkt befinden wir uns, siehe Cancel-Culture, im Rück­wärts­gang.

Selbst die schlau­esten Köpfe schaffen es nicht, verschie­dene Varia­blen zusammen zu denken. So geht es am Ende gerade jetzt wieder um eine Kompe­tenz, die mehr Rigi­dität als Agilität erfor­dert: Die Kompe­tenz sich unter Unsi­cher­heit für eine neue Rich­tung zu entscheiden. Wie wäre es mit New Work? Was auch immer das JETZT für Sie bedeutet.

Foto: pexels-andrea-piac­­quadio

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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