Kate­go­rien

„Du bist doch…“ oder: Die Zuschrei­bungs­falle

Published On: 11. Juli 2011Cate­go­ries: Karriere

„Ich bin kommu­ni­kativ“, sagen Lisa und Hans. Beide meinen etwas anderes. Lisa hört gern zu, und Hans redet viel. Das ist das eine:  die Frage, was ein Mensch über­haupt unter so einem abstrakten Wort wie Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit versteht. Die andere ist, in welchen Situa­tionen und Umge­bungen Lisa und Hans sich wie verhalten und welche Erfah­rungen sie zu dieser Selbst­ein­schät­zung geführt haben. Denn Verhalten kann kontext­ab­hängig enorm vari­ieren. Wer sich in einem Meeting mit dem Chef zurück­hal­tend und beob­ach­tend verhält, kann in einem Seminar mit Office-Kräften der laut­starke Wort­führer sein.

Das unter­schätzen wir oft. Wir sind nicht nur das eine oder andere, sondern können in unter­schied­li­chen Situa­tionen vieles sein – und immer mal wieder etwas anderes. Weil ein Mensch sich mir gegen­über rede­freudig und argu­men­ta­ti­ons­stark zeigt, muss er das in einer Arbeits­si­tua­tion in seinem Unter­nehmen noch lange nicht sein. Manche verhalten sich gegen­über Männern anders als gegen­über Frauen. Es kann auch sein, dass ein bestimmter Typ Mensch ein spezi­elles Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten auslöst. Oder dass das Verhalten von der Hier­ar­chie­stufe abhängt. Tausend Möglich­keiten und mehr.

Wir neigen dazu, von einem beob­ach­teten Verhalten auf die gesamte Persön­lich­keit zu schließen. Einem sehr freund­li­chen, höfli­chen Mann trauen wir keine Aggres­sion zu. Von einer sehr durch­set­zungs­starken, toughen Frau denken wir nicht, dass sie sich unter­ord­netn könnte. Damit liegen wir sehr oft falsch. Jedem von uns, auch einem Coach, Psycho­logen oder Perso­nal­ent­scheider, unter­laufen solche Zuschrei­bungs­fehler.

Vorstel­lungs­ge­spräche sind beson­ders gefähr­liche Gele­gen­heiten, anderen auf den Leim zu gehen. Hier kommt zum Zuschrei­bungs­fehler noch der so genannte Halo-Effekt. Halo ist grie­chisch und kommt von der Bezeich­nung für den Hof um eine Licht­quelle. Der erste Eindruck bestimmt unsere weitere Wahr­neh­mung. Kommt jemand rede­ge­wandt daher, trauen wir dieser Person auto­ma­tisch mehr zu als einem stillen Kandi­daten. Über das Verhalten in seinem Job sagt dieser erste Eindruck trotzdem wenig bis nichts.

Die Zuschrei­bungs­fehler machen wir auch bei uns selbst. Die Einkaufs­lei­terin Eva hielt sich für nicht kreativ. Im Laufe des Gesprächs mit ihr bekam ich Zweifel an dieser Selbst­ein­schät­zung. „Ich glaube, Sie können kreativ sein“, sagte ich. Da kam sie ins Grübeln und erin­nerte sich an Situa­tionen, in denen Sie kreativ war. Ähnlich ist es mit anderen Selbst­zu­schrei­bungen.

Stellen Sie sich die Fragen:

  • In welchen Situa­tionen habe ich mich wie verhalten?
  • Wann bin ich wie?
  • Wie komme ich dazu, mich als…. zu bezeichnen?
  • Warum bin ich in der einen Situa­tion so, in der anderen so?
  • Warum bin ich in der einen Umge­bung so, in der anderen so?
  • Bin ich wirk­lich nicht….(kreativ, ordent­lich, clever….)?
  • Kann und will ich anders sein?

