Kate­go­rien

Von Klein­krä­mern, Argus­augen und der Ursache von Team­kon­flikten

Published On: 3. Juli 2011Cate­go­ries: Karriere

Ok, ich gebe zu: Ich habe so meine Probleme mit Klein­krä­mern, und ganz beson­ders mit dem Subtypus Argus­auge. Als mir der erste enga­gierte Leser eine Liste mit den 102,3 Rech­t­­schreib- und Gram­ma­tik­feh­lern aus meinem 450-Seiten-Praxis­­buch per E‑Mail schickte, war ich zunächst geneigt, mich über die verschwen­dete Energie zu ärgern. Ich finde Recht­schreib­fehler nämlich nicht wichtig. Und dass selbst nach zwei Lekto­raten welche übrig bleiben, halte ich für normal. Mir reicht es, wenn Ideen stimmig sind, Texte einen roten Faden und gute Head­lines haben. In irgend­einem Test stand mal ich hätte eine Heli­ko­pter­per­spek­tive. Heli­ko­pter­per­spek­tive und Argus­auge? Theo­re­tisch eine super Ergän­zung, prak­tisch eher schwierig.

Nun stellen Sie sich mal vor, ich wäre in einem Team mit einem Argus­auge, das immer zuerst den Fehler anstatt des Gesamt­kon­zeptes sieht. Im Ideal­fall finden wir uns gegen­seitig einfach nur „anders“, im Normal­fall wird diese Kombi­na­tion unsere Team­ar­beit auf eine  harte Probe stellen. Als Chefin kann ich meinen ange­stellten Argus­augen sagen, wie ich es haben will, zum Beispiel die Devise “Konzen­tra­tion auf das Wesent­liche” und “Tole­ranz für Fehler” ausgeben. Auf glei­cher Augen­höhe müsste ich mir dagegen was einfallen lassen, um die gemein­same Arbeit irgendwie doch befruch­tend zu finden. Vor allem wenn ein Laissez-faire-Chef keine Rich­tung vorgibt, was allzuoft der Fall ist.

Darauf will ich hinaus. Team­kon­flikte haben letzt­end­lich nur mit drei Dingen zu tun:

  1. Da wir norma­ler­weise denje­nigen sympa­thisch finde, der so ähnlich tickt wie wir, entstehen Konflikte entlang von Pola­ri­täten. Je mehr anders­ar­tige Personen in einem Team, desto mehr Konflikt­po­ten­zial.
  2. Weil wir norma­ler­weise denken, alle anderen müssten so ticken und handeln wie wir selbst, machen wir uns selbst zum Maßstab. Wir verstehen nicht, wie jemand anders so furchtbar ober­fläch­lich, penibel, unzu­ver­lässig, über­pünkt­lich, undi­plo­ma­tisch, über­trieben kompro­miss­be­reit etc. sein kann.
  3. Wenn wir uns 1 und 2 nicht ausrei­chend bewusst sind, verhin­dert die Pola­rität gegen­sei­tige Akzep­tanz und Wert­schät­zung.

Pola­ri­täten zu erkennen ist deshalb die wich­tigste Aufgabe — für Chefs genauso wie für Mitar­beiter. Denn natür­lich spie­gelt sich der persön­liche Stand­punkt eines Chefs auch in der Beur­tei­lung seines Mitarei­ters. Ich sehe das immer sehr schön in den Mitar­bei­ter­be­wer­tungen. Ein Manager, der selbst genau und gewis­sen­haft ist, wird dieses Krite­rium als Maßstab seiner Bewer­tung anlegen. Er wird zum Beispiel über viele Fehler meckern, die ein anderer gar nicht sieht, geschweige denn erwäh­nens­wert findet. Ein wenig Selbst­re­fle­xion ist da enorm hilf­reich.

Wo Sie selbst stehen und wo damit auch Ihre Gegen­pole zu anderen im Team sind, lässt sich mit Persön­lich­keits­pro­filen wie dem von Steven Reiss ermit­teln. Es geht aber auch einfa­cher, mit dem Riemann-Thomann-Modell, das Sie hier von mir gezeichnet ansehen können, falls Sie Face­­book-Mitglied sind.

