Kate­go­rien

Der Zukunfts­job­si­cher­heits­schlüssel: Welche Berufe auch morgen noch funk­tio­nieren

Published On: 7. Juni 2011Cate­go­ries: Führung

Bank­kauf­frau sollte ich werden, wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre — wegen der Sicher­heit. Nun haben Bank­kauf­leute, trotz aller Wirren, wirk­lich eine extrem nied­rige Arbeits­lo­sen­quote (zuletzt, 1,1%, siehe Am besten wirst Du). Doch wer vom Schal­terjob geträumt hat, ist in einem ganz anderen Film aufge­wacht. Bank­kauf­leute berichten mir von genü­gend Jobs, aber wenig Freude mit dem, was die “neue Arbeit” so mit sicht bringt, etwa im Bereich der Prozess­op­ti­mie­rung.

Vom Markt verschwunden ist der Beruf des Schrift­set­zers. Auch ein Indus­trie­me­cha­niker, wiewohl ein MINT-Beruf, aufgrund hoher Konjunk­tur­an­fäl­lig­keit nicht sicher. Hinzu kommt die Bedro­hung durch Arbeit­neh­mer­über­las­sung, Zeit­ar­beit, Nied­rig­lohn, Akade­mi­sie­rung.

Sicher­heit, verbunden mit einem Beruf, der bis zur Rente führt — die gibt es nicht mehr. Zukunfts­si­chere Jobs durchaus, auch wenn sich diese Sicher­heit viel­leicht nur noch auf die nächsten 10, 15 Jahre bezieht. Aber das ist ja schon mal was. Ich habe acht Fragen ermit­telt, mit denen sich die Zukunf­s­si­cher­heit eines Jobs prüfen lässt:

1. Wird Technik die zum Beruf gehö­renden Tätig­keiten auf einfach erlern­bare Hand­griffe redu­zieren?

Wir sehen überall, wie Technik den Mensch ersetzt. Der Beruf des Schrift­set­zers ist durch die Einfüh­rung von Desktop Publi­shing (DTP) über­flüssig geworden. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch auf den betrieb­lich oder schu­lisch ausge­bil­deten Medi­en­ge­stalter zukommt – einen Beruf, der vor nicht allzu langer Zeit erst neu einge­führt worden ist. Seine Tätig­keit, etwa im Design und Layout, kann auch jemand ausüben, der sich ein Programm wie Inde­sign selbst beigebracht hat. Deshalb ist der Medi­en­ge­stalter gezwungen, sich beruf­lich entweder in eine krea­tive, tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Rich­tung weiter zu entwi­ckeln. Und dort erobern Akade­miker zuneh­mend das Feld.

2. Können fort­schrei­tende Prozess­op­ti­mie­rungen den Job über­flüssig machen, d.h. kann Technik über­nehmen, was bisher der Mensch tut?

Nehmen wir das Beispiel einer Kassie­rerin. Es ist  davon auszu­gehen, dass in nicht allzu ferner Zukunft niemand mehr an der Kasse sitzen wird, sondern wir den Einkauf selbst einscannen. Die größte Super­markt­kasse in Rumä­nien lässt die Kassen bereits jetzt umstellen, bei uns stehen solche Kassen schon seit 2003 in einigen Real-Super­­märkten. Noch stellt sich die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi gegen eine brei­tere Einfüh­rung – doch wie lange noch? Unge­lernte Kräfte stellen jetzt schon die Über­zahl im Einzel­handel, orga­ni­sa­to­ri­sche Tätig­keiten über­nehmen mehr und mehr Akade­miker. Es gibt nur noch “Master” (den Akade­miker, der aller­dings auch schon mal selbst Regale einräumen müssen) und Servant (alle anderen). Also besser nicht im Einzel­handel lernen, wenn man kein Master ist.

3. Ist für die Tätig­keit ein Wissen erfor­der­lich, dass sich nicht oder nur schwer auto­di­dak­tisch erwerben lässt?

Schauen wir uns einfach einmal in einer Büro­ein­heit um, die zu einem großen Komplex gehört. Welche Jobs kann der für alle Einheiten zustän­dige Haus­meister ausüben, für welche muss er einen Fach­mann kommen lassen? Beispiel: Einen Rohr­bruch wird der Haus­meister meist nicht selbst beheben. Auch elek­tri­sche Leitungen lässt er wohl einen Fach­mann verlegen. Die Wände dagegen kann er strei­chen oder kennt bestimmt jemand, der das billig macht. Viel­leicht er selbst auch, für ein paar Euro bar auf die Hand. Wenn wir weiterhin über­legen, wie sich die Haus­technik entwi­ckeln wird, können wir in diesem kleinen Rahmen schon schnell erkennen, welche Jobs Zukunft haben und welche nicht: es sind die infor­­ma­­tions- und elek­tro­tech­ni­schen.

4. Lässt sich der Beruf upgraden?

Ein zukunfts­si­cherer Job beinhaltet ein sinn­volles Konzept zur Weiter­ent­wick­lung  von Anfang an. Am besten hat er einge­baute Pfeiler zum Bauen von Brücken in andere, angren­zende Bereiche. Beispiel: Ein Studium Pfle­ge­ma­nage­ment baut auf einem erlernten oder studierten Gesund­heits­beruf auf. Logi­sches Baukas­ten­system. Auch Drei- und Vier­klänge machen oft Sinn: Aus dem Mix Alten­pflege, Gesund­heits­ma­nage­ment und Fach­jour­na­lismus wird die Firm gefragter Schreib­kom­pe­tenz, für sich auf Bran­chen und Segmente bezieht. Nur Schrei­ben­können reicht dagegen nicht mehr.

