Kate­go­rien

Selbst­stän­dige stocken auf: Sind die Schnorrer unter uns?

Published On: 14. Juni 2011Cate­go­ries: Führung

Heute Morgen meldeten einige Sender und Portale, u.a. Stern.de, dass die Zahl der Selbst­stän­digen, die aufsto­ckendes Arbeits­lo­sen­geld II beziehen, zuge­nommen hätte. 118.000 Personen würden über­gangs­weise Geld beziehen, weil sich ihre Selbst­stän­dig­keit (zeit­weise) nicht trägt. Weiterhin befürch­teten die Arbeits­agen­turen Miss­brauch, weil man sich ja „arm“ rechnen könne. Leider sind solche Meldungen oft sehr plakativ und passen ein wenig zum momen­tanen Trend, lieber den Fach­kräf­te­mangel zu betrauern als die Chancen der Selbst­stän­dig­keit zu beju­beln. Deshalb möchte ich die Aussagen an dieser Stelle gern ins rechte Licht rücken.

Zu der Zahl von 118.000 ist fest­zu­halten, dass es inzwi­schen 4,2 Millionen Menschen gibt, die auf eigene Rech­nung tätig sind. Davon 118.000? Kaum 3,5%, die aufsto­ckendes Hartz IV beziehen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass etwa die Hälfte dieser Selbst­stän­digen noch ange­stellt ist, also Neben­be­rufler, ergibt sich immer noch ein nied­riger Wert. Dem stehen rund 28 Millionen Menschen gegen­über, die sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tige Jobs haben, davon sind aber rund 28% (!) Aufsto­cker, d.h. der Lohn reicht nicht aus, um das eigene Einkommen oder das der Familie zu decken.  Da  sehen die Zahlen von heute Morgen doch gleich ganz anders aus. Ohne eine Milch­mäd­chen­rech­nung anstellen zu müssen, ergibt sich, dass Selbst­stän­dige offenbar sehr viel seltener auf aufsto­ckendes Hartz IV ange­wiesen sind als Ange­stellte.

Zum Miss­brauchs­ver­wurf kann ich nur sagen:  Ich hatte Kunden, die über­gangs­weise auf das „Amt“ ange­wiesen waren, so gut wie immer unver­schuldet — teil­weiser nach Verlust eines Haupt­auf­trag­ge­bers, teil­weise aufgrund von Krank­heit. Keiner geht frei­willig dahin; erst recht wird ein normal moti­vierter und enga­gierter Unter­nehmer das “Aufsto­cken” nie und nimmer als Dauer­lö­sung akzep­tieren. Der Gang zum Amt ist unan­ge­nehm, sehr unan­ge­nehm. Das Runter-Rechnen ist es auch. Klar ist ein Aufad­dieren möglich.  Doch erstens macht das keinen Spaß und zwei­tens lässt die Arge es nicht durch­gehen, dass ein Aufsto­cker sich einen Mac oder einen beruf­lich zu nutzenden Porsche kauft, um damit seinen Auftrag zu finan­zieren.  Diese theo­re­ti­sche Möglich­keit besteht prak­tisch meiner Erfah­rung nach kaum.

Es mag Schnorrer geben, die gibt es überall. Es mag auch Menschen geben, die psychisch nicht in der Lage sind, eine selbst­stän­dige Tätig­keit Voll­zeit auszu­üben und eine Zeit­lang abtau­chen müssen, um sich wieder zu berap­peln. Es gibt auch Unbe­lehr­bare, die Jahre erfolg­reich waren, dann in die Verlust­zone schlit­tern und nicht kapieren, dass sich Ihr Busi­ness und auch unsere Welt verän­dert hat – und sie das auch müssen. Die wären aber auch für einen Ange­stell­tenjob (derzeit) nicht gewappnet.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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12 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 14. Juni 2011 at 13:16 — Reply

    Danke für die Klärung!