Wenn ein Perso­naler Stan­dard­fragen stellt wie „was sind Ihre Stärken“ bekommt er nicht wirk­lich etwas über den jewei­ligen Menschen heraus. Er führt ein mehr oder weniger nettes Gespräch. Fehl­ein­schät­zungen durch Halo-Effekt und Zuschrei­bungs­fehler sind vorpro­gram­miert. Selbst das Wissen um diese Dinge, schützt uns nur begrenzt davor. Deshalb spricht einiges dafür, solche Fragen auf den „Index“ zu setzen und andere Frage­tech­niken zu verwenden.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

4 Kommen­tare

  1. Erich Feld­meier 11. Juli 2011 at 15:31 — Reply

    Zuord­nungs­fehler Susan Cain.

    Ich MUSSTE sie einfach in meinen Heldinnen-BLOG aufnehmen…

    Die leisen Menschen.
    “Susan Cain: Wir denken, dass Intro­ver­tiert­heit ein Nach­teil ist, aber es gibt viele Gegen­bei­spiele, Chopin, van Gogh, Bill Gates…
    ich meine die leisen Menschen…
    SPIEGEL: Sie schreiben, Stille sei eine Bedin­gung für Krea­ti­vität.
    SC: Um kreativ zu sein, musst du allein nach­denken können. Wenn du immer mit anderen redest,
    findest du nicht die Ruhe, Groß­ar­tiges zu leisten…
    Die Stillen werden benach­tei­ligt.
    SP: Sie über­treiben.
    Cain: Das geht in der Schule los. Viel Arbeit wird in Gruppen gemacht. Die Lehrer versu­chen,
    die intro­ver­tierten Schüler in extro­ver­tierte Schüler zu verwan­deln.…
    SP: Grup­pen­ar­beit ist Unsinn?
    Cain: Allein arbeiten ist häufig effek­tiver. Allein bist du frei von sozialem Druck…
    Du sagst auch nicht Dinge einfach nur, um sie zu sagen”
    (aus http://www.spiegel.de/spiegel/print/d‑79051510.html )
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/SusanCain_thepowerofintroverts_com

  2. Eva Reich­mann 11. Juli 2011 at 16:35 — Reply

    Liebe Frau Hofert, ein (wie gewohnt) tref­fender Beitrag. Beson­ders im Bewer­bungs­kon­text kämpfen wir bei Bera­tungen immer wieder mit den Zuschrei­bungen — die m.E. vor allem von einer schlam­pigen Begriff­lich­keit herrühren. Wie Sie ja schon sagen versteht jeder etwas anderes unter den nicht gerade eindeu­tigen Eigen­schaften. Deshalb fragen wir immer “Was tun Sie konkret, wenn Sie kommunikativ/kreativ/usw. sind? In welchem Kontext tun Sie das? Woran merken andere, dass Sie kommu­ni­kativ usw. sind?” Auf der Beschrei­bungs­ebene lässt sich dem Ganzen leichter beikommen.

  3. Svenja Hofert 12. Juli 2011 at 10:40 — Reply

    Liebe Frau Reich­mann. danke für den konkreten Praxis­tipp. herz­liche Grüße

  4. […] Nun steht dieser Blog unter dem Motto „Arbeit der Zukunft“ und die erste Frage muss deshalb lauten: Ist so eine Frage über­haupt noch zeit­gemäß, gibt es nicht moder­nere Inter­view­tech­niken? Nein, natür­lich nicht. Sie provo­ziert dämliche, auswendig gelernte Antworten vom Typ „ich bin unge­duldig“. Und diese Antwort sagt rein nichts über den Bewerber…außer: er ist mögli­cher­weise etwas phan­ta­sielos (oder gerade in diesem Augen­blick). Oder: Er liest Ratgeber und lernt auswendig. Schlauer bin ich also als Perso­naler bei dieser Antwort nicht. Er macht höchst­wahr­schein­lich auch Zuschrei­bungs­fehler. […]

Leave A Comment