5. Ist die Tätig­keit vom Outsour­cing bedroht?

Abge­grenzte Tätig­keiten, etwa in der Buch­hal­tung und der Program­mie­rung, lassen sich outsourcen — einge­bun­dene Tätig­keiten dagegen kaum. Dieser Prozess ist längst nicht abge­schlossen, und er betrifft weiterhin auch und gerade Inge­nieure. „Einge­bunden“ sind Tätig­keiten, die verschie­dene Prozesse und Bereiche im und außer­halb des Unter­nehmen inte­grieren. Das kann man sich vorstellen wie den Unter­schied zwischen einem Punkt (abge­grenzt) und einem Netz (erstreckt sich). Ein Job, der isoliert ist wie ein Punkt, ist gefährdet. Ein Job, dessen einzelne Tätig­keits­stränge sich ausbreiten wie ein Netz, dagegen nicht. Beispiel: Program­mierer arbeiten „punk­tuell“, an einer Soft­ware oder Hard­ware. Entwi­ckeln sie auch Konzepte oder beraten sie, erwei­tern sie sich „netz­artig“.

6. Ist die Tätig­keit im Ausland so ohne weiteres aner­kannt?

In unserer mobilen Welt ist dieser Aspekt beson­ders wichtig. Die betrieb­liche Lehre wie in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz verbreitet, ist welt­weit einmalig. In anderen Ländern wird vieles, was wir im Betrieb lernen, in einem Studium vermit­telt. Es kann sein, dass der Abschluss einer Lehre woan­ders nicht aner­kannt ist. Oder dass es anderswo gar keine vergleich­bare Ausbil­dung gibt, wie etwa beim Alten­pfleger. Das schränkt die heute nötige Mobi­lität ein.

7. Wandert der Beruf den nächsten Jahren in den akade­mi­schen Sektor?

Immer mehr frühere Ausbil­dungs­be­rufe lassen sich inzwi­schen studieren. Das gilt etwa für Logo­pädie, Physio­the­rapie und Ergo­the­rapie. Auch Akus­tiker und Optiker können inzwi­schen statt Lehre gleich ein Studium absol­vieren, viel­fach sogar dual, d.h. sie erwerben einen Lehr­ab­schluss und den Bachelor. Noch wehren sich berufs­stän­di­sche Vereine und Verbände gegen diesen Trend, der den Lehr­beruf abwertet. In der Praxis werden akade­mi­sche Physio­the­ra­peuten deshalb oft von ihren Kollegen kritisch beäugt und absicht­lich gering geschätzt. Doch zukunfts­si­cherer ist bei Berufen, die ein erheb­li­ches theo­re­ti­sches Wissen erfor­dern, ohne Frage ein Studium. Überall dort, wo Ausbil­dung und Studium unmit­telbar konkur­rieren, empfiehlt sich ein duales Studium. Auf jeden Fall in kauf­män­ni­schen Berufen. Beim Hand­werk sehe ich das anders: Da werden prak­tisch ausge­bil­dete Elek­triker (um ein Beispiel zu nennen) auch lang­fristig keine Probleme haben. In der Produk­tion ist das schon wieder anders: da konkur­riert inzwi­schen der Tech­niker oder Meister mit dem Bachelor-Inge­­nieur.

8. Ist der Beruf vom Abrut­schen ins Preka­riat bedroht?

Diese Frage könnte man auch ersetzen durch diese: Bei welchen Jobs ist die Weiter­ent­wick­lung aus dem tertiären in den quar­tären Dienst­leis­tungs­be­reich, in dem spezia­li­siertes Wissen erfor­der­lich ist, schwer? Vorsicht vor Bran­chen mit Berufen, in denen ein weiterer Preis­ver­fall nur durch Mindest­löhne und Gewerk­schaften verhin­dert wird. Dazu zählt der Einzel­handel, die Gastro­nomie, das Reini­gungs­ge­werbe sowie oft auch Dienst­leister für Unter­nehmen wie Call Center.

Aktua­li­siert am 13.3.2012, weiter­füh­rende Infor­ma­tionen im gerade bei Campus erschienen “Am besten wirst du Arzt”

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. […] vor allem zahlen­mäßig nur sehr bedingt vorher­seh­baren Spea­k­er­lauf­bahn oder anderer Tätig­keiten im quar­tären Sektor, für die es keinerlei Studien gibt und für die es diese aufgrund hoher Spezia­li­sie­rungs­grade auch […]

  2. […] über unge­liebte Zeit­ar­beit. Mit wenig Raum für Häupt­linge und viel für Indianer (obwohl man uns Akade­mi­ker­mangel verkauft). Ist da für viele die Selbst­stän­dig­keit nicht eine viel attrak­ti­vere Alter­na­tive? Und […]

  3. […] eine solche Empfeh­lung zeit­gemäß in Zeiten der Akade­mi­sie­rung? Ich behaupte: Niemals war sie zeit­ge­mäßer. Ich prognos­ti­ziere in Teil­be­rei­chen einen […]

  4. […] Deut­lich zu sehen im Online-Marke­­ting. Hier eine Tabelle mit weiteren Jobs, eine lose Auswahl oft genannter Zukunfts­jobs. Ich habe Sie dem Reali­täts­check […]

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