Dieses Modell beruht auf den Grund­formen der Angst von Fritz Riemann und beschreibt mensch­liche Tendenzen. Dauer­men­schen brau­chen Plan und Struktur. Es kann sein, dass sie zusätz­lich Argus­augen haben. Wech­sel­men­schen brau­chen Flexi­bi­lität und Frei­heit von Vorgaben. Es kann sein, dass ihnen zusätz­lich Details unwichtig sind. Der eine versteht den anderen dann nicht, sofern er sich diese Pola­rität nicht bewusst macht. Nähe­men­schen suchen  Verbun­den­heit und Wir-Gefühl, deshalb sind sie oft kompro­miss­be­reit. Distanz­men­schen streben nach Auto­nomie und Selbst­stän­dig­keit im Handeln und neigen dazu, ihr eigenes Ding zu machen.  Deshalb si nd sie schnell undi­plo­ma­tisch.

Jeder Mensch vereint zwei Tendenzen in sich, wobei es natür­lich auch Posi­tionen in der Mitte geben kann.  Stellen Sie sich einfach mal vor, wie Udo Linden­berg (Wechsel-Distanz) und Wolf­gang Schäuble (Dauer-Distanz) einen gemein­samen Song erstellen  oder ein Likör­elle…  Ja, wahr­schein­lich wäre ein Mode­rator hilf­reich. Das ist er übri­gens auch bei weniger expo­nierten Team­kon­flikten.

Aus den Pola­ri­täten ergeben sich typi­sche Span­nungs­felder: Wech­sel­typen sind oft unpünkt­lich, was dem Dauertyp auf den Keks geht, der nicht selten über­pünkt­lich ist. Der eine versteht den anderen nicht und schwupps ist er da, der Konflikt.

Es hilft, den eigenen Stand­punkt in dem Modell zu kennen, denn daraus erklären sich Konflikte. Zurück zum Argus­auge. Ich habe mich entschieden, die langen Listen mit Recht­schreib­feh­lern nett zu finden.  Aber ein biss­chen froh bin ich schon, dass ich mit keinem von den Argus­augen eng zusam­men­ar­beiten muss 😉

Wenn Sie Lust haben, machen Sie doch mal unseren Team­test unter www.ichhasseteams.de - bisher 2.200 Mal von Nutzern absol­viert.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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19 Kommen­tare

  1. Michael Hönnig 4. Juli 2011 at 8:43 — Reply

    Danke für den inter­es­santen Artikel zu diesem wich­tigem Thema. In diesem Zusam­men­hang auch inter­es­sant: Das Werte­qua­drat von Schulz von Thun, das visua­li­siert auch gut die Quelle solcher Konflikte.

  2. Wilhelm Zorem 6. Juli 2011 at 10:58 — Reply

    Sie solllten aner­kennen, dass Sie Recht­schrei­bung nicht beherr­schen und sollten Ihre Bücher demnächst von dieser Leserin für ein ordent­li­ches Honorar kontrol­lieren lassen.

    Teams müssen aus Menschen mit unter­schied­li­chen Kompe­tenzen bestehen. Dies ist in der Praxis keines­falls schwierig, wenn jeder weiss, was er beson­ders gut kann und nur diese Aufgaben erle­digt.

  3. Svenja Hofert 6. Juli 2011 at 11:06 — Reply

    Ich aner­kenne absolut, dass mir der Adler­blick fehlt — doch fürs Lektorat enga­giere ich ganz sicher keine Leser. Das machen nämlich Verlage und keine Autoren. Nebenbei gesagt, gibt es übli­cher­weise 2 Lekto­rate und gab es hier auch (das Fehler verbleiben ist normal). freund­liche Grüße Svenja Hofert