  2. unternehmer-in-not.at 14. Juni 2011 at 14:16 — Reply

    Ich kann dem nur zustimmen!
    In Öster­reich gibt es dieses “Problem” erst gar nicht, Gewer­be­schein schließt de-facto von Sozi­al­hilfe bzw. Mindest­si­che­rung aus — das heisst aber nicht, dass es nicht jede Menge Selb­stän­dige gibt, die eine solche Unter­stüt­zung zumin­dest temporär drin­gend nötig hätten.
    Beste Grüße aus Wien
    Regina Haber­fellner

  3. Bettina Stackel­berg 14. Juni 2011 at 15:00 — Reply

    Vor einigen Wochen war in der Presse Coach bashing ange­sagt — heute sind wohl die Selb­stän­digen dran.

    BRAVO, Svenja Hofert! Ich danke Ihnen sehr für dieses State­ment. Den Artikel las ich beim Früh­stück in der SZ, später dann über twitter dann noch im Fokus, in der Zeit etc.
    Die Verall­ge­mei­ne­rung hat mich sehr geär­gert.

    Sicher, es gibt Schnorrer und Betrüger — wie auch bei Ange­stellten, Unter­neh­mern, Schwarz­ar­bei­tern, Schein­selb­stän­digen und und und.

    Aber dieses über-einen-Kamm-Geschere ist unsäg­lich! Es gibt wirk­lich arme Schweine, denen durch 1 oder 2 wegge­bro­chene Groß­kunden der Boden unter den Füßen wegge­zogen wurde.

    Außerdem: Wer hat denn vor ein paar Jahren verdammt viele Arbeits­lose in die Selb­stän­dig­keit förm­lich gedrängt? Ich AG und so? Damit die Arbeits­lo­sen­sta­tistik ein biss­chen geschönt werden kann!
    Ich möchte nicht wissen, wieviele damals NICHT darüber aufge­klärt wurden, dass es nicht die beste Voraus­set­zung für eine gelun­gene Selb­stän­dig­keit ist, ledig­lich der Arbeits­lo­sig­keit entkommen zu wollen!
    Ja, es sind deshalb viele selb­ständig geworden, die dafür eigent­lich nicht geeignet sind. Das hätte vorher abge­fangen werden können mit mehr Bedacht und Weit­blick.

    Sich jetzt aber beschweren, dass soviele Hartz IV brau­chen? Da ist doch wohl eher mal Kehren vor der eigenen Tür ange­sagt, liebe Arbeits­agen­turen!

    Herz­lichst Bettina Stackel­berg

  4. Svenja Hofert 14. Juni 2011 at 15:10 — Reply

    Hallo Frau Haber­fellner und Stackel­berg, Herr Brie­gert, danke für Ihre Feed­backs. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  5. mike 14. Juni 2011 at 16:13 — Reply

    Inter­es­sant wäre es zu wissen, wieviel die Hartz IV in Anspruch nehmenden Selb­stän­digen vorher in die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung einge­zahlt haben. Das wäre eine wich­tige Infor­ma­tion.

    • Svenja Hofert 15. Juni 2011 at 9:11 — Reply

      Das spielt an sich keine Rolle, da Arbeits­lo­sen­geld II nicht aus den Beiträgen zur Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, sondern aus Steu­er­gel­dern finan­ziert wird. Andern­falls bestünde ja Anspruch auf ALG I. beste Grüße Svenja Hofert

