Kate­go­rien

Stadt, Land, Job: Wo die Stelle hinzieht

Published On: 13. Mai 2011Cate­go­ries: Führung

Was wenn der Traumjob auf dem Land ist? Mitten in der Wala­chei? Dort, wo die Nach­barn hinter der Gardine hervor­spinxen, wenn Sie (spät) nach Hause kommen? Wo Jugend­liche wie Hühner auf Busbahn­hof­stangen sitzen und nicht mal niveaulos „hey digger“ rufen, sondern nur verstohlen grinsen, wenn Sie (ein Fremder) vorbei­ziehen? Wo selbst akade­misch ausge­bil­dete Frauen als statis­ti­sche „Ausfälle“ mit unter 30 heiraten — und, unglaub­lich für uns Städter, in diesem quasi jugend­li­chen Alter schon Kinder bekommen. Dort, wo auch die Betriebs­zu­ge­hö­rig­keiten über­haupt nicht so kurz geworden sind, wie uns z.B. die liebe Frau Hofert in ihrem Karrie­re­ma­cher­buch weis­ma­chen will?   17 Jahre, 30 Jahre in einem Unter­nehmen: hier gibt´s das doch noch. Schön finden das manche, ein Graus ist es für andere.

Immer wieder kommt es in meiner Bera­tung und ganz sicher auch überall anders vor, dass  der mühsam nach einer Neuori­en­tie­rung ins Visier genom­mene Job, der zu einem Kunden passt, sich nicht in Hamburg oder einer netten Stadt findet, sondern fernab vom Schuss.  So fern, dass kein 30 Minuten Sprint in die Innen­stadt das kultu­relle Defizit auszu­glei­chen hilft. Von Pinne­berg nach Hamburg, von Kerpen nach Köln – das kann jeder. Ich meine richtig weit weg.

Je spezia­li­sierter Sie sind, desto weniger Auswahl bietet das heimat­liche Umfeld, so eine Regel, die uns die schöne neue Arbeits­welt beschert. Eine Inge­nieurin, spezia­li­siert auf Kunst­stoff, kann nicht überall passende Jobs finden — die Spezia­li­sie­rung zwingt zum Umzug, es sei dann man gibt sie auf. Gibt man etwas nicht auf, bestimmt der Arbeits­platz den Wohnort.  Und dann hängt man dann da. „Hier musste ich meinen Jagd­schein machen, es gibt sonst nichts“, klagte ein jenseits von München unter­ge­kom­mener Tech­niker. Eine Klientin von mir wendete schon auf dem Absatz. „Da ist nichts, keine Kultur, mal abge­sehen von dem Kino, das zwei alte Filme zeigt. Da nehme ich doch lieber einen Brotjob an.“ Die Unter­nehmen, die oft in der länd­li­chen Umfeld­be­völ­ke­rung nicht genü­gend Fach­kräfte rekru­tieren können, wissen dass sie schon ordent­lich was bieten müssen, um Mitar­beiter zu locken. Dicke Autos, fette Gehälter, mehr Lebens­ba­lance. Die Nicht­an­tritts­quote bei Firmen jenseits von Groß­städten soll bei über 50% liegen. Damit meine ich die Quote derje­nigen, die trotz Zusage und selbst nach Vertrags­un­ter­zeich­nung die Stelle dann doch nicht nehmen oder nach wenigen Wochen flüchten – zum Bespiel nach einem Blick auf das Kino­pro­gramm.

Wer sieht, dass seine Traum­jobs nicht um die Ecke liegen, sondern z.B. am Bodensee oder der Grenze zum Elsass, begreift oft, was wirk­lich wichtig ist: Eine Balance zwischen Beruf und Leben. Was habe ich davon, wenn ich für eine tolle Marke arbeiten kann, zur nächsten Groß­stadt aber 300 Kilo­meter unter­wegs bin? Das Gesagte gilt übri­gens teil­weise auch umge­kehrt: Neulich traf ich eine Frau, die aus Rügen kam – und nach einigen Jahren in Bremen unbe­dingt dorthin zurück­wollte.  Selbst, wenn es dort außer Jobs in Hotels nicht viel Auswahl gibt. Die Region bestimmt den Arbeits­markt. Wenn ich bleiben will, muss ich mich den Regeln beugen.

Das Bedürfnis nach regio­naler Verwur­ze­lung – bei vielen ist dies größer als zunächst gedacht. Das ist ein Aspekt, den Mitar­beiter und auch Unter­nehmen bei all der Traum­job­suche, Berufs­fin­dung, Profil­schär­fung und dem aktu­ellen Spezia­li­sie­rungs­trend nicht unter­schätzen sollten. Für Arbeit­nehmer heißt das: Manchmal kommt erst die Region, die Stadt – und dann die Jobidee. Für Unter­nehmen: Um inter­es­sante Mitar­beiter zu bekommen, muss man findig sein und starre Regeln aufgeben. Ein guter Bekannter von mir hat ausge­han­delt, dass er drei Wochen vor Ort in der Wala­chei richtig schuftet und dann eine Woche da sein kann, wo er leben will. So lässt es sich leben — zum vollen Gehalt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 15. Mai 2011 at 9:44 — Reply

    “Eine Balance zwischen Beruf und Leben”: bedeutet, dass ein Mehr von einem zu einem Weniger vom anderen führt. Wenn Ihr guter Bekannter drei Tage schuftet um 4 Tage zu leben, dann ist der Burnout vorpro­gram­miert. Wie viele Leben haben wir, dass wir 3/7 einfach wegwerfen können?

  2. Svenja Hofert 16. Mai 2011 at 8:38 — Reply

    Sagen wir so: Es ist eine Frage der Perspek­tiven, Möglich­keiten und des Alters/der Erfah­rung. Das Opti­male, das wissen Sie wie ich, ist es, sich seinen Job selbst zu machen — dann macht man die WLB gleich passend. Kann aber sein, dass ein Mensch noch nicht so weit ist, oder einfach auch zufrieden ist mit dem Modell, was er gerade hat. Ich kenne Leute, die arbeiten ohne Burnout sehr viel und andere, die arbeiten mit Burnout wenig. Dazu empfehle ich das Buch “8 Wochen verrückt“von Eva Lohmann. Das zeigt: Burnout kommt nicht von viel oder wenig, Burnout kommt von “falsch”, aufrei­bend, oder es ist umge­bungs­be­dingt. LG SH

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