  4. Burk­hard Reddel 6. Juli 2011 at 12:09 — Reply

    @Zorem: Typi­sches Beispiel von “Über­qua­lität” und über­mäs­sigem “Argus­augen” hinsehen. Es ist auch Qualität, wenn man 1 oder 2 % Rest­fehler in einem fertigen Produkt egal was es sei, entde­cken kann.
    Ich z.b. program­miere und es gibt selbst bei soge­nannter fertiger Soft­ware keine Fehler­frei­heit. Das sagt noch lange nichts über minder­wer­tige Qualität aus, sondern derje­nige der Fehler­frei­heit verlangt sollte der Realität ins Auge sehen und sich selbst als Maßstab nehmen. Jeder der behauptet fehler­frei zu sein, macht sich nämliuch selbst etwas vor. Gute Qualität von Soft­ware macht sich z.B nicht an fehler­frei­heit fest, sondern daran, daß Probleme gelöst werden , der Benutzer klar kommt und das es eine Alltags­hilfe ist. Um Abso­lute fehler­frei­heit zu gewähr­leisten würde Soft­ware viel zu teuer. Übri­gends habe ich auch noch kein einziges Fach­buch in der IT ohne fehler gesehen. Das ist unmög­lich und ich behaupte dass man darüber hinweg­sehen kann. Über­spitzt darge­stellt kann man sagen wenn von tausenden von Worten 100 Fehler beinhalten ist weder das Lektorat noch das Buch “fehler­haft” und es sollte eigent­lich garnicht der Erwäh­nung wert sein. Die Kirche immer schön im Dorf lassen. Nur Beamte müssen über­pin­gelig sein, normale Menschen nicht!
    Viele Grüsse B.RE

  5. Wilhelm Zorem 6. Juli 2011 at 15:16 — Reply

    Geht es um Fehler­frei­heit? Nein, natür­lich nicht. Es geht um Fach­teams. Wenn zwei Lektoren ein Buch lesen, dann kann einer Ausdruck, Inhalt und Gram­matik kontrol­lieren und einer Recht­schrei­bung. Was schreiben Sie, wenn ihr Auto Sie bei 450.000 km Gesamt­lauf­leis­tung 100,3 mal stehen lässt?

    Ist normal und gar nicht wichtig!

  6. Burk­hard Reddel 6. Juli 2011 at 16:43 — Reply

    @Zorem, ok, es geht um Fach­teams. Wenn jedoch das Lektorat seine Aufgabe macht, macht es sie nicht schlecht, wenn weniger Rest­fehler übrig bleiben. Was machen sie z.B: wenn die Prog­ra­mierer bei Micro­soft in Windows Fehler machden und dennoch auslie­fern, so wie das schon immer übrlich war bei Windows Betriebs­sys­temen. Geben sie die Soft­ware dann als fehler­haft zurück. Das mit dem Auto ist leider ein schlechtes Beispiel. Denn auch Autos die fahren sind fehler­haft und das führt manchmal zu Unfällen. Zwingt zumin­dest zu stän­digen Kontrollen, so genannten Inspek­tionen. Also immer noch meine Ansicht. Es gibt nirgendwo fehler­frei­heit, auch nicht wenn alle Fach­teams der Welt ihre Aufgabe gut lösen.

    Viele Grüße B.RE

  7. Selchow 8. Juli 2011 at 8:38 — Reply

    An die Herren Zorem & Reddel: Viel­leicht den obigen Artikel noch einmal auf Inhalt lesen? 🙂

  8. […] Semi­naren eine gute Mischung, ergibt aber in der Dauer­be­zie­hung mit Kollegen einen bisweilen schwer bere­chen­baren Wech­seltyp. „Ein wenig launisch“ nannte es kürz­lich ein lieber Kollege, der ein lupen­rein nord­deut­sches […]

  9. Thilo Baum 22. November 2011 at 20:29 — Reply

    Das Lustige an diesem Dialog ist ja, dass der “Kritiker” Wilhelm Zorem in seinen Texten selbst oft genug nicht der Recht­schrei­bung mächtig ist. Außerdem betä­tigt er sich jour­na­lis­tisch als “Kritiker” ohne ein entspre­chend erfor­der­li­ches Impressum. Ich würde Trollen gar keinen Raum geben. Sie tragen nichts Konstruk­tives zur Diskus­sion bei.