  6. Regine Bött­cher 15. Juni 2011 at 6:41 — Reply

    Hallo Frau Hofert, danke für dieses sach­liche Hinter­fragen und Präzi­sieren der Zeitungs­mel­dung. Laut Haufe.de im Mai 2011 erhielten 2010 insge­samt 1,383 Millionen Menschen zusätz­liche Unter­stüt­zung neben ihrer sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tigen Berufs­tä­tig­keit. Und jeder 10. arbeitet im Öffent­li­chen Dienst bzw. im öffent­li­chen Sektor (dazu gehört übri­gens auch das Bildungs- und Sozi­al­wesen — ange­sichts meiner eigenen Erfah­rungen über die Gehälter bei Akade­mien etc., die Lehr­gänge für arbeits­lose Menschen/ausbildungssuchende Jugend­liche anbieten, wundert mich das nicht…) !!! Diese Zahl erschreckt mich wesent­lich mehr als die der 115.000 selbst­ständig arbei­tenden Menschen/Freiberufler, von denen übri­gens 85.000 unter 400 Euro verdienen (!!). Das “Schreck­ge­spenst” des Betrugs mag in Einzel­fällen zutreffen, Betrüger gibt es bestimmt, doch die vielen, die sich bemühen, etwas aufzu­bauen, eine Idee in die Welt zu tragen, benö­tigen die Unter­stüt­zung sicher drin­gend. Wenn man jetzt über­legt, die Zahlung zeit­lich zu begrenzen, denke ich, dass dies der weiteren Abschre­ckung dienen soll. In Deutsch­land wird das geför­dert, was man früher mal “abhän­gige Beschäf­ti­gung” nannte — leider.

  7. Hubert Baumann 15. Juni 2011 at 9:23 — Reply

    Hallo und guten Morgen Frau Hofert,

    sehr guter und infor­ma­tiver Artikel, den ich gerne weiter­emp­fehle. Ich habe die Nach­richt in den Medien auch gehört und mir ähnli­ches dabei gedacht.

    Vielen Dank dafür, dass Sie das Thema mit diesem Artikel auf den Punkt (und auf den Bild­schirm) gebracht haben 🙂

    Viele Grüße
    Hubert Baumann
    http://www.hubertbaumann.com

  8. Bianca Schwacke 15. Juni 2011 at 13:10 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    sehr gut auf den Punkt gebracht, wie ich finde. Sie spre­chen genau die Wahr­heit an, die viele “Entschei­dungs­träger” nicht wissen wollen.
    Ich habe Ihren Artikel auf Twitter und Face­book weiter­ge­leitet.

    Viele Grüße
    Bianca Schwacke
    http://biancaschwacke.wordpress.com

  9. Burk­hard Reddel 27. Juni 2011 at 13:16 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    endlich mal kein Null Acht Fünf­zehn abschissen von Hartz4 Empfän­gern. Ich kann nur sagen, wer mit der ARGE einmal zu tun hatte,
    ist abge­schreckt fürs Leben. Ich warte z.B. schon seit 3 Monaten auf ALG2, das mir eigent­lich gesetz­lich zusteht. Aber die Arge will absicht­lich verzö­gern und treibt mich in die Verzweif­lung. Die kommen immer wieder mit neuen Unter­lagen, die ich einsenden soll. Und der “nettte” Satz sie sind zur Mitwir­kung verpflichtet ist auch nicht der bringer. Also ich kann seit gut 3 Monaten verstehen, warum viele Hartz4 Empfänger nach längerem Hartz4 “Genuss” total demo­ti­viert sind und manchmal sogar Angst vor dem Amt haben. Das sollte so in einem Sozi­al­staat nicht sein. Mensch­lich ist das nicht und die “Kunden” wie sie im Beam­ten­deutsch genannt werden sind dort nicht mal Menschen 2ter sondern 3ter Klasse. Also wer geht da frei­willig zur ARGE. Die blockiert mich in meiner Exis­tenz­grün­dung nun schon 3 Monate und ich komme nicht weiter, da schon die nächste Anfor­de­rung von angeb­lich benö­tigten Unter­lagen vorliegt, die ich bear­beiten muß. Ich möchte eigent­lich bald mal mit meiner Firma loslegen und nicht mich mit diesen“Beamten” rumär­gern müssen. Nur leider wird sowas nicht als Meldung veröf­fent­licht. Dann lieber plakativ auf Hartz4 schimpfen und dem Volk nach dem Mund reden. Ich kann nur noch­mals sagen, Hartz4 tut sich keiner frei­willig an. Sowas von demo­ti­va­tion , wie man in diesem Amt erlebt, gibts nur einmal und hat auch mit Fordern und Fördern nichts mehr zu tun.
    Dennoch versuche ich weiterhin meine Moti­va­tion aufrecht zu erhalten, was mir nicht immer leicht fällt.

    Freund­liche Grüße und danke für die RIch­tig­stel­lung
    B.RE

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