Kate­go­rien

Mach mit – auch, wenn du dagegen bist

Published On: 28. März 2022Cate­go­ries: Führung

Meine Kolle­ginnen wollen gendern. Sie sind sicher, dass unsere Kunden das auch wollen. Ich selbst finde es schwierig, Mörde­rinnen zu verschlu­cken und Kund*innen mit Stern­chen zu versehen. Ohne über­zeugt zu sein, gehe ich bei Ange­boten und nicht-redak­­tio­­nellen Texten mit.

„Disagree und commit“ ist eine Fähig­keit, die immer wich­tiger werden wird. Das ist kein Grup­pen­denken. Das ist Sich-Zurück­­nehmen, damit die anderen voran­kommen.

Commit­ment als Schwester der Compli­ance

Commit­ment, zu deutsch unzu­rei­chend mit „Selbst­ver­pflich­tung“ über­setzt, ist die Schwester der Compli­ance. Roman­tiker denken, Commit­ment bedeute, dass alle zu etwas „ja“ sagen und mit vollem Herzen dabei sind. Doch je mehr Menschen betei­ligt sind, je sicht­barer Unter­schiede in Meinungen und Haltungen, desto unwahr­schein­li­cher allge­meine Zustim­mung.

Deshalb trägt Commit­ment auf der Ebene von Orga­ni­sa­tionen immer auch das „disagree“ in sich. Ich folge nicht aus tiefer, innerer Über­zeu­gung, sondern weil Mitma­chen dem großen Ganzen mehr nützt als Dage­gen­sein. Das gilt aller­dings nur in unsi­cheren Situa­tionen. Dann also, wenn nicht bere­chenbar ist, was heraus­kommt. Dann, wenn Exper­ten­wissen gar nichts mehr nützt.

Frage „Home Office ja oder nein”

Derzeit ist es die Frage „Home Office ja oder nein“ mit der sich Chefinnen herum­plagen. Unter­nehmen revi­dieren Entschei­dungen dazu im Wochen­rhytmus. Weil niemand genau weiß, wie sich das auf Mitar­bei­ter­bin­dung und Fluk­tua­tion, auf Leis­tung und Inno­va­tion auswirkt. Man kann Mitar­beiter durch zu wenig Bindung verlieren, aber auch weil sie ins Büro zurück müssen. Völlig unsi­cher und dann auch noch überall anders, da unbe­re­chen­bare Varia­blen herein­spielen.

Commit­ment beinhaltet keine Rechts­norm. Es braucht „nur“ eine innere Haltung. Haltung hat, wer sich inner­lich an sich selbst orien­tieren kann. Niemand muss mir mit Gefängnis oder der Hölle drohen. Ich tue es, weil es meinen Prin­zi­pien entspricht.

Commit­ment ist auch einer der agilen Scrum-Werte. Wenn ein Team gemeinsam an etwas arbeitet, braucht es dieses Commit­ment – gefolgt von Mut, Offen­heit, Fokus und Respekt. Das sind alles Wort­hülsen — auf der einen Seite. Auf der anderen können eben diese Wort­hülsen Rich­tung geben.

Wenn ich mutig bin, dann traue ich mich etwas.

Wenn ich mutig bin, dann traue ich mich etwas. Dann trete ich ein für meine Ideen und habe sie nicht nur einfach. Dann gebe ich kein Commit­ment, wenn ich über­zeugt bin, dass die anderen auf dem Holzweg sind.

Erin­nern Sie sich an das Nasa-Spiel aus der Grup­pen­dy­namik? Jeder findet erst mal für sich eine Lösung. Aber dann geht es darum, seine Ideen auch durch­zu­setzen. Und was, wenn es bessere sind, als die anderen haben?

Wer dann glaubt, mit den eigenen Ideen auch den anderen zu nutzen, versetzt Berge. Aber wehe, ich zweifle an mir und meinen Ideen! Dann gehen wir unter, weil wir uns von jemanden führen lassen, der sich nur selbst über­schätzt.

Und hier wird deut­lich, wie viel­schichtig Commit­ment ist. Commit­ment braucht mich und die anderen, denen ich das Commit­ment gebe.

Die Welt ist kein bere­chen­bares Nasa-Spiel mehr. Wenn Unsi­cher­heit das Feld domi­niert, braucht es die Fähig­keit, Entschei­dungen zu treffen, aber auch sich diesen zu beugen. Führen und folgen wird dann zu einem Fließ­gleich­ge­wicht, das Balan­cieren zur eigent­li­chen Kompe­tenz.

Diese Kolumne erschein zuerst in “Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell” und liegt hier bei LinkedIn als PDF vor.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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