  10. Svenja Hofert 23. November 2011 at 12:35 — Reply

    Die Linie möchte ich nicht ziehen. So lange es nicht deut­lich unter die Gürtel­linie geht, werde ich nicht zensieren. Das wider­spricht meinem Grund­ver­ständnis. Man kann Trolle auch igno­rieren 😉 LG SH

  11. […] Norm, seinem Plan, außer Frei­tags, beim Billard. Er ist jemand mit einer ausge­prägten Dauer im Riemann-Thomann-Modell.  Zwang­haft? Da steht er kurz davor, ohne die Grenz­linie zur Psychose zu errei­chen oder gar zu […]

  12. […] machen gerne Fehler: Wenn Sie über einen  Eimer stol­pern, höhnt das Publikum – und sie lachen mit. Wenn Sie sich […]

  13. Karl-Heinz Albers 25. Januar 2012 at 11:31 — Reply

    Was ist, wenn ich beim Einhalten bestimmter Rede­zeiten im Team sehr wachsam und penibel bin, aber meine sympa­thi­sche, aber nervige Kollegin locker drauf los plau­dert? Was ist, wenn ich mein Zuspät­kommen groß­zügig über­sehe, aber wenn sie eine Minute zu spät erscheint, auf die Palme gehe? Ich biin also mal ein Arrgus­auge un dann wider eine „Über­flieger“, mal binn ich en Frei­heits­fa­a­na­tieker , dan wieder suche ich Stuktur zum Feste­halten.. Die Grund­lage des Konflikts liegt dann m.E. ganz woan­ders.
    Ich denke die Modelle sind eine gute Orien­tie­rung für die Typen­frage und die Pola­ri­täten über­haupt, aber leider fördern sie die Psycho­lo­gen­krank­heit der „Schub­la­di­sie­rung“ sehr. Und dann macht man es sich zu leicht, denn dann glaubt die stolze Bera­terin mit ihrem beein­dru­ckenden Tool, sie hätte ihr Gegen­über oder die Situa­tion jetzt erfasst, doch in Wahr­heit täuscht sie sich ( d.h. ihr Instru­men­ta­rium ist zu grob). Also Vorsicht mit einleuch­tenden, einfa­chen, gut vermarkt­baren Modellen, sie verspre­chen Einfach­heit, wo das Gegen­teil, Komple­xität vorliegt.

    • Svenja Hofert 25. Januar 2012 at 11:47 — Reply

      Hallo Herr Albers, voll­komen richtig, es geht um Komple­xität — doch sobald man etwas schreibt, kann man nur verein­fa­chen (andern­falls finden Sie nämlich keine Leser — und das heißt: ich erreiche niemand, Zweck verfehlt). Über die Verein­fa­chung findet man auch den Zugang zum Komplexen, denn mit Komplexem allein findet niemand Gehör. Sie haben recht, Schub­la­di­sie­rung ist eine Gefahr und Zuschrei­bungs­fehler sind schnell gemacht. Dessen muss man sich bewusst sein, darüber gab es hier aber auch schon einige Beiträge. Das ein 4‑Typen-Modell genauso wenig wie ein 16-Typen-Modell (MBTI) umfas­send beschreiben kann ist doch klar. Aber es kann Menschen, die sich sonst nie damit beschäf­tigt habe, die Augen öffnen.
      LG SH

  14. […] Gegen­mittel liegt darin, sich die Erlaubnis zu geben, Fehler zu machen und nicht perfekt zu sein. Versu­chen Sie es mal absicht­lich. Schi­cken Sie z.B. bewusst eine Mail mit […]

  15. […] mir bewusst, wie viel der Typus – ob die Trenn­linie nun nach Aris­to­teles, C.G. Jung, Myer-Briggs, Riemann oder Keirsey gezogen wird, macht nur Facetten aus – mit beruf­li­chem Erfolg zu tun hat. Bis […]

  16. […] reicht es am Ende für den Team­ef­fekt nicht, da Schweini offen­sicht­lich nicht so der Typ Einzel­kämpfer ist und Gomez die Bälle […]

  17. […] Ebene in einem Wahr­nehmen der globalen Zusam­men­hänge spie­gelt,  auf der unter­neh­me­ri­schen in der Team­ar­beit.  Auch die Demo­kratie ist ihrem Wesen nach grün. Das Grüne ist die letzte Phase einer […]

  18. […] Erfolgs­au­torin Svenja Hofert wirft schon einmal kriti­sche Blicke auf die Team­ar­beit. Einer ihrer Best­seller heisst denn auch kurz und bündig: Ich hasse Teams – samt